Philosophie der Renaissance
Philosophie
der Renaissance
Allgemeines zur Philosophie der Renaissance
Die Philosophie der Renaissance, der sogenannten "frühen Neuzeit" hat
bisher wenig Beachtung gefunden. Obwohl in den ersten 150 Jahren seit der
Erfindung des Buchdrucks eine unüberschabar reiche vielfältige und
originelle Literatur entstanden ist, (die buchstäblich Biliotheken füllt)
wurde in der Philosophiegeschichte das Denken dieser Epoche bisher weitgehend
vernachlässigt.
Lange galt der Zeitraum zwischen 1450 und 1600 (immerhin der Moment, zu dem
eine der größten Kommunikationsrevolutionen der Geschichte stattfand!)
als bedeutungslose Epoche des Übergangs, in dem sich aus der Antike wiedergewonnene
Wissen mit mittelaterlichem Aberglauben (Stichwort: Magie) zu einem inkohärenten
Chaos vermischten. Dies lief z.B. dem Anspruch einer sich organisch entwickelnden
systematischen Philosophie, (wie sie vor allem der deutsche Idealismus entwickelt
hatte) zuwider. Erst in den letzten Jahrzehnten
beschäftigen sich (hauptsächlich angloamerikanische) ForscherInnen
in unvoreingenomener Weise mit Philosophie der frühen Neuzeit, deren
faszinierende Vielfalt erst in groben Zügen erforscht ist. Das Foschungsprojekt
"Renaissance-Philosophie" ist also work in progress: gerade hier, bei der
Untersuchung des verdrängten Erbes der Moderne sollen daher möglichst
viele ForscherInnen
weltweit und interdisziplinär zusammenarbeiten.
Aufbau:
Im folgenden finden Sie zunächst sechs Begriffe: Liebe, Phantasie, Rhetorik,
Materie, Skepsis, Methode.(Die Liste kann jederzeit erweitert werden.) Diese
Begriffe bilden die großen Übergruppen, zu denen es jeweils 4 Untergruppen
gibt, nämlich: Basisinformation, Bibliographie,Literatur-Primär,
Literatur-sekündär. Im Fenster ("Basisinformation") wird jeweils
einer der Überbegriffe (z.B.: Liebe) in einer möglichst untechnischen
Sprache erkärt: dieses Fenster dient der allgemeinen zu Information.
Da die hier behandelten Begriffe großteils auch untereinander in Zusammenhang
stehen, gibt es hier Querverweise zu anderen Fenstern "Basisinformation".
Jedes Dokument "Basisinformation"
endet mit der Auflistung wichtiger Primärquellen (Dabei wird kein Anspruch
auf Vollständgigkeit erhoben: kritische Anregungen und Verbesserungen
sowie Fragen sind jederzeit willkommen.)
Die nächste Untergruppe ist ein Fenster "Bibliographie": hier finden
Sie kommentierte Sekundärliteratur zum jeweiligen Überbergriff.
Die Fenster der folgenden Untergruppe heißen "Texte: primär" (hier
finden Sie relevante Übersetzungen aus der Renaisanceliteratur) und "Texte:sekundär"
(hier finden Sie heutige Forschungsergebnisse) beide Gruppen sind nach Namen
der Autoren gegliedert die übersetzt bzw. behandelt werden. (z. B.Überbegriff:
Liebe, Texte: Primär: Giordano Bruno Übersetzung eines Abschnitts
aus den "Heroischen Leidenschaften". oder Überbegriff: Liebe, Texte:
sekundär: Giordano Bruno. Ein Aufsatz zur Liebesphilosophie Brunos.
Liebesphilosophie
Bereits Plato thematisierte die Liebe unter philosophischen Gesichtspunkten: sie vereint die die Wesen und stellt eine Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde her; eine Beziehung, die sich stets zwischen dem Nichtsein und dem Sein bewegt. Eros hat den sehr wichtigen, wenngleich unbestimmten Status eines Bindegliedes zwischen Essenz und Existenz in der Ordnung der Dinge. Physische Liebe ist im Platonismus ein bloß zweitrangiger Aspekt menschlichen Begehrens, das allerdings stets in intellektuelle Kontemplation verwandelbar ist.
Die platonische Konzeption erlangt in der Philosophie der Renaissance enorme Bedeutung, wo die Auseinandersetzung mit der Thematik der Liebe in Form von Prosakommentaren zu Versen beginnt (Dante, Petrarca). Ihre in striktem Sinn philosophische Formulierung erhält die Liebestheorie der Renaissance mit Marsilio Ficinos (1433-99) Kommentaren zu Platos Symposion und Phaidros. In seinen Werken prägt der Florentiner den Ausdruck "platonische Liebe". Freundschaften haben die Form einer Schüler-Lehrer Beziehung und werden gleichzeitig in einem medizinisch-astrologischen Kontext verstanden.
