Feodor Dostojewski - Der Spieler 149 k
Roman
(* Die mit einem Stern versehenen Kursivstellen sind auch im Original deutsch.)
Aus den Notizen eines jungen Mannes
Kapitel I
Nach zwei Wochen Abwesenheit kam ich endlich zurück. Seit drei Tagen schon waren die Unsern in Roulettenburg. Ich hatte gemeint, sie warteten Gott weiß wie auf mich, aber das war ein Irrtum. Der General gab sich höchst lässig, redete von oben herab zu mir und schickte mich zu seiner Schwester. Es lag auf der Hand, daß sie irgendwo für kurze Zeit Geld aufgetrieben hatten. Mir schien sogar, daß es dem General einige Pein bereitete, auf mich zu blicken. Marja Filippowna hatte gerade schrecklich viel zu schaffen und sprach unaufmerksam mit mir; das Geld jedoch nahm sie entgegen, sie zählte es nach und hörte sich meinen ganzen Bericht an. Zum Mittagessen erwartete man Mesenzow, den kleinen Franzosen und noch einen Engländer - nach Moskauer Brauch: Kaum ist Geld im Haus, wird zum Mahle geladen. Polina Alexandrowna fragte mich, als sie mich erblickte, wo ich so lange gewesen sei, und eilte weiter, ohne meine Antwort abzuwarten. Versteht sich, das tat sie mit Absicht. Dennoch werden wir einander manches sagen müssen. Viel hat sich angehäuft.
Mir hat man ein Zimmerchen im dritten Stock des Hotels zugedacht. Hier weiß man, daß ich zur Suite des Generals gehöre. Aus allem ist zu schließen, daß sie in der Kürze der Zeit schon von sich reden gemacht haben Den General halten hier alle für einen steinreichen russischen Würdenträger. Wohlweislich trug er mir noch vor dem Mittagessen neben anderen Besorgungen auf, zwei Tausendfrankennoten wechseln zu lassen. Das tat ich im Hotelkontor. Jetzt werden uns die Leute als Millionäre ansehen, wenigstens eine Woche lang. Ich wollte gerade Mischa und Nadja holen, um mit ihnen spazierenzugehen, da rief man mich von der Treppe zum General; er geruhte sich zu erkundigen, wohin ich die Kinder führen wolle. Dieser Mensch kann mir einfach nicht offen in die Augen blicken; mag sein, daß er's wirklich will, aber ich antworte ihm jedesmal mit einem so eindringlichen, das heißt unehrerbietigen Blick, daß es ihn wohl verwirrt. In arg hochtrabender Rede, eine Phrase auf die andere bauend und am Ende sich ganz verheddernd, gab er mir zu verstehen, daß ich mit den Kindern irgendwo im Park Spazierengehen solle, nur recht weit weg vom Kurhaus.
Schließlich geriet er ganz in Rage und endete schroff: „Womöglich führen Sie die Kinder ins Kurhaus, zum Roulett. Sie müssen schon entschuldigen", flocht er ein, „aber ich weiß, Sie sind noch ziemlich leichtsinnig und bringen es wohl fertig, zu spielen. Jedenfalls, wenn ich auch nicht Ihr Mentor bin und dieses Amt keineswegs auf mich zu nehmen wünsche, so habe ich doch in gewissem Maße das Recht, zu wünschen, daß Sie mich sozusagen nicht kompromittieren."
„Ich habe doch gar kein Geld", erwiderte ich ruhig. »Um welches zu verlieren, muß man es haben."
„Sie werden es unverzüglich erhalten", antwortete der General, ein wenig errötend. Er wühlte in seinem Schreibtisch, sah in einem Heft nach, und es zeigte sich, daß ich bei ihm ungefähr hundertzwanzig Rubel guthatte.
„Ja, also, um ins reine zu kommen . . .", murmelte er. »Wir müssen in Taler umrechnen. Hier haben Sie erst mal hundert Taler, eine runde Summe; der Rest geht Ihnen natürlich nicht verloren."
Ich nahm stumm das Geld.
„Nehmen Sie mir meine Worte bitte nicht übel; Sie sind so schnell gekränkt. . . Meine Bemerkung hatte so zusagen nur warnenden Charakter, und Sie zu warnen glaube ich denn noch ein gewisses Recht zu haben."
Als ich gegen Mittag mit den Kindern vom Spaziergang zurückkehrte, begegnete mir eine ganze Kavalkade. Die Unsern hatten sich aufgemacht, irgendwelche Ruinen zu besichtigen. Zwei prächtige Kutschen, großartige Pferde! Mademoiselle Blanche in der einen Kutsche mit Marja Filippowna und Polina; der kleine Franzose, der Engländer und unser General hoch zu Roß. Die Passanten blieben stehen und schauten; die Sache wirkte; nur daß für den General die Dinge schlecht standen. Ich rechnete mir aus: Viertausend Franken habe ich gebracht, dazu kommt das Geld, das sie offenbar für kurze Zeit selbst aufgetrieben haben; also verfügen sie jetzt über sieben- oder achttausend Franken; das ist zuwenig für Mademoiselle Blanche.
Mademoiselle Blanche wohnt auch in unserm Hotel, mit ihrer Mutter; in der Nähe ist unser kleiner Franzose abgestiegen. Die Diener melden ihn als „monsieur le comte", Mademoiselle Blanches Mutter nennt sich „madame la comtesse"; nun ja, vielleicht sind sie wirklich comte und comtesse.
Ich hatte es gewußt, daß monsieur le comte mich nicht erkennen werde, wenn wir beim Mittagessen zusammenträfen. Dem General kam es natürlich nicht in den Sinn, uns miteinander bekannt zu machen oder auch nur mich ihm zu empfehlen; monsieur le comte wiederum ist selbst in Rußland gewesen und weiß, was für ein unbedeutender Wicht so ein Hauslehrer ist - ein outchitel, wie sie sagen. Er kennt mich übrigens sehr wohl. Immerhin bin ich auch ungeladen bei Tisch erschienen; der General hatte wohl Verfügung zu treffen vergessen, sonst hätte er mich gewiß zum Mittagessen an die table d'hôte geschickt. Ich stellte mich von mir aus ein, was den General bewog, mißbilligend auf mich zu blicken. Die gute Marja Filippowna wies gleich auf einen Platz, auf den ich mich setzen solle; doch endgültig aus der Verlegenheit half mir die Anwesenheit von Mister Astley - ob man wollte oder nicht, ich gehörte nun zu ihrer Gesellschaft.
Dieser wunderliche Engländer war mir das erstemal in Preußen begegnet, auf der Eisenbahn, als ich den Unsern nachreiste; da saßen wir einander gegenüber. Später kreuzten sich unsere Wege, als ich nach Frankreich fuhr, und schließlich wieder in der Schweiz; im Laufe der letzten beiden Wochen geschah das zweimal, und nun also sah ich ihn in Roulettenburg wieder. Nie im Leben ist mir ein schüchternerer Mensch begegnet; er ist schüchtern bis zur Blödigkeit und weiß das natürlich selber, denn blöde ist er keineswegs. Er ist überhaupt ein sehr lieber und stiller Mensch. Bei der ersten Begeg-nung, in Preußen, brachte ich ihn zum Reden. Er erzählte mir, daß er in diesem Sommer am Nordkap gewesen sei und große Lust habe, einmal den Jahrmarkt in Nishni Nowgorod zu erleben. Ich weiß nicht, wie er mit dem General bekannt geworden ist; mir scheint, er ist maßlos verliebt in Polina. Als sie eintrat, flammte er auf wie das Morgenrot.
Er freute sich sehr, mich bei Tisch neben sich zu haben, und ich glaube, er erachtete mich schon als seinen Busenfreund.
An der Tafel gab der kleine Franzose arg den Ton an; er spielte den Lässigen gegenüber allen und machte sich wichtig. In Moskau, ich weiß noch, trieb er ein bißchen Hokuspokus. Hier redete er schrecklich viel von Finanzen und von der russischen Politik. Der General raffte sich ein paarmal auf zu widersprechen; doch er tat es bescheiden, einzig um nicht den letzten Rest von Stolz zu verlieren.
Ich war in einer seltsamen Gemütsverfassung; natürlich hatte ich mir schon während der ersten Hälfte des Mahles von neuem die Frage gestellt, die mich immerfort beschäftigte: Warum vertrödle ich meine Zeit mit diesem General, warum krieg ich's ewig nicht fertig fortzugehen? Dann und wann blickte ich auf Polina Alexandrowna; sie wollte mich überhaupt nicht bemerken. Es endete damit, daß ich in Wut geriet und Grobheiten zu sagen beschloß.
Zuerst mischte ich mich mir nichts, dir nichts in ein fremdes Gespräch - laut und ohne rechten Anlaß. Mir kam es nur darauf an, den kleinen Franzosen zu schmähen. Ich wandte mich zum General, fiel ihm offenbar ins Wort und bemerkte ganz laut und deutlich, daß in diesem Sommer ein Russe nahezu überhaupt keine Möglichkeit habe, in einem Hotel an der table d'hôte zu speisen. Der General richtete auf mich einen erstaunten Blick.
„Wenn Sie sich selber achten", schwadronierte ich weiter, „so werden Sie unbedingt schimpfliche Reden auf sich ziehen und widerwärtige Ausfälle ertragen müssen. In Paris und am Rhein, sogar in der Schweiz lümmeln an der table d'hôte so viele Polen herum und auch Franzosen, die mit ihnen ein Herz und eine Seele sind, daß Sie einfach nicht zu Wort kommen, wenn Sie nur Russe sind."
Das sagte ich auf französisch. Der General blickte in großer Verlegenheit auf mich; er wußte nicht, ob er sich erzürnen oder über meine Ungehörigkeit nur wundern sollte.
„Offensichtlich hat Ihnen irgendwer irgendwo eine Lektion erteilt", sagte der kleine Franzose lässig und verächtlich.
„Ich habe mich in Paris zuerst mit einem Polen gestritten", erwiderte ich, „dann mit einem französischen Offizier, der für den Polen Partei ergriff. Darauf aber ging ein Teil der Franzosen auf meine Seite über, weil ich ihnen erzählte, wie ich einem Monsignore in den Kaffee spucken wollte."
„Wahrhaftig?" fragte der General gravitätischunsicher und schaute sich sogar um. Der kleine Franzose musterte mich mißtrauisch.
Jawohl", antwortete ich. „Da ich volle zwei Tage lang überzeugt war, daß ich in unserer Angelegenheit vielleicht auf einen Sprung nach Rom würde reisen müssen, ging ich in die Kanzlei der Gesandtschaft des Heiligen Vaters in Paris, um das Visum in den Paß eintragen zu lassen. Mich empfing ein Abbé, ein fünfzigjähriges dürres Männchen mit frostigen Zügen; er hörte mich höflich, aber außerordentlich frostig an und bat mich zu warten. Ich war zwar in Eile, doch ich setzte mich natürlich, um zu warten; ich holte die 'Opinion nationale' hervor und begann eine fürchterliche Schmähung Rußlands zu lesen. Unterdessen hörte ich, wie durch das Machbarzimmer jemand zu Monsignore ging; ich sah, wie mein Abbé sich eifrig verbeugte. Ich wiederholte ihm meine Bitte; er wiederholte noch frostiger, ich möge bitte warten. Kurz darauf trat abermals ein Unbekannter ein, in Geschäften, ein Österreicher; man hörte ihn an und führte ihn sogleich hinauf. Das ärgerte mich nun sehr; ich erhob mich, trat zu dem Abbé und sagte in entschiedenem Tone, Monsignore könne ja wohl, da er empfange, auch meine Angelegenheit erledigen. Der Abbé fuhr, maßlos erstaunt, vor mir zurück. Er begriff einfach nicht, wie es zuging, daß ein nichtsbedeutender Russe sich Monsignores Gästen gleichzustellen wagte. Auf die hochmütigste Weise, so als freue er sich über die Gelegenheit, mich zu kränken, maß er mich vom Scheitel bis zur Sohle und schrie: ,Bilden Sie sich ein, Monsignore lasse Ihretwegen seinen Kaffee stehen?' Da schrie auch ich, aber lauter als er: Nehmen Sie zur Kenntnis, daß mich Monsignores Kaffee einen Dreck kümmert; es macht mir nichts aus, in ihn zu spucken! Wenn Sie nicht augenblicks meine Paßangelegenheit erledigen, gehe ich zu ihm selbst.'
,Wie! Während der Kardinal bei ihm sitzt?' schrie das Kerlchen, der Abbé, wich entsetzt zurück, rannte zur Tür und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor sie, was heißen mochte, er werde eher sterben als mich durchlassen.
Darauf erwiderte ich, daß ich ein Ketzer, ein Barbar sei, que je suis hérétique et barbare', und daß mir diese Erzbischöfe, Kardinäle, Monsignores und was sonst noch – daß sie mir völlig gleichgültig seien. Kurz, ich gab zu verstehen, daß ich nicht lockerließ. Der Abbé richtete auf mich einen Blick voll grenzenloser Bosheit, riß mir den Paß aus der Hand und trug ihn hinauf. Eine Minute später war das Visum eingetragen. Hier, möchten Sie's sehn?" Ich holte den Paß hervor und zeigte das römische Visum. „Da haben Sie denn doch . . .", begann der General. „Das hat Sie gerettet: daß Sie sich selbst als Barbaren und Ketzer bezeichneten", bemerkte mit hämischem Lächeln der kleine Franzose. „Cela n'était pas si bête." „Wirklich, wie soll man auf uns Russen blicken? Unsere Landsleute sitzen hier - wagen nicht zu mucksen und sind womöglich bereit, sich vom Russentum loszusagen. In Paris jedenfalls, in meinem Hotel, begann man viel aufmerksamer mit mir umzugehen, als ich allen von meinem Scharmützel mit dem Abbé erzählt hatte. Ein dicker polnischer Pan, der mir an der table d'hôte am , feindseligsten begegnet war, schwand gleichsam dahin. Die Franzosen ertrugen es sogar, daß ich erzählte, wie ich vor zwei Jahren einen Menschen gesehen hätte, auf den ein französischer Karabinier im Jahre zwölf geschossen hatte - einzig deshalb, weil er das Gewehr entladen wollte. Dieser Mensch war damals ein zwölfjähriges Kind gewesen; seine Familie hatte Moskau nicht rechtzeitig verlassen."
