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Susan Sontag (Susan Rosenblatt) - Ein Portrait, ein Interview, ein Artikel und Zitate

 

Susan Sontag Interview mit Don Swaim 1992 (42 min)

Bild (AP) und Ton Quelle Ohio University: http://wiredforbooks.org/susansontag/

 

Susan Sontag
 

*16.Januar 1933 in New York/USA, +28.Dezember 2004 in New York/USA

Stationen u.a.: Wird von den Großeltern aufgezogen. Studium Philosophie, Französisch, Literatur in Chicago. Promotion in Harvard. Kulturkritikerin. Schriftstellerin. Regisseurin. Lebensgefährtin der Fotografin Annie Leibovitz. Erliegt einem Krebsleiden.

Arbeitsgebiete: Essay, Erzählung, Roman, Theaterstück, Kritik

Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): Wilhelm-Heinse-Medaille (1979). National Book Award (2000). Jerusalem-Literaturpreis (2001). Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur (2003 - gemeinsam mit>Fatima Mernissi). Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen (2003). Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2003).

Veröffentlichungen (Auswahl): Against Interpretation/Kunst und Antikunst (1966). Der Wohltäter (1963). Todesstation (1967). Gelobtes Land (1973). Über Fotografie (1977). Aids und andere Metaphern (1989). The Volcano Lover/Der Liebhaber des Vulkans, Roman (1992). In America/In Amerika, Essay (1999/2002, Hanser - Übertragung Eike Schönfeld). Das Leiden anderer betrachten, Essay (2003, Hanser - Übertragung Reinhard Kaiser).

Ein Besuch bei Susan Sontag in New York

Ihre Essays sind in den kulturellen Kanon des 20. Jahrhunderts eingegangen. Doch Susan Sontag sieht sich selbst eher als Romanschriftstellerin. Eine polemische Streiterin in politischen Fragen ist sie gleichwohl geblieben; speziell seit dem elften September ist sie zur Zielscheibe patriotischer Hetze geworden. Ein Gespräch über ihr Werk, ihren neuen Roman und über Amerika.

Von Andrea Köhler

Der Himmel ist ihr Vermieter. Rechts der Hudson im silbrigen Blau des ersten Vorfrühlingstags, die Sicht aus dem Arbeitszimmer öffnet sich auf das offene Meer; weiter westlich leuchtet die Skyline von Midtown Manhattan im Vormittagsglanz; vor dem Schlafzimmerfenster ragt das Empire State Building in den zarten Dunst, als sei es nur für diesen Blick erbaut worden. Ein Penthaus in Chelsea, die Zimmer bis an die Decke mit Büchern verstellt. Viele Bilder (Stiche), Papier überall, «it's a mass», sagt Susan Sontag immer wieder, «it's a mass»; es klingt wie ein Zauberspruch. In einem Raum wartet, in braunes Packpapier eingeschlagen, ein riesiger Stapel mit Manuskripten auf seinen Abtransport ins Archiv einer New Yorker Universitätsbibliothek. Sie würde gern einen Platz haben «ganz ohne Bilder und Bücher und Möbel», einen Raum ohne die Spuren gelebten Lesens und Schreibens. Ein Zimmer in Weiss, wie leeres Papier, weiss, wie der Anfang. Das Telefon klingelt.

WALSERS ZWITSCHERN

«Ich bin die beste Kennerin deutscher Literatur, die kein Deutsch liest», sagt Susan Sontag vor dem Regal mit deutschsprachigen Autoren. Brecht, Celan, Canetti, Kafka, Kleist und Rilke, alle in Englisch, Autoren, über die sie geschrieben hat, viel Benjamin, der lange ihr Vorbild war. Alles hat sie von ihm gelesen und einen jener grossen Essays über ihn verfasst, die sie bekannt gemacht haben. «Im Zeichen des Saturn» wandeln die meisten ihrer Lieblingsschriftsteller; Cioran, W. G. Sebald, dem sie in den USA zu beträchtlichem Ruhm verholfen hat, Joseph Brodsky, mit dem sie befreundet war. Und Robert Walser, der liegt auf dem Nachttisch. Seine Stimme, «so licht, traurig und seltsam» (sein «Zwitschern», wie Walter Benjamin sagt), möchte sie um sich haben.

Sontag, Susan, geborene Rosenblatt, Essayistin, Schriftstellerin, Filmemacherin, Regisseurin, Verfasserin etlicher Kritiken und einiger Theaterstücke, ist ein Superstar. Was hat man ihr nicht für Namen gegeben: «The dark lady of American letters», «the Paganini of criticism», «a literary pinup», ja, «our Erasmus» (Carlos Fuentes). Ein Mythos sucht seine Täufer. Dass andere eine Ikone aus ihr gemacht haben (sagt sie), könne nicht ihr Problem sein (sagt sie), und eigentlich hat sie die Nase voll davon, sich ihres Rufes wegen dauernd zu rechtfertigen. Zu diesem Ruf gehört, dass sie selbst daran kräftig mitgewirkt hat; eine Meisterin der Selbstinszenierung ist sie immer gewesen - auch wenn sie jetzt gern ein wenig kokett die strenge Geistesarbeiterin spielt, die sich um ihren Leumund nicht sonderlich schert. Man kann es auch anders sagen: Susan Sontag hat als eine der Ersten die Gesetze der Medienkultur begriffen (wie sie so manches als eine der Ersten erkannt hat) und für sich zu nutzen gewusst. Daraus zu folgern, ihre Karriere beruhe auf ihrem Instinkt für Publicity, ihrem Riecher für die richtigen Themen und wichtigen Leute zur richtigen Zeit (wie es ihr zuweilen gern vorgeworfen wird), gehorcht derselben (sehr amerikanischen) Logik, mit der sie jetzt jede Verantwortung für ihre Reputation von sich weist. Dabei ist Susan Sontag nur dem grossen Versprechen dieser Nation gefolgt: Sie hat sich selber erfunden.

Dafür gibt es Gründe. Ihr Leben, wie es Carl Rollyson und Lisa Paddock in der ersten (nicht autorisierten) Biographie beschreiben: der Weg eines mit Schönheit und Selbstbewusstsein gesegneten «Wunderkindes». 1933 in New York geboren, verbringt Susan Sontag die ersten Jahre in der Obhut der Grosseltern; die Eltern leben in China, als Susan fünf ist, stirbt der Vater, die Mutter zieht (wegen der Asthmaanfälle der Tochter) mit ihr und der jüngeren Schwester nach Kalifornien. Mit zehn frisst sie sich durch Enzyklopädien, liest Poe und die Biographie von Marie Curie, die ihr Vorbild wird. Mit sechzehn geht sie auf die University of Chicago, wo sie bei Leo Strauss und Kenneth Burke Philosophie, Französisch und Literatur studiert, mit siebzehn ist sie verheiratet; aus dieser Ehe stammt ihr Sohn David. Es folgen Studien in Oxford, Berkeley und Harvard, wo sie bei Paul Tillich in Philosophie promoviert, dann kommt Paris, wo sie den französischen Existenzialismus und ihre grosse Liebe zum Kino entdeckt; eine Leidenschaft, die sie später selber zum Filmen verführte. 1959 lässt sie sich scheiden, geht nach New York; unterrichtet an der Columbia University (am Lehrstuhl von Jacob Taubes) Religion, schreibt ihren ersten Roman, «The Benefactor», ein von der französischen Moderne inspiriertes Prosastück, findet damit in Farrar, Straus and Giroux einen renommierten Verlag, erntet Respekt und Verlegenheit; bald publiziert sie selbst die ersten Kritiken in der «Partisan Review», einem Periodikum, in dem ihre intellektuellen Idole, Lionel Trilling, Hannah Arendt und Elisabeth Hardwick, publizierten. Mit «Notes on Camp», Reflexionen zur Dandy- Ästhetik, wird sie über Nacht bekannt. Eine neue Stimme wurde da hörbar, eigensinnig, kühn und ohne Scheu vor dem Grenzverkehr zwischen «highbrow art» und der populären Massenkultur. Eine Stimme, die ihrer eigenen Wahrnehmung traute, die die eigenen Affinitäten und Ambivalenzen zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtung machte. A star was born.

