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hier das Einstein Rätsel Wem gehört der Alligator?

Erster Teil
Über die spezielle Relativitätstheorie
§ 13
Additionstheorem der Geschwindigkeiten - FIZEAUscher Versuch
Da wir Uhren und Maßstäbe in praxi nur mit Geschwindigkeiten bewegen können,
die klein sind gegen die Lichtgeschwindigkeit c, so werden die Ergebnisse
des vorigen Paragraphen kaum direkt mit der Wirklichkeit verglichen werden
können. Da dieselben andererseits dem Leser recht sonderbar vorkommen werden,
so will ich nun aus der Theorie eine andere Konsequenz ziehen, die aus dem
bisher Dargelegten leicht abzuleiten ist, und die durch das Experiment glänzend
bestätigt wird.
In § 6 haben wir das Additionstheorem für gleichgerichtete Geschwindigkeiten
abgeleitet, so, wie es sich aus den Hypothesen der klassischen Mechanik ergibt.
Dasselbe läßt sich auch leicht aus der GALILEI-Transformation (§ 11) folgern.
Statt des gehenden Mannes im Wagen führen wir einen Punkt ein, der sich relativ
zum Koordinatensystem K´nach der Gleichung
x´ = wt´
bewegt. Aus der ersten und vierten Gleichung der GALILEI-Transformation kann man x´ und t´ durch x und t ausdrücken und erhält so
x = (v + w)t.
Diese
Gleichung drückt nichts anderes aus als das Bewegungsgesetz des Punktes gegenüber
dem System K (des Mannes gegenüber dem Bahndamm), welche Geschwindigkeit
wir mit W bezeichnen, so daß man, wie in § 6, erhält:
|
(A)
|
x´ = wt´
x´
und t´ durch x und t auszudrücken unter Verwendung der
ersten und vierten Gleichung der LORENTZ-Transformation. Man erhält
dann statt der Gleichung (A) die Gleichung:
|
|
(B)
|
Wir werden
im Sinne des Relativitätsprinzips jedenfalls vorauszusetzen haben, daß relativ
zur Flüssigkeit die Lichtausbreitung immer it derselben Geschwindigkeit
w erfolgt, mag die Flüssigkeit relativ zu anderen Körpern bewegt sein
oder nicht. Es ist also die Geschwindigkeit des Lichtes relativ zur Flüssigkeit
und die Geschwindigkeit der letzteren relativ zur Röhre bekannt, gesucht ist
die Geschwindigkeit des Lichtes relativ zur Röhre.
Es ist klar, daß hier wieder die Aufgabe des § 6 vorliegt. Die Röhre spielt
die Rolle des Bahndammes bzw. des Koordinatensystems K, die Flüssigkeit
die Rolle des Wagens bzw. des Koordinatensystems K´, das Licht endlich
die Rolle des im Wagen laufenden Mannes bzw. des bewegten Punktes in diesem
Paragraphen. Bezeichnet man also mit W die Geschwindigkeit des Lichtes
relativ zur Röhre, so ist diese durch die Gleichung (A) bzw. (B) gegeben,
je nachdem die GALILEI-Transformation oder die LORENTZ-Transformation der
Wirklichkeit entspricht.
Das Experiment10
entscheidet für die aus der Relativitätstheorie abgeleitete Gleichung (B),
und zwar sehr exakt. Der Einfluß der Strömungsgeschwindigkeit v auf
die Lichtfortpflanzung wird nach den letzten, ausgezeichneten Messungen von
ZEEMAN
durch die Formel (B) genauer als auf 1 Proz. genau dargestellt.
|
10FIZEAU fand W = w + v(1 - 1/n2), wobei n = c/w der Brechungsexponent der Flüssigkeit ist. Andererseits kann für (B) wegen der Kleinheit von v w/c2 gegenüber 1 zunächst W = (w + v) (1 - vw/c2), oder mit der gleichen Näherung w + v(1 - 1/n2) gesetzt werden, was mit FIZEAUs Resultat übereinstimmt. |
Es ist
nun allerdings hervorzuheben, daß eine Theorie dieses Phänomens lange vor
der Aufstellung der Relativitätstheorie auf rein elektrodynamischem Wege unter
Benutzung bestimmter Hypothesen über die elektromagnetische Struktur der Materie
von H. A. LORENTZ gegeben worden ist. Dieser Umstand vermindert aber die Beweiskraft
des Versuches als experimentum crucis zugunsten der Relativitätstheorie keineswegs.