„Unmöglich", brauste der Franzose auf, „ein französischer Soldat schießt nicht auf ein Kind!"
„Trotzdem war es so", erwiderte ich. „Der mir es erzählt hat, war ein ehrenwerter Hauptmann im Ruhestand, und ich habe selber auf seiner Wange die Narbe gesehen, die von der Kugel stammte."
Der Franzose begann viel und schnell zu reden. Der General setzte an, ihm beizupflichten, aber ich empfahl ihm, beispielsweise wenigstens ein paar Seiten in den „Aufzeichnungen" des Generals Perowski zu lesen, der 1812 in französische Gefangenschaft geraten war. Endlich brachte Marja Filippowna die Rede auf anderes. Der General war mit mir sehr unzufrieden, weil der Franzose und ich geradezu schrien. Mister Astley jedoch schien großes Gefallen an meinem Streit mit dem Fran-zosen zu finden; als wir nach dem Mahle aufstanden, lud er mich zu einem Gläschen ein. Gegen Abend gelang es mir, wie ich's erwartet und gewünscht hatte, eine Vier-telstunde mit Polina Alexandrowna zu sprechen. Das ergab sich beim Spaziergang. Alle waren in den Park gegangen, zum Kurhaus hin. Polina setzte sich auf eine Bank gegenüber dem Springbrunnen und ließ die kleine Nadja nahebei mit anderen Kindern spielen. Ich wiederum ließ Mischa zum Springbrunnen laufen, und so blieben wir endlich allein.
Zuerst ging es natürlich um Geschäfte. Polina wurde einfach wütend, weil ich ihr nicht mehr als siebenhundert Gulden übergab. Sie war überzeugt gewesen, daß ich ihr aus Paris, wo ich ihre Brillanten verpfändet hatte, wenigstens zweitausend brächte, sogar mehr.
„Ich brauche Geld um jeden Preis", sagte sie. „Es muß beschafft werden, sonst bin ich einfach verloren."
Ich erkundigte mich nach dem, was in meiner Abwesenheit geschehen war.
„Nichts weiter, nur daß aus Petersburg zwei Nachrichten eingetroffen sind: Zuerst hieß es, daß es Großmutter sehr schlecht geht, und zwei Tage später, daß sie wohl schon gestorben sei. Das hat Timofej Petrowitsch mitgeteilt", erklärte Polina, „und der ist zuverlässig. Wir warten auf den letzten, endgültigen Bescheid."
„Also ist hier alles auf Warten gestellt?" fragte ich.
„Natürlich, alle und alles; seit vollen sechs Monaten hofft man einzig auf dies."
„Auch Sie?" fragte ich.
„Ich bin doch überhaupt nicht mit ihr verwandt, ich bin nur die Stieftochter des Generals. Aber ich weiß zuverlässig, daß sie mich im Testament bedacht hat."
„Mir scheint, Ihnen wird sehr viel zufallen", bestätigte ich.
„Ja, sie hatte mich lieb. Aber warum scheint es Ihnen so?"
„Sagen Sie", antwortete ich mit einer Frage, „unser Marquis ist wohl auch in alle Familiengeheimnisse eingeweiht?"
„Und Sie, aus welchem Grund möchten Sie das wissen?" fragte Polina und blickte mich streng und kalt an.
„Es gibt schon Grund; wenn ich nicht irre, hat es der General schon fertiggebracht, von ihm Geld zu borgen."
„Sie vermuten sehr richtig."
„Nun, hätte er denn Geld gegeben, wenn er nichts über Babulenka wüßte? Ist Ihnen bei Tisch nicht aufgefallen, daß er zwei-, dreimal, als die Rede auf die Großmutter, auf Babuschka, kam, sie la baboulinka genannt hat. Was für enge, was für freundschaftliche Beziehungen!"
„Sie haben recht. Sobald er erfährt, daß nach dem Testament auch mir etwas zufällt, wird er sich um meine Hand bemühen. Ist es das, was Sie erfahren wollten?"
„Erst dann wird er sich bemühen? Ich glaubte, er tue es schon lange."
„Sie wissen genau, daß es nicht so ist!" erwiderte Polina zornig. „Wo ist Ihnen dieser Engländer begegnet?" fuhr sie nach längerem Schweigen fort.
„Ich habe gewußt, daß jetzt diese Frage kommt."
Ich berichtete ihr, wie ich Mister Astley mehrmals unterwegs getroffen hatte.
„Er ist schüchtern und geneigt, sich zu verlieben; und er ist natürlich in Sie verliebt?"
„Ja, das ist er", antwortete Polina.
„Zudem ist er natürlich zehnmal reicher als der Franzose. Wie steht es denn, besitzt der Franzose wirklich etwas? Unterliegt das keinem Zweifel?"
„Keinem. Er hat ein Château. Das hat mir der General gestern entschieden versichert. Genügt Ihnen das?"
„Ich würde an Ihrer Stelle unbedingt den Engländer heiraten."
„Warum?" fragte Polina.
„Der Franzose sieht besser aus, aber er ist niederträchtig; der Engländer ist nicht nur anständig, sondern er ist auch zehnmal reicher", gab ich schroff zu bedenken.
„Ja; aber dafür ist der Franzose Marquis und klüger." pas erwiderte sie mit der größten Gelassenheit.
Ich äußerte abermals Zweifel: „Stimmt das auch?"
„Jawohl."
Meine Fragen mißfielen Polina schrecklich, und ich sah, daß sie mich mit dem schroffen, unbeherrschten Ton ihrer Antworten sehr gern in Zorn versetzt hätte; das sagte ich ihr sofort.
„Nun, es unterhält mich in der Tat, Sie wütend zu sehen. Allein schon dafür, daß ich Ihnen erlaube, solche Fragen und Gedanken auszusprechen, müssen Sie bezahlen."
„Ich glaube wirklich, das Recht zu haben, Ihnen alle möglichen Fragen zu stellen", antwortete ich gelassen, „eben weil ich bereit bin, auf jede erdenkliche Weise dafür zu zahlen, und weil mir mein Leben jetzt nichtig scheint."
Polina lachte auf. „Das letztemal, auf dem Schlangenberg, haben Sie mir gesagt, Sie seien auf ein Wort von mir bereit, sich in einen Abgrund zu stürzen, und dort ging es, glaube ich, um einen von tausend Fuß Tiefe. Ich werde eines Tages dieses Wort einzig zu dem Zwecke aussprechen, zu sehen, wie Sie zu zahlen gedenken, und seien Sie sicher, ich bleibe fest. Sie sind mir verhaßt -gerade deshalb, weil ich Ihnen so viel erlaubt habe, und noch mehr verhaßt sind Sie mir, weil ich Sie so sehr brauche. Vorerst brauche ich Sie - ich muß Sie schonen."
Langsam stand sie auf. Sie sprach gereizt. In der letzten Zeit beendete sie die Gespräche mit mir jedesmal erbost und gereizt, ja, wirklich erbost.
„Erlauben Sie die Frage: Was hat es mit Mademoiselle Blanche auf sich?" fragte ich, und ich war gewillt, sie nicht ohne Erklärung fortzulassen.
„Sie wissen selbst, was es mit Mademoiselle Blanche auf sich hat. Neues ist seither nicht dazugekommen. Mademoiselle Blanche wird wahrscheinlich Frau Generalin werden - versteht sich, sofern sich das Gerücht von Babuschkas Tod bestätigt. Denn sowohl Mademoiselle Blanche als auch ihre Mutter als auch ihr Großcousin, der Marquis - alle wissen sehr wohl, daß wir ruiniert sind."
„Und der General ist wirklich und wahrhaftig verliebt?"
„Nicht darum geht es jetzt. Hören Sie, geben Sie gut acht: Nehmen Sie diese siebenhundert Gulden und gehen Sie zum Spieltisch; gewinnen Sie für mich beim Roulett, soviel Sie irgend können; ich brauche furchtbar dringend Geld."
Nach diesen Worten rief sie Nadjenka herbei und ging zum Kurhaus; dort schloß sie sich der ganzen Gesellschaft um den General an. Ich hingegen bog, verwundert und nachdenklich, schon beim ersten Querweg links ab. Die Aufforderung, zum Roulett zu gehen, hatte mich wie ein Schlag getroffen. Seltsam, ich hatte wahrlich genug über anderes nachzudenken; indessen vertiefte ich mich ins Zergliedern meiner Empfindungen gegenüber Polina. Wirklich, leichter war mir in den zwei Wochen meiner Abwesenheit gewesen als jetzt, am Tag meiner Rückkehr, wenngleich ich mich unterwegs gesehnt hatte wie ein Verrückter, hierhin und dorthin gerannt war wie vom Feuer gesengt; sogar im Traum hatte ich sie immerfort vor mir gesehen. Einmal (das war in der Schweiz) muß ich, da ich im Eisenbahnabteil eingeschlafen war, im Traum laut mit Polina gesprochen und solcherart die Mitreisenden sehr erheitert haben. Und noch einmal stellte ich mir nun die Frage, ob ich sie liebe. Und abermals wußte ich keine Antwort, das heißt, besser gesagt, ich antwortete mir wieder, zum hundertsten Male, daß ich sie hasse. Ja, sie war mir verhaßt. Es gab Minuten (und zwar jedesmal, wenn wir ein Gespräch beendeten), da hätte ich mein halbes Leben drum gegeben, sie zu erwürgen! Ich schwöre, hätte sich die Möglichkeit geboten, ihr langsam einen Dolch in die Brust zu senken, so hätte ich sie, glaube ich, mit Wonne genutzt. Und dennoch, ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist: Wenn sie auf dem Schlangenberg, dem beliebten Aussichtspunkt, wirklich zu mir gesagt hätte: „Stürzen Sie sich hinab!", so hätte ich mich augenblicks hinabgestürzt, und sogar mit Wonne. Das wußte ich. Es mußte entschieden werden, so oder so. Sie begreift das alles vorzüglich, und der Gedanke, daß ich aufs genaueste und deutlichste erkenne, wie ganz und gar unerreichbar sie mir ist, wie ganz und gar unerfüllbar meine Träume sind - dieser Gedanke bereitet ihr, davon bin ich überzeugt, außerordentlichen Genuß; denn ginge sie sonst bei ihrer Vorsicht und Klugheit so vertraut und offenherzig mit mir um? Mir scheint, sie hat bis heute so auf mich geblickt wie jene Kaiserin des Altertums, die sich in Gegenwart ihres Sklaven auszog, weil sie ihn nicht als einen Menschen erachtete. Ja, sie hat mich viele Male nicht als einen Menschen erachtet. . .
Nun aber hatte ich ihren Auftrag: um jeden Preis beim Roulett zu gewinnen. Mir fehlte die Zeit, darüber nachzudenken, wozu und wie bald ich zu gewinnen hatte und was für neue Überlegungen in diesem unaufhörlich berechnenden Kopf geboren wurden. Zudem hatten sich in diesen beiden Wochen offensichtlich eine Unmenge neuer Tatsachen ergeben, von denen ich noch keinen Begriff hatte. All das mußte ich ergründen, in alles mich hineinfinden, und zwar möglichst schnell. Vorerst aber blieb dazu keine Zeit - ich hatte mich an den Roulett-Tisch zu verfügen.
Kapitel II
Ich gestehe, es war mir unangenehm; zu spielen war ich zwar entschlossen, aber keineswegs war ich darauf eingestellt, den Anfang für andere zu machen. Es brachte mich sogar einigermaßen aus dem Konzept, und in die Spielsäle trat ich mit großem Verdruß. Vom ersten Augenblick an mißfiel mir dort alles. Nicht ausstehen kann ich die knechtische Beflissenheit in den Feuilletons der ganzen Welt, zumal in unseren russischen Zeitungen, wo unsere Schreiber fast jedes Frühjahr von zwei Dingen berichten: erstens von der gewaltigen Pracht und Herrlichkeit der Spielsäle in den Roulett-Städten am Rhein und zweitens von den Bergen Goldes, die dort angeblich auf den Tischen liegen. Sie werden gar nicht dafür bezahlt; derlei wird einfach den Lesern zuliebe berichtet, uneigennützig. Nichts von Pracht ist in diesen schäbigen Sälen zu finden, und Gold liegt nicht nur nicht haufenweis auf den Tischen, sondern kommt fast überhaupt nicht vor. Gewiß, irgendwann im Laufe der Saison taucht plötzlich ein Sonderling auf, vielleicht ein Engländer, vielleicht ein Asiat, ein Türke, wie dieses Jahr, und verliert oder gewinnt unversehens eine gewaltige Summe; die übrigen jedoch spielen alle um kleine Gulden, und im Durchschnitt liegt auf dem Tisch sehr wenig Geld. Nachdem ich in den Spielsaal getreten war (zum erstenmal im Leben), konnte ich mich noch eine ganze Weile nicht zum Spiel entschließen. Zudem störte mich das Gedränge. Aber auch wenn ich allein gewesen wäre, auch dann, glaube ich, wäre ich eher gegangen, als daß ich mich ans Spiel gemacht hätte. Ich gestehe, mir pochte das Herz, ich war keineswegs kaltblütig; es stand für mich seit langem fest, daß ich Roulettenburg als ein anderer Mensch verlassen würde, daß in meinem Schicksal unbedingt etwas Radikales und Endgültiges sich begeben werde. So muß es sein, so wird es sein. Mag es lächerlich aussehen, daß ich für mich so viel vom Roulett erwarte, noch lächerlicher kommt es mir vor, das zu meinen, was alle meinen: es sei dumm und sinnlos, etwas vom Spiel zu erwarten. Warum wäre das Spiel schlechter als eine beliebige andere Art des Gelderwerbs, zum Beispiel der Handel? Es stimmt schon, von hundert gewinnt einer. Doch was geht mich das an?