Es ist die Zeit, in der man mit Aufsätzen in eher abgelegenen akademischen Zeitschriften noch Furore machen konnte, die Zeit, «in der intellektuelle Frauen wie Simone Weil aussehen mussten». Susan Sontag sah anders aus. Ihr selbst, behauptet sie, sei gar nicht bewusst gewesen, wie schön sie damals gewesen sei, sie sehe das jetzt, beim Betrachten älterer Photographien, zum ersten Mal. Diese Bilder, aufgenommen von Irving Penn, Richard Avedon und Annie Leibowitz (mit der sie zusammenlebt), erschienen in Hochglanzblättern wie «Vogue» oder «Mademoiselle». Susan Sontag bewegt sich auch heute wie jemand, der sich seiner Ausstrahlung sehr bewusst ist, und die Kopfbewegung, mit der sie ihre Mähne wie mädchenhaft ins Gesicht fallen lässt und dann energisch zurückwirft, ist nicht einstudiert, aber effektsicher; wie die Namen, die sie beiläufig fallen lässt, wie das Telefon, dessen ununterbrochenes Klingeln unser Gespräch mit den Signalen der Wichtigkeit untermalt.

Der Sinn für effektvolle Auftritte ist ihr auch als Stilistin eigen. Susan Sontag beherrscht die Kunst des ersten Satzes. Sie hat Pointen geprägt: «Interpretation ist die Rache des Intellekts an der Kunst.» Ihr erster Essayband, «Against Interpretation» (1966), wo sie «für eine Erotik» (statt Hermeneutik) der Kunst plädiert, hat sie berühmt gemacht. «Styles of Radical Will» (1969), ein Essayband, in dem sie «die Ästhetik der Stille» und «die pornographische Imagination» untersucht, und «On Photography» (1977), wo sie Amerika als genuin surrealistisches Land, ja als «Freak Show» outet, sind als Standardtexte in die Essayistik des 20. Jahrhunderts eingegangen.

Susan Sontag hat Dinge zum Thema gemacht, die das öffentliche Bewusstsein veränderten. In dem Essayband «Krankheit als Metapher» (1978) analysierte sie den metaphorischen Hof, mit dem der Krebs (an dem sie selbst litt) umgeben war. Das Thema, die medizinische Kriegsmetaphorik und die heimliche Suggestion, die Kranken seien an ihrer Erkrankung selbst schuld, hat sie zehn Jahre später noch einmal am Beispiel von Aids verfolgt. In ästhetischen Streitschriften und politischen Polemiken hat Susan Sontag Ideen verfochten, die viele Entwicklungen geradezu prophetisch vorwegnahmen - auch darin war Benjamin ihr Idol. Sontags Essays gehören zum kulturellen Kanon. Sie selbst hält sich für die bessere Prosaschriftstellerin.

Fühlt sie so etwas wie eine Rivalität zwischen den Formen? Ja, das sei «eine sehr verschiedene Art zu denken» und «eine ganz unterschiedliche Beziehung zur Sprache». Beim Verfassen eines Essays ist sie «an einem sehr engen Platz mit nur einer Stimme», beim Schreiben eines Romans in einem offenen Raum mit vielen Gesichtern und lauter Ausgängen. Entgegen ihren meisten Kritikern glaubt sie, dass sie erst in den letzten zehn Jahren zu ihrer wahren schriftstellerischen Grösse gefunden habe, ja dass die beiden jüngsten Romane viel besser seien als alle Essays zusammengenommen. Die Freiheiten des Romanschreibens haben sie aus der Zwangsjacke des Geradeausargumentierens befreit. Sie fühlt sich «wie neugeboren», als habe sich eine Tür geöffnet. «Fiction is flying.» Theorien bleiben an einem hängen.

ICH, ETC.

Sontags Leben böte den Stoff für einige Kapitel im «Who's who» der intellektuellen Welt; der Stoff reichte aus für viele Romane (wenn man so rechnen kann). Vier epische Werke und einen Band mit Short Storys, «I, etcetera» (1978), hat Sontag geschrieben, ausser dem Erstling «The Benefactor» (1963) noch den Roman «Death Kit» (1967) und «The Volcano Lover» (1992). Und jetzt, soeben auf Deutsch erschienen, den Roman «In America», eine Emigrantengeschichte, die das Schicksal der polnischen Theaterdiva Helena Modrzejewska zur Vorlage hat. «In Amerika» ist ein romantisches Melodram, das mit schummrigem Gaslicht, lodernden Leidenschaften und seinem nostalgischen Setting Sontags an der Moderne geschulten Massstäben eigentlich nicht ganz genügen dürfte; eine dramatische Liebesgeschichte, die (wie «Der Liebhaber des Vulkans») aus einer Dreierkonstellation ihre Dynamik gewinnt. Eine Erzählung über den Wunsch, sich selbst zu erfinden, ein Buch zum Schwelgen. In den USA hat der Roman den «National Book Award», den obligaten Plagiatsvorwurf, viel Lob und ein paar gereizte Kritiken eingebracht.

Sie wollte einen Roman über eine Person schreiben, die, «wie viele Stars, das Versagen hasst, die ihr Leben so arrangiert, dass sie stets triumphiert» - «she is a winner». Sie sei selbst «eine versteckte Schauspielerin», hat Sontag unlängst in einem Interview mitgeteilt. Autobiographische Anteile? «Ich bin nicht an mir selbst, ich bin an der Welt interessiert.» Eine Parabel auf unsere Zeit, auf das Ende der Utopien, auf das moderne Amerika? «Ich schreibe nicht über Ideen, sondern aus der Tiefe des Raums heraus.» Romane schreiben bedeutet, «die Kapazität für unsere Innerlichkeit (das prononciert sie auf Deutsch) zu erweitern». Wobei es grundsätzlich zwei Möglichkeiten gebe, die Imagination auszuschreiten: entweder eine Welt zu entwerfen mit allen Verwicklungen, Charakteren, dramatischen Konstellationen (wie sie es in «In Amerika» und auch im «Volcano Lover» getan hat) oder mit einer Stimme zu sprechen, in einem individuellen Bewusstseinsraum zu operieren. Wie Robert Walser zum Beispiel, wie W. G. Sebald, die eher «die Kunst des Verlierens» zum Thema gemacht haben.

Ihre Vorliebe für den historischen Faltenwurf erklärt Susan Sontag gern mit der «unglaublichen Freiheit», die das historische Personal und der lange Atem der Geschichte der Phantasie gewähren. Für den «Liebhaber des Vulkans» hat sie diesbezüglich eher Schelte bezogen: Salon-Plüsch und Aristokraten-Kitsch hat man ihr vorgeworfen; Anwürfe, die ihr auch bei dem neuen Buch nicht ganz erspart bleiben dürften. Denn die Spannung zwischen dem malerischen Arrangement des historischen Stoffs und den Einflüsterungen der Gegenwart, zwischen dem sonoren Sound des 19. Jahrhunderts und den Tücken eines aufgeklärten Erzählerbewusstseins hat sie nicht durchgehalten; der Mittelteil des Romans ist den Figuren (und besonders dem Starkult um die Bühnengöttin) allzu verfallen.