Denn die MAXWELL-LORENTZsche Elektrodynamik, auf welcher die ursprüngliche
Theorie beruhte, steht in keinerlei Gegensatz zur Relativitätstheorie. Letztere
ist vielmehr aus der Elektrodynamik herausgewachsen als verblüffend einfache
Zusammenfassung und Verallgemeinerung der früher voneinander unabhängigen
Hypothesen, auf welchen die Elektrodynamik aufgebaut war.
§ 14 Der heuristische Wert der Relativitätstheorie
Der bisher
dargelegte Gedankengang läßt sich wie folgt kurz zusammenfassen. Die Erfahrung
hat zu der Überzeugung geführt, daß einerseits das Relativitätsprinzip (im
engeren Sinne) gelte und daß andererseits die Ausbreitungsgeschwindigkeit
des Lichtes im Vakuum gleich einer Konstanten c zu setzen sei. Durch
Vereinigung dieser beiden Postulate ergab sich das Transformationsgesetz für
die rechtwinkligen Koordinaten x, y, z und die Zeit t
der Ereignisse, welche das Naturgeschehen zusammensetzen, und zwar ergab sich
nicht die GALILEI-Transformation, sondern (abweichend von der klassischen
Mechanik) die LORENTZ-Transformation.
In diesem Gedankengang spielte das Ausbreitungsgesetz des Lichtes eine wichtige
Rolle, dessen Annahme sich aus unserem tatsächlichen Wissen rechtfertigt.
Wir können aber, nachdem wir einmal im Besitz der LORENTZ-Transformation sind,
diese mit dem Relativitätsprinzip vereinigen und die Theorie in die Aussage
zusammenfassen:
Jedes allgemeine Naturgesetz muß so beschaffen sein, daß es in ein Gesetz
von genau gleicher Fassung übergeht, wenn man statt der Raum-Zeit Variablen
x, y, z, t des ursprünglichen Koordinatensystems
K neue Raum-Zeit-Variable x´, y´, z´, t´eines
Koordinatensystems K´ einführt, wobei der mathematische Zusammenhang
zwischen den gestrichenen und ungestrichenen Größen durch die LORENTZ-Transformation
gegeben ist. Kurz formuliert: Die allgemeinen Naturgesetze sind kovariant
bezüglich LORENTZ-Transformationen.
Es ist dies eine bestimmte mathematische Bedingung, welche die Relativitätstheorie
einem Naturgesetze vorschreibt; dadurch wird sie zu einem wertvollen heuristischen
Hilfsmittel beim Aufsuchen der allgemeinen Naturgesetze. Würde ein allgemeines
Naturgesetz aufgefunden, welches jener Bedingung nicht entspricht, so wäre
mindestens eine der beiden Grundvoraussetzungen der Theorie widerlegt. Sehen
wir nun zu, was letztere an allgemeinen Ergebnissen bisher gezeigt hat.
§ 15 Allgemeine Ergebnisse der Theorie
Aus den
bisherigen Darlegungen ist ersichtlich, daß die (spezielle) Relativitätstheorie
aus der Elektrodynamik und Optik herausgewachsen ist. Auf diesen Gebieten
hat sie an den Aussagen der Theorie nicht viel geändert, aber sie hat das
theoretische Gebäude, d.h. die Ableitung der Gesetze, bedeutend vereinfacht
und - was noch ungleich wichtiger ist - die Zahl der voneinander unabhängigen
Hypothesen, auf welchen die Theorie beruht, erheblich vermindert. Sie hat
der MAXWELL-LORENTZschen Theorie einen solchen Grad von Evidenz verliehen,
daß diese auch dann bei den Physikern allgemein durchgedrungen wäre, wenn
das Experiment weniger überzeugend zu ihren Gunsten gesprochen hätte.
