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Albert Schweitzer - Der Menschensohn

Eine Predigt Albert Schweitzers vom 15. Dezember 1907

"Und siehe, es kam einer in des Himmels Wolken, wie eines Menschen Sohn.."
Daniel 7, 13 und 14

Ihr kennt wohl den Inhalt des Kapitels aus dem Buch Daniel, dem der Text entnommen ist. Daniel sieht die Geschichte der Welt in der Aufeinanderfolge verschiedener Weltreiche, die ihm in Bildern von Tieren erschienen, weil in ihnen die Gewalt, nicht die Menschlichkeit herrscht. Am Ende aber erscheint ein Reich, das nicht durch ein Tier, sondern durch eine Menschengestalt, den Menschensohn, versinnbildlicht wird. Die Stelle mutet uns phantastisch an; und sie ist doch so tief wahr... und hat sich erfüllt.

Der Menschensohn ist gekommen; wir bekennen uns zur Religion des Menschensohnes; wir warten auf die Vollendung des Reiches des Menschensohnes und wollen daran arbeiten.

In dem wir in der Adventszeit diesen tiefen prophetischen Text miteinander betrachten, möchte ich, dass wir recht erkennen, was es heisst: Religion des Menschensohnes: Reich des Menschensohnes. Durch fast alle messianischen Weissagungen zieht es hindurch: es wird ein Mensch sein. Und als er kam, war er ein Mensch. In die Reihen der Schriftgelehrten trat einer, der die Dinge menschlich, nicht blind und eng nach dem Massstabe des Gesetzes beurteilte, der darum kämpfte, dass er Mensch für alle Menschen sein durfte, dass Zöllner und Sünder für ihn nicht aufhören, Menschen zu sein. Das unaussprechlich Tiefe an der Erscheinung Jesu ist die vollendete Harmonie und Durchdringung von Frömmigkeit und Menschlichkeit. Wer das an ihm verstanden hat,, der hat ihn begriffen und ist von ihm ergriffen.

Seine Menschlichkeit kommt aus der Frömmigkeit. Das will heißen, dass das Menschsein für die, welche sich zu seinem Namen bekennen, das Maß der Religion ist.

Wie die Erde durch die Kraft der Sonne, um die sie sich dreht, immer in dieselbe in sich zurücklaufende Bahn gezwungen wird, so zwingt die Persönlichkeit Jesu die Religion, die von ihm ausgegangen ist immer wieder, sich darauf zu besinnen, dass sie nicht die seine ist, wenn sie es aus den Augen verliert, dass der letzte Zweck der Frömmigkeit ist, den Menschen zum wahren Menschen zu machen.

Der Mensch Jesus ist die reformatorische Kraft, die fort und fort in unserer Religion wirkt. Von dem Gedanken des Menschentums in der Frömmigkeit aus, bekämpfte Luther das Mönchtum, den Ablass und die Religion seiner Zeit.

Ist es auch in unserer Zeit notwendig, dass die Gestalt Christi unter uns tritt, und uns durch ihre Erscheinung allein predigt, dass wir in der Frömmigkeit nach der Menschlichkeit streben und wahre Menschlichkeit verbreiten? Mehr denn je.

Der Begriff Mensch existiert in unserer Zeit nicht mehr. Die Menschen unserer Zeit sind füreinander Deutsche, Franzosen, Engländer, Russen oder Polen, aber nicht mehr Menschen. Die Scheidung zwischen den Völkern ist so tief, wie noch nie. So sicher es ist, dass ein Mensch sich zu einem Volke natürlich zugehörend empfinden muss, so gewiss ist, dass unsere Zeit sich auf einer bösen Bahn befindet mit dem aufgeblasenen Nationalitätsstolz und dem falschen Patriotismus, der sich jetzt allenthalben breit macht und die Menschen gegeneinander aufhetzt, so vieles Gute vereitelt und es zuletzt dahin bringt, dass ein Volk nicht einmal mehr die nächsten Menschenrechte eines anderen, das in seine Gewalt gegeben ist, achtet, sondern darauf sinnt, wie es seine Sprache unterdrücke und es um seinen Besitz bringe unter dem Vorwand, dass die nationale Aufgabe dieses fordere...

Leben wir in der Zeit des Reiches des Menschensohnes?

Der heutige Mensch ist für den Mitmenschen nicht mehr Mensch, sondern er ist Protestant, Katholik oder Jude. Stärker als je ist die konfessionelle Trennung und es ist nicht abzusehen, wann es besser werden wird und wie...