Die fehlende Durchlässigkeit für die sich kreuzenden Stimmen aus dem Hier und dem Früher hat möglicherweise etwas mit Susan Sontags Arbeitsweise zu tun. Die Romanproduktion «schreitet strikt voran», und auch wenn sie ein Kapitel mehrfach umschreibt, hat die Entwicklung, die die Geschichte nimmt, auf das Geschriebene keinen Einfluss mehr: «Wenn ein Kapitel fertig ist, ist es fertig.» Dabei räumt die Autorin ihrem Personal grosse Freiheiten ein; wie viele Schriftsteller neigt sie dazu, das Eigenleben ihrer Protagonisten ein wenig zu überschätzen: «Wichtig ist nicht, was ich denke, sondern die Meinung, die meine Figuren haben.» Und selbst wenn sie, wie in «In Amerika», die Erzählerstimme mit Details aus ihrer Biographie versieht (und ihre Vorfahren, wie die Emigranten des Buches, polnisch-jüdischer Herkunft sind), lehnt die Romanautorin alle selbstbezüglichen Rückschlüsse vehement ab. «Man kann nicht das Leben benutzen, um das Werk zu interpretieren», hat sie über Benjamin geschrieben, aber man kann das Werk heranziehen, um das Leben zu interpretieren.

GEGEN INTROSPEKTION

Susan Sontag ist bekannt dafür, dass sie der Introspektion psychologischer Provenienz nicht freundlich gesinnt ist; in Fragen der eigenen Poetologie kleidet sie ihren Scharfsinn zuweilen gern in die Proklamation grosser Gefühle. «Die beiden Pole modernen Fühlens sind Nostalgie und Utopie», hat sie einmal (in einem anderen Kontext) geschrieben; zwei Termini, mit denen ihr jüngster Roman ganz gut auf den Begriff gebracht werden könnte. Doch gefragt, welchen Einfluss diese Diagnose auf ihre Wahl historischer Stoffe und deren Gestaltung hat, wiegelt sie ab: «Solche Sätze fliegen mir zu. Ich weiss auch nicht woher, und ich verbringe dann dreissig Jahre damit, einen Satz zu verteidigen. Wenn ich etwas gesagt habe, sollte ich es hinter mir lassen dürfen, indem ich diesen Satz gesagt habe, habe ich meinen Job getan.» Um Widersprüche hat sie sich nie geschert; auch das hat man ihr immer vorgehalten. Leidenschaftlich verficht sie das Recht, sich permanent neu erfinden zu können: «Das ist das Amerikanischste an mir.»

Das Amerikanischste an ihr wird ihr nun besonders gern als Inkonsequenz ausgelegt, wenn nicht gleich als «Antiamerikanismus». Die Rezension ihres letzten Buches in der «New York Times» ist mit einer unverhohlenen Feindseligkeit geschlagen, die alle Kategorien, Sontags Selbsteinschätzung, Karriere, Moral, Auftritte und Ästhetik konsequent durcheinander wirft; Sontags «Europhilie» genügt mittlerweile als Ausweis für ihren «Antiamerikanismus». Alle hielten Susan Sontag für eine führende Intellektuelle, höhnt der Kritiker der Essays, die letzten Herbst unter dem Titel «Where the Stress Falls» erschienen sind, alle ausser den «wahren amerikanischen Intellektuellen».

Als wahre amerikanische Intellektuelle, deren grosse Zeit Ende der siebziger Jahre vorbei war, wird sie freilich auch in Europa häufig gehandelt; besonders ihr Engagement in Bosnien hat man ihr hämisch als Vorwand für eine Selbstinszenierung ausgelegt. Nicht nur dass Susan Sontag in den Ruinen von Sarajewo ihre eigenwillige Lesart von Becketts «Godot» zur Aufführung brachte, wird ihr (auch hierzulande) als Anmassung angekreidet, sondern dass sie seither gern betont, dass sie weiss, wie ein Krieg aussieht. Die Feindseligkeit aber, die ihr nach ihrem ersten Artikel zum elften September entgegenschlug, hat alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt. Der Text, der im «New Yorker» (und auch in der «FAZ») erschien, war ein Schnellschuss, ein Pamphlet, das, wie Sontag wenig später klarstellte, aus dem Entsetzen geboren und von einer «Überdosis CNN» befeuert war. Ihre Polemik gegen die Kriegstreiberrhetorik der Berichterstattung und ihre (in der Tat etwas verfrühte) Aufforderung, die Ursachen für den Hass auf Amerika auch in der Politik der USA zu suchen, haben einen Sturm der Entrüstung verursacht. In einem zweiten Artikel (der nicht annähernd so viel Beachtung fand) hat Susan Sontag ihre Ansichten differenziert (und zum Teil auch zurückgenommen). «Ich habe nicht gesagt, dass die USA an den Attentaten selbst schuld sind, ich habe lediglich dafür plädiert, die Ursachen zu verstehen», verteidigt sie sich, «aber Differenzierungen sind im Augenblick nicht gefragt.» Jede kritische Frage werde sogleich als Radikalismus verschrien. «Ein Witz.» Sie weiss, was radikale Ansichten sind, «ich habe früher mal welche vertreten».

Dabei sind ihre Kritiker selber nicht gerade zimperlich. «Was haben Usama bin Ladin, Saddam Hussein und Susan Sontag gemeinsam?», fragte die Wochenzeitung «New Republic» suggestiv und annoncierte: «Alle drei wollen Amerika zerstören.» Als «Verräterin» ist sie in die Schlagzeilen gekommen, Morddrohungen hat sie erhalten, und die Hatz hat seitdem nicht aufgehört. Dabei sagt sie Dinge, die inzwischen auch in der Zeitung zu lesen sind: «Dies ist ein selbstgerechtes Land geworden, das besoffen von seiner eigenen Macht ist und seinen Kreuzzug gegen den Feind im Alleingang durchführen wird.» Die äusserste Rechte sei jetzt das Zentrum, klagt sie, auch alle Intellektuellen seien komplett umgeschwenkt; es gebe so gut wie überhaupt keine kritischen Stimmen mehr. «Die traditionellen Formen der Debatte, jede Form von Internationalismus gelten als unpatriotisch»; kritische Stimmen, wie die der Schriftstellerin Arundhati Roy, würden in diesem Land erst gar nicht gedruckt. Doch das Hauptproblem sei nicht etwa die Zensur, «die schlimmste Form der Zensur, die Selbstzensur, hat längst in den Köpfen gesiegt».

Es sind Schriftsteller wie Susan Sontag, deren analytischer Furor in Zeiten der Selbstzensur gebraucht wird, ihre Entflammbarkeit, ihr Enthusiasmus, ihre Unerschrockenheit, ihre polemische Kraft. Susan Sontag wird nächstes Jahr siebzig Jahre alt. Es hält jung, den Traum vom weissen Zimmer, das Recht auf Selbsterfindung zu wahren. Es war bis vor kurzem der amerikanische Traum.

Carl Rollyson / Lisa Paddock: Susan Sontag. The Making of an Icon. W. W. Norton & Company, New York 2000.

16. März 2002, 02:15, Neue Zürcher Zeitung

 

"Unsere Stärke wird uns nicht helfen"
Susan Sontag über Amerikas Selbstbetrug

Amerika unter Schock: Die falsche Einstimmigkeit der Kommentare / Von Susan Sontag

Als entsetzter und trauriger Amerikanerin und New Yorkerin scheint es mir, als sei Amerika niemals weiter von der Wirklichkeit entfernt gewesen als am letzten Dienstag, dem Tag, an dem ein Übermaß an Wirklichkeit auf uns einstürzte. Das Mißverhältnis zwischen den Ereignissen und der Art und Weise, wie sie aufgenommen und verarbeitet wurden, auf der einen Seite und dem selbstgerechten Blödsinn und den dreisten Täuschungen praktisch aller Politiker (mit Ausnahme von Bürgermeister Giuliani) und Fernsehkommentatoren (ausgenommen Peter Jennings) auf der anderen Seite, ist alarmierend und deprimierend. Die Stimmen, die zuständig sind, wenn es gilt, ein solches Ereignis zu kommentieren, schienen sich zu einer Kampagne verschworen zu haben. Ihr Ziel: die Öffentlichkeit noch mehr zu verdummen.