Die klassische Mechanik bedurfte erst einer Modifikation, um mit der Forderung
der speziellen Relativitätstheorie in Einklang zu kommen. Diese Modifikation
betrifft jedoch im wesentlichen nur die Gesetze für rasche Bewegungen, bei
welchen die Gesehwindigkeiten v der Materie gegenüber der Lichtgeschwindigkeit
nicht gar zu klein sind. So rasche Bewegungen zeigt uns die Erfahrung nur
an Elektronen und Ionen; bei anderen Bewegungen sind die Abweichungen von
den Gesetzen der klassischen Mechanik zu gering, um sich praktisch bemerkbar
zu machen. Von der Bewegung der Gestirne wird erst bei der allgemeinen Relativitätstheorie
zu sprechen sein. Nach der Relativitätstheorie wird die kinetische Energie
eines materiellen Punktes von der Masse m nicht mehr durch den bekannten
Ausdruck
gegeben, sondern durch den Ausdruck
Dieser Ausdruck wird unendlich, wenn sich die Geschwindigkeit v der Lichtgeschwindigkeit c nähert. Es muß also die Geschwindigkeit stets kleiner als c bleiben, wie große Energien man auch auf die Beschleunigung verwenden mag. Entwickelt man den Ausdruck für die kinetische Energie in eine Reihe, so erhält man :
Das dritte
dieser Glieder ist gegenüber dem zweiten, in der klassischen Mechanik allein
berücksichtigten, stets klein, wenn v /c klein gegen 1 ist.
Das erste Glied mc enthält die Geschwindigkeit nicht, kommt also
nicht in Betracht, wenn es sich nur um die Frage handelt, wie die Energie
eines Massenpunktes von der Geschwindigkeit abhängt. Über seine prinzipielle
Bedeutung wird nachher gesprochen werden.
Das wichtigste Ergebnis allgemeiner Art, zu dem die spezielle Relativitätstheorie
geführt hat, betrifft den Begriff der Masse. Die vorrelativistische Physik
kennt zwei Erhaltungssätze von grundlegender Bedeutung, nämlich den Satz von
der Erhaltung der Energie und den Satz von der Erhaltung der Masse; diese
beiden Fundamentalsätze erscheinen als ganz unabhängig voneinander. Durch
die Relativitätstheorie werden sie zu einem Satze verschmolzen. Wie dies kam,
und wie diese Verschmelzung aufzufassen ist, soll nun kurz dargelegt werden.
Das Relativitätsprinzip fordert, daß der Satz von der Erhaltung der Energie
nicht nur bezüglich eines Koordinatensystems K gelte, sondern
bezüglich eines jeden Koordinatensystems K´, das relativ zu K
sich in gleichförmiger Translationsbewegung befindet (kurz gesagt, bezüglich
jedes ,,GALILEIschen" Koordinatensystems). Für den Übergang zwischen zwei
solchen Systemen ist im Gegensatz zur klassischen Mechanik die LORENTZ-Transformation
maßgebend.
Aus diesen Prämissen in Verbindung mit den Grundgleichungen der MAXWELLschen
Elektrodynamik kann man mit zwingender Notwendigkeit durch verhältnismäßig
einfache Betrachtungen folgern: Ein mit der Geschwindigkeit v fliegender
Körper, der in Form von Strahlung die Energie E0 aufnimmt,11
ohne hierbei seine Geschwindigkeit zu ändern, erfährt dabei eine Zunahme seiner
Energie um den Betrag
|
11E0 ist die aufgenommene Energie, von einem mit dem Körper bewegten Koordinatensystem aus beurteilt. |
Die gesuchte Energie des Körpers ist also dann mit Rücksicht auf den vorher angegebenen Ausdruck für die kinetische Energie gegeben durch:
Der Körper hat also dann dieselbe Energie wie ein mit der Geschwindigkeit v bewegter Körper von der Masse m + E0/c. Man kann also sagen: Nimmt ein Körper die Energie E0 auf, so wächst seine träge Masse um E0/c; die träge Masse eines Körpers ist keine Konstante, sondern nach Maßgabe seiner Energieänderung veränderlich. Die träge Masse eines Körpersystems kann geradezu als Maß für seine Energie angesehen werden. Der Satz von der Erhaltung der Masse eines Systems fällt mit dem Satze von der Erhaltung der Energie zusammen und gilt nur insoweit, als das System keine Energie aufnimmt und abgibt. Schreibt man den Ausdruck für die Energie in der Form
so sieht
man, daß die Form mc2 , die uns schon vorhin auffiel, nichts
anderes ist als die Energie, welche der Körper schon besaß12
bevor er die Energie E0 aufgenommen hatte.
|
12Von einem mitbewegten Koordinatensystem aus beurteilt. |
Der direkte
Vergleich dieses Satzes mit der Erfahrung scheitert vorläufig daran, daß die
Energieänderungen E0, welche wir einem System erteilen können,
nicht groß genug sind, um sich als Änderung der trägen Masse des Systems bemerkbar
zu machen. E0/c2 ist zu klein im
Vergleich zu der Masse m, die vor der Energieänderung vorhanden war.