Jedenfalls kam ich zu dem Schluß, daß ich zunächst zusehen und an diesem Abend nichts Ernsthaftes anfangen sollte. Wenn an diesem Abend etwas geschähe, so höchstens aus Zufall und nebenher - davon ging ich aus. Ich mußte ja auch erst das Spiel selbst studieren; es gibt zwar Tausende von Beschreibungen des Rouletts, und ich habe sie immer mit größter Begierde gelesen, dennoch hatte ich, solange ich's noch nicht selbst gesehen hatte, ganz und gar nicht begriffen, wie es wirklich vor sich geht.
Vor allem fand ich jegliches so schmutzig - irgendwie moralisch widerlich und schmutzig. Ich spreche keineswegs von den gierigen und aufgeregten Gesichtern, die zu Dutzenden, ja zu Hunderten die Spieltische umgeben. Ich sehe ganz und gar nichts Schmutziges in dem Wunsch, möglichst schnell möglichst viel Geld zu gewinnen; immer ist mir der Gedanke eines satten, feisten Moralisten höchst dumm vorgekommen - der hatte, als ein Spieler sich mit dem Hinweis auf geringen Einsatz sich hatte rechtfertigen wollen, erwidert, so sei es noch schlimmer, denn auch der Vorteil sei dann klein. Es stimmt freilich: kleiner Vorteil und großer Vorteil bedeuten nicht dasselbe. Es ist eine Frage des Verhältnisses. Was einem Rothschild wenig ausmacht, ist für mich gewaltiger Reichtum; und was Profit und Gewinn angeht, so richtet sich Menschenstreben wahrlich nicht nur beim Roulett, sondern allüberall darauf, vom andern Vorteil und Gewinn zu ziehen. Ob Profit und Gewinn überhaupt etwas Häßliches sind, ist eine andere Frage. Mit ihr befasse ich mich hier nicht. Daß ich selber im höchsten Grade beherrscht war von dem Wunsch zu gewinnen, das machte diese ganze Beutesucht, diesen ganzen Beutesuchtschmutz, wenn Sie so wollen, mir beim Eintritt in den Saal handlicher, vertrauter. Das ist mir doch am liebsten: wenn man miteinander keine großen Umstände macht, sondern offen und unverstellt handelt. Warum sollte man sich auch selber betrügen? Eine höchst unsinnige, unkluge Beschäftigung! Besonders ab stoßend an all diesem Roulettgesindel war auf den ersten Blick der Respekt vor diesem Tun, die Ernsthaftigkeit, ja Ehrerbietigkeit, mit der sie die Tische umdrängten. Deshalb ist hier auch scharf unterschieden, welches Spiel zum mauvais genre gezählt wird und welches sich ein ordentlicher Mensch erlauben kann. Es gibt das Gentlemanspiel, und es gibt das Plebsspiel, das auf Beute zielt, das Spiel für jegliches Gesindel. Hier ist das streng unterschieden, und - wie gemein es im Grunde doch ist, dieses Unterscheiden! Ein Gentleman kann zum Beispiel fünf oder zehn Louisdor setzen, selten mehr, nun ja, wenn er sehr reich ist, mögen's auch tausend Franken sein; aber ein Gentleman tut's eigentlich allein um des Spieles, allein um des Vergnügens willen, eigentlich um der Möglichkeit willen, auf den Vorgang des Gewinnens oder Verlierens zu blicken; keineswegs darf er sich für den eignen Gewinn interessieren. Hat er gewonnen, so kann er beispielsweise laut auflachen, etwas Witziges zu einem sagen, der neben ihm steht; er kann sogar noch einmal setzen und dann noch verdoppeln, doch dies einzig aus Neugier, nur damit er seine Chancen erprobt, nur um des Addierens und Subtrahierens willen, frei von dem plebejischen Wunsche, zu gewinnen. Kurz, auf diese Spieltische, diese Rouletts und trente et quarante, darf er nicht anders blicken als auf einen Zeitvertreib, der einzig zu seinem Vergnügen unternommen wird. An den eignen Nutzen und die Tükken, auf die eine Spielbank eingerichtet ist, auf denen sie ruht, darf er nicht einmal denken. Ganz und gar nicht übel wäre es, wenn er beispielsweise die Vorstellung hätte, daß alle übrigen Spieler, das ganze Pack, das um die Gulden bangt - daß diese Leute genauso reich, genau solche Gentlemen seien wie er und daß sie einzig um der Zerstreuung, um der Kurzweil willen spielten. Diese gänzliche Unkenntnis der Wirklichkeit und der arglose Blick auf die Menschen wären natürlich im höchsten Maße aristokratisch. Ich habe gesehen, wie so manche Mama ihr Töchterchen, eine unschuldige, reich gekleidete fünfzehn- oder sechzehnjährige Miss, an den Spieltisch schob, wie sie ihr ein paar Goldmünzen gab und sie das Spiel lehrte. Ob das Fräulein gewann oder verlor, es lächelte und ging höchst befriedigt davon. Unser General trat solid und gewichtig an den Tisch; ein Diener stürzte herbei, um ihm einen Stuhl zu bieten; doch er bemerkte den Diener nicht; sehr lange brauchte er, den Beutel hervorzuholen, sehr lange, aus dem Beutel die dreihundert Franken in Gold zu nehmen; die setzte er auf Schwarz und gewann. Er nahm nicht den Gewinn, er ließ ihn stehen. Wieder kam Schwarz heraus; auch diesmal nahm er nicht den Gewinn, und als beim drittenmal die Kugel auf Rot rollte, hatte er auf einen Schlag eintausendzweihundert Franken verloren. Er ging mit einem Lächeln davon, er bewahrte Haltung. Ich bin sicher, es hat ihn schrecklich gewurmt; wäre der Einsatz doppelt oder dreimal so hoch gewesen, so hätte er nicht die Haltung bewahrt, sondern seine Erregung verraten. Übrigens hat in meiner Gegenwart ein Franzose an die dreißigtausend Franken zuerst gewonnen und dann verloren, und dies heiter und ohne jede Erregung. Ein wahrer Gentleman darf selbst dann, wenn er sein ganzes Vermögen verliert, keine Erregung zeigen. Das Geld muß so tief unterhalb der Gentleman-Ebene bleiben, daß es kaum irgendeiner Sorge wert ist. Höchst ari-stokratisch wäre es natürlich, den ganzen Schmutz des ganzen Gesindels und all der Umstände überhaupt nicht zu bemerken. Freilich ist manchmal das umgekehrte Verhalten nicht weniger aristokratisch, nämlich all das Gesindel zu bemerken, das heißt es anzublicken, sogar zu mustern, beispielsweise durchs Lorgnon, dies aber so zu tun, als nähme man die Menge und den Schmutz als eigentümliche Zerstreuung, gleichsam als Darbietung zum Gentlemansvergnügen. Man kann sich selbst in dieser Menge drängen und dennoch mit der uneingeschränkten Überzeugung um sich blicken, man selber sei ihr Beobachter und keineswegs ein Teil von ihr. Übrigens, gar zu eindringlich zu beobachten gehört sich an dererseits auch nicht; es wäre einem Gentleman nicht angemessen, weil das Schauspiel, wie es auch sei, keine lange und eindringliche Beobachtung verdient. Es gibt überhaupt wenig Schauspiele, die es wert sind, von einem Gentleman übermäßig lange beobachtet zu werden. Mir persönlich hat es freilich geschienen, daß all dies höchst genaue Beobachtung sehr wohl verdiene, zumal durch einen, der nicht einzig des Beobachtens wegen gekommen ist, sondern der sich selbst aufrichtig und mit gutem Gewissen zu dem Gesindel hier zählt. Was meine innersten moralischen Überzeugungen betrifft, so finden sie in meinen gegenwärtigen Überlegungen natürlich keinen Platz. Soll dies denn so sein; ich sage es um der Gewissensreinheit willen. Doch eines bemerke ich dazu: In der ganzen letzten Zeit war es mir schrecklich zuwider, meine Handlungen und Gedanken an einer moralischen Elle zu messen, mochte die sein, wie sie wollte. Etwas anderes lenkte mich . . .
Das Gesindel spielt tatsächlich sehr schmutzig. Mir liegt sogar der Gedanke nahe, daß hier am Tisch ein gerüttelt Maß von gewöhnlichstem Diebstahl vor sich geht. Die Croupiers, die an den Schmalseiten der Tische sitzen, die Einsätze verfolgen und abrechnen, haben furchtbar viel zu tun. Auch so ein Gesindel - es sind größtenteils Franzosen. Im übrigen: Wenn ich hier beobachte und Eindrücke sammle, so keineswegs zu dem Zwecke, das Roulett zu beschreiben; ich will mir die Sache für mich selber zu eigen machen, will wissen, wie ich mich künftig verhalten soll. Ich habe zum Beispiel bemerkt, daß es die denkbar gewöhnlichste Sache ist, wenn irgendeiner, der am Tisch sitzt, plötzlich die Hand ausstreckt und sich das nimmt, was ein anderer gewonnen hat. Da wird gestritten, nicht selten auch geschrien und - ich bitte Sie, wie fänden Sie da Zeugen, wie könnten Sie beweisen, daß es Ihr Einsatz gewesen ist!
Anfangs war das ganze Treiben für mich ein Buch mit sieben Siegeln: schlecht und recht ahnte ich, suchte ich zu begreifen, daß man auf Zahlen, auf Gerade und
Ungerade und auf Farbe setzen kann. Ich entschied mich, von Polina Alexandrownas Geld an diesem Abend hundert Gulden aufs Spiel zu verwenden. Der Gedanke, daß ich das Spielen begänne, indem ich nicht für mich selbst setzte, machte mich ganz unsicher. Mich beherrschte ein äußerst unangenehmes Gefühl, und es drängte mich, es schnell loszuwerden. Mir war ganz so, als untergrübe ich mein eigenes Glück, indem ich den Anfang für Polina machte. Wär's denn denkbar, an den Spieltisch zu treten, ohne sogleich vom Aberglauben angesteckt zu werden? Fürs erste holte ich fünf Friedrichsdor, also fünfzig Gulden, hervor und setzte sie auf Gerade. Das Rad drehte sich, die Kugel fiel auf Dreizehn - ich hatte verloren. Mit einem krankhaften Gefühl, einzig um es irgendwie hinter mich zu bringen und dann wegzugehen, setzte ich noch einmal fünf Friedrichsdor, diesmal auf Rot. Rot kam heraus. Ich setzte alle zehn Friedrichsdor - wieder kam Rot heraus. Abermals setzte ich das Ganze - und wieder kam Rot heraus. Von den vierzig Friedrichsdor, die ich nun bekam, setzte ich zwanzig auf das mittlere Dutzend, ohne zu wissen, was das für Folgen haben kann. Man zahlte mir den dreifachen Betrag. So kam es, daß sich zehn Friedrichsdor für mich zu achtzig vermehrten. Ein ganz neues und sonderbares Gefühl ergriff so unerträglich von mir Besitz, daß ich zu gehen beschloß. Ich sagte mir, ich hätte ganz anders gespielt, wenn ich's für mich getan hätte. Indessen setzte ich alle achtzig Friedrichsdor noch einmal auf Gerade. Diesmal kam Vier heraus; man zahlte mir zu den meinen noch einmal achtzig Friedrichsdor zu, ich strich den ganzen Haufen, nunmehr hundertsechzig Friedrichsdor, ein und verließ den Saal, um Polina Alexandrowna zu suchen.
Sie waren alle spazierengegangen, irgendwo im Park, und ich bekam sie erst beim Abendessen zu Gesicht. Diesmal war der Franzose nicht dabei, und der General erging sich in langer Rede; unter anderem hielt er es abermals für nötig, zu bemerken, daß er mich nicht am Spieltisch zu sehen wünsche. Nach seiner Meinung kompromittiert es ihn hier, wenn ich allzuviel Geld verspiele; „aber selbst wenn Sie sehr viel Geld gewännen, wäre ich kompromittiert", fügte er bedeutsam hinzu. „Ich habe natürlich kein Recht, über Ihre Schritte zu verfügen, aber Sie werden mir zugeben ..." Hier führte er, nach seiner Gewohnheit, den Gedanken nicht weiter. Ich erwiderte ihm kühl, daß ich sehr wenig Geld hätte, demnach auch nicht viel davon im Spiel verlieren könnte, selbst wenn ich zu spielen begänne. Beim Hinaufgehen in mein Zimmer gelang es mir, Polina ihren Gewinn zu geben, und ich erklärte ihr, daß ich ein zweites Mal nicht für sie zu spielen gedächte.
„Warum nicht?" fragte sie aufgeregt.
„Weil ich für mich selbst spielen möchte", antwortete ich und sah sie erstaunt an. „So etwas stört dabei."
„Sie sind also weiterhin fest davon überzeugt, daß einzig das Roulett Ihr Ausweg, Ihre Hoffnung ist?" fragte sie spöttisch. Ich entgegnete ihr sehr ernst, so sei es; was meine Überzeugung betreffe, daß ich auf jeden Fall gewinnen würde, so mochte sie lächerlich sein, das ließe ich gelten, „im übrigen aber möge man mich in Ruhe lassen".
Polina Alexandrowna verlangte unbedingt, daß ich von dem heutigen Gewinn die Hälfte für mich nähme; durchaus wollte sie mir achtzig Friedrichsdor geben, wobei sie vorschlug, auch künftig unter denselben Bedingungen zu spielen. Ich wies die Hälfte entschieden und ein für allemal zurück und erklärte, für andere könne ich nicht spielen, und zwar nicht etwa, weil ich es nicht wünschte, sondern in der sicheren Erwartung, daß ich dann verlöre.
„Bei alledem vertraue ich selber, wie dumm es auch sein mag, fast einzig dem Roulett", sagte sie nachdenklich. „Und deshalb müssen Sie unbedingt weiter zusam-men mit mir spielen, auf halb und halb, und das werden Sie natürlich auch tun." Damit ging sie fort von mir, ohne auf meine weiteren Einwände zu achten.