Wo ist das Eingeständnis, daß es sich nicht um einen "feigen" Angriff auf die "Zivilisation", die "Freiheit", die "Menschlichkeit" oder die "freie Welt" gehandelt hat, sondern um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzige selbsternannte Supermacht der Welt; um einen Angriff, der als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten unternommen wurde? Wie vielen Amerikanern ist bewußt, daß die Amerikaner immer noch Bomben auf den Irak werfen? Und wenn man das Wort "feige" in den Mund nimmt, dann sollte es besser auf jene angewandt werden, die Vergeltungsschläge aus dem Himmel ausführen, und nicht auf jene, die bereit sind, selbst zu sterben, um andere zu töten. Wenn wir von Mut sprechen, der einzigen moralisch neutralen Tugend, dann kann man den Attentätern - was immer sonst auch über sie zu sagen wäre - eines nicht vorwerfen: daß sie Feiglinge seien.

Unsere politische Führung redet uns entschlossen ein, alles sei in Ordnung. Amerika fürchtet sich nicht. Unser Geist ist ungebrochen. "Sie" werden aufgespürt und bestraft werden (wer immer "sie" sind). Wir haben einen Präsidenten, der uns wie ein Roboter immer wieder versichert, daß Amerika nach wie vor aufrecht steht. Von vielen Personen des öffentlichen Lebens, die die Außenpolitik der Regierung Bush noch vor kurzem heftig kritisiert haben, ist jetzt nur noch eines zu hören: daß sie, gemeinsam mit dem gesamten amerikanischen Volk, vereint und furchtlos hinter dem Präsidenten stehen. Die Kommentatoren berichten, daß man sich in psychologischen Zentren um die Trauernden kümmert. Natürlich werden uns keine gräßlichen Bilder davon gezeigt, was den Menschen zugestoßen ist, die im World Trade Center gearbeitet haben. Solche Bilder könnten uns ja entmutigen. Erst zwei Tage später, am Donnerstag (auch hier bildete Bürgermeister Guiliani wieder eine Ausnahme), wurden erste öffentliche Schätzungen über die Zahl der Opfer gewagt.

Es ist uns gesagt worden, daß alles in Ordnung ist oder zumindest wieder in Ordnung kommen wird, obwohl der Dienstag als Tag der Niedertracht in die Geschichte eingehen wird und Amerika sich nun im Krieg befindet. Nichts ist in Ordnung. Und nichts hat dieses Ereignis mit Pearl Harbor gemein. Es wird sehr gründlich nachgedacht werden müssen - und vielleicht hat man ja damit in Washington und anderswo schon begonnen - über das kolossale Versagen der amerikanischen Geheimdienste, die Zukunft der amerikanischen Politik besonders im Nahen Osten und über vernünftige militärische Verteidigungsprogramme für dieses Land. Es ist aber klar zu erkennen, daß unsere Führer - jene, die im Amt sind; jene, die ein Amt begehren; jene, die einmal im Amt waren - sich mit der willfährigen Unterstützung der Medien dazu entschlossen haben, der Öffentlichkeit nicht zuviel Wirklichkeit zuzumuten. Früher haben wir die einstimmig beklatschten und selbstgerechten Platitüden sowjetischer Parteitage verachtet. Die Einstimmigkeit der frömmlerischen, realitätsverzerrenden Rhetorik fast aller Politiker und Kommentatoren in den Medien in diesen letzten Tagen ist einer Demokratie unwürdig.

Unsere politischen Häupter haben uns auch wissen lassen, daß sie ihre Aufgabe als Auftrag zur Manipulation begreifen: Vertrauensbildung und Management von Trauer und Leid. Politik, die Politik einer Demokratie - die Uneinigkeit und Widerspruch zur Folge hat und Offenheit fördert, ist durch Psychotherapie abgelöst worden. Laßt uns gemeinsam trauern. Aber laßt nicht zu, daß wir uns gemeinsam der Dummheit ergeben. Ein Körnchen historischen Bewußtseins könnte uns dabei helfen, das Geschehene und das Kommende zu verstehen. "Unser Land ist stark", wird uns wieder und wieder gesagt. Ich finde dies nicht unbedingt tröstlich. Wer könnte bezweifeln, daß Amerika stark ist? Aber Stärke ist nicht alles, was Amerika jetzt zeigen muß.

Aus dem Amerikanischen von Julika Griem.

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, Jahrgang 1933, wurde durch ihre Essaysammlung "Against Interpretation" (1966) bekannt. Im letzten Jahr erschien ihr Roman "In America". Sie gehört derzeit zu den Gästen der American Academy in Berlin, wo sie sich am 11. September aufhielt. Während sie auf die Möglichkeit, nach New York zurückzureisen, wartet, hat sie ihre Eindrücke zusammengefaßt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2001, Nr. 215 / Seite 45

Zwischen den Polen von Alt und Neu

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag sprach gestern Sonntag in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt über die Kluft zwischen Europa und Amerika.Von Susan SontagSehr geehrter Herr Bundesminister, sehr geehrte Frau Staatsministerin Weiss, sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Exzellenzen, verehrte Gäste, liebe Kollegen und Freunde - und unter diesen: lieber Ivan Nagel!