Auf diesem Umstande beruht es, daß ein Satz von der Erhaltung der Masse von
selbständiger Geltung mit Erfolg aufgestellt werden konnte.
Noch eine letzte Bemerkung prinzipieller Natur. Der Erfolg der FARADAY-MAXWELLschen
Deutung der elektrodynamischen Fernwirkung durch intermediäre Vorgänge mit
endlicher Ausbreitungsgeschwindigkeit brachte es mit sich, daß bei den Physikern
sich die Überzeugung Bahn brach, daß es unvermittelte, momentane Fernwirkungen
vom Typus des NEWTONschen Gravitationsgesetzes nicht gebe. Nach der Relativitätstheorie
tritt an die Stelle der Momentanwirkung in die Ferne bzw. der Fernwirkung
mit unendlicher Ausbreitungsgeschwindigkeit stets die Fernwirkung mit Lichtgeschwindigkeit.
Es hängt dies zusammen mit der prinzipiellen Rolle, welche die Geschwindigkeit
c in dieser Theorie spielt. Im zweiten Teile wird sich zeigen, in welcher
Weise dies Ergebnis in der allgemeinen Relativitätstheorie modifiziert wird.
§ 16 Spezielle Relativitätstheorie und Erfahrung
Die Frage,
inwieweit die spezielle Relativitätstheorie durch die Erfahrung gestützt wird,
ist nicht einfach zu beantworten aus einem Grunde, der schon bei Gelegenheit
des Fundamentalversuches von FIZEAU erwähnt ist. Die spezielle Relativitätstheorie
ist aus der MAXWELL-LORENTZschen Theorie der elektromagnetischen Erscheinungen
auskristallisiert. Somit stützen alle Erfahrungstatsachen die Relativitätstheorie,
welche jene elektromagnetische Theorie stützen. Ich erwähne hier als besonders
wichtig, daß die Relativitätstheorie in überaus einfacher Weise in Übereinstimmung
mit der Erfahrung die Einflüsse abzuleiten gestattet, welche das von den Fixsternen
zu uns gesandte Licht durch die Relativbewegung der Erde gegen jene Fixsterne
erfährt. Es ist dies die jährliche Wanderung des scheinbaren Ortes der Fixsterne
infolge der Erdbewegung um die Sonne (Aberration) und der Einfluß der Radialkomponente
der Relativbewegungen der Fixsterne gegen die Erde auf die Farbe des zu uns
gelangenden Lichtes; der letztere Einfluß äußert sich in einer kleinen Verschiebung
der Spektrallinien des von einem Fixstern zu uns gelangenden Lichtes gegenüber
der spektralen Lage der gleichen mit einer irdischen Lichtquelle erzeugten
Spektrallinie (DOPPLERsches Prinzip). Die experimentellen Argumente zugunsten
der MAXWELL-LORENTZschen Theorie, welche alle zugleich Argumente zugunsten
der Relativitätstheorie sind, sind zu zahlreich, um hier dargelegt zu werden.
Sie engen tatsächlich die theoretischen Möglichkeiten derart ein, daß sich
keine andere Theorie als die MAXWELL-LORENTZsche der Erfahrung gegenüber hat
behaupten können.
Zwei Klassen von bisher ermittelten experimentellen Tatsachen aber gibt es,
welche die MAXWELL-LORENTZsche Theorie nur durch Hinzuziehung einer Hilfshypothese
darstellen kann, die an sich - d. h. ohne Benutzung der Relativitätstheorie
- befremdlich erscheint.
Es ist bekannt, daß die Kathodenstrahlen und die von radioaktiven Substanzen
ausgesandten sogenannten ß-Strahlen aus negativ elektrischen Körperchen (Elektronen)
von sehr geringer Trägheit und großer Geschwindigkeit bestehen. Dadurch, daß
man die Ablenkung dieser Strahlungen unter dem Einfluß elektrischer und magnetischer
Felder untersucht, kann man das Bewegungsgesetz dieser Körperchen sehr genau
studieren.