Ich glaube, es gibt keinen unter uns, dem es mit der Religion Ernst ist, der nicht wirklich tief darunter leidet. Ist das Reich des Menschensohnes?

Und draußen in der Welt ist noch eine tiefere Kluft zwischen den Menschen: die Kluft zwischen Eroberern und Eingeborenen. Unsere Völker sind in die anderen Erdteile gezogen, und die Menschen die sie trafen, wären für sie keine Menschen, sie fühlten keine Menschheitspflichten gegen sie, sondern dachten nur daran, wie man in den Kolonien am schnellsten und besten Geschäfte machen könne, ob auch ganze Menschenstämme zu Grunde gingen. Ihr wisst, dass vor einigen Monaten ein Beamter in unserem Lande, in der Reichstagssitzung, wo er darauf zu sprechen kam, saß eine Gesellschaft armer Schwarzer, die man auf eine Insel deportiert hatte, aus Hunger und Entbehrung gestorben sei, nicht einmal das menschliche Wort für Sterben gebrauchte, sondern sagte, sie wären "eingegangen", wie man von einer Tierherde spricht...

Wo ist das Reich des Menschensohnes?

Das ist das Reich des Menschensohnes, wie es sich nach bald zwei Jahrtausenden verwirklicht hat? Es als ob Jesus mit einem unsäglich traurigem Blick in unsere Zeit hineinschaute.

Sagt nicht: "Es ist bedauerlich, aber man kann die Zeit und die Verhältnisse nicht ändern." Entweder es ist etwas Wahres an unserem Glauben an das Reich des Menschensohnes oder nicht. Wenn wir aber glauben, dass etwas Wahres daran ist, dann müssen wir es wagen, unserer Zeit uns entgegenzustellen und in unseren Worten und Gedanken, in unserm erzieherischen Willen daran zu arbeiten, dass eine andere Erkenntnis komme, dass dieser Mangel an einfachem menschlichen Empfinden, der sich in unserem öffentlichen Leben und im gesellschaftlichen und persönlichen Verkehr herausgebildet hat, nicht weiter mehr gerechtfertigt oder verherrlicht werde, - wie es geschieht, wenn man das unglückselige Wort Realpolitik immer als die große Weisheit unserer Zeit preist.

Wir haben eine religiöse und erzieherische Aufgabe an unseren Nebenmenschen und an den Kindern der kommenden Generation zu erfüllen: uns wieder zu Menschheit und Menschlichkeitsidealen emporzuarbeiten, uns bei der Hand zu nehmen und auf den hohen Berg zu führen, wo der Blick wieder freier schweift als in der Niederung, in welcher wir jetzt leben und der uns das Geschrei und Gezänk um Interessen- und Machtfragen umbraust. Ehe es besser werden kann, müssen wir das Sehnen nach einer anderen Zeit um uns herum wecken...

Und Du selber musst Mensch werden. Nicht nur zur Zeit und Gesellschaft unserer Tage tritt der Menschensohn, um zu sehen, wie weit sein Reich voran ist, sondern auch zu einem jeden von uns. Es ist schwer, Mensch zu bleiben, bei dem Leben, das wir leben. Mensch sein heißt, sich das Mitfühlen und Mitleiden mit den Menschen bewahren. Wir sollen den Menschen aus der Not helfen, wir sollen sie unterstützen und fördern, wenn sie Stellung suchen, wir sollen uns für sie interessieren, für Arbeit und Kundschaft sorgen... Wir haben’s getan und versucht. Aber wie oft sind wir missbraucht worden; was haben wir an den Menschen für Enttäuschungen erlebt... Nun klingelt’s wieder oder man spricht uns wieder von jemand... und dieser soll nun für uns wieder so natürlich ein Mensch sein, der unserer bedarf und dem wir als Menschen helfen wollen, als wären alle Enttäuschungen nicht vorhergegangen...

Die Erfahrungen, die wir machen, bringen es mit sich, dass wie alle in Gefahr stehen, das natürliche Empfinden dem Mitmenschen gegenüber, das so den Grundzug des wahren Menschseins ausmacht, zu verlieren. Wir unterliegen einer Abnützung und einer Abstumpfung, welche den wahren Menschen in uns angreift... um Mensch zu bleiben, jeden Tag so frisch zu bleiben wie am vorhergehenden, müssen wir unser Menschentum erneuern in etwas, das unsere Erfahrungen auslöscht... in der Menschlichkeitsreligion Jesu; wir müssen uns hineintauchen in sein Sein; sein Beispiel muss uns vor der Seele stehen; seine Gebote uns befehlen; seine Sprüche uns trösten... dass unsere Menschlichkeit sich in unserer Frömmigkeit verjüngt.