Hier in der Paulskirche vor Ihnen zu sprechen, den Preis entgegenzunehmen, den der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in den vergangenen dreiundfünfzig Jahren so vielen Schriftstellern, Denkern und hervorragenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verliehen hat, die ich bewundere - an diesem geschichtsträchtigen Ort und bei diesem Anlass zu sprechen, ist eine Erfahrung, die bescheiden macht und zugleich inspiriert. Umso mehr bedauere ich die Abwesenheit des Botschafters der Vereinigten Staaten, Mr. Daniel Coats, der schon im Juni, gleich nach der Bekanntgabe des diesjährigen Friedenspreisträgers, die Einladung des Börsenvereins zu der heutigen Veranstaltung abgelehnt hat und auf diese Weise deutlich macht, dass ihm an einer Bekräftigung der ideologischen Position und des verbitterten Unmuts der Regierung Bush mehr liegt als daran, die Interessen und das Ansehen seines - und meines - Landes zu vertreten, indem er seiner Diplomatenpflicht nachkommt.Botschafter Coats hat es vermutlich deshalb vorgezogen, nicht zu kommen, weil ich mich in Zeitungs- und Fernsehinterviews und in kurzen Zeitschriftenartikeln kritisch über die neue radikale Tendenz der amerikanischen Aussenpolitik geäussert habe, wie sie in der Invasion des Irak und seiner Besetzung zum Ausdruck kommt. Er sollte jedoch, wie ich finde, hier sein, weil eine Bürgerin des Landes, das er in Deutschland vertritt, mit einem wichtigen deutschen Preis geehrt worden ist.Ein amerikanischer Botschafter hat die Aufgabe, sein Land zu repräsentieren - das ganze Land. Ich dagegen repräsentiere selbstverständlich nicht ganz Amerika und nicht einmal jene ansehnliche Minderheit, die dem imperialen Programm von Mr. Bush und seinen Beratern die Zustimmung verweigert. Mir gefällt die Vorstellung, dass ich nichts weiter repräsentiere als die Literatur, eine bestimmte Idee von Literatur, und das Gewissen, eine bestimmte Idee von Gewissen oder Pflicht. Aber im Gedanken an die Urkunde, die diesen Preis eines wichtigen europäischen Landes begleitet und in der ich als «intellektuelle Botschafterin zwischen den beiden Kontinenten» bezeichnet werde, kann ich nicht umhin, einige Überlegungen zu der viel berufenen Kluft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten anzustellen, die angeblich durch das, was mich interessiert und fasziniert, überbrückt wird.Aber handelt es sich überhaupt um eine Kluft, die sich noch überbrücken lässt? Geht es nicht auch um einen tiefen Konflikt? Zornige, abschätzige Äusserungen über Europa, über bestimmte europäische Länder, sind in der politischen Rhetorik Amerikas heute gang und gäbe; und hier in Europa, zumindest in den reichen Ländern im westlichen Teil des Kontinents, sind antiamerikanische Gefühle weiter verbreitet, lauter und ungehemmter vernehmbar als je zuvor. Was hat es mit diesem Konflikt auf sich? Hat er tiefere Wurzeln? Ich glaube, ja.Schon immer bestand ein latenter Antagonismus zwischen Europa und Amerika, der mindestens so komplex und ambivalent war wie der zwischen Eltern und Kind. Die Vereinigten Staaten sind ein neoeuropäisches Land, und bis vor wenigen Jahrzehnten war der grösste Teil seiner Bevölkerung europäischer Herkunft. Trotzdem waren es immer die Unterschiede zwischen Europa und Amerika, die den besonders scharfsichtigen ausländischen Beobachtern auffielen: dem Franzosen Alexis de Tocqueville, der die junge Nation 1831 besuchte und dann in seine Heimat zurückkehrte, um «Über die Demokratie in Amerika» zu schreiben, auch nach hundertsiebzig Jahren immer noch das beste Buch über mein Land, das es gibt, ebenso wie D. H. Lawrence, der vor achtzig Jahren das interessanteste Buch über die amerikanische Kultur veröffentlichte, das je erschienen ist, seine ebenso einflussreichen wie irritierenden Studien zur klassischen amerikanischen Literatur. Beide erkannten, dass Amerika, das Kind Europas, auf dem Weg war, sich zur Antithese Europas zu entwickeln oder schon dazu geworden war.Rom und Athen. Mars und Venus. Jene Autoren, die in letzter Zeit in populären Traktaten die Vorstellung von einem unvermeidlichen Zusammenprall europäischer und amerikanischer Interessen und Werte entwickeln, haben diese Antithesen nicht erfunden. Europäer haben über ihnen gegrübelt - und sie liefern die Palette, das Leitmotiv für einen grossen Teil der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts von James Fenimore Cooper und Ralph Waldo Emerson bis zu Walt Whitman, Henry James, William Dean Howells und Mark Twain. Amerikanische Unschuld und europäisches Raffinement; amerikanischer Pragmatismus und europäischer Intellektualismus; amerikanische Tatkraft und europäischer Weltschmerz; amerikanische Unverdorbenheit und europäischer Zynismus; amerikanische Gutmütigkeit und europäische Boshaftigkeit; amerikanischer Moralismus und europäisches Kompromisslertum - Sie alle kennen die Melodien.Man kann zu ihnen unterschiedliche Choreografien entwerfen, und zwei wild bewegte Jahrhunderte lang sind sie in allen erdenklichen Akzentuierungen und Figuren abgetanzt worden. Europafreunde können sich dieser ehrwürdigen Antithesen bedienen, um Amerika mit geschäftstüchtiger Barbarei und Europa mit erhabener Kultur gleichsetzen, während die Europafeinde gern auf das Klischee zurückgreifen, Amerika stehe für Idealismus, Offenheit und Demokratie, Europa dagegen für kraftlose, hochnäsige Überfeinerung. Tocqueville und Lawrence haben jedoch etwas viel Brisanteres beobachtet: nicht bloss eine Unabhängigkeitserklärung gegenüber Europa und seinen Werten, sondern eine Tendenz, die europäischen Werte und die Macht Europas zu untergraben und abzutöten. «Man bekommt nie etwas Neues, ohne etwas Altes kaputt zu machen», schrieb Lawrence. «Nun war aber Europa das Alte. Amerika sollte das Neue sein. Das Neue ist der Tod des Alten.» Amerika, so prophezeite Lawrence, habe es sich zur Aufgabe gemacht, Europa zu zerstören, und zwar mittels der Demokratie - vor allem mittels der kulturellen Demokratie, der Demokratie der Umgangsformen. Und wenn es diese Aufgabe erfüllt habe, schrieb Lawrence, werde sich Amerika möglicherweise von der Demokratie ab- und etwas anderem zuwenden. (Was dieses Andere sein könnte, wird vielleicht in unseren Tagen langsam deutlich.)Ich bitte um Nachsicht, wenn ich mich hier ausschliesslich auf die Literatur berufe. Aber eine Funktion der Literatur - der wichtigen, notwendigen Literatur - besteht ja darin, dass sie prophetisch ist. Im Grunde genommen haben wir es hier mit dem alten Literatur- oder Kulturstreit zwischen den Alten und den Modernen zu tun.Die Vergangenheit ist (oder war) Europa, und Amerika wurde auf der Idee eines Bruchs mit dieser Vergangenheit gegründet, die als hinderliche, verdummende Last und - in ihren Formen von Ehrerbietung und ihrem Sinn für Rangordnung, in ihren Kriterien für das, was überlegen und am besten sei - als durch und durch undemokratisch erscheint, als «elitär», wie man heute meist sagt. Diejenigen, die einem triumphalen Amerika das Wort reden, deuten dabei immer wieder an, dass amerikanische Demokratie auch bedeutet, Europa abzulehnen und sich eine Art befreiendes, heilsames Barbarentum zu Eigen zu machen. Auch wenn Europa von den meisten Amerikanern heute eher für sozialistisch als für elitär gehalten wird, bleibt es nach amerikanischen Massstäben doch ein rückschrittlicher Kontinent, der sich hartnäckig an alte Massstäbe klammert: an den Wohlfahrtsstaat. «Make it new» ist nicht nur ein Motto für die Kultur; es steht auch für einen immer weiter um sich greifenden, weltumspannenden Wirtschaftsapparat.Wenn nötig, lässt sich jedoch das «Alte» auch umtaufen und als «Neues» deklarieren.Es ist kein Zufall, dass der energische amerikanische Verteidigungsminister einen Keil zwischen die Länder Europas zu treiben versuchte, indem er auf unvergessliche Art zwischen dem «alten» (schlechten) und dem «neuen» (guten) Europa unterschied. Wie konnte es geschehen, dass Deutschland, Frankreich und Belgien dem «alten» Europa zugerechnet wurden, während sich Spanien, Italien, Polen, die Ukraine, die Niederlande, Ungarn, Tschechien und Bulgarien im «neuen» Europa wiederfanden? Die Antwort lautet: Wer die Vereinigten Staaten bei ihren gegenwärtigen Bemühungen um eine Ausdehnung ihrer politischen und militärischen Macht unterstützt, gehört damit per se in die bevorzugte Kategorie des «Neuen». Wer mit uns ist, ist «neu».Alle modernen Kriege, auch wenn ihre Motive die herkömmlichen sind, etwa das Streben nach territorialer Vergrösserung oder nach Aneignung knapper Ressourcen, werden als Zusammenstösse von Zivilisationen - als Kulturkriege - inszeniert, wobei jede Seite sich auf ein höheres Recht beruft und die andere Seite für barbarisch erklärt. Der Feind ist unweigerlich eine Bedrohung «unserer Lebensweise» - er ist ein Ungläubiger, ein Schänder, ein Beschmutzer, der höhere oder bessere Werte besudelt. Der derzeitige Krieg gegen die sehr reale Bedrohung, die vom militanten islamischen Fundamentalismus ausgeht, ist dafür ein besonders deutliches Beispiel. Bemerkenswert ist allerdings, dass die gleichen Formen von Geringschätzung in abgemilderter Form auch dem Antagonismus zwischen Europa und Amerika zu Grunde liegen. Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch daran erinnern, dass, historisch betrachtet, die bösartigste antiamerikanische Rhetorik, die in Europa je zu hören war und die im Wesentlichen auf den Vorwurf hinauslief, Amerikaner seien Barbaren, nicht etwa von der so genannten Linken, sondern von der extremen Rechten ausging. Sowohl Hitler als auch Franco liessen sich mehrfach über ein Amerika (und ein Weltjudentum) aus, das mit seinen niedrigen, auf nichts als Geschäftemacherei gerichteten Wertvorstellungen die europäische Kultur verderben wolle.Natürlich bewundert ein grosser Teil der öffentlichen Meinung in Europa auch weiterhin die amerikanische Tatkraft und die amerikanische Vorstellung von «Modernität». Und natürlich hat es in Amerika immer Anhänger und Anhängerinnen der kulturellen Ideale Europas gegeben (eine solche steht hier vor Ihnen), die die alten Künste Europas als eine Befreiung und als Korrektiv gegenüber dem betriebsamen Unternehmergeist der amerikanischen Kultur empfanden. Und auf europäischer Seite gab es immer das Pendant zu solchen Amerikanern: Europäer, die sich von den Vereinigten Staaten gerade wegen ihrer Verschiedenheit von Europa fasziniert, verzaubert und zutiefst angezogen fühlen.Die heutige Sicht der Amerikaner läuft fast auf eine Umkehrung des europhilen Klischees hinaus: Sie betrachten sich als Verteidiger der Zivilisation. Die Barbarenhorden stehen nicht mehr draussen vor den Toren. Sie sind nun drinnen, in jeder reichen Stadt, und sinnen dort auf Tod und Zerstörung. Deshalb müssen die «Schokolade fabrizierenden» Länder (Frankreich, Deutschland, Belgien) beiseite treten, während ein Land voller «Willensstärke» - und mit Gott an seiner Seite - die Schlacht gegen den Terrorismus schlägt (der inzwischen mit der Barbarei in eins gesetzt wird). Aussenminister Powell zufolge ist es lächerlich, wenn das alte Europa eine Rolle in Politik und Verwaltung der von der Siegerkoalition eingenommenen Gebiete spielen will. Dieses Europa verfüge weder über die militärischen Mittel noch über den nötigen Sinn für die Anwendung von Gewalt, und obendrein fehle ihm auch die Unterstützung seiner verwöhnten, allzu friedfertigen Bevölkerungen. Den Amerikanern stehe all dies reichlich zu Gebote. Den Europäern hingegen mangele es an missionarischem - oder kriegerischem - Eifer.Manchmal muss ich mich kneifen, um sicher zu sein, dass ich nicht träume: Der Vorwurf, den viele Menschen in Amerika Deutschland heute machen, diesem Deutschland, das fast ein Jahrhundert lang solche Schrecken über die Welt gebracht hat, man könnte auch sagen: Das neue «deutsche Problem» besteht nun offenbar darin, dass sich die Deutschen vom Krieg abgestossen fühlen, dass ein grosser Teil der öffentlichen Meinung im heutigen Deutschland praktisch pazifistisch ist!Waren Amerika und Europa denn nie Partner, nie Freunde? Doch, das waren sie. Aber vielleicht waren die Perioden der Einigkeit - der Einmütigkeit - eher eine Ausnahme als die Regel. Eine solche Ausnahmephase war die Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Anfängen des Kalten Krieges, als die Europäer Amerika für seine Einmischung, seinen Beistand und seine materielle Hilfe zutiefst dankbar waren. Die Amerikaner sehen sich gern in der Rolle des Retters von Europa. Deshalb erwartet Amerika von den Europäern eine ewige Dankbarkeit, nach der den Europäern im Augenblick jedoch nicht der Sinn steht.Aus der Sicht des «alten» Europa ist Amerika dabei, die Bewunderung - und die Dankbarkeit - zu verspielen, die die meisten Europäer einmal empfunden haben. Die gewaltige Woge der Sympathie für die Vereinigten Staaten nach dem Angriff vom 11. September 2001 war echt. Doch dann folgte eine zunehmende Entfremdung auf beiden Seiten.Die Bürger der reichsten und mächtigsten Nation in der Geschichte müssen sich klar machen, dass Amerika geliebt und beneidet, aber auch mit Groll betrachtet wird. Nicht wenige von ihnen erfahren bei Reisen ins Ausland, dass Amerikaner in den Augen vieler Europäer als raubeinig, ungehobelt, unkultiviert gelten, und zögern nicht, diese Einschätzungen als einen Ausdruck von Ressentiment gegenüber den Kolonisten von ehedem zu deuten. Und manche kultivierten Europäer, die sich anscheinend besonders gern in den Vereinigten Staaten aufhalten oder dort leben, bescheinigen diesem Land auf eine seltsam herablassende Art die befreienden Vorzüge einer Kolonie, in der man die «daheim» geltenden Beschränkungen und die aus der dortigen Kultiviertheit erwachsenden Bürden abschütteln kann. Ich erinnere mich, wie mir ein deutscher Filmemacher, der zeitweise in San Francisco lebte, eines Tages erklärte, warum er so gern in den Staaten sei: «Weil ihr hier überhaupt keine Kultur habt.» Für etliche Europäer war Amerika die Rettung. Und umgekehrt: Für Generationen von Amerikanern auf der Suche nach «Kultur» war Europa die Rettung. Ich spreche hier natürlich nur von Minderheiten - privilegierten Minderheiten.So kommt es, dass Amerika sich heute als Verteidiger der Zivilisation und Retter Europas sieht und sich gleichzeitig fragt, warum die Europäer das nicht begreifen; die Europäer wiederum sehen Amerika als einen rücksichtslosen Kriegerstaat, was die Amerikaner ihrerseits veranlasst, Europa als einen Feind Amerikas zu betrachten: Europa täusche seinen Pazifismus nur vor, so hört man in den Vereinigten Staaten immer häufiger, um in Wirklichkeit an einer Schwächung der Macht Amerikas mitzuwirken. Vor allem Frankreich, so glaubt man, sei bestrebt, Amerika auf der Ebene der Weltpolitik ebenbürtig zu werden oder gar den Rang abzulaufen. «Die Operation Amerika muss scheitern», lautet das Motto, das ein Kolumnist der «New York Times» für das französische Vormachtstreben erfunden hat. Stattdessen täte auch Frankreich besser daran, zu erkennen, dass eine amerikanische Niederlage im Irak die «radikalen muslimischen Gruppen von Bagdad bis in die muslimischen Slums von Paris» in ihrem Jihad gegen Toleranz und Demokratie ermutigen würde.Den Menschen fällt es schwer, die Welt nicht in polarisierenden Kategorien («die» und «wir») zu sehen. Diese Kategorien haben in der Vergangenheit die isolationistischen Tendenzen der amerikanischen Aussenpolitik so gestärkt, wie sie jetzt deren imperialistische Tendenzen stärken. Die Amerikaner haben sich daran gewöhnt, die Welt als eine Welt von Feinden wahrzunehmen. Diese Feinde sind anderswo, denn gekämpft wird fast immer over there - «drüben», auch nachdem der islamische Fundamentalismus den russischen und den chinesischen Kommunismus als Bedrohung «unserer Lebensweise» abgelöst hat. Und das Wort Terrorist lässt sich noch flexibler verwenden als das Wort Kommunist. Es kann eine noch grössere Zahl unterschiedlicher Auseinandersetzungen und Interessen unter einen Hut bringen, und das bedeutet: Der Krieg gegen den Terrorismus wird möglicherweise nie enden, denn Terrorismus wird es immer geben (so wie es immer Armut und Krebs geben wird); immer wird es asymmetrische Konflikte geben, in denen die schwächere Seite diese Form von Gewalt anwendet, die sich meist gegen Zivilisten richtet. Die amerikanische Rhetorik, wenn auch nicht unbedingt die Stimmung in der Bevölkerung, bekräftigt die unerfreuliche Perspektive, denn der Kampf für das Gute endet nie.Es gehört zum Genius der Vereinigten Staaten, deren tief verwurzelter Konservativismus für Europäer schwer zugänglich ist, dass sie eine Form von konservativem Denken entwickelt haben, die das Neue und nicht etwa das Alte feiert. Das bedeutet aber auch, dass die Vereinigten Staaten in eben jenen Zügen, in denen sie extrem konservativ erscheinen - z. B. in der ungewöhnlichen Macht des Konsensus, in der Passivität und im Konformismus der öffentlichen Meinung - auch auf eine Weise radikal und sogar revolutionär sein können, die für Europäer ebenso schwer zugänglich ist.Zum Teil erklärt sich diese Rätselhaftigkeit aus dem Zwiespalt zwischen offizieller Rhetorik und Lebenswirklichkeit. Ständig pochen Amerikaner auf «Traditionen»; im Mittelpunkt jeder politischen Rede stehen Lobgesänge auf die «Familienwerte». Dabei ist die amerikanische Kultur dem Familienleben abträglich und allen anderen Traditionen ebenfalls - ausgenommen jene, die in persönliche «Identitäten» umdefiniert werden können und sich in die umfassenderen Muster von individueller Erkennbarkeit bei gleichzeitiger Bereitschaft zur Kooperation und Offenheit für Erneuerung fügen.Die vielleicht wichtigste Quelle des neuen (und des nicht ganz so neuen) amerikanischen Radikalismus ist eben jene, die man früher immer als Quelle konservativer Werte angesehen hat: die Religion. Viele Beobachter haben darauf hingewiesen, dass der grösste Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und den meisten europäischen Ländern (den nach der aktuellen amerikanischen Nomenklatur «alten» wie den «neuen») wahrscheinlich darin besteht, dass die Religion in der Gesellschaft und im öffentlichen Diskurs der Vereinigten Staaten nach wie vor eine zentrale Rolle spielt. Es handelt sich hierbei allerdings um eine Religion nach amerikanischem Muster: eher um die Idee von Religion als um Religion selbst.Gewiss, als während des Präsidentschaftswahlkampfs im Jahre 2000 ein Journalist auf die Idee kam, den Kandidaten George Bush nach seinem «Lieblingsphilosophen» zu fragen, bekam er eine Antwort, mit der sich jeder Kandidat irgendeiner grossen Volkspartei in jedem europäischen Land lächerlich gemacht hätte - «Jesus Christus». Aber Bush wollte damit natürlich nicht sagen, dass sich seine Regierung im Falle seiner Wahl an irgendwelche von Jesus entwickelten Grundsätze oder Sozialprojekte gebunden fühlen würde, und es hat ihn auch niemand so verstanden.Die Vereinigten Staaten sind in einem sehr allgemeinen Sinne eine religiöse Gesellschaft. Das heisst, es kommt nicht darauf an, welcher Religion man angehört, solange man überhaupt eine hat. Die Vorherrschaft einer Religion oder gar eine Theokratie (ob allgemein christlich oder von einer bestimmten christlichen Konfession geprägt) wäre unmöglich. Religion muss in Amerika eine Sache der freien Wahl des Einzelnen bleiben. Diese moderne, vergleichsweise inhaltsleere Vorstellung von Religion, die der Freiheit des Konsumenten strukturell ähnlich ist, bildet die Grundlage für den Konformismus Amerikas, für seine Selbstgerechtigkeit und seinen Moralismus (den die Europäer herablassend häufig als Puritanismus missdeuten). Gleichgültig, welche historischen Glaubensgrundsätze die verschiedenen religiösen Gruppierungen in Amerika zu vertreten behaupten - alle predigen etwas Ähnliches: den Willen zur inneren Besserung, den Wert des Erfolgs, Solidarität in der Gemeinde und Toleranz gegenüber den Entscheidungen anderer. (Lauter Tugenden, die dem reibungslosen Funktionieren des Konsumkapitalismus förderlich sind.) Die blosse Tatsache, dass man religiös ist, sichert das Ansehen, trägt zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei und liefert eine Garantie dafür, dass sich die Vereinigten Staaten ausschliesslich mit guten Absichten auf ihre Mission einlassen, die Welt zu führen.Was da verbreitet wird - ob man es nun Demokratie oder Freiheit oder Zivilisation nennt -, ist sowohl Teil eines «work in progress» als auch der Kern des Fortschritts selbst. Nirgendwo auf der Welt ist der aufklärerische Traum vom Fortschritt auf so fruchtbaren Boden gefallen wie in Amerika. Sind wir also wirklich so weit auseinander? Wie sonderbar, dass in einem Augenblick, da Europa und Amerika einander kulturell so ähnlich sind wie noch nie, der Zwiespalt zwischen ihnen tiefer ist als je zuvor.