Bei der theoretischen Behandlung dieser Elektronen hat man mit der Schwierigkeit
zu kämpfen, daß die Elektrodynamik allein von ihrer Natur keine Rechenschaft
zu geben vermag. Denn da elektrische Massen eines Vorzeichens sich
abstoßen, müßten die das Elektron konstituierenden negativen elektrischen
Massen unter dem Einfluß ihrer Wechselwirkung auseinander getrieben werden,
wenn nicht noch Kräfte anderer Art zwischen ihnen wirksam wären, deren Natur
uns bisher dunkel ist.13
Nimmt man nun an, daß die relativen Abstände der das Elektron konstituierenden
elektrischen Massen bei den Bewegungen des Elektrons ungeändert bleiben (starre
Verbindung im Sinne der klassischen Mechanik), so gelangt man zu einem Bewegungsgesetz
des Elektrons, welches mit der Erfahrung nicht übereinstimmt. H. A. LORENTZ
hat als erster, geführt durch rein formale Überlegungen, die Hypothese eingeführt,
daß der Körper des Elektrons durch die Bewegung eine Kontraktion in der Bewegungsrichtung
erfahre, proportional dem Ausdruck Ö(1 - v2/c2).
Diese Hypothese, welche sich elektrodynamisch durch nichts rechtfertigen läßt,
liefert dann dasjenige Bewegungsgesetz, welches die Erfahrung mit großer Präzision
in den letzten Jahren bestätigt hat.
|
13Die allgemeine Relativitätstheorie legt die Auffassung nahe, daß die elektrischen Massen eines Elektrons durch Gravitationskräfte zusammengehalten werden. |
Die Relativitätstheorie
liefert dasselbe Bewegungsgesetz, ohne daß sie irgendeiner speziellen Hypothese
über den Bau und das Verhalten des Elektrons bedürfte. Analog liegen die Dinge,
wie wir in § 13 gesehen haben, bei dem Versuch von FIZEAU, dessen Ergebnis
die Relativitätstheorie lieferte, ohne daß Hypothesen über die physikalische
Natur der Flüssigkeit gemacht werden mußten.
Die zweite Klasse von Tatsachen, auf die hier hingewiesen ist, bezieht sich
auf die Frage, ob bei Versuchen auf der Erde deren Bewegung im Weltenraume
sich bemerkbar mache. Es wurde schon in § 5 bemerkt, daß alle derartigen Bemühungen
ein negatives Resultat lieferten. Vor der Aufstellung der Relativitätstheorie
hatte es die Wissenschaft schwer, sich mit diesem negativen Befunde auseinanderzusetzen;
die Sachlage war nämlich folgende. Die überkommenen Vorurteile über Zeit und
Raum ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die GALILEI-Transformation
für den Übergang von einem Bezugskörper zu einem anderen maßgebend sei. Angenommen
nun, die MAXWELL-LORENTZschen Gleichungen gelten für einen Bezugskörper K,
so findet man, daß sie nicht gelten für einen relativ zu K gleichförmig
bewegten Bezugskörper K´, wenn man annimmt, daß zwischen den Koordinaten
von K und K´ die Beziehungen der GALILEI-Transformation bestehen.
Dadurch scheint es, daß von allen GALILEIschen Koordinatensystemen eines (K)
von bestimmtem Bewegungszustande physikalisch ausgezeichnet sei. Physikalisch
interpretierte man dies Ergebnis dahin, daß man K als relativ zu einem
hypothetischen Lichtäther ruhend ansah. Dagegen sollten alle gegen K
bewegten Koordinatensysteme K´gegen den Äther bewegt sein. Dieser Bewegung
von K´gegen den Äther (,,Ätherwind" relativ zu K´) schrieb man
die komplizierteren Gesetze zu, welche relativ zu K´gelten sollten.
Auch relativ zur Erde mußte folgerichtig ein solcher Ätherwind angenommen
werden, und das Bestreben der Physiker war lange darauf gerichtet, diesen
nachzuweisen.