Die Beschäftigung mit dem Thema dient in der Renaissance nicht bloß als gefälliger Aufputz für anderweitige philosophische Erörterungen: Liebe ist vielmehr das vinculum mundi, jenes Bindeglied , das den gesamten Kosmos zusammenhält. Amor wird dergestalt nicht nur zur Erörterung von Fragen nach dem Zusammenhang von Essenz und Existenz der Dinge eingesetzt, sondern hat auch einen zentrale Rolle in der Psychologie der Renaissance. Die Seele des Menschen, einigendes Band zwischen materiellem und geistigem Kosmos, ist als Mittelding zwischen diesen beiden voneinander getrennten Welten von zwei gegensätzlichen Impulsen hin- und hergerissen. Sinnliches Erleben ist die Vorstufe geistiger Erhöhung und nichtmehr völlig negativ konnotiert.
Für etwa hundert Jahre ist Ficinos Liebestheorie enorm einflußreich: sie wirkt unter anderem auf Pico della Mirandola (1463-94), Giordano Bruno (1548-1600) und Leone Ebreo (c.1460-c.1520), Renaisance-Philosophen welche die Konzeption ihres Vorgängers allerdings in signifikanter Weise verändern. Bei Leone Ebreo wird die Liebe zum Prinzip sämtlicher kosmischer Aktivität. Alle Schichten des Kosmos werden von einer Dynamik beherrscht, Liebe ist eine Bewegung die ausschließlich im Begehren ihren Ursprung hat. Leone Ebreo entwickelt Erkenntnislehre, Theologie, Metaphysik und Physik werden aus einem Prinzip , der affektiven bindung alle Geschöpfe zueinander. Im Denken Giordano Brunos ist die Verwandlung des Liebenden in die geliebte Sache paradigmatisch für eine Form totaler Erkenntnis, die im griechischen Mythos vom Jäger Aktaion ihren vollendeten Ausdruck findet. Hier bleibt das Sinnliche bleibt als Objekt der Begierde stets gegnwärtig, es bildet die permanente Voraussetzung für den spannungsreichen Zustand ewigen Unerfülltseins.
Marsilio Ficino Sopra lo amore (1469, publ. 1484)
Marsilio Ficino Commentarium in Phaedrum (1496)
Giovanni Pico della Mirandola Commento sopra una canzona de amore (1486; publ.
1519)
Leone Ebreo Dialoghi d'amore (um 1500; publ. 1535)
Giordano Bruno De gli eroici furori (1585)
Imaginatio/Phantasie
In der scholastischen Psychologie ist die phantasia ein von anderen psychischen
Funktionen (etwa: denken, erinnern, etc.) unterschiedenes "Vermögen die
Dinge in der Seele erscheinen zu lassen". Die Phantasie befreit die sinnlich
wahrnehmbaren Formen der Dinge von der Materie und macht sie so den höheren
Seelenteilen (dem Intellekt) zugänglich. Getreu dem Satz, daß nichts
im Intellekt ist, was nicht vorher in den Sinnen war, hat die imaginatio eine
zentrale Rolle im Weltzugang des Menschen. Die von der Phantasie erzeugten
Bilder ermöglichten erst die Kommunikation zwischen Geistigem und Körperlichem.
In dem Moment, da Ficinos (1433-99) Renaissance-Neuplatonismus der Seele die
Vermittlerrolle zwischen materieller und geistiger Welt zuerkannte, wird die
Phantasie zur zentralen Instanz der Kommunikation auch in kosmologischer Hinsicht.
Im hierarchisch geordneten Kosmos der Neuplatoniker gestaltet die Seele die
Körperwelt, und zwar mit jenem Teil welcher der Materie am nächsten
steht: nämlich durch die Bilder der Phantasie. Anhand dieser Konzeption
entwickelt sich eine ausgefeilte Theorie der Wirksamkeit psychischer Kräfte,
die den Menschen als Zentrum und universales Bindeglied des Universums in
die Lage versetzen, die Welt gottgleich zu gestalten. Hier entsteht ein für
die Renaissance charakteristischer Ansatz, der bedeutende Modifikationen der
scholastischen Tradition erfordert. Bei Giordano Bruno ist die Einbildungskraft
nicht nur zentrales Element seiner Philosophie sondern auch Methode der Naturbeherrschung.
Die theoretische Aufarbeitung und Diskussion der zentralen Rolle der Phantasie
ruft in der Renaissance aber auch Denker auf den Plan, die diesen Bereich
der Psyche streng reglementiert sehen wollten: Phantasie wird auch als Quelle
der Bindung der Seele an die Materie verstanden (Gianfrancesco Pico). Die
zentrale Bedeutung der Phantasie für die Kultur der Renaissance
wird von deren Gegnern in einer geradezu hysterischen Ablehnung indirekt bestätigt:
es ist die bilderfeindliche Kultur der Reformationszeit, die mit ihrem Terror
gegen Andersdenkende die Furcht vor der phantasmatischen, idolatrischen Kultur
der Renaissance zum Ausdruck bringt.
Der modus intelligendi (in dem traditionell die imaginatio die zentrale Rolle
innehatte) wird in der späteren Renaissance im Zusammenhang mit der Frage
nach der Möglichkeit der Kommunikation zwischen geistigen und körperlichen
Substanzen durch Marcantonio Genua und Francisco Suárez (in einer auf
Problemstellungen der Cartesischen Philosophie vorausweisenden Art) diskutiert.
Dies auch im Zusammenhang mit dem Problem des philosophischen Beweises der
Unsterblichkeit der Seele (Pietro Pomponazzi).