Und dennoch - trotz aller Ähnlichkeiten zwischen dem Alltag der Bürger in den reichen europäischen Ländern und dem Alltag der Amerikaner ist die Kluft zwischen der europäischen und der amerikanischen Erfahrung tatsächlich vorhanden. Sie ergibt sich aus historischen Unterschieden, aus unterschiedlichen Vorstellungen von der Rolle der Kultur und aus Unterschieden in den wirklichen und imaginären Erinnerungen. Der Antagonismus - denn es besteht ein Antagonismus - lässt sich in der unmittelbaren Zukunft nicht lösen, dem guten Willen vieler Menschen auf beiden Seiten des Atlantik zum Trotz. Und doch kann man diejenigen nur verurteilen, die diese Unterschiede noch vergrössern wollen, während wir doch so viel gemeinsam haben.

Die Vorherrschaft Amerikas ist eine Tatsache. Aber Amerika, wie inzwischen auch seine derzeitige Regierung einzusehen beginnt, kann nicht alles allein machen. Die Zukunft unserer Welt - unserer gemeinsamen Welt - ist synkretistisch, unrein. Wir können uns nicht voneinander abkapseln. Wir fliessen immer mehr ineinander.Am Ende wird sich alle Verständigung - alle Aussöhnung -, zu der wir gelangen können, daraus ergeben, dass wir gründlicher über den ehrwürdigen Gegensatz zwischen «Altem» und «Neuem» nachdenken. Der Gegensatz zwischen «Zivilisation» und «Barbarei» beruht im Wesentlichen auf mehr oder minder willkürlichen Setzungen; sich in Gedanken auf ihn ein- und dogmatisch über ihn auszulassen, führt in die Irre, auch wenn sich bestimmte Realitäten in ihm spiegeln. Der Gegensatz zwischen «alt» und «neu» dagegen ist echt und unaufhebbar und steht im Zentrum dessen, was wir unter Erfahrung verstehen.«Alt» und «neu» sind die ewigen, unumstösslichen Pole aller Wahrnehmung und aller Orientierung in der Welt. Ohne das Alte kommen wir nicht aus, weil sich mit ihm unsere ganze Vergangenheit, unsere Weisheit, unsere Erinnerungen, unsere Traurigkeit, unser Realitätssinn verbinden. Ohne den Glauben an das Neue kommen wir nicht aus, weil sich mit dem Neuen unsere Tatkraft, unsere Fähigkeit zum Optimismus, unser blindes biologisches Sehnen, unsere Fähigkeit zu vergessen verbinden - diese heilsame Fähigkeit, ohne die Versöhnung nicht möglich ist.Unser Innenleben misstraut dem Neuen. Ein stark entwickeltes Innenleben wird sich dem Neuen besonders heftig widersetzen. Es heisst, wir sollen uns entscheiden - zwischen dem Alten und dem Neuen. In Wirklichkeit müssen wir uns für beides entscheiden. Was ist das Leben, wenn nicht ein ständiger Austausch zwischen Altem und Neuem? Mir scheint, man sollte immer versuchen, sich solche starren Gegensätze auszureden.Alt gegen Neu, Natur gegen Kultur - vielleicht ist es unvermeidlich, dass sich die grossen Mythen unseres Kulturlebens nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Geografie abspielen. Und dennoch sind es Mythen, Klischees, Stereotypen - sonst nichts; die Wirklichkeiten sind sehr viel komplexer.Ich habe einen grossen Teil meines Lebens darauf verwendet, polarisierende, Gegensätze aufbauende Denkweisen zu entmystifizieren. Auf die Politik übertragen, bedeutet dies, für das einzutreten, was pluralistisch und säkular ist. Wie manche Amerikaner und viele Europäer würde ich viel lieber in einer multilateralen Welt leben - einer Welt, die nicht von einem einzigen Land dominiert wird (auch nicht von meinem eigenen). In einem Jahrhundert, das von Anfang an ein weiteres Jahrhundert der Extreme, der Schrecken zu werden verspricht, könnte ich mich nun für eine ganze Reihe von Haltungen aussprechen, die einer Verbesserung unserer Verhältnisse dienlich sein können - und besonders für das, was Virginia Woolf die «melancholische Tugend der Toleranz» nennt.Lassen Sie mich stattdessen vor allem als Schriftstellerin zu Ihnen sprechen, als Verfechterin des Projekts Literatur - denn nur aus ihm ergibt sich, was mir an Autorität zu Gebote steht.Die Schriftstellerin in mir misstraut der guten Staatsbürgerin, der «intellektuellen Botschafterin», der Menschenrechtsaktivistin - also den in der Verleihungsurkunde genannten Rollen, so sehr ich mich ihnen verpflichtet fühle. Die Schriftstellerin in mir ist skeptischer, mehr von Selbstzweifeln erfüllt als jene Person, die versucht, das Richtige zu tun (und zu unterstützen). Eine Aufgabe der Literatur besteht darin, herrschende Gewissheiten in Frage zu stellen und Gegenthesen zu entwerfen. Selbst wenn die Kunst also solche nicht oppositionell ist, tendieren die verschiedenen Künste doch zur Widersetzlichkeit. Literatur ist Dialog, Bereitschaft, auf etwas oder jemanden einzugehen. Man könnte die Literatur auch als das Archiv der Bereitschaft von Menschen bezeichnen, auf das einzugehen, was im Entwicklungsprozess der Kulturen und in ihren Wechselbeziehungen lebendig oder todgeweiht ist.Schriftsteller können etwas gegen die Klischees vom Getrennt- und Verschiedensein tun - denn Schriftsteller sind nicht nur Mythenvermittler, sondern auch Mythenbildner. Die Literatur bietet nicht nur Mythen, sondern auch Gegenmythen, so wie das Leben Gegenerfahrungen bietet - Erfahrungen, die uns in dem, was wir zu glauben, zu fühlen, zu denken glaubten, verstören.Ein Schriftsteller, so scheint mir, ist jemand, der der Welt seine Aufmerksamkeit widmet. Jemand, der zu verstehen versucht, zu welcher Bosheit Menschen fähig sind, und der darauf einzugehen versucht, ohne sich durch solches Verstehen korrumpieren zu lassen, ohne darüber zynisch oder oberflächlich zu werden.Literatur kann uns sagen, wie die Welt beschaffen ist. Literatur kann uns Massstäbe geben, kann uns ein tiefes Wissen vermitteln, das in der Sprache und im Erzählen Gestalt annimmt. Literatur kann unsere Fähigkeit stärken, um Menschen zu weinen, die nicht wir selbst sind und nicht zu uns gehören.Wer wären wir, wenn wir kein Mitgefühl für jene aufbringen könnten, die nicht wir selbst sind und die nicht zu uns gehören? Wer wären wir, wenn wir uns selbst nicht - wenigstens zeitweise - vergessen könnten? Wer wären wir, wenn wir nicht lernen könnten? Wenn wir nicht verzeihen könnten? Wenn wir nicht etwas anderes werden könnten, als wir sind?Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser.