Hierfür hatte MICHELSON einen Weg gefunden, der nicht fehlschlagen zu können
schien. Man denke sich an einem starren Körper zwei Spiegel angeordnet, welche
einander die reflektierende Seite zukehren. Ein Lichtstrahl braucht eine ganz
bestimmte Zeit T, um von einem Spiegel zum anderen und wieder zurück
zu gelangen, falls dies ganze System gegen den Lichtäther ruht. Man findet
für diesen Vorgang aber (durch Rechnung) eine etwas andere Zeit T´,
wenn der Körper nebst Spiegeln relativ zum Äther bewegt ist. Ja, noch mehr!
Die Rechnung ergibt, daß diese Zeit T´bei gegebener Geschwindigkeit
v gegen den Äther eine andere sei, wenn der Körper senkrecht zu den
Spiegelebenen bewegt ist, als wenn er parallel zu den Spiegelebenen bewegt
ist. So winzig die so berechnete Differenz zwischen diesen beiden Zeitdauern
auch sich ergab, MICHELSON und MORLEY führten ein Interferenzexperiment aus,
bei welchem die Differenz deutlich hätte in Erscheinung treten müssen. Das
Experiment fiel aber negativ aus, zur großen Verlegenheit der Physiker. LORENTZ
und FIZ GERALD zogen die Theorie aus dieser Verlegenheit, indem sie annahmen,
daß die Bewegung des Körpers gegen den Äther eine Kontraktion desselben in
der Bewegungsrichtung bewirke, welche das Verschwinden der genannten Zeitdifferenz
gerade bewirken sollte. Ein Vergleich mit den Darlegungen des § 12 zeigt,
daß dieser Ausweg auch vom Standpunkt der Relativitätstheorie der richtige
war. Die Auffassung der Sachlage ist aber nach der Relativitätstheorie eine
unvergleichlich befriedigendere. Nach ihr gibt es kein bevorzugtes Koordinatensystem,
welches zur Einführung der Ätheridee Anlaß gibt, mithin auch keinen Ätherwind
und kein Experiment, um einen solchen in Evidenz zu setzen. Die Kontraktion
bewegter Körper folgt hier ohne besondere Hypothesen aus den beiden Grundprinzipien
der Theorie; und zwar ergibt sich als maßgebend für diese Kontraktion nicht
die Bewegung an sich, welcher wir keinen Sinn beizulegen vermögen, sondern
die Bewegung gegen denjeweiligen gewählten Bezugskörper. So ist also für ein
mit der Erde bewegtes Bezugssystem der Spiegelkörper von MICHELSON und MORLEY
nicht verkürzt, wohl aber für ein relativ zur Sonne ruhendes Bezugssystem.
§ 17 MINKOWSKIs vierdimensionaler Raum
Ein mystischer
Schauer ergreift den Nichtmathematiker, wenn er von ,,vierdimensional" hört,
ein Gefühl, das dem vom Theatergespenst erzeugten nicht unähnlich ist. Und
doch ist keine Aussage banaler als die, daß unsere gewohnte Welt ein vierdimensionales
zeiträumliches Kontinuum ist.
Der Raum ist ein dreidimensionales Kontinuum. Dies will sagen, daß
es möglich ist, die Lage eines (ruhenden) Punktes durch drei Zahlen (Koordinaten),
x, y, z, zu beschreiben, und daß es zu jedem Punkte beliebig
,,benachbarte" Punkte gibt, deren Lage durch solche Koordinatenwerte (Koordinaten)
x1, y1, z1 beschrieben
werden kann, die den Koordinaten x, y, z des erstgenannten
beliebig nahe kommen. Wegen der letzteren Eigenschaft sprechen wir von ,,Kontinuum",
wegen der Dreizahl der Koordinaten von ,,dreidimensional".
Analog ist die Welt des physikalischen Geschehens, von MINKOWSKI kurz ,,Welt"
genannt, natürlich vierdimensional in zeiträumlichem Sinne. Denn sie setzt
sich aus Einzelereignissen zusammen, deren jedes durch vier Zahlen, nämlich
drei räumliche Koordinaten x, y, z und eine zeitliche
Koordinate, den Zeitwert t, beschrieben ist. Die ,,Welt" ist in diesem
Sinne auch ein Kontinuum; denn es gibt zu jedem Ereignis beliebig ,,benachbarte"
(realisierte oder doch denkbare) Ereignisse, deren Koordinaten x1,
y1, z1, t1 sich von
denen des ursprünglich betrachteten Ereignisses x, y, z,
t beliebig wenig unterscheiden. Daß wir nicht daran gewöhnt sind, die
Welt in diesem Sinne als vierdimensionales Kontinuum aufzufassen, liegt daran,
daß die Zeit in der vorrelativistischen Physik gegenüber den räumlichen Koordinaten
eine verschiedene, mehr selbständige Rolle spielt. Darum haben wir uns daran
gewöhnt, die Zeit als ein selbständiges Kontinuum zu behandeln. In der Tat
ist die Zeit gemäß der klassischen Physik absolut, d. h. von der Lage und
dem Bewegungszustande des Bezugssystems unabhängig. Dies kommt in der
letzten Gleichung der GALILEI-Transformation (t´ = t) zum Ausdruck.
