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Der Denker Lionardo
Gott und Natur
O Herr, ich gehorche dir erstens wegen der Liebe, die ich vernünftigerweise für dich empfinden muß, zweitens, weil du das Leben der Menschen verkürzen oder verlängern kannst. |
Der Mensch
Keine größere und keine kleinere Herrschaft kannst du haben als die über dich selber. |
Vom Auge des Menschen
Das Auge, in dem sich die Schönheit der Welt widerspiegelt, ist von so ausgezeichneter Bedeutung, daß derjenige, der in seinen Verlust einwilligt, sich selber der Vorstellung aller Werke der Natur beraubt, um deren Anblick willen die Seele zufrieden im menschlichen Kerker ausharrt, dank der Augen, durch die sie alle die mannigfaltigsten Dinge der Natur vor sich hält und sichtbar macht. Wer aber seine Augen verliert, der läßt seine Seele in dunklem Gefängnis, ohne Hoffnung, je wieder die Sonne zu schauen, der ganzen Welt Licht. Wie vielen ist schon das Dunkel der Nacht über alles verhaßt, und wie kurz ist es doch, was würden diese Leute anfangen, wenn solches Dunkel ihr Leben lang sie begleiten würde? |
Von der Kunst
Wir können wegen der Kunst Enkel Gottes genannt werden. |
Regel für junge Maler
Wie alle wissen, daß das Sehen einer der schnellsten Vorgänge ist, da es in einem Augenblick zahllose Eindrücke wahrnimmt, trotzdem erfaßt es immer nur einen Eindruck auf einmal. |
Vom Abendmahl des Herrn
Einer hat getrunken und den Becher liegen lassen, er wendet sich mit dem Haupte zum Redner. Ein anderer, die Finger beider Hände ineinander verkrampft und mit starren Augenbrauen, wendet sich dem Gefährten zu, der andere zeigte die Innenflächen seiner geöffneten Hände, zieht die Schultern hoch, und um seinen Mund steht das Staunen. Wieder einer flüsterte ins Ohr des nächsten, und dieser hört, ihm zugewendet, mit offenem Ohr zu, in der einen Hand das Messer, in der andern das Brot, das er eben mit dem Messer geteilt hat, und wieder einer wirft, während er sich umwendet, mit dem Messer, das er in einer Hand hält, den Becher auf den Tisch. |
Erkenntnis und Liebe
Unsere Sinne sind irdisch, die betrachtende Vernunft steht außerhalb von ihnen |
Wissenschaft und Experiment
Keine Wirkung in der Natur ist ohne Ursache, |
Von der Sonne und der Erde
Die Sonne bewegt sich nicht. (Diesen Satz hat Lionardo mit ungewöhnlich großen Buchstaben geschrieben, aber keine Erläuterung seiner Entdeckung beigefügt.) |
Lebensweisheit
Frei gehorcht man besser. |
Das Ideal
Wer sich an einen Stern bindet, der kehrt nicht um. |
Brief an Lodovico il Moro, 1480
Nachdem ich nunmehr, durchlauchtigster Herr, die Probestücke aller derer, die sich Meister und Erfinder von Kriegsgeräten dünken, zur Genüge gesehen und geprüft habe, und da die Erfindungen und die Wirkung dieser Geräte sich von denen, die allgemein üblich sind, durchaus nicht unterscheidet, so werde ich mich bemühen, ohne indessen einen anderen irgendwie beeinträchtigen zu wollen, Euer Durchlaucht geneigtes Gehör zu erlangen, indem ich Euch meine Geheimnisse mitteilte und werde später, wenn sich ein günstiger Augenblick bietet, nach Eurem Belieben alles darf wirksam ausarbeiten, was nur zum Teil und in Kürze in folgenden aufgezählt ist. Zum vierten habe ich ganz leichte und mühelos zu tragende Bombarden, mit denen man kleine Steine schleudern kann, fast wie ein Hagelwetter, und deren Rauch dem Feinde gewaltigen Schrecken einjagt, großen Schaden und Verwirrung stiftet usw. Zum fünften verstehe ich mit Höhlen und gewundenen und geheimen Gängen ganz geräuschlos zu irgend einem angegebenen Punkte zu gelangen, selbst wenn man dabei unter Gräben oder Flüssen hindurchgehen müßte. Zum sechsten. Ich werde geschüzte und sichere Wagen bauen, die unangreifbar sind und mit ihrer Bestückung mitten in die Feinde hineinfahren, so daß sie den größten Gewalthaufen überrennen. Hinter ihnen könnte die Infanterie ohne Gefahr und Hindernis folgen. Zum siebten würde ich im Notfall Bombarden und Mörser in zierlichen und nützlichen Formen, die von dem herkömmlichen durchaus abweichen, herzustellen wissen. Zum achten würde ich da, wo die Bombarden unwirksam sind, Katapulte bauen, Wurfmaschinen, Donnerbüchsen und andere höchst wirksame und ungewöhnliche Maschinen. Überhaupt würde ich für jeden einzelnen Fall verschiedene und mannigfaltige Vorrichtungen zum Angriff ersinnen. Zum neunten habe ich auch mancherlei zum Angriff und zur Verteidigung auf See geeignete Geräte, sowie Schiffe, die selbst dem Feuer der schwersten Bombarden widerstehen würden, sowie Pulver und Rauch. Zum zehnten. In Friedenszeiten glaube ich gute Dienste leisten zu können, im Vergleich zu jedem andern, in der Baukunst, in der Zeichnung von öffentlichen und privaten Gebäuden und in der Leitung von Wasser von einem Orte zum andern. Ferner kann ich Marmor, Erz und Ton Bildwerke ausführen, ebenso leiste ich in der Malerei was irgend ein anderer, sei er wer er wolle, leisten würde. Auch werde ich jenes eherne Roß errichten, das für das glückliche Andenken Eures Herrn Vaters und des erlauchten Hauses Sforza ein unsterblicher Ruhm und eine ewige Ehre sein wird. Wenn etwas von dem oben erwähnten irgend jemanden unmöglich und undurchführbar erscheinen sollte, so bin ich sehr gerne bereit, in Eurem Parke oder wo immer es Eurer Durchlaucht belieben wird, einen Versuch anzustellen. |
Bruchstück eines Briefentwurfs. An Lodovicio il Moro. Um 1497
.....Es tut mir sehr leid, daß ich in Not bin, am meisten bedaure ich, daß ich deshalb meiner Neigung nicht folgen kann, Eurer Exzellenz gehorsam zu sein. |
Quelle: Lionardo, Bilder und Gedanken, Delphin Verlag 1920, von rado jadu 2001
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