Marsilio Ficino, Theologia Platonica (1469-74), De Vita libri tres (1489),
Briefe
Gianfrancesco Pico, De imaginatione (1501)
Pietro Pomponazzi, De immortalitate animae (1516)
Marcantonio Genua, Disputatio de intellectus humani immortalitate (1565)
Giordano Bruno, De imaginum, signorum et idearum compositione (1591)
Suárez, Francisco Commentaria una cum questionibus in libros Aristotelis
De Anima (publ. 1621)
Rhetorik
Das Rhetorikverständnis der Frühen Neuzeit unterscheidet sich grundlegend
vom mittelalterlichen, weitgehend geschichtslosen Sprachverständnis,
das die Redekunst in Teildisziplinen fragmentiert und als bloße Hilfswissenschaft
verstanden hatte (ars dictaminis). Im Gegensatz dazu entsteht im 15. und 16.
Jahrhundert (im Zuge der Wiederentdeckung der Antike) ein akutes Bewußtsein
um die geschichtliche Bedingtheit der Sprache sowie die Forderung nach der
Wiederherstellung einer auch philosophisch relevanten rhetorischen Disziplin
nach klassischem Vorbild. Immer schon mitgedacht ist dabei der Konflikt der
Philosophie mit der Rhetorik, der seit derA ntike augetragen wird: geht es
in der philosophie um die Findung der einen ewigen Whrhei, so thematisiert
die
Rhetorik den Wahrheitsbegriff als etwas historisch Bedingtes, veränderliches.
im Gegensatz zum philosophen sieht es der Rehtoriker
als ungeheure Errungenschaft an, von jeder Beliebigen Sache beide Seiten darstelen
zu können. (Vergl dazu etwa den von Leoneardo Bruni verfassten Dialog
Ad Petrum Paulum Istrum) In übereinstimmung damit wendet der Renaissancehumanismus
die Auffassung des der mittelalterliche Nominalismus ("Sprache ist etwas radikal
Subjektives") ins Positive. Sachverhalte sind nur vom Menschen her zu verstehen,
ihre Ordnung ist anthropozentrisch (somit politisch) und geschichtlich. Erkenntnis
hat sich in den Dienst der Ethik zu stellen. Rhetorik (als angewandte Machtausübung
im Stadtstaat verstanden) ersetzt die überkommene Metaphysik.
Demzufolge kommt der Sprachkritik eine zentrale Rolle zu. Entwicklung und
Verfall der Sprache - ihre Historizität - wird mit dem Zustand des Staates
untrennbar verbunden gedacht. Als typisches Beispiel führen die Renaissancephilosophen
hier der Verfall der lateinischen Sprache an: der mit dem Untergang des römischen
Imperiums und dem beginn des Kulturverfalls in Mittelalter in Zusammenhang
gebracht wird. Lorenzo Valla (1407-57) bis hin zu Petrus Ramus (1515-72) untersuchen,
bei dem schließlich der Formalaspekt getrennt vom Materialaspekt (oratio/ratio)
erscheint und die Rhetorik wiederum auf das explikative ornamentum reduziert
wird. Zur Einführung in die spezifische Problematik wird zunächst
der Streit um die philosophische Relevanz der Rhetorik Anhand des berühmt
gewordenen Briefwechsel zwischen Ermolao Barbaro (1454-93) und Giovanni Pico
della Mirandola (1463-94)dargestellt.
Valla systematisiert die Angriffe früherer Humanisten auf die scholastische
Metaphysik und Methodologie Anhand rhetorischer Paradigmen. Im konsequenten
Rückgriff auf umgangsprachliche Formen gelingt es Valla, durch den Begriff
der res die überkommenen Transzendentalien zu ersetzen. (Wobei res konkrete
Dinge bezeichnet und gleichzeitig als allumfassendstes Wort gedacht wird.)