Kapitel III
Gestern freilich hat sie den ganzen Tag kein Wort mit mir vom Roulett gesprochen. Sie hat gestern überhaupt das Gespräch mit mir gemieden. Ihre Art, mit mir umzu-gehen, hat sich nicht geändert. Sie zeigt, wenn sie mir begegnet, immer dieselbe vollkommene Gleichgültigkeit, ja sie bedenkt mich beinahe mit Verachtung und Haß. Sie wünscht gar nicht, ihre Abneigung mir gegenüber zu verheimlichen, das sehe ich. Desungeachtet verhehlt sie mir auch nicht, daß sie mich zu etwas braucht und mich darum schont. Zwischen uns haben sich wunderliche Beziehungen ergeben; in vielem sind sie mir unbegreiflich - auch wenn ich ihren Stolz, ihren Hochmut gegenüber allen in Betracht ziehe. Sie weiß zum Beispiel, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, sie erlaubt mir sogar, von meiner Leidenschaft zu sprechen - versteht sich, mit nichts könnte sie mir deutlicher ihre Verachtung bekunden als mit dieser Erlaubnis, zu ihr hemmungslos und in aller Offenheit von meiner Liebe zu sprechen. Das muß doch heißen: Deine Gefühle sind in solchem Grade unbedeutend, daß es mir unendlich gleichgültig ist, worüber du mit mir zu sprechen Lust hast und was du für mich empfindest. - Über ihre eigenen Angelegenheiten hat sie mit mir auch früher viel gesprochen, ist aber niemals völlig offenherzig gewesen. Nicht nur dies; in der Art, wie sie mich geringschätzt, hat es Feinheiten gegeben, zum Beispiel diese: Sie weiß - davon können wir ausgehen -, daß mir dieser oder jener Umstand ihres Lebens bekannt ist, oder auch, daß ich sehe, was sie gerade sehr beunruhigt; sie wird mir sogar selber etwas von ihren Lebensumständen erzählen, wenn es ihr darauf ankommt, mich irgendwie für ihre Ziele zu verwenden, als Sklaven oder als Laufburschen; aber sie wird immer genau so viel erzählen, wie der Mensch wissen muß, den sie als Laufburschen verwendet, und wenn mir noch der ganze Zusammenhang der Dinge unbekannt ist, wenn sie auch selber sieht, wie ich mich mit ihren Qualen quäle, wie mich ihre Unruhe be-unruhigt, so läßt sie sich doch niemals herab, mich mit freundschaftlicher Offenheit ganz zu beruhigen; dabei wäre sie, so meine ich, verpflichtet, mit mir offen zu sein, wenn sie mich mit Aufträgen versieht, die manchmal nicht nur Mühe, sondern auch Gefahr bringen. Sie hält es einfach nicht für nötig, sich um meine Gefühle zu kümmern, darum, daß auch ich meine Unruhe habe, daß ich mich mit ihren Sorgen und ihrem Scheitern vielleicht dreimal soviel quäle wie sie selber!
Seit drei Wochen schon wußte ich von ihrer Absicht, Roulett zu spielen. Sie hatte mich sogar wissen lassen, daß ich statt ihrer würde spielen müssen, weil es ihr un-schicklich scheint, es selbst zu tun. Schon damals hörte ich heraus, daß sie eine ernste Sorge hat und daß sie nicht einfach Geld zu gewinnen wünscht. Das Geld ist eine Sache für sich! Es gibt da ein Ziel, es gibt Umstände, an denen ich herumrätseln kann, die ich aber bis heute nicht kenne. Gewiß, die Erniedrigung und die Sklaverei, in denen sie mich hält, könnten mir die Möglichkeit geben (und sie geben sie mir sehr oft), grob und geradenwegs sie selber auszufragen. Doch da ich in ihren Augen allzu unbedeutend bin, ein Sklave bloß, sieht sie auch keinen Anlaß, ob meiner groben Neugier gekränkt zu sein. Das ist es: Sie erlaubt mir, Fragen zu stellen, doch sie beantwortet sie nicht. Sie bemerkt sie manchmal gar nicht. So steht es um uns!
Gestern hat man bei uns viel von einem Telegramm geredet, das vor vier Tagen nach Petersburg geschickt worden ist und auf das die Antwort aussteht. Der General ist sichtlich aufgeregt; er grübelt. Es geht natürlich um Babuschka. Aufgeregt ist auch der Franzose. Gestern nach dem Mittagessen zum Beispiel haben sie lange und ernst miteinander geredet. Gegenüber uns allen schlägt der Franzose einen äußerst hochmütigen und herablassenden Ton an. Wie das Sprichwort sagt: Bitt ihn zu Tisch - er legt die Füße drauf. Sogar zu Polina ist er achtlos bis zur Grobheit; im übrigen nimmt er mit Vergnügen an den allgemeinen Spaziergängen im Kurpark teil, auch an Ausritten oder Kutschfahrten aufs Land. Mir sind längst gewisse Umstände bekannt, die den Franzosen mit dem General verbinden: In Rußland gedachten sie gemeinsam eine Fabrik zu betreiben; ich weiß nicht, ob das Vorhaben schon gescheitert ist oder ob die beiden die Sache noch verfolgen. Außerdem ist mir zufällig ein Teil des Familiengeheimnisses bekannt: Der Franzose hat voriges Jahr tatsächlich dem General aus der Klemme geholfen und ihm dreißigtausend gegeben, damit er die in seiner Dienstkasse fehlende Summe vor der Amtsübergabe ersetzen konnte. Versteht sich, nun hat er den General in der Zange; dennoch wird jetzt, gerade jetzt die Hauptrolle in allem von Mademoiselle Blanche gespielt, und ich bin sicher, daß ich mich auch hierin nicht irre.
Was ist das für ein Mensch, Mademoiselle Blanche? Hier bei uns heißt es, sie sei eine vornehme Französin, die mit ihrer Mutter zusammen lebt und ein gewaltiges Vermögen besitzt. Man weiß zudem, daß sie mit unserem Marquis verwandt ist, wenn auch sehr entfernt -eine Cousine oder Großcousine. Es heißt, vor meiner Fahrt nach Paris hätten sich der Franzose und Mademoiselle Blanche viel steifer zueinander verhalten, sie hätten auf formalerem, delikaterem Fuß miteinander gestanden; jetzt dagegen tritt ihre Bekanntschaft, ihre Freundschaft, ihre Verwandtschaft deutlicher, weniger verhüllt zutage. Vielleicht meinen sie, unsere Angelegenheiten stünden so schlecht, daß es die Mühe nicht lohne, mit uns viel Umstände zu machen und sich zu verstellen. Seit vorgestern schon fällt mir auf, wie Mister Astley Ma-demoiselle Blanche und ihre Mutter mustert. Ich glaube, er kennt sie. Ich glaube sogar, auch unser Franzose ist Mister Astley schon früher begegnet. Mister Astley ist übrigens so schüchtern, zurückhaltend, verschwiegen, daß man fast sicher sein kann, er werde keinen Unrat aus dem Hause tragen. Der Franzose jedenfalls grüßt ihn kaum und blickt fast über ihn hinweg; also fürchtet er ihn nicht. Das leuchtet noch ein; aber warum sieht ihn auch Mademoiselle Blanche kaum an? Der Marquis hat sich gestern auch noch verplappert - in einem allgemeinen Gespräch sagte der Franzose, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlaß: Mister Astley sei kolossal reich; er, der Marquis, wisse das. Bei solcher Gelegenheit hätte doch Mademoiselle Blanche auf Mister Astley blicken müssen! Der General ist immerfort voller Unruhe. Man kann verstehen, was ihm jetzt ein Telegramm über den Tod der Tante bedeuten würde!
Für sicher mußte ich halten, daß Polina einem Gespräch mit mir aus dem Wege ging und daß sie ein Ziel damit verfolgte; ich wiederum spielte nun selber den Kalten, den Gleichgültigen und dachte dabei doch: Jetzt gleich, gleich wird sie zu mir treten. So schenkte ich denn gestern und heute meine ganze Aufmerksamkeit Mademoiselle Blanche. Der arme General, um ihn ist's geschehen! Mit fünfundfünfzig Jahren sich zu verlieben, mit solch mächtiger Leidenschaft, das ist natürlich ein Unglück. Man bedenke zudem seinen Witwerstand, seine Kinder, den völligen wirtschaftlichen Ruin, die Schulden und schließlich die Frau, in die er sich hat verlieben müssen. Mademoiselle Blanche ist eine Schönheit. Sie hat aber - ich weiß nicht, ob man mich recht verstehen wird - ein Gesicht von solcher Art, daß man vor ihm erschrecken kann. Wenigstens habe ich Frauen dieses Schlags immer gefürchtet. Sie ist wahrscheinlich fünfundzwanzig Jahre alt, hoch gewachsen und hat volle gerundete Schultern; Hals und Brust sind makellos schön; sie hat einen brünetten Teint und tuscheschwarzes Haar von so gewaltiger Fülle, daß es zwei Frauenköpfe zieren könnte. Die Augen sind schwarz, das Weiße in ihnen geht ins Gelbliche, ihr Blick ist hochmütig, die Zähne sind blendend weiß, die Lippen immer geschminkt; sie duftet nach Moschus. Sie kleidet sich wirksam, elegant, reich, mit viel Geschmack. Hände und Füße sind bewundernswert. Ihre Stimme ist ein etwas rauher, tiefer Alt. Manchmal lacht sie laut auf, dabei läßt sie alle ihre Zähne sehen; gewöhnlich aber blickt sie stumm und anmaßend - wenigstens in Polinas und Marja Filippownas Gegenwart. (Ein wunderliches Gerücht: Marja Filippowna will nach Rußland fahren.) Mir kommt Mademoiselle Blanche ganz ungebildet vor, vielleicht ist sie nicht einmal klug, dafür aber argwöhnisch und verschlagen. Es mag in ihrem Leben manches Abenteuer gegeben haben. Wenn schon alles gesagt sein soll: Vielleicht ist sie mit dem Marquis gar nicht verwandt, und ihre Mutter ist vielleicht gar nicht ihre Mutter. Man hat jedoch Kunde, daß sie und ihre Mutter in Berlin, wo wir ihnen begegnet waren, ein paar anständige Bekanntschaften hatten. Was den Marquis selbst betrifft, so zweifle ich zwar bis heute, daß er Marquis ist; doch daß er zur besseren Gesellschaft gehört, hat sich beispielsweise bei uns in Moskau und auch hier und da in Deutschland durchaus bestätigt. Was er in Frankreich ist, das weiß ich nicht. Es heißt, er besitze ein Château. Ich hatte gemeint, in den zwei Wochen meiner Abwesenheit werde viel Wasser den Fluß hinuntergeflossen sein; trotzdem weiß ich noch nicht zuverlässig, ob zwischen Mademoiselle Blanche und dem General ein entscheidendes Wort gesprochen worden ist. Überhaupt hängt jetzt alles von unseren Verhältnissen ab, das heißt davon, ob der General ihnen viel Geld vorzuweisen hat. Träfe jetzt etwa die Nachricht ein, daß Babuschka, also eigentlich die Tante, nicht gestorben sei, so würde Mademoiselle Blanche - davon bin ich überzeugt - sofort verschwinden. Ich muß über mich selber staunen und lachen: was bin ich doch für eine Klatschbase geworden. Wie mich das alles anwidert! Wie gern ließe ich alles und alle hier zurück! Doch könnte ich wegfahren von Polina, brächte ich's fertig, nicht um sie herumzuspionieren? Das Spionieren ist niederträchtig, versteht sich; aber was macht mir das aus!
Beachtenswert fand ich gestern und heute auch Mister Astley. Ja, ich bin überzeugt, daß er in Polina verliebt ist! Beachtenswert und komisch ist es, wieviel zuweilen der Blick eines schüchternen und krankhaft keuschen Menschen, den die Liebe gepackt hat, ausdrücken kann, und zwar ausgerechnet dann, wenn er natürlich eher in die Erde versinken als etwas mit Wort oder Blick verraten möchte. Mister Astley begegnet uns sehr oft auf den Spaziergängen. Er lüftet den Hut und geht vorbei, doch es versteht sich, daß er danach schmachtet, sich uns anzuschließen. Lädt man ihn ein, lehnt er sofort ab. An den Orten der Rast, im Kurhaus, beim Konzert oder vor dem Springbrunnen verweilt er ganz gewiß nicht weit von unserer Bank, und wo immer wir uns unterhalten: im Park, im Wald oder auf dem Schlangenberg - du brauchst dich nur umzuschauen, und unbedingt wird irgendwo, sei's auf dem nächsten Pfade, sei's hinter einem Gebüsch, ein Stückchen von Mister Astley auftauchen. Mir scheint, er sucht eine Gelegenheit, mit mir allein zu sprechen. Heute früh haben wir uns getroffen und ein paar Worte gewechselt. Er redet manchmal arg sprunghaft.
Kaum hatte er guten Tag gesagt, fing er so an: „Ja, Mademoiselle Blanche . . . Ich habe viele solche Frauen gesehen wie Mademoiselle Blanche!"
Er schwieg eine Weile, während er bedeutsam auf mich blickte.
Was er damit hat sagen wollen, weiß ich nicht. Denn auf meine Frage, was er denn meine, nickte er, lächelte listig und sprach weiter: „Es ist schon so. Freut sich eigentlich Mademoiselle Pauline über Blumen?"
„Ich weiß nicht, habe keine Ahnung", antwortete ich.
„Wie! Nicht einmal das wissen Sie!" rief er aufs höchste erstaunt.
„Ich weiß es nicht, habe nichts dergleichen bemerkt", wiederholte ich lachend.
„Das bringt mich auf einen Gedanken." Hier nickte er und ging weiter. Er sah übrigens zufrieden aus. Wir unterhalten uns in schauderhaftem Französisch.