Durch die Relativitätstheorie ist die vierdimensionale Betrachtungsweise der
,,Welt" geboten, da ja gemäß dieser Theorie die Zeit ihrer Selbständigkeit
beraubt wird, wie die vierte der Gleichungen der LORENTZ-Transformation
lehrt.
Denn nach dieser Gleichung verschwindet die Zeitdifferenz Dt´ zweier
Ereignisse in bezug auf K´auch dann im allgemeinen nicht, wenn die
Zeitdifferenz Dt derselben in bezug auf K verschwindet. Rein
räumliche Distanz zweier Ereignisse in bezug auf K hat zeitliche Distanz
derselben in bezug auf K´ zur Folge. Auch hierin liegt nicht MINKOWSKIs
für die formale Entwicklung der Relativitätstheorie wichtige Entdeckung. Diese
liegt vielmehr in der Erkenntnis, daß das vierdimensionale Kontinuum der Relativitätstheorie
in seinen maßgebenden formalen Eigenschaften die weitgehendste Verwandtschaft
zeigt zu dem dreidimesionalen Kontinuum des euklidischen geometrischen Raumes.14
Um diese Verwandtschaft ganz hervortreten zu lassen, muß man allerdings statt
der üblichen Zeitkoordinaten t die ihr proportionale imaginäre Größe
Ö(-1) ct einführen. Dann aber nehmen die den Forderungen der (speziellen)
Relativitätstheorie genügenden Naturgesetze mathematische Formen an, in denen
die Zeitkoordinate genau dieselbe Rolle spielt wie die drei räumlichen Koordinaten.
Diese vier Koordinaten entspechen formal genau den drei räumlichen Koordinaten
der euklidischen Geometrie. Es muß auch dem Nichtmathematiker einleuchten,
daß durch diese rein formale Erkenntnis die Theorie außerordentlich an Übersichtlichkeit
gewinnen mußte.
|
14Vgl. die etwas ausführlichere Darlegung im Anhang. |
Diese
dürftigen Andeutungen geben dem Leser nur eine vage Idee von dem wichtigen
Gedanken MINKOWSKIs, ohne den die im folgenden in ihren Grundgedanken entwickelte
allgemeine Relativitätstheorie vielleicht in den Windeln stecken geblieben
wäre. Da aber ein exakteres Erfassen dieses für den mathematisch nichtgeübten
Leser zweifellos schwer zugänglichen Gegenstandes für das Verständnis der
Grundgedanken weder der speziellen noch der allgemeinen Relativitätstheorie
nötig ist, so will ich denselben hier verlassen, um erst in den letzten Darlegungen
dieses Büchleins wieder darauf zurückzukommen.
Notes
10FIZEAU fand W = w + v(1 - 1/n2),
wobei n = c/w der Brechungsexponent der Flüssigkeit ist.
Andererseits kann für (B) wegen der Kleinheit von v w/c2
gegenüber 1 zunächst W = (w + v) (1 - vw/c2),
oder mit der gleichen Näherung w + v(1 - 1/n2)
gesetzt werden, was mit FIZEAUs Resultat übereinstimmt.
11E0 ist die aufgenommene Energie, von einem mit dem Körper bewegten Koordinatensystem aus beurteilt.
12Von einem mitbewegten Koordinatensystem aus beurteilt.
13Die allgemeine Relativitätstheorie legt die Auffassung nahe, daß die elektrischen Massen eines Elektrons durch Gravitationskräfte zusammengehalten werden.
14Vgl.
die etwas ausführlichere Darlegung im Anhang.
© IDEA PUBLISHING HOUSE, ISTANBUL
1999
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