Vallas Rhetorikdialektik konzipiert Erstsätze nicht mehr durch metaphysische
Evidenzen, sondern als schrittweise Steigerung und Präzisierung konsentischer
Einsicht. Erst Meinung in Verbindung mit dem konkreten Einzelfall ermöglicht
verisimilitudo,^das Fundament rhetorischer Dialektik. Da die Redekunst nicht
nur kognitive sondern auch ethische Momente beinhaltet und demzufolge
Theorie, Urteilskraft und praktische Anweisung zum Handeln in allen Wissensgebieten
einschließt, räumt Valla (in polemischer Absetzung zum Mittelalter)
dem Orator den Vorrang vor dem Philosophen ein. Rudolph Agricola (1443-85)
entwickelt ein neuartiges universales dialektisches Verfahren, welches sowohl
den aristotelischen Methodenpluralismus als auch Vallas Eingrenzung der Rhetorik
auf Philosophie und artes humaniores ablehnt. Bei Agricola gerät die
Dialektik zur Fundamentalwissenschaft, die sich mit dem rationalen Sprechen
und Wissen auseinandersetzt. Hier kommt der als Topik verstandenen inventio
(als Kategorienlehre und Letztbegründung aus principia) eine zentrale
Rolle zu, indem der Begriff der similitudo die Universalien ersetzt; diese
sind bei Agricola " ... nichts anderes als eine wesensmäßige Ähnlichkeit
in vielen Dingen," die letztlich sprachlich gebunden bleibt. Ziel der dialektischen
Invention ist die Erreichung konsensueller Glaubwürdigkeit, nicht der
Wahrheit. Mario Nizolio(1488-1567) versucht (in einer bis auf Leibniz wirkenden
Schrift) die Einheit von Philosophie und Rhetorik wiederherzustellen,
indem er die Selbstbegründung der Philosophie aus der Umgangssprache
fordert; dies soll die Trennung von res und verba verhindern. In einer für
ihn charakteristischen Leidenschaftlichkeit für das Konkrete bleibt bei
Nizolio das Sinnlich-Materielle die einzig verläßliche Konstante:
Selbst intellektuelle Erkenntnis beruht nicht auf (irreführender, weil
vom Konkreten wegführender)
abstractio, sondern auf einer comprehensio des Materiellen. Im Gegensatz zur
Abstraktion geht diese Zusammenfassung außerhalb von Raum und Zeit vor
sich (und rekurriert stillschweigend auf den platonischen Bildbegriff). Im
späteren 16. Jahrhundert unternimmt schließlich Francesco Patrizi
(1529-97) den Versuch einer Geometrisierung der Rhetorik, in der Absicht Sprache
als Instrument exakter Wissenschaft brauchbar zu machen. Für den Platoniker
Patrizi hat Sprache Wahrheits-(und nicht bloß Wahrscheinlichkeits-)bezug,
der sich aus einer spezifischen historischen Theorie ableitet: In der urzeitlichen
Sprache waren Rede und Wirkung ungetrennt, die Dinge der Welt somit durch
Worte gestaltbar. Solche Sprache muß sich auf essentiell Wahres beziehen
und auch tatsächlich auf die Essenz zurückweisen können. Sprache
bedarf der zweifelsfreien Erkenntnis, die am Vorbild der Mathematik zu entwickeln
ist, auch wenn die idealen Größen (Maß, Zahl und Gewicht)
durch ihre Vermengung mit der Materie nur relativ erkennbar bleiben.
Lorenzo Valla, Repastinatio dialecticae et philosophiae (letzte Fassung 1439)
Rudolph Agricola, De inventione dialectica (um 1480)
Pico della Mirandola und Ermolao Barbaro, Briefwechsel (1485)
Mario Nizolio, De veriis principiis et vera ratione philosophandi (1553)
Francesco Patrizi, Della retorica dieci dialoghi (1562)
Materie
In der Frühen Neuzeit verwandelt sich der Materiebegriff in verschiedenen,
oft widersprüchlichen Tendenzen: bei dem Scholastiker des mittelalters
Thomas von Aquin ist sie ein unselbständigen Prinzip, "beinahe nichts" (ST I q. 54, 3,2) ist, bei Giordano Bruno, dem wohl bekanntesten Renaissance-Philosophen
, wird die Materie zum ersten Prinzip des Universums. Eine solche radikale
Uminterpretation ging in Phasen vor sich. Zunächst die Standart-Version
der akademischen naturphilosophie in Mittelalter und Renaissance: Hier ist
auf der eine Dualistische Konzeption von Materie und Form besonders wichtig.
Es wird immer etwas AUS etwas ZU etwas, das AUS ist die Materie, das ZU ist
die Form. Das Grundmodell dieser Voerstellungswelt ist handwerklich: z.B.
die Herstellung eines Tisches aus Holz. Das eigentliche seinsgebende Prinzip
ist die Form, die Materie das gestalt- und eigenschaftslose Zugrundeliegende,
welches das Phänomen des Überganges (der Verwandlung von etwas in
etwas anderes) erklärbar machte. (Siehe Text: Picolomini) Die Form ist
dabei als das männliche, aktive gebende Element gedacht, die materie
als das weiblich, passive aufnehmende. Der Diskrus über die Beherreschung
der materie durch die Form ist daher nicht nur metaphysisch sonder auch politisch
relevant. (Die Frauenfeindlichen Auswirkungen dieser Denktradition werden
in Giordano Brunos Dialog De la causa, Principio de uno dargestellt und parodiert
s. Texte) Die sog. materia prima liegt den vier Irdischen Elementen zugrunde,
aus deren ständigem Wechsel und Vermischung alle materiellen Einzeldinge
im irdischen Bereich entstehen. In dieser ursprünglich von Aristoteles
entworfenen Konzeption ist der himmlische Bereich, das Gebiet jenseits des
Mondes nicht dem ständigen Wechsel der Formen unterworfen, der Himmel
besteht mit seinen Spären vielmehr aus einem fünften Element, der
sogenannten quinta essentia (ein Begriff, der in der Alchemie und Medizin
eine große Rolle spielt.)
Der Materiebegriff in der Renaissance
Marsilio Ficinos (1433-99), entwickelt eine Synthese aus neuplatonischen und
aristotelischen Konzepten in Verbindung auch mit medizinischen Theorien (siehe
Liebe, Phantasie). (Dieser Hang zur Synthese ist typisch für das Denken
vieler Renaissancephilosophen).