Kapitel IV
Heute war ein Tag voll von Lächerlichem, Widerwärtigem, Mißratenem. Jetzt ist es elf Uhr nachts. Ich sitze in meinem Kämmerchen und erinnere mich. Es begann damit, daß ich am Morgen nun doch zum Roulett gehen mußte, um für Polina Alexandrowna zu spielen. Ich nahm ihre sämtlichen hundertsechzig Friedrichsdor mit, aber unter zwei Bedingungen: erstens, daß es nicht halbpart ginge, also daß ich, wenn ich gewänne, nichts für mich behalten würde; zweitens, daß mir Polina am Abend erklären werde, warum gerade sie so dringend gewinnen müsse und wieviel Geld es zu sein habe. Ich kann einfach nicht davon ausgehen, daß sie schlechthin Geld haben wolle. Es kann nicht anders sein, als daß sie es zu einem ganz bestimmten Zweck braucht, und zwar so schnell wie möglich. Sie hat versprochen, es mir zu erklären, und ich bin hingegangen. In den Spielsälen herrschte furchtbares Gedränge. Wie unverschämt sie sind, wie gierig sie alle! Ich schob mich zur Mitte durch und stellte mich unmittelbar neben den Croupier: dann versuchte ich zaghaft das Spiel, setzte immer nur zwei oder drei Geldstücke. Unterdessen beobachtete ich aufmerksam; ich überlegte mir, daß Berechnung im Grunde kaum etwas bedeutet, daß sie viel weniger wichtig ist, als viele Spieler glauben. Sie sitzen da mit liniierten Blättern, notieren die Ergebnisse, zählen, ziehen Schlüsse auf die Chancen, rechnen, setzen schließlich und - verlieren genauso wie wir, die gewöhnlichen Sterblichen, die ohne Berechnung spielen. Dafür aber zog ich einen Schluß, der anscheinend zutrifft: Tatsächlich gibt es im Auf und Ab der zufälligen Chancen zwar kein System, doch gewissermaßen eine Ordnung, was natürlich höchst merkwürdig ist. Es kommt zum Beispiel vor, daß aufs mittlere Dutzend das letzte Dutzend folgt; zweimal, sagen wir, rollt die Kugel in ein Fach dieses letzten Dutzends, und dann ist das erste Dutzend an der Reihe. Das erste Dutzend wird nach einem Mal wieder vom mittleren abgelöst; drei-, viermal nacheinander fällt die Kugel in ein Fach des mittleren Dutzends; es folgt das letzte Dutzend und wieder nach zwei Malen das erste. Einmal fällt der Gewinn auf dieses, und er wechselt für dreimal ins mittlere Dutzend; so geht das anderthalb oder zwei Stunden lang. Eins, drei und zwei, eins, drei und zwei. Höchst amüsant. An manchem Tag oder auch nur manchem Vormittag wechseln beispielsweise Rot und Schwarz ohne jede Ordnung, immerfort, so daß nie öfter als zwei-, dreimal nacheinander dieselbe Farbe gewinnt. Am Tag darauf oder, wenn es so am Vormittag gegangen ist, noch am selben Tag kann es sein, daß nur Rot gewinnt; beispielsweise bleibt die gewinnende Farbe bis zu zweiundzwanzig Malen oder auch länger dieselbe. So geschieht es unweigerlich eine ganze Zeit lang, vielleicht einen ganzen Tag. Viel darüber hat mir Mister Astley erklärt, der den ganzen Vormittag an den Spieltischen gestanden, selber aber kein einziges Mal gesetzt hat. Was mich betrifft, so habe ich bis aufs letzte alles verloren, und zwar sehr schnell. Ich setzte auf Gerade gleich zwanzig Friedrichsdor auf einmal und gewann, setzte fünf und gewann wieder, und so ging es noch zwei-, dreimal. Ich glaube, nach kaum fünf Minuten hielt ich ungefähr vierhundert Friedrichsdor in den Händen. Da hätte ich gehen sollen, aber in mir stieg ein seltsames Gefühl auf, etwas wie eine Herausforderung ans Schicksal, ein Wunsch, es gleichsam zu ohrfeigen, ihm die Zunge herauszustrecken. Ich machte den höchsten erlaubten Einsatz, viertausend Gulden, und verlor. Darauf holte ich, in Hitze geraten, alles hervor, was mir geblieben war, setzte es auf dasselbe Feld und verlor abermals, worauf ich wie betäubt vom Tisch wegging. Ich begriff nicht einmal, was mit mir geschah, und teilte Polina Alexandrowna meinen Verlust erst unmittelbar vor dem Mittagessen mit. Bis dahin war ich im Park umhergeirrt. Bei Tisch war ich wieder erregt, so wie vorgestern. Der Franzose und Mademoiselle Blanche speisten abermals mit uns. Es stellte sich heraus, daß Mademoiselle Blanche am Morgen in den Spielsälen gewesen und Zeugin meiner Taten geworden war. Diesmal widmete sie mir im Gespräch mehr Aufmerksamkeit. Der Franzose fragte mich ohne Umschweife, ob ich wirklich eigenes Geld verspielt hätte. Mir scheint, er hat Polina im Verdacht. Jedenfalls steckt etwas dahinter. Ich log kurzerhand, ich sagte, es sei meines gewesen.
Der General zeigte sich höchst verwundert - woher hatte ich so viel Geld? Ich erklärte, ich hätte mit zehn Friedrichsdor angefangen, hätte die Summe in sechs oder sieben Einsätzen jeweils verdoppelt, und das hätte mich auf fünf- oder sechstausend Gulden gebracht; dann hätte ich mit zwei Einsätzen alles eingebüßt.
Das klang, versteht sich, wahrscheinlich. Während ich's so erklärte, blickte ich auf Polina, doch in ihren Zügen konnte ich nichts wahrnehmen. Also ließ sie mich lügen; sie korrigierte mich nicht. Daraus schloß ich, daß dies auch nötig war: zu lügen, zu verheimlichen, daß ich für sie gespielt hatte. Auf jeden Fall, so sagte ich mir, sei sie mir eine Erklärung schuldig; ohnehin hatte sie versprochen, mir etwas zu enthüllen.
Ich hatte geglaubt, der General werde mir Vorwürfe machen, doch er schwieg; ich las freilich in seinen Zügen, daß er erregt und besorgt war. Vielleicht fiel es ihm in seiner bedrängten Lage einfach schwer, sich anzuhören, wie so ein beachtlicher Haufen Goldes einem dummen Kerl wie mir, der nicht rechnen will, innerhalb einer Viertelstunde in die Hände gerät und zerrinnt.
Ich hege den Verdacht, daß er gestern abend mit dem Franzosen einen Zusammenprall hatte. Sie sprachen hinter verschlossener Tür lange und hitzig miteinander. Der Franzose ging dann auffallend gereizt davon, und heute, früh am Morgen, kam er wieder zum General, wahrscheinlich um das gestrige Gespräch fortzusetzen.
Da der Franzose von meinem Verlust gehört hatte, bemerkte er spöttisch und sogar boshaft, ich hätte vernünftiger sein müssen. Ich weiß nicht, warum er hinzufügte, von den Russen spielten zwar viele, nach seiner Meinung aber verständen sie nicht einmal zu spielen.
„Ich meine, das Roulett ist geradezu geschaffen für die Russen", sagte ich, und da der Franzose nach meiner Entgegnung das Gesicht zu einem verächtlichen Lächeln verzog, fugte ich hinzu, daß die Wahrheit zweifellos auf meiner Seite sei, denn wenn ich von den Russen als Spielern spräche, sei dies doch weit mehr eine Schmähung als ein Lob; folglich könne man mir glauben.
„Worauf gründen Sie Ihre Meinung?" fragte der Franzose.
„Darauf, daß ins geheiligte Gesamtbild der Tugenden und Vorzüge des zivilisierten westlichen Menschen historisch, und zwar beinahe als Hauptpunkt, die Fähigkeit eingegangen ist, Kapitalien zu erwerben. Ein Russe hingegen ist nicht nur unfähig, Kapitalien zu erwerben, sondern er vergeudet sie auch sinnlos und wüst. Dessen-ungeachtet brauchen auch wir Russen Geld", fügte ich hinzu, „folglich sind wir ganz versessen, ganz gierig auf Verfahren wie das Roulett, Verfahren, die einen sofort, in zwei Stunden reich machen können, ohne daß man sich anzustrengen braucht. Das reizt uns sehr; und weil wir zudem sinnlos spielen, ohne uns anzustrengen, so büßen wir im Spiel alles ein!"
„Das hat sein Richtiges", bemerkte selbstzufrieden der Franzose.
„Nein, es hat nichts Richtiges, und Sie sollten sich schämen, so von Ihrem Vaterland zu sprechen", erklärte streng und nachdrücklich der General.
„Aber ich bitte Sie", entgegnete ich ihm, „es ist noch gar nicht heraus, was häßlicher ist: das russische wüste Wesen oder die deutsche Fähigkeit, mit ehrlicher Arbeit Geld anzuhäufen."
„Was für ein wüster Gedanke!" rief der General.
„Was für ein russischer Gedanke!" rief der Franzose.
Ich lachte. Mir lag schrecklich daran, die beiden aufzuziehen.
„Ich jedenfalls, lieber lebe ich als Nomade im Kirgisenzelt", verkündete ich, „als daß ich dem deutschen Götzen diente."
„Was für einem Götzen?" schrie der General; er wurde schon ernstlich böse.
„Der deutschen Art, Reichtümer anzuhäufen. Ich bin noch nicht lange hier, und trotzdem: Was ich hier vermerkt und ergründet habe, geht mir gegen die tatarische Natur. Bei Gott, solche Tugenden will ich nicht! Ich habe hier die Gegend immerhin schon im Umkreis von zehn Werst erwandert. Also, aufs Tüpfelchen genau dasselbe wie in den deutschen Büchlein mit Bildern und Moral: Hier hat jedes Haus seinen Vater, und der ist furchtbar tugendhaft und wer weiß wie redlich. So redlich ist er, daß man sich ihm nur mit Bangen nähert. Ich kann redliche Leute, denen man sich nur mit Bangen nähert, nicht ausstehen. Jeder Vater von diesem Schlage hat eine Familie, und abends lesen sie alle einander laut aus lehrreichen Büchern vor. Ums Häuschen rauschen Ulmen und Kastanien. Sonnenuntergang, ein Storch auf dem Dach, alles nur Erdenkliche an Poetischem und Rührendem . . .
Zürnen Sie mir nicht, General, erlauben Sie mir, recht Rührendes zu erzählen. Ich erinnere mich selbst, wie mein seliger Vater, auch unter Bäumen, unter Linden, im Gärtchen, des Abends mir und der Mutter aus ähnlichen Heftchen vorlas . . . Ich kann also durchaus darüber urteilen. Nun, jede solche hiesige Familie ist dem Vater völlig untenan, ist Sklave seines Willens. Alle schuften wie Ochsen, und alle scharren Geld zusammen wie Juden. Gesetzt, der Vater hat schon soundso viel Gulden zusammen und ist gesonnen, dem ältesten Sohn das Gewerbe oder den Grund und Boden zu vermachen; um dieses Zieles willen kriegt die Tochter keine Mitgift und bleibt sitzen; um dieses Zieles willen verkaufen sie den jüngeren Sohn als Knecht oder als Soldaten; das Geld wird dem Familienbesitz zugeschlagen. Wirklich, das tun sie hier, ich habe mich erkundigt. Getan wird das einzig aus Redlichkeit, aus übergroßer Redlichkeit, und das macht, daß auch der jüngere Sohn, der verkaufte, glaubt, daß sie ihn einzig aus Redlichkeit verkauft haben. Und das, ja, das ist das Ideal: Das Opfer selbst freut sich, daß man's zur Schlachtbank führt. Und was weiter? Weiter hat's auch der Älteste nicht leicht; er hat so ein Amalchen, und ihr ist er herzinniglich zugetan, doch an Heirat ist nicht zu denken, weil am Guldenhaufen noch etwas fehlt. So warten sie denn gleichfalls fein und tugendhaft und schreiten mit einem Lächeln zur Schlachtbank. Amalchens Wangen sind schon eingefallen, sie verdorrt. Endlich, nach zwanzig Jahren, hat sich das Vermögen vervielfacht; die Gulden sind redlich und tugendhaft zusammengescharrt. Der Vater segnet den vierzigjährigen Ältesten und das fünfunddreißigjährige Amalchen mit der verdorrten Brust und der roten Nase . . . Dabei weint er, predigt Moral und macht sich ans Sterben. Der Älteste verwandelt sich selber in einen tugendhaften Vater, und die Geschichte beginnt von neuem. So nach fünfzig oder siebzig Jahren bringt es der Enkel des ersten Vaters wirklich schon zu einem bedeutenden Kapital, und das vermacht er seinem Sohn, und der vermacht es seinem, und dieser vermacht es seinem, und nach fünf oder sechs Generationen ist ein Baron Rothschild fertig oder Hoppe & Co. oder weiß der Teufel was. Als ob das kein erhebendes Schauspiel wäre: hundert oder zweihundert Jahre lang von Geschlecht zu Geschlecht Arbeit, Geduld, Vernunft, Redlichkeit, Charakter, Standhaftigkeit, Berechnung, Storch auf dem Dach! Was wollen Sie mehr, höher geht es ja nicht, und von diesem Blickpunkt aus machen sie sich daran, ihr Urteil über alle Welt zu sprechen und die Schuldigen, das heißt die, die auch nur um ein winziges von ihrem Muster abweichen, sogleich zu richten. Was ich sagen will: Da schweif ich schon lieber auf russische Art aus, da versuch ich schon lieber, Reichtum vom Roulett zu holen. Ich will nicht in fünf Generationen Hoppe & Co. sein. Geld brauch ich für mich selber, und fern liegt es mir, mein ganzes Ich als notwendiges Beiwerk zum Kapital zu betrachten. Ich weiß, daß ich dummes Zeug geredet habe - meinetwegen. Es ist nun mal meine Überzeugung."
„Ich weiß nicht, ob viel Wahrheit in dem liegt, was Sie geredet haben", bemerkte der General nachdenklich, „aber ich weiß zuverlässig, daß Sie unerträglich großtun, sobald man Ihnen auch nur ein wenig Raum dafür gibt, und . . ."