© Tages-Anzeiger; 2003-10-13; Seite 49 / Kultur

Zitate von Susan Sontag

"Amerika ist ein Land voll religiösem Irrsinn"

Susan Sontag scheute sich nicht vor kontroversen Themen. In zahlreichen Essays und Reden hat sie sich neben Kunst und Literatur auch politischen Ereignissen gewidmet. Dabei erregte sie viel Aufsehen mit ihren kritischen Äußerungen zum Irak-Krieg. Einige Zitate der engagierten Autorin.

"Und wenn man das Wort 'feige' in den Mund nimmt, dann sollte es besser auf jene angewandt werden, die Vergeltungsschläge aus dem Himmel ausführen, und nicht auf jene, die bereit sind, selbst zu sterben, um andere zu töten." (aus einem Essay zum Terroranschlag am 11. September 2001 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 15. September 2001)

"Die Vereinigten Staaten sind ein merkwürdiges Land. Die Leute haben einen deutlich anarchischen Zug und gleichzeitig einen geradezu abergläubischen Respekt vor dem Gesetz. Sie beten unmoralischen Erfolg an und haben ausgeprägte moralische Vorstellungen von Richtig und Falsch." (aus einem Essay über den 11. September 2001 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 11. Oktober 2001)

"Das 'Wir', das Bush und die anderen benutzen, ist das königliche 'Wir', nicht das 'Wir' der Verfassung, das 'Wir, das Volk'." (zur amerikanischen Irak-Politik aus einem Interview mit dem SPIEGEL vom 1. März 2003)

"(Es) ... wird weiterhin große Unterschiede zwischen Europa und Amerika geben. ... Inzwischen wollen die Amerikaner ja gar nicht mehr gemocht werden. Es ist ihnen egal, was man von ihnen hält - in Europa und anderswo." (zur amerikanischen Irak-Politik aus einem Gespräch mit dpa vom 23. Juni 2003)

"Amerika ist ein Land voll religiösem Irrsinn." (zur amerikanischen Irak-Politik aus einem Interview mit dem SPIEGEL am 24. Juni 2003)

"Ich wünschte, es gäbe kein dominierendes Land. Nicht einmal mein Heimatland." (aus der Rede als Preisträgerin des Prinz-von-Asturien-Preises für Geisteswissenschaft 2003)

"Wie Waffen und Autos sind auch Kameras Spielzeuge, die süchtig machen." (aus "On Photography", 1977)

"Die Fotografie brachte den Menschen ein neues und im Wesentlichen rührendes Selbstverständnis; über ihre physische Erscheinung, das Älterwerden und ihre eigene Sterblichkeit." (aus einem Interview in der "Boston Review", Juni 1975)

"Aids zwingt die Menschen zu realisieren, dass Sex als grausamste Konsequenz Selbstmord oder Mord in sich birgt." (aus "Aids and Its Metaphors", 1989)

"Die Vorstellung von einem sanften, einfachen Tod (...) ist Teil einer Mythologie über Krankheiten, die nicht erbärmlich, demütigend oder schmerzlich sind." (aus "Aids and Its Metaphors", 1989)

"Literatur ist im Grunde eine kosmopolitische Unternehmung." (aus der Rede als Preisträgerin des Prinz-von-Asturien-Preises für Geisteswissenschaft 2003)

Herzlichen Dank an Volker für die Zusendung der *.doc Datei.

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