War bei Thomas die unvergängliche Materie der Himmelssphären noch
deutlich unterscheidbar von den vier irdischen Elementen, so vereinheitlicht
Ficino die Gestalt von Ficinos Universum: in seiner platonisierenden Lichtmetaphysik
erscheint der Kosmos nun als Struktur schrittweisen Überganges von Licht
(göttlicher Form) in Dunkelheit (Materie). Dieser (anhand optischer Grundvorstellungen
entwickelte Ansatz des Florentiners trägt zur Ablösung der aristotelisch-thomistischen
Weltsicht bei, (welche die Beziehung zwischen Materie und Form als metaphysisches
oder theologisches Problem verstand) indem die Diskussion des Materiebegriffes
zunehmend in naturphilosophische Fragestellungen übertragen wird. Als
universales Element der Überbrückung löst die Seele nicht nur
den Gegensatz zwischen himmlischem und sublunarem Bereich auf, sie gestaltet
auch die Körperdinge nach göttlichen Idealen. In dieser an bildnerisch-schöpferischen
Paradigmen orientierten Konzeption behält die Materie ihren völlig
passiven Charakter nur dem Namen nach, da sie sich, als "nicht ausreichend
disponierte" der Gestaltung durch die Seele widersetzen
kann. Materie verfügt bei Ficino somit über eine als 'Widerständigkeit'
Qualität, die etwa im Prozeß ungewollter affektiver Bindungen an
ein geliebtes Objekt (Liebeswahn) oder bei der Übertragung von Infektionskrankheiten
(Pest) in einem naturphilosophischen Kontext in Das Denken der frühen
Neuzeit Eingang fanden waren. (v. Liebe, Phantasie). Aus medizinischer Perspektive
hat Girolamo
Fracastoro (1470-1553) diese Theorie weiterentwickelt. Sein Werk De contagione
(1546) I,6,7 enthält eine materialistische Erklärung der Infektion
durch Keime und beschreibt die Zerstörung der Keime durch Feuer und andere
Mittel, eine Art Chemotherapie
Der veränderte Materiebegriff artikuliert sich auch in Mario Nizolios
(1488-1567) Denken: für ihn hat intellektuelle Erkenntnis eine sinnlich-materielle
Komponente. Stand noch bei Ficino das jeweilig konkrete Individuum der Abstraktion
im Wege, so ermöglicht bei Nizolio die Materie überhaupt erst die
Erkenntnis. Das Einzelding wird nicht mehr durch Entkleidung von seinem materiellen
Aspekt erkannt, das Individuum soll vielmehr in einer die abstractio ersetzenden
comprehensio, einer zusammenbegreifenden Erkenntnis, intakt gelassen werden.
(v. Rhetorik) Girolamo Cardano (1501-76) betont im Zusammenhang mit mechanistischen
Erklärungsversuchen für seelische Vorgänge den beharrenden,
ungeschaffenen und unvergänglichen Charakter der Materie. Bernardino
Telesio (1509-88) vertritt die Auffassung, daß die Struktur der Welt
und die in ihr enthaltenen Körper nicht durch die Vernunft bestimmt werden,
sondern mittels der Sinneswahrnehmungen erkannt und als selbständige
Dinge behandelt werden müssen. Die Materie hat bei Telesio den Trieb
zur Selbsterhaltung, sie ist (gegen Aristoteles) konkret und aktuell und kann
direkt von den Sinnen wahrgenommen werden. In einer bewußten Verkehrung
der traditionellen Hierarchie sinnlicher Wahrnehmung erhält der Tastsinn
die zentrale Rolle im Erkenntnisprozeß. Im Anschluß an Telesio
formuliert Tommaso Campanella (1568-1639) polemische Attacken auf fundamentale
aristotelische Doktrinen: daß die substantielle Form ein der Materie
überlegenes Prinzip ist; daß die Form aus der Potentialität
der Materie hervorgeht; daß die Seele die Form des Körpers ist;
daß die Intellektion durch Abstraktion der Formen aus Körpern vor
sich geht. Giordano Bruno (1548-1600) schließlich demontiert den aristotelischen
Hylemorphismus durch einen materialistischen Naturalismus, unter Beibehaltung
der Begriffe Materie/Form (die Bruno allerdings nicht mehr als unabhängige
Prinzipien des Seienden begreift). Die individuellen Formen der Dinge bezeichnet
Bruno als Akzidentien der unbeseelten Materie, die gleichzeitig
mit der universalen Form, mit der Weltseele identisch sind. Materie und Form
sind in einer alles umfassenden Substanz vereinigt; sie ist das Gegenteil
der Verschiedenheit, Brunos Substanzbegriff daher die Umkehrung der aristotelischen
substantiellen Form (die das Individuum hervorbringt). Im Gegensatz zu den
ständig sich wandelnden Formen subsistiert die gleichzeitig körperliche
und unkörperliche, göttliche Materie, deren Undeterminiertheit Bruno
als kreativen Reichtum deutet. Der Atomismus des Nolaners bestimmt die minima
als reale und konkrete, homogene und beseelte Sphären, nicht als mathematische
Abstraktionen.