Nach seiner Gewohnheit sprach er nicht zu Ende. Wenn sich unser General darauf einläßt, sich über etwas zu äußern, was nur um ein Haar bedeutsamer ist als die Gegenstände des Alltagsgesprächs, so gelangt er damit nie ans Ende. Der Franzose hatte lässig, ein wenig glotzend zugehört. Er hatte fast nichts von dem verstanden, was ich sagte. Polina blickte anscheinend hochmütig, gleichgültig vor sich hin. Es war, als ließe sie nicht nur mich, sondern überhaupt alles unbeachtet, was diesmal bei Tisch geredet wurde.
Kapitel V
Sie war über die Maßen nachdenklich, doch beim Aufstehen vom Tisch verlangte sie sogleich, daß ich sie beim Spaziergang begleiten möge. Wir nahmen die Kinder und gingen in den Park, auf den Springbrunnen zu.
Ich war so aufgeregt, daß ich dumm und täppisch mit der Frage herausplatzte, warum unser Marquis Des Grieux, der kleine Franzose, sie nicht mehr begleite, wenn sie ausging, ja sogar tagelang kein Wort mit ihr wechsle.
„Weil er ein Schuft ist", gab sie seltsamerweise zur Antwort. Noch nie hatte ich von ihr ein so scharfes Urteil über Des Grieux gehört; ich verstummte, weil ich den Grund ihrer Gereiztheit zu begreifen fürchtete.
„Haben Sie bemerkt, daß es heute zwischen dem General und ihm nicht gut stand?"
„Sie möchten wissen, worum es geht?" erwiderte sie kalt und gereizt. „Sie wissen, daß der General völlig bei ihm verschuldet ist; der ganze Besitz ist ihm verpfändet, und wenn Babuschka nicht stirbt, tritt der Franzose sehr bald den Besitz all dessen an, was ihm verpfändet ist."
„Stimmt es also wirklich, daß es sich um den ganzen Besitz handelt? Ich habe davon gehört, aber nicht gewußt, daß es um alles, alles geht."
„Was sonst?"
„Wenn es so steht, dann ade, Mademoiselle Blanche", bemerkte ich. „Da wird sie nicht Generalsfrau! Wissen Sie, was? Mir scheint, der General ist so verliebt, daß er sich wohl erschießen wird, wenn Mademoiselle Blanche ihn verläßt. In seinen Jahren ist es gefährlich, sich so zu verlieben."
„Ich habe selber das Gefühl, daß sich mit ihm etwas Schlimmes vorbereitet", antwortete Polina Alexandrowna gedankenvoll.
„Es ist großartig", rief ich, „unverblümter läßt sich gar nicht zeigen, daß sie einzig fürs Geld zu heiraten bereit ist. Da wird nicht einmal die Form gewahrt, ganz unge-niert wird da gehandelt. Unglaublich! Und was Babuschka betrifft: Was kann komischer und schmutziger sein, als ein Telegramm nach dem andern zu schicken und nachzufragen, ob sie nun gestorben, ob sie gestorben ist? Wie gefällt Ihnen das, Polina Alexandrowna?"
Sie unterbrach mich. „Schluß damit!" sagte sie angewidert. „Etwas anderes: Ich wundere mich, daß Sie in so heiterer Gemütsverfassung sind. Worüber freuen Sie sich? Etwa darüber, daß Sie mein Geld verspielt haben?"
„Warum haben Sie's mich verspielen lassen? Ich habe es Ihnen gesagt: Ich kann nicht für andere spielen, am wenigsten für Sie. Was immer Sie mich zu tun heißen, ich werde Ihnen gehorchen; aber das Ergebnis hängt nicht von mir ab. Ich habe Sie gewarnt, Ihnen gesagt, daß es nicht gut geht. Sagen Sie, drückt es Sie sehr nieder, daß Sie soviel Geld verloren haben? Wozu brauchen Sie soviel?"
„Was sollen diese Fragen?"
„Sie haben selber versprochen, es mir zu erklären Hören Sie, ich bin völlig überzeugt: Wenn ich anfange, für mich zu spielen (und ich habe zwölf Friedrichsdor), so werde ich gewinnen. Dann nehmen Sie von mir, soviel Sie brauchen."
Sie blickte verächtlich.
„Seien Sie mir dieses Vorschlags wegen nicht böse", fuhr ich fort. „Ich bin so sehr von dem Bewußtsein durchdrungen, vor Ihnen, das heißt in Ihren Augen, eine Null zu sein, daß Sie sogar Geld von mir nehmen können. Ein Geschenk von mir kann Sie nicht kränken. Außerdem habe ich Ihres verspielt."
Sie richtete einen raschen. Blick auf mich, und da sie bemerkte, daß ich gereizt und sarkastisch sprach, unterbrach sie wieder meine Rede. „An meinen Umständen ist nichts, was für Sie interessant wäre. Wenn Sie's wissen wollen - ich habe Schulden. Ich habe mir Geld geborgt und möchte es zurückzahlen. Ich hatte den wunderlichen, irrsinnigen Gedanken, daß ich ganz bestimmt gewinnen würde, hier, am Spieltisch. Wie ich darauf kam, begreife ich nicht, aber ich glaubte daran. Wer weiß, vielleicht glaubte ich deshalb daran, weil mir kein anderer Weg blieb."
„Oder deshalb, weil es schon allzu nötig war, zu gewinnen. Ganz genau, wie wenn ein Ertrinkender nach dem Strohhalm greift. Geben Sie zu: Wäre er nicht am Ertrinken, so hielte er den Strohhalm nicht für einen Baumstamm."
Polina wunderte sich.
„Aber", wandte sie ein, „Sie vertrauen doch selber darauf? Vor vierzehn Tagen haben Sie mir lang und breit auseinandergesetzt, Sie seien völlig überzeugt, hier beim Roulett zu gewinnen, und Sie wollten erreichen, daß ich Sie deshalb nicht als einen Verrückten ansähe. Haben Sie damals etwa nur gescherzt? Ich erinnere mich freilich, Sie sprachen so ernsthaft, daß man es mitnichten für einen Scherz halten konnte." „Was sollen diese Fragen?"
„Sie haben selber versprochen, es mir zu erklären Hören Sie, ich bin völlig überzeugt: Wenn ich anfange, für mich zu spielen (und ich habe zwölf Friedrichsdor), so werde ich gewinnen. Dann nehmen Sie von mir, soviel Sie brauchen."
Sie blickte verächtlich.
„Seien Sie mir dieses Vorschlags wegen nicht böse", fuhr ich fort. „Ich bin so sehr von dem Bewußtsein durchdrungen, vor Ihnen, das heißt in Ihren Augen, eine Null zu sein, daß Sie sogar Geld von mir nehmen können. Ein Geschenk von mir kann Sie nicht kränken. Außerdem habe ich Ihres verspielt."
Sie richtete einen raschen. Blick auf mich, und da sie bemerkte, daß ich gereizt und sarkastisch sprach, unterbrach sie wieder meine Rede. „An meinen Umständen ist nichts, was für Sie interessant wäre. Wenn Sie's wissen wollen - ich habe Schulden. Ich habe mir Geld geborgt und möchte es zurückzahlen. Ich hatte den wunderlichen, irrsinnigen Gedanken, daß ich ganz bestimmt gewinnen würde, hier, am Spieltisch. Wie ich darauf kam, begreife ich nicht, aber ich glaubte daran. Wer weiß, vielleicht glaubte ich deshalb daran, weil mir kein anderer Weg blieb."
„Oder deshalb, weil es schon allzu nötig war, zu gewinnen. Ganz genau, wie wenn ein Ertrinkender nach dem Strohhalm greift. Geben Sie zu: Wäre er nicht am Ertrinken, so hielte er den Strohhalm nicht für einen Baumstamm."
Polina wunderte sich.
„Aber", wandte sie ein, „Sie vertrauen doch selber darauf? Vor vierzehn Tagen haben Sie mir lang und breit auseinandergesetzt, Sie seien völlig überzeugt, hier beim Roulett zu gewinnen, und Sie wollten erreichen, daß ich Sie deshalb nicht als einen Verrückten ansähe. Haben Sie damals etwa nur gescherzt? Ich erinnere mich freilich, Sie sprachen so ernsthaft, daß man es mitnichten für einen Scherz halten konnte."
„Das stimmt", sagte ich nachdenklich. „Ich bin bis heute völlig davon überzeugt, daß ich gewinnen werde. Ich gestehe Ihnen sogar, daß Sie mich jetzt auf die Frage bringen: Warum eigentlich hat mein heutiger sinnloser, wüster Verlust in mir nicht den geringsten Zweifel geweckt? Trotz allem bin ich ganz überzeugt, daß ich nur anfangen muß, für mich selbst zu spielen, und schon werde ich gewinnen."
„Woher nehmen Sie diese Gewißheit?"
„Offen gesagt, ich weiß nicht. Ich weiß nur, daß ich gewinnen muß, daß es auch für mich der einzige Ausweg ist. Mag sein, daß ich ebendeshalb meine, es müsse un-bedingt so geschehen."
„Folglich ist es auch bei Ihnen allzu nötig, da Sie fanatisch überzeugt sind?"
„Ich wette, Sie zweifeln daran, daß ich imstande sei, eine ernsthafte Notwendigkeit zu fühlen?"
„Das berührt mich nicht", erwiderte Polina leise und gleichgültig. „Nun gut. Ja, ich zweifle daran, daß etwas Ernsthaftes Sie gequält hat. Sie können Qual empfinden, aber nicht ernsthaft. Sie sind ein Mensch ohne Ordnung und Halt. Wozu brauchen Sie Geld? Unter allen Gründen, die Sie mir damals nannten, habe ich keinen ernsthaften gefunden."
„Übrigens", unterbrach ich sie, „Sie sagten, Sie müßten Schulden zurückzahlen. Gut, also Schulden! Etwa bei dem Franzosen?"
„Was für Fragen! Sie sind heute besonders dreist. Sind Sie etwa betrunken?"
„Sie wissen, ich erlaube mir, alles auszusprechen, und frage manchmal sehr offen. Ich wiederhole, ich bin Ihr Sklave, und vor Sklaven geniert man sich nicht, ein Sklave kann nicht beleidigen."
„Alles Unsinn! Ihre 'Sklaventheorie' ist mir zuwider."
„Halten Sie sich vor Augen, daß ich nicht deshalb von meinem Sklaventum spreche, weil ich etwa Ihr Sklave zu sein wünschte; nein, ich spreche davon als etwas Gege-benem, das nicht von mir abhängt."
„Geradeheraus - wozu brauchen Sie das Geld?"
„Und wozu möchten Sie das Wissen?"
„Wie Sie wollen", erwiderte sie und wandte stolz den Kopf.
„Die Sklaventheorie ist Ihnen zuwider, aber das Sklaventum verlangen Sie: 'Antworten, ohne Widerrede!' Gut, meinetwegen. Sie fragen: wozu das Geld? Was heißt, wozu? Geld ist alles!"
„Begreiflich; aber der Wunsch, Geld zu haben, muß doch nicht zu solchem Wahnsinn führen! Sie treiben es bis zur Raserei, bis zum Fatalismus. Da steckt etwas dahinter, ein besonderes Ziel. Reden Sie ohne Ausflüchte, ich will es."
Sie schien sich zu erzürnen, und mir gefiel es ungemein, daß sie mich so wütend zu verhören trachtete.
„Gewiß, es gibt ein Ziel", sagte ich, „ich bin nur nicht imstande, es zu benennen. Nichts weiter, als daß ich mit Geld auch für Sie zu einem andern Menschen werde, mit Geld kein Sklave mehr bin."
„Wie? Wie werden Sie das erreichen?"
„Wie ich's erreiche? Sie begreifen nicht einmal, wie ich's erreichen kann, daß Sie auf mich anders blicken als auf einen Sklaven! So etwas mag ich gar nicht, solche Verwunderung, solche Verständnislosigkeit."
„Sie haben gesagt, dieses Sklaventum sei Ihnen ein Genuß. Auch mir schien es so."
„Es schien Ihnen so", rief ich mit wunderlicher Wonne. „Ach, wie reizend von Ihnen, diese Naivität! Nun ja, ja, Sklaventum um Ihretwillen, das ist mir ein Genuß. Es gibt Genuß, ja, Genuß in der äußersten Erniedrigung, im äußersten Mißachtetsein!" fuhr ich fort wie im Fieber. „Weiß der Teufel, vielleicht gibt's ihn auch unter der Knute, wenn die auf den Rücken saust und das Fleisch zerfetzt. . . Aber ich möchte vielleicht auch andere Genüsse erfahren. Kürzlich hat mir der General in Ihrer Gegenwart bei Tisch eine Moralpredigt gehalten wegen der siebenhundert Rubel im Jahr, die ich von ihm vielleicht nicht einmal kriege. Der Marquis Des Grieux mustert mich mit hochgezogenen Brauen und bemerkt mich dabei nicht einmal. Vielleicht habe ich meinerseits den glühenden Wunsch, in Ihrer Gegenwart den Marquis Des Grieux an der Nase zu ziehen?"
„Milchbartsreden. In jeder Lage kann man würdig in Erscheinung treten. Wenn es da Kampf gibt, so erniedrigt er den Menschen nicht, sondern erhöht ihn."