Das andere, was unsere Menschlichkeit aufzehrt, ist Amt, Erwerb, tägliche Sorge...

Das Gebot des Vorwärtskommens wird einem jeden von uns von der Zeit aufgedrängt. Aber wie viele Menschen gehen daran zu Grunde, dass sie keine Menschen mehr sind, sondern nur noch Gestalten, Schemen, die in der durch Amt und Erwerb vorgezeichneten Bahn vorwärts laufen, um es so weit wie möglich zu bringen! Für den der die Augen in unserer Welt aufmacht, ist es eine erschreckende Tatsache, wie der Beruf die Menschen aufzehrt. Wir reden nicht von denen, die moralisch an diesem Vorwärtskommen zu Grunde gehen, sondern von denen, denen sonst nichts vorzuwerfen ist, als dass sie keine Menschen sind, sondern nur Beamter, nur Kaufmann, nur Ingenieur, nur Arbeiter, nur Professor, nur Lehrer, nur Pfarrer, der aber keine Resonanz mehr bietet, sobald die rein menschliche Seite angeschlagen wird. Sie können Gaben und Unterstützung geben und tun es gern, als etwas Selbstverständliches. Aber wenn man nun etwas von ihnen verlangt, was nur der Mensch leisten kann: Verständnis, Mitahnen, Mitfühlen, Begeisterung, Entrüstung, Trösten, Ermutigen, Mitgehen um eines Menschen oder einer Sache willen, um sich hinwegzusetzen über falsche Vorurteile, Entgegenhandeln von Meinung und Gewohnheit... sich aufopfern... kurz all das Unaussprechliche, was in der Pflicht des Menschen zum Menschen liegt... versagen sie; nicht aus bösem Willen... nein. Sie können’s nicht leisten... sie sind wie erschöpfte elektrische Batterien... das Menschheitstum in ihnen, aus dem alles jenes fließt, ist aufgezehrt... durch die Arbeit, durch das Amt, durch das Vorwärtskommen, durch die Not und Sorge des Lebens. Es verbindet sie kein lebendiges inneres Band mehr mit der Menschheit, sie wissen nicht mehr, was es heißt: Menschen, Mensch zu sein. Das ist die Armut unserer Zeit, dass sie so arm ist an Menschen. Und sie fühlen es, die Menschen unserer Zeit... und es geht durch sie ein Suchen nach Menschen, nach solchen, die es wirklich sind. Und sie kommt zu uns, den Menschen mit der Religion und sucht, ob sie es finde, ob die Frömmigkeit, nach der wir streben, uns anders macht als die anderen... und danach beurteilt sie uns, unsere Frömmigkeit, die Religion überhaupt.

Was werden sie von uns sagen? Sie finden wenig an uns. Wir fühlen es, dass das Gericht, das die Welt über das Christentum unserer Zeit ausspricht, wenn sie sagt, es bringe keine Menschen hervor, keine Menschlichkeit im Sinne des Menschseins Jesu, hart aber gerecht ist. Und das muss so sein: die Welt muss uns danach richten, was wir als Menschen durch die Religion geworden sind.

Das wollen wir ernster bedenken denn zuvor. Nur durch den Menschen kommt das Reich des Menschensohnes. Mehr denn je hat es die Welt nötig, dass die Menschlichkeitsreligion Jesu durch Menschen in ihr gegenwärtig sei und als Sauerteig in ihr wirke. Wir wollen seine Jünger sein. Er hat von ihnen gesagt: "Ihr seid das Salz der Erde"... Das ist das Kostbarste an unserem Leben, wenn wir durch unsere Frömmigkeit Menschen, wahre Menschen geworden sind. In diesem tiefsten Sinne gedenken wir daran, dass unsere Religion in dem Geheimnis der Menschwerdung Christi eingeschlossen ist, und dass dieses sich fortsetzen soll, auswirken soll in uns...dass unser Leben ein immer tieferes und vollkommeneres Menschwerden sei.

Abschrift aus dem Nachlass von Werner Picht

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