Marsilio Ficino, De Vita libri tres (1489)
Girolamo Fracastoro, De sympathia et antipathia rerum, De contagione (1546)
Girolamo Cardano De subtilitate (1550)
Mario Nizolio, De veriis principiis et vera ratione philosophandi (1553)
Giordano Bruno, De la causa, principio ed uno (1584)
Giordano Bruno, De triplici minimo
Bernardino Telesio, De rerum natura iuxta propria principia libri IX (letzte
Version, 1586)
Tommaso Campanella, Philosophia sensibus demonstrata (1591)
Skeptizismus
Die humanistische Bewegung des 15. Jh. hat nicht nur eine große Anzahl
neuer Informationen (beispielsweise über die Divergenzen antiker Philosophenschulen)
erstellt, sondern auch neue methodische Ansätze entwickelt. Beides bewirkt
die kritische Auseinandersetzung mit traditionellen Denkvorstellungen und
Lebensweisen, die im 16. Jh ihren unmittelbarsten Ausdruck in der Neuformulierung
skeptizistischer Positionen fand. Diese aus der Antike übernommenen Konzepte
rückten die Frage nach einer gesicherte Verfahrensweise
wissenschaftlicher Erkenntnis in den Blick, eine Frage die seit dem Beginn
des 17. Jh. die Philosophie dominiert. Gleichzeitig entwickelten sich auch
neue Lösungsansätze, das neuerworbene Wissen anhand einer einheitlichen
Methode zu sichern und zu strukturieren.
Beide Traditionen sind von höchster Relevanz für die Genese des
frühneuzeitlichen Denkens vor allem im Hinblick auf die Überwindung
mittelalterlicher Wissensformen und die Findung einer einheitlichen Methode
und Erkenntnisform waren. Jean Luis Vives (1492-1540), in vieler Hinsicht
ein humanistischer Vorläufer des frühneuzeitlichen Skeptizismus
schreibt in
De disciplinis (1531) "Die menschlichen Forschung kommt lediglich zu wahrscheinlichen
Ergebnissen, denn wir verdienen die scientia als sündige Kreaturen, die
mit dem Gewicht des Körpers belastet sind, nicht...." (Vives 1782-5,
II, 188) Aus diesem Zitat erhellt, warum der Skeptizismus, der zur Zerstörung
des mittelalterlichen Weltbildes beitrug und später eine Vorreiterrolle
der Aufklärung und religiöser Toleranz innehatte, im 16. Jh. zunächst
als Mittel der Bestärkung des Menschen in seinem Glauben
verstanden und instrumentalisiert wurde. Daß die Skeptiker des 16. Jh.
keineswegs Atheisten waren, kommt in Gianfrancesco Pico della Mirandolas (1469-1533)
Examen vanitatis doctrinae gentium (1520) zum Ausdruck, der einzigen Studie
über Sextus Empiricus vor der Mitte des 16. Jh.. In einem für ihn
charakteristischen radikal antiintellektuellem Ansatz verwendet Pico skepitzistische
Argumente um sämtliche Philosophenschulen der Antike zu widerlegen, mit
dem Ziel, profanes Wissen als bloße Ablenkung von der Erlösung
des Menschen darzustellen. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, daß
Pico offensichtlich niemals in Erwägung zog, daß skeptizistische
Positionen auch auf Dogmen der Religion angewandt werden können, denn
für ihn war das Christentum als einzig wahre Religion eine überlegene
Wissensform, die er über den Streit der antiken Philosophenschulen erhaben
glaubte. (Eine Ansicht, die übrigens noch Pierre Charron in
seiner 1593 veröffentlichten Schrift Les trois veritéz contre
les athéés... vertritt.) In eine ähnliche Richtung zielt
Agrippa von Nettesheims (1486-1535) De vanitate et incertitudine scientiarum
atque artium declamatio (1526), ein Werk, daß in geradezu kompendiöser
Weise die Irrtümer der Wissenschaften auflistet und somit ein beredtes
Dokument der epistemologischen Unsicherheit der Epoche darstellt (vor allem
in Zusammenhang mit Agrippas De occulta philosophia).
1581 veröffentlicht Francisco Sanchez (155/1-1623) ein Werk mit dem Titel
Quod nihil scitur. Der portugiesische Arzt formuliert hier die präziseste
und struktuierteste Verteidigung des Skeptizismus der Renaissance und des
Akademischen Ideals, nihil scitur.
Sanchez entwickelt eine rigorose Kritik am demonstrativen Syllogismus, die
herkömmlichen logischen Verfahrensweisen führen bei ihm lediglich
zu restlos unverständlichen Begriffen (allen voran der Begriff "sein").