„Wie aus einer Sittenvorschrift! Sie nehmen an, daß ich es bloß nicht fertigbrächte," würdig in Erscheinung zu treten. Das heißt, daß ich immerhin Würde besäße, aber würdig in Erscheinung zu treten nicht fertigbrächte. Begreifen Sie, daß es in der Tat so sein kann? Alle Russen sind so, und wissen Sie, warum? Weil die Russen zu reich und zu vielseitig begabt sind, um rasch für sich die angemessene Form herauszufinden. Auf die Form kommt's hier an. Größtenteils sind wir Russen so reich begabt, daß wir für die angemessene Form Genialität brauchten. An Genialität aber fehlt's in den allermeisten Fällen, weil die überhaupt selten vorkommt. Nur eben bei den Franzosen und, mag sein, bei ein paar anderen Europäern hat sich die Form so schön herausgebildet, daß man sich außerordentlich würdig in Erscheinung bringen und dabei der unwürdigste Mensch sein kann. Darum bedeutet die Form bei ihnen auch soviel. Ein Franzose nimmt eine Beleidigung hin, eine echte, ins Herz treffende, ohne mit der Wimper zu zucken; einen Nasenstüber erträgt er um keinen Preis, weil da die auf immerdar vereinbarte Anstandsform verletzt wird. Darum sind unsere jungen Damen auch so versessen auf die Franzosen - die haben die feine Form. Übri-gens geht es da, meine ich, eigentlich gar nicht um die Form, sondern einzig um das Hahnentum, le coq gaulois. Verstehen kann ich das sowieso nicht - ich bin keine Frau. Vielleicht sind die Hähne auch fein. Überhaupt, ich rede zuviel, und Sie wollen mich nicht aufhalten. Halten Sie mich öfter auf; wenn ich mit Ihnen rede, drängt alles, alles, alles aus mir hervor. Ich verliere jegliche Form. Ich lasse sogar gelten, daß mir nicht nur die Form fehlt, sondern ganz und gar auch die Würde. Ich tu es Ihnen kund. Ich sorge mich nicht mal um etwas wie Würde. In mir ist jetzt alles stehengeblieben. Sie wissen, warum. An menschlichen Gedanken habe ich keinen einzigen mehr im Kopf. Ich weiß längst nicht mehr, was sich auf der Welt tut, sei's in Rußland, sei's hier. Ich bin durch Dresden gefahren und habe keine Vorstellung von Dresden behalten. Sie wissen, was mich ganz in Anspruch genommen hat. Da ich nicht das mindeste hoffen kann und in Ihren Augen eine Null bin, sage ich geradeheraus: Einzig Sie sehe ich überall, das übrige ist mir gleichgültig. Wofür und wie ich Sie liebe, das weiß ich nicht. Wissen Sie, daß Sie vielleicht gar nicht schön sind? Stellen Sie sich vor, ich weiß nicht einmal, ob Sie schön sind oder nicht, ob auch nur Ihr Ge-sicht schön ist. Ihrem Herzen fehlt wahrscheinlich die Schönheit, die Güte; daß Sie keinen Edelmut haben, kann leicht sein."
„Sie glauben nicht an meinen Edelmut?" sagte sie. „Vielleicht kalkulieren Sie deshalb, mich zu kaufen?"
„Wann hätte ich kalkuliert, Sie mit Geld zu kaufen?" rief ich.
„Sie haben sich im Reden hinreißen lassen und jetzt den Faden verloren. Wenn schon nicht mich, so gedenken Sie doch meine Achtung mit Geld zu kaufen."
„Aber nein, keineswegs. Ich habe Ihnen gesagt, daß mir die rechten Worte fehlen, es zu erklären. Sie machen es mir schwer. Nehmen Sie mir mein Geschwätz nicht übel. Sie wissen doch, warum man mir nichts verübeln sollte - ich bin einfach verrückt. Und es schadet nichts, wenn Sie mir etwas übelnehmen. Droben in meinem Zimmer, wenn ich mich da bloß an das Rascheln Ihres Kleides erinnere, es zu hören glaube, so bin ich drauf und dran, mir die Hände zu zerbeißen. Und wofür sind Sie mir böse? Weil ich mich einen Sklaven nenne? Nutzen Sie doch mein Sklaventum, nutzen Sie's, nutzen Sie's! Wissen Sie, daß ich Sie eines Tages töten werde? Nicht deshalb, weil ich etwa aufhörte, Sie zu lieben, und nicht aus Eifersucht, sondern einfach so, weil es mich manchmal drängt, Sie aufzufressen. Sie lachen . . ."
„Durchaus nicht", sagte sie zornig. „Ich befehle Ihnen zu schweigen."
Sie blieb stehen, der Zorn nahm ihr den Atem. Bei Gott, ich weiß nicht, ob sie da schön war, doch ich hatte es immer gern, zu sehen, wie sie so vor mir stehenblieb, und darum lockte ich gern ihren Zorn hervor. Vielleicht hatte sie das bemerkt und wurde absichtlich böse. Das sagte ich ihr offen.
„Wie schmutzig!" rief sie mit Abscheu.
„Das kümmert mich nicht", fuhr ich fort. „Sie sollten noch wissen, daß es gefährlich ist, wenn wir zwei so gehen - mich drängt es oft unwiderstehlich, Sie niederzu-schlagen, zu verstümmeln, zu erwürgen. Sie meinen wohl, es komme schon nicht soweit? Sie bringen mich zur Raserei. Meinen Sie, ich hätte dann doch Angst vor dem Skandal? Vor Ihrem Zorn? Was kümmert mich Ihr Zorn! Ich liebe hoffnungslos und weiß, daß ich Sie danach tausendmal mehr lieben werde. Wenn ich Sie eines Tages töte, so muß auch ich mich töten; nun denn mich zu töten, das ziehe ich lange hinaus, damit ich den unerträglichen Schmerz spüre, ohne Sie zu sein. Es ist schwer zu fassen, doch Sie sollen es wissen: Ich liebe Sie mit jedem Tag mehr, und das ist doch kaum möglich. Wie sollte ich da nicht Fatalist sein? Erinnern Sie sich, vorgestern auf dem Schlangenberg, da flüsterte ich, von Ihnen herausgefordert, Ihnen zu: Auf ein einziges Wort von Ihnen springe ich in diesen Abgrund. Hätten Sie's gesagt, ich wäre hinabgesprungen. Glauben Sie denn nicht, daß ich gesprungen wäre?"
„Was für ein dummes Geschwätz!" schrie sie auf.
„Es kümmert mich überhaupt nicht, ob es dumm ist oder klug", schrie nun ich. „Und ich weiß, daß ich in Ihrer Gegenwart reden muß, reden, reden - so rede ich. Meine ganze Eigenliebe verliere ich in Ihrer Nähe, und das kümmert mich nicht."
„Warum hätte ich Sie veranlassen sollen, vom Schlangenberg hinunterzuspringen?" sagte sie kalt und irgendwie besonders kränkend. „Ich hätte nicht den geringsten Nutzen davon."
„Großartig!" rief ich. „Sie gebrauchen absichtlich dieses großartige Wort 'Nutzen', um mich kleinzumachen. Ich durchschaue Sie. Nicht den geringsten Nutzen, sagen Sie? Ein Vergnügen bringt doch immer Nutzen, und die unbändige, grenzenlose Macht - sei's nur über eine Fliege - bietet doch in ihrer Art Vergnügen. Der Mensch ist Despot von Natur aus und liebt es, zu quälen. Sie lieben es schrecklich."
Ich erinnere mich, sie musterte mich mit einer besonders eindringlichen Aufmerksamkeit. Mein Gesicht muß da wohl alle meine wirren, ungereimten Empfindungen ausgedrückt haben. Ich vergegenwärtige mir jetzt, daß tatsächlich unser Gespräch fast Wort für Wort so verlaufen ist, wie ich es hier aufschreibe. Blut schoß mir in die Augen. In den Mundwinkeln stand Schaum. Und was den Schlangenberg betrifft, so schwöre ich bei meiner Ehre auch jetzt: Hätte sie mich geheißen, da hinunterzuspringen, so wäre ich gesprungen! Hätte sie's bloß im Scherz gesagt, hätte sie's mit Verachtung getan, so als gäbe sie nichts, gar nichts auf mich - ich wäre jedenfalls gesprungen.
„Nicht doch, ich glaube Ihnen ja", erwiderte sie, aber so, wie einzig sie manchmal zu sprechen versteht, mit solcher Verachtung und Bosheit, mit solchem Hochmut, daß ich sie, bei Gott, in diesem Augenblick hätte totschlagen können. Sie begab sich in Gefahr. Auch was dies betrifft, hatte ich ihr die Wahrheit gesagt.
„Sie sind kein Feigling?" fragte sie mich plötzlich.
„Ich weiß nicht, vielleicht bin ich einer. Ich weiß nicht. . . habe lange nicht darüber nachgedacht."
„Wenn ich Ihnen sagte: Töten Sie diesen Menschen! -würden Sie ihn töten?"
„Wen?"
„Wen ich will."
„Den Franzosen?"
„Fragen Sie nicht, antworten Sie - den, auf den ich zeigen werde. Ich will wissen, ob Sie das ernsthaft gemeint haben." Sie wartete so ernsthaft und ungeduldig auf Antwort, daß mir seltsam zumute wurde.
„Werden Sie mir endlich sagen, was hier vorgeht!" schrie ich. „Haben Sie etwa Angst vor mir? Das ganze hiesige Durcheinander sehe ich selber. Sie sind die Stief-tochter eines Menschen, der sich ruiniert und den Verstand verloren hat und der nun gepackt ist von der Leidenschaft für diese Teufelin, diese Blanche; dann gibt es diesen Franzosen mit seinem geheimnisvollen Einfluß auf Sie, und da kommen Sie mir nun so ernsthaft mit... einer solchen Frage. Ich muß doch wenigstens wissen, was hier vorgeht, sonst werde ich verrückt und richte etwas an. Oder geniert es Sie, mich der Offenheit zu würdigen? Können Sie sich vor mir genieren?"
„Ich spreche mit Ihnen über etwas ganz anderes. Ich habe gefragt und warte auf Antwort."
„Natürlich werde ich töten", schrie ich, „wen immer Sie mir bezeichnen werden; aber können Sie denn ... werden Sie einen bezeichnen?"
„Glauben Sie etwa, ich hätte Mitleid mit Ihnen? Ich werde sagen: Diesen! Und selber werde ich im Hintergrund bleiben. Werden Sie das ertragen? Aber nein, wie sollten Sie! Mag sein, Sie töten auf mein Geheiß, dann aber werden Sie vor mich treten und mich töten, weil ich gewagt habe, Sie zu schicken."
Es traf mich wie ein Schlag vor den Kopf, daß sie so sprach. Natürlich hatte ich auch diesmal ihre Frage für halb scherzhaft gehalten, für herausfordernd; doch gar zu ernst klang nun ihr Wort. Jedenfalls machte es mich arg betroffen, daß sie so deutlich erklärte, wie sie über mich verfügen zu können meinte, und daß sie eine solche Macht über mich zu nutzen gedachte. Sie sagte gleichsam offen: Geh du ins Verderben, ich halte mich heraus. In diesen Worten lag so viel Zynisches und Un-verhülltes, daß mir jedes Maß überschritten schien. Für wen hielt sie mich eigentlich nach alledem? Das lief auf mehr als Sklaverei, mehr als letzte Mißachtung hinaus. Wer so blickt, hebt dann den Menschen zu sich empor. Darum: Wie ungereimt, wie sinnlos unser Gespräch auch gewesen sein mochte, mir erbebte doch das Herz im Leibe.
Plötzlich lachte sie auf. Inzwischen saßen wir auf einer Bank, dicht bei den spielenden Kindern, gegenüber dem Platz, wo die Kutschen anhalten und die Leute in die Allee vor dem Kurhaus entlassen.
„Sehen Sie dort die dicke Baronin?" rief sie. „Das ist die Baronin Wurmerhelm. Sie ist erst vor drei Tagen angekommen. Sehen Sie ihren Mann, den langen, hageren Preußen mit dem Stock in der Hand. Erinnern Sie sich, wie er uns vorgestern gemustert hat? Gehen Sie jetzt, treten Sie vor die Baronin hin, ziehen Sie den Hut und sagen Sie zu ihr etwas auf französisch."
„Wozu?"
„Sie haben geschworen, Sie würden vom Schlangenberg hinunterspringen; Sie schwören, Sie seien auf mein Geheiß zu töten bereit. Ich will nicht den einen, nicht den andern Tod; statt der Tragödien will ich nur Anlaß zum Lachen. Keine Ausflüchte - gehen Sie, ich will sehen, wie der Baron Sie mit dem Stock schlägt."
„Sie fordern mich heraus; Sie glauben, ich tu's nicht?"
,Ja, ich fordere Sie heraus, gehen Sie, ich will's!"
„Bitte schön, ich gehe, obschon es wahnwitzig ist. Nur dies noch: Werden dem General Unannehmlichkeiten daraus erwachsen und mittelbar also auch Ihnen? Bei Gott, ich sorge mich nicht um mich, sondern um Sie, na, und um den General. Und was soll das: eine Frau kränken?"
„Ich sehe, Sie sind bloß ein Schwätzer", erwiderte sie verächtlich. „Nur die Augen sind bei Ihnen noch blutunterlaufen - was übrigens vielleicht daher kommt, daß Sie bei Tisch viel Wein getrunken haben. Als ob ich nicht selber begriffe, daß es dumm ist und gemein und daß der General in Zorn geraten wird! Ich will einfach etwas zum Lachen haben. Ich will's - und fertig. Und warum eine Frau kränken? Zuvor schon kriegen Sie Prügel." mehr als Sklaverei, mehr als letzte Mißachtung hinaus. Wer so blickt, hebt dann den Menschen zu sich empor. Darum: Wie ungereimt, wie sinnlos unser Gespräch auch gewesen sein mochte, mir erbebte doch das Herz im Leibe.
Plötzlich lachte sie auf. Inzwischen saßen wir auf einer Bank, dicht bei den spielenden Kindern, gegenüber dem Platz, wo die Kutschen anhalten und die Leute in die Allee vor dem Kurhaus entlassen.
„Sehen Sie dort die dicke Baronin?" rief sie. „Das ist die Baronin Wurmerhelm. Sie ist erst vor drei Tagen angekommen. Sehen Sie ihren Mann, den langen, hageren Preußen mit dem Stock in der Hand. Erinnern Sie sich, wie er uns vorgestern gemustert hat? Gehen Sie jetzt, treten Sie vor die Baronin hin, ziehen Sie den Hut und sagen Sie zu ihr etwas auf französisch."
„Wozu?"