Die aristotelische Logik ist ein untaugliches Gerüst unzutreffender Definitionen,
welche lediglich Zirkelbeweise und bereits bekannte Daten hervorbringen, da
jede Definition willkürlich ist und keine notwendige Verbindung mit dem
Benannten hat. Dieser in der Auseinandersetzung mit aristotelischer Logik
verwendete Argumentationsgang hindert den Professor für Medizin Sanchez
allerdings daran, in seinem Fach (trotz großem Interesses an Beobachtung
und Experiment) eine empirische Position konsequent zu verfolgen, da für
ihn vollständige Erkenntnis sich immer auf ein unmittelbar gegenwärtiges
Ganzes beziehen muß, dessen kleinste Teile allerdings dem Menschen unerkennbar
bleiben, und sich somit die Natur jedes Dinges der Erkenntnis entzieht. Trotzdem
versucht Sanchez
die Entwicklung einer "wissenschaftlichen Methode", welche das wenige dem
Menschen sicher Bekannte systematisieren soll, selbst wenn dieser Methode
die letzte Gewißheit fehlt. Michel de Montaigne (1533-95) (übrigens
Sachez' Cousin) der wohl bekannteste Skeptiker der frühen Neuzeit entwickelt
seine Version eines fideistischen Skeptizismus in den zeitlebens überarbeiteten
Essays (publiziert ab 1580), in denen Gelehrsamkeit und literarische Brillianz
verschmelzen. In der Apologie für Raymond Sebond (1575-80), dem längsten
und philosophischtem Essay, vertritt Montaigne ausführlich seine pyrrhonistische
Position: Der Nichtigkeit menschlicher Natur ist Urteilsenthaltung (ohne
Angst vor Widerspruch) in intellektuellen Fragen am angemessensten. In praktischen
Belangen ist der Natur, der Gewohnheit und dem Gesetz zu folgen. Der Mensch
ist eine tabula rasa, die vom Finger Gottes jene Formen übernimmt, die
es ihm gerade gefällt einzudrücken. Montaignes Synthese aus stoischen,
skeptischen und epikureischen Elementen leistet einer fideistisch-toleranten
Haltung Vorschub, die Glaube und Vernunft deutlicher voneinander unterscheidbar
macht.
Die Entwicklung des Skeptizismus geht vom Ausdruck desreligiösen Fanatismus
(einer sich bewußt von der humanistischen dignitas hominis abgrenzenden
Haltung) in der ersten Hälfte des 16. Jh (Pico, Agrippa) zur montaigne'schen
Hoffnung auf ataraxia, zu jener inneren Ruhe, die der Erfinder des Essays
als Ziel seines Denkens ansah, die aber bei Descartes und Pascal viel eher
Unruhe und produktive Energie hervorbringt. Montaignes' nouveau Pyrrhonisme
wird zur Herausforderung für jede philosophisch relevante Neufundierung
menschlicher Erkenntnis. Der Skeptizismus des 16. Jh. lenkt die Aufmerksamkeit
der modernen Philosophie auf die Theorie des Wissens und der Erkenntnis; er
entwickelt sich im Schatten des Renaissance-Aristotelianismus und wird schrittweise
zur beherrschenden Fragestellung der Philosophie. Als der religiöse Fideismus
schließlich an Attraktivität verliert, trägt der religiöse
Skeptizismus schließlich maßgeblich zur Zersetzung judäo-christlicher
Vorstellungen bei.
Gianfrancesco Pico della Mirandola, Examen vanitatis doctrinae gentium (1520)
Agrippa von Nettesheim, De vanitate et incertitudine scientiarum atque artium
declamatio (1526)
Francisco Sánchez, Quod nihil scitur (1581)
Michel de Montaigne, Essays, besonders: Apologie für R. Sebond (1575-80)
Methodendiskussion
Die humanistische Bewegung des 15. Jh. entwickelt nicht nur eine Unzahl neuer
Informationen dem geistigen Leben Europas hinzugefügt (etwa über
die Divergenzen antiker Philosophenschulen), sondern auch neue methodische
Ansätze: es entwickeln sich allerdings neue Lösungsansätze,
das neuerworbene Wissen anhand einer einheitlichen Methode zu sichern und
zu strukturieren. Diese bislang lediglich ungenügend erforschte, der
kartesischen Philosophie vorangehende Methodensuche ist bislang unzureichend
erforscht Es wird sich zeigen, inwiefern diese Traditionen von höchster
Relevanz für die Genese des frühneuzeitlichen Denkens vor allem
im Hinblick auf die Findung einer einheitlichen Methode und Erkenntnisform
sind. Platos Phaidros (270 B-E) sowie die aristotelische Topik und Analytica
posteriora, stimulieren die Methodendiskussion des 16. Jh. . Die sokratische
Analogie zwischen Dialektik und Medizin lenkt das Augenmerk der frühneuzeitlichen
Denker auf Galens
Methodenlehre. Da der Begriff methodus zuerst durch Boethius in der Übersetzung
der aristotelischen Topik eingeführt wurde, und zudem Cicero an seiner
Stelle ratio verwendete, wird das unklassische Wort zunächst von Humanisten
wie etwa Leonardo Bruni (c.1369-1444) abgelehnt. Ebenso wie für die Antike
bedeutet methodus für die frühneuzeitlichen Denker eine Art von
Kunst, wobei im 16. Jh. jedoch verstärkt die Kriterien der Schnelligkeit,
Nützlichkeit und Effektivität in den Vordergrund rücken. Methode
ist als formale Operationsanweisung
gedacht, die der Organisation und Findung von Wissen zu dient. In Orientierung
und gleichzeitiger produktiver Abgrenzung von traditionellen methodologischen
Positionen (aristotelischen, platonischen, oratorischen, praktischen) entwickeln
sich neue stark divergierende Ansätze:
Der Ingenieur und Festungsarchitekt Jacopo Aconzio (1492-1566) steht in der
praktisch-technischen Tradition der Renaissance.
Seine Schrift De methodo (1558) ermöglicht einen leichtverständlichen
Einstieg in die anspruchsvolle Thematik. Für Aconzio besteht die Brauchbarkeit
der Wissenschaft nicht im Erkenntnisgewinn, sondern in ihrer praktischen Anwendung.
Jacopo Zabarella (1533-89), ein paduanischer Aristoteliker versucht in seinen
Opera logica (1578) einen methodischen Zugang zu wissenschaftlichen und medizinischen
Problemen. Die Kapitel De methodibus und De regressu erörtern ein für
die Methodologie der frühen Neuzeit charakteristisches Verfahren des
wissenschaftlichen Beweises, den sog. regressus demonstrativus, welchen Zabarella
aus der aristotelischen Analytica posteriora (1.13) entwickelt. Der Paduaner
unterscheidet zwischen dem methodus compositiva (dem Schluß von einer
bekannten Ursache auf eine unbekannte Wirkung) und dem methodus resolutiva
(dem Schluß von einer bekannten Wirkung auf eine unbekannte Ursache,
ein induktives Verfahren). Die erste Verfahrensweise gibt Auskunft über
die substantielle Beschaffenheit einer Sache, die zweite lediglich über
die akzidentelle, weshalb sie auch keine apodiktischen Beweise ermöglicht.
In Abgrenzung zu skeptizistischen Tendenzen sind für Zabarella beide
Verfahren zur Konstruktion einer gesicherten Naturphilosophie unerläßlich,
da die induktive Methode verhindert, daß im logischen Beweisverfahren
nicht einfach bloß bereits bekanntes Wissen neuverteilt wird, sondern
tatsächlich neue Daten erarbeitet werden. Als echter Aristoteliker beharrt
Zabarella auf der Wichtigkeit von Beobachtung und Erfahrung, vernachlässigt
aber die Rolle der Mathematik.
Eine wesentliche Hürde bei der Entwicklung einer einheitlichen wissenschaftlichen
Methode bildet jenes in der Renaissance-Philosophie
allgemein anerkannte aristotelische dictum, wonach sich das Erkenntnisvermögen
dem zu erkennenden Gegenstand anzupassen habe,demzufolge lediglich ein Methodenpluralismus
fähig ist, die Dinge der Welt hinreichend zu beschreiben (cfr. De anima
402a 10-22). Um eine einheitliche wissenschaftliche Methodik entwickeln zu
können, muß daher zuerst das in alle Bereiche der Wissenschaften
verzweigte aristotelische System außer Kraft gesetzt werden. Ein langwieriger
Prozeß, in dem Euklids' Elemente (in der Neuübersetzung durch Simon
Grynaeus 1533) in Zusammenhang mit platonischer Lichtmetaphysik (v. Liebe,
Materie) eine strategische Rolle zukommt,weil hier der Geometrie ein Modellcharakter
für alle anderen artes zugesprochen wird; sie erlaubt keinen rhetorischen
ornatus
und garantiert somit gesichertes Wissen. In seinen Dieci dialoghi della historia
(1560) versucht Francesco Patrizi (1529-97)
der den mos geometricus auf die Geschichtsschreibung zu übertragen, mit
der expliziten Absicht, die humanistische ars in eine exakte scientia zu verwandeln.
(v. Rhetorik) Im Gegensatz zum Aristoteliker Zabarella entsteht für den
Platoniker Patrizi Erkenntnis nicht aus sinnlicher Wahrnehmung, sondern aus
mentaler Tätigkeit, was die Vorrangstellung der Mathematik allen anderen
Wissenschaften gegenüber begründet. Alles Seiende ist ein Reflex
des göttlichen Lichtes, das zugleich sein Prinzip ist. Der Auf- und Abstieg
des Geistigen in diesem neuplatonisch geordneten Kosmos begreift das Geflecht
von Resolution und
Koposition als Ordnung der Welt; Konzeptionen, die in Patrizis Hauptwerk,
Nova de universis philosophia (1591) entwickelt werden.
Petrus Ramus (1515-72) versteht unter methodus eine Theorie des Beweises,
die er in Abhebung von der Kultur des Renaissancehumanismus und von der aristotelischen
Logik und Dialektik entwickelt. Ramus beschreibt in den Dialecticae institutiones
(1546) eine neuartige und an rhetorischen Paradigmen orientierte methodische
Verfahrensweise, eine bestimmte Art der dispositio ("Universelles vor Speziellem")
welche die gesamte Dialektik ersetzt und die Rolle der inventio in den Hintergrund
drängt, den für das folgende Jahrhundert folgenschwersten Lösungsansatz.
Das Urteil ist bei Ramus eine Frage der Anordnung, diese der Grundstein seiner
Methode. Die Rhetorik ist auf eine ornamentale Funktion reduziert, ratio und
orario logisch und methodisch unterscheidbare Größen.
Die verschiedenartigsten methodischen Ansätze und die Kontroverse um
ramistische Ideen bewirkte, daß Bacon und Descartes bei der Entwicklung
der modernen philosophischen Methode auf eine reiche und vielfältige
Literatur aus dem 16. Jh. zurückgreifen konnten. Nicht von ungefähr
ist der Discours de la Méthode Descartes erste veröffentlichte
Schrift: methodus war am Beginn des 17. Jh ein geflügeltes Wort.
Jacopo Aconzio, De methodo (1558)
Jacopo Zabarella,Opera logica (1578)
Francesco Patrizi, Dieci dialoghi della historia (1560)
ders., Nova de universis philosophia (1591)
Petrus, Ramus Dialecticae institutiones (1546)