„Sie haben geschworen, Sie würden vom Schlangenberg hinunterspringen; Sie schwören, Sie seien auf mein Geheiß zu töten bereit. Ich will nicht den einen, nicht den andern Tod; statt der Tragödien will ich nur Anlaß zum Lachen. Keine Ausflüchte - gehen Sie, ich will sehen, wie der Baron Sie mit dem Stock schlägt."
„Sie fordern mich heraus; Sie glauben, ich tu's nicht?"
,Ja, ich fordere Sie heraus, gehen Sie, ich will's!"
„Bitte schön, ich gehe, obschon es wahnwitzig ist. Nur dies noch: Werden dem General Unannehmlichkeiten daraus erwachsen und mittelbar also auch Ihnen? Bei Gott, ich sorge mich nicht um mich, sondern um Sie, na, und um den General. Und was soll das: eine Frau kränken?"
„Ich sehe, Sie sind bloß ein Schwätzer", erwiderte sie verächtlich. „Nur die Augen sind bei Ihnen noch blutunterlaufen - was übrigens vielleicht daher kommt, daß Sie bei Tisch viel Wein getrunken haben. Als ob ich nicht selber begriffe, daß es dumm ist und gemein und daß der General in Zorn geraten wird! Ich will einfach etwas zum Lachen haben. Ich will's - und fertig. Und warum eine Frau kränken? Zuvor schon kriegen Sie Prügel."
Ich erhob mich wortlos und ging hin, ihren Auftrag zu erfüllen. Natürlich war es dumm, natürlich tat ich's, weil ich nicht mehr zurück konnte; doch während ich mich der Baronin näherte, stachelte es mich, ich weiß noch, auch in mir selber; mich stachelte die Lust auf einen Schuljungenstreich. Furchtbar gereizt war ich ohnehin, wie betrunken.
Kapitel VI
Nun sind seit dem dummen Tag schon zwei Tage vergangen. Und wieviel Aufregung und Gerücht, Geschrei und Getöse! Wie wirr und verdreht, wie dumm und gemein das alles ist, und ich habe zu allem den Anlaß gegeben. Manchmal freilich ist es auch zum Lachen - wenigstens ich find es so. Ich kann mir nicht Rechenschaft darüber geben, was da mit mir geschehen ist, ob ich wahrhaftig in Raserei verfallen oder bloß aus dem Gleise geraten bin und Unfug anrichte, bis man mir die Hände bindet. Zuweilen scheint es mir, daß ich den Verstand verliere. Und manchmal denke ich, daß ich noch nicht weit über die Kindheit, über die Schulbank hinausgelangt bin und einfach Streiche spiele wie ein dummer Junge.
Das macht Polina, alles Polina! Vielleicht gäbe es keine Schuljungenstreiche, wenn sie nicht wäre. Wer weiß, vielleicht tu ich das aus Verzweiflung (wie dumm es übrigens auch sein mag, sich das zu überlegen). Und ich begreife nicht, begreife nicht, was an ihr Gutes ist! Schön, nun ja, schön ist sie, gewiß, schön. Sie raubt schließlich auch andern den Verstand. Groß und schlank. Freilich sehr schlank. Es kommt mir vor, als könnte man sie leicht verknoten oder zusammenfalten. Die Spur ihres Fußes ist schmal und lang - zu meiner Qual. Ja, zu meiner Qual. Ihr Haar schimmert rötlich. Die Augen sind wahre Katzenaugen, doch wie stolz, wie hochmütig sie mit ihnen zu blicken versteht. Vor vier Monaten, als ich meine Stelle gerade angetreten hatte, sah ich sie einmal im Salon in langem und hitzigem Gespräch mit Des Grieux. Und sie bedachte ihn mit einem solchen Blick. . . daß ich später, als ich mich in meinem Zimmer schlafen legte, mir vorstellte, sie müsse ihn kurz vorher geohrfeigt haben - so stand sie vor ihm und sah ihn an ... An diesem Abend begann meine Liebe zu ihr.
Doch zur Sache.
Ich ging den schmalen Weg zur Allee hinunter und erwartete, mitten auf ihr, die Baronin und den Baron. Auf fünf Schritt Entfernung nahm ich den Hut ab und ver-beugte mich.
Ich erinnere mich, die Baronin trug ein hellgraues Seidenkleid von unermeßlichem Umfang, mit Falbeln, mit Krinoline und Schleppe. Sie ist klein und ungewöhnlich dick und hat ein so fettes Doppelkinn, daß man den Hals überhaupt nicht sieht. Das Gesicht ist hochrot. Die Augen sind klein, böse und dreist. Sie geht so, als erwiese sie damit jedermann Huld und Gnade. Der Baron ist hager und groß. Sein Gesicht ist nach deutscher Gewohnheit schief und hat tausend kleine Falten; er trägt eine Brille; er mag fünfundvierzig Jahre alt sein. Die Beine beginnen bei ihm fast unmittelbar unter der Brust; das ist so ein Menschenschlag. Er geht stolz wie ein Pfau. Dabei ein bißchen schwerfällig. Sein Gesichtsausdruck hat etwas Hammelhaftes, das eigentümlich den Tiefsinn ersetzt.
All das blitzte in drei Sekunden vor meinen Augen auf.
Meine Verbeugung und mein abgenommener Hut konnten nicht sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nur daß der Baron ein wenig die Brauen runzelte. Die Baronin segelte geradenwegs auf mich zu.
„Madame la baronne", sprach ich laut und deutlich, jedes Wort herausstellend, „j'ai l'honneur d'être votre esclave."
Darauf verbeugte ich mich, setzte den Hut wieder auf und ging an dem Baron vorbei, wobei ich ihm höflich das Gesicht zuwandte und lächelte.
Den Hut abzunehmen, hatte sie mich geheißen, das Verbeugen und die Narretei tat ich von mir aus. Weiß der Teufel, was mich trieb. Ich war nicht aufzuhalten.
„Gehn Sie weiter!" rief, oder richtiger gesagt, krächzte der Baron, indem er sich mir mit bösem Erstaunen zuwandte.
Ich wiederum wandte mich ihm zu und blieb in achtungsvoller Erwartung stehen; dabei blickte ich weiter auf ihn und lächelte. Das brachte ihn sichtlich in Verlegenheit, und er zog die Brauen bis zum nec plus ultra hoch. Seine Miene verdüsterte sich immer mehr. Die Baronin drehte sich gleichfalls zu mir um und sah mich voll zorniger Verblüffung an. Von den Passanten begannen einige zuzuschauen. Manche blieben sogar stehen.
„Gehn Sie weiter!" stieß der Baron abermals hervor, mit verdoppeltem Krächzen und verdoppeltem Grimm.
„Jawohl"*, erwiderte ich gemächlich, wobei ich ihm weiter gerade in die Augen blickte.
„Sind Sie rasend?"* schrie er, seinen Stock schwingend, und zugleich schien ihm der Mut zu sinken. Vielleicht verwirrten ihn meine Kleider. Ich war sehr anständig, geradezu elegant angezogen, wie ein Mensch, der durchaus zum feinsten Publikum gehört.
„Jawooohl!* brüllte ich plötzlich und dehnte das o, wie es die Berliner tun, die ja im Gespräch unaufhörlich dieses „jawohl"* gebrauchen und dabei das o mehr oder weniger langziehen, um verschiedene Tönungen von Gedanken und Gefühlen auszudrücken.
Der Baron und die Baronin wandten sich rasch um und strebten, tief erschrocken, beinahe fliehend, von mir weg. Vom Publikum fingen einige an zu reden, andere blickten verblüfft auf mich. Im übrigen weiß ich das nicht mehr genau.
Ich drehte mich um und ging mit gewöhnlichem Schritt auf Polina Alexandrowna zu. Doch als ich noch gut hundert Schritt von ihrer Bank entfernt war, sah ich, wie sie aufstand und sich mit den Kindern auf den Weg zum Hotel machte.
Dicht vor der Außentreppe holte ich sie ein.
„Ich hab's ausgeführt. . . das Schuljungenstück", sagte ich, als ich sie erreicht hatte.
„Und? Jetzt sehn Sie zu, wie Sie da herauskommen", antwortete sie, ohne mich auch nur anzusehen, und stieg die Stufen hinauf.
Den ganzen Abend lief ich durch den Park. Dann, den Park und einen Wald durchquerend, geriet ich sogar in ein anderes Fürstentum. In einem Bauernhaus aß ich Rührei und trank Wein; für diese Idylle beraubten sie mich um anderthalb Taler.
Erst um elf Uhr kehrte ich ins Hotel zurück. Sogleich rief man mich zum General.
Die Unsern haben im Hotel zwei Appartements mit zusammen vier Zimmern belegt. Im ersten, einem großen Salon, steht ein Flügel. Das Zimmer daneben, das gleichfalls groß ist, dient dem General als Kabinett. Hier wartete er auf mich, mitten im Raum stehend, in außerordentlich majestätischer Haltung. Des Grieux saß, vielmehr lag beinahe auf dem Sofa.
„Verehrtester Herr, erlauben Sie die Frage: Was haben Sie angerichtet?" begann der General, zu mir gewandt.
„Ich wünschte, General, Sie kämen geradenwegs zur Sache", erwiderte ich. „Sie möchten wahrscheinlich von meiner heutigen Begegnung mit einem Deutschen spre-chen?"
„Mit einem Deutschen?! Dieser Deutsche ist der Baron Wurmerhelm und eine bedeutende Persönlichkeit! Sie sind ihm und der Baronin grob entgegengetreten."
„Keineswegs."
„Sie haben sie erschreckt, verehrtester Herr!" schrie der General.
„Aber mitnichten. Schon in Berlin schlug mir schmerzhaft dieses ewige jawohl'* ans Ohr, das die Leute jedem Wort hinzufügen und so widerlich in die Länge ziehen. Als ich den beiden in der Allee begegnete, schoß, ich weiß nicht warum, dieses jawohl!'* in meinem Gedächtnis auf, und das reizte mich eben . . . Überdies hat die Baronin schon in drei Fällen, da ich ihr begegnete, die Eigentümlichkeit bewiesen, geradenwegs auf mich zuzugehen, als ob ich ein Würmchen wäre, das man zertreten kann. Sie gestehen mir sicherlich das Recht auf Selbstachtung zu. Ich zog den Hut und sagte höflich (ich versichere Ihnen, es geschah höflich): 'Madame, j'ai l'honneur d'être votre esclave.' Als der Baron mich anschrie und mich weitergehen hieß, da packte mich die Lust, ihm mit diesem jawohl!'* zu antworten. Und so gebrauchte ich's zweimal; das erstemal sagte ich's ganz gewöhnlich, das zweitemal rief ich's laut und dehnte es, sosehr ich konnte. Das ist alles."
Ich gestehe, ich freute mich schrecklich über diese im höchsten Grade schuljungenhafte Darstellung. Ich hatte die allergrößte Lust, die ganze Geschichte so verschroben wie irgend möglich auszumalen.
Und ich kam auch immer mehr auf den Geschmack.
„Ich glaube, Sie machen sich über mich lustig!" schrie der General. Er wandte sich zu dem Franzosen um und erklärte ihm auf französisch, ich wolle mit aller Gewalt eine große Geschichte daraus machen. Des Grieux verzog das Gesicht zu einem verächtlichen Lächeln und zuckte mit den Schultern.
„O nein, keineswegs verhält sich's so!" rief ich, zum General gewandt. „Meine Handlung war natürlich nicht gut, das bekenne ich Ihnen in aller denkbaren Aufrich-tigkeit. Man kann meine Handlung sogar einen dummen und unanständigen Schuljungenstreich nennen; aber mehr war es nicht. Und wissen Sie, General, ich bereue im höchsten Grade. Doch da gibt es einen Umstand, der mich in meinen Augen sogar fast vor der Reue bewahren kann. In der letzten Zeit, ungefähr seit zwei, drei Wochen, fühle ich mich nicht gut: krank, nervös, gereizt, von Phantasien gequält; manchmal verliere ich gänzlich die Gewalt über mich. Wahrhaftig, ein paarmal hatte ich schreckliche Lust, mich an den Marquis Des Grieux zu wenden und . . . Ach, lassen wir den Satz lieber unvollendet, er könnte ihn kränken. Kurz, es sind Anzeichen von Krankheit. Ob wohl die Baronin Wurmerhelm diesen Umstand in Betracht zieht, wenn ich sie um Verzeihung bitte (denn ich gedenke sie um Verzeihung zu bitten)? Ich vermute, sie tut es nicht, um so weniger, als man, soweit mir bekannt ist, im Rechtswesen neuerdings solche Umstände wie die meinen mißbräuchlich zu nutzen trachtet: Rechtsanwälte haben in jüngster Zeit schon sehr oft versucht, in Strafprozessen die Unschuld ihrer Mandanten, also die Unschuld von Verbrechern, damit zu begründen, daß diese im Augenblick der Tat sich ihrer nicht bewußt gewesen seien, was als Krankheit betrachtet werden müsse. Es läuft darauf hinaus, daß der Mann zugeschlagen, es aber nicht gewußt habe. Und stellen Sie sich vor, General, die Medizin gibt ihnen recht; sie bestätigt tatsächlich, daß es eine solche Krankheit gibt, eine solche momentane Geistesverwirrung, da der Mensch fast nichts im Bewußtsein hat - vielleicht nur die Hälfte, vielleicht ein Viertel. Doch der Baron und die Baronin sind Menschen von altem Schlag, zudem preußische Junker, Gutsbesitzer. Ihnen ist gewiß dieser Unterschied in der juristisch-medizinischen Welt noch unbekannt, und darum werden sie auch meine Erläuterungen nicht gelten lassen. Was meinen Sie, General?"
„Genug, Herr!" stieß der General scharf hervor, nur mühsam den Zorn unterdrückend. „Genug! Ich werde einen Weg finden, mich ein für allemal vor Ihren Schul-jungenstreichen zu bewahren. Sich bei der Baronin und dem Baron entschuldigen, das werden Sie nicht tun. Jegliche Beziehungen zu Ihnen, bestünden sie auch einzig und allein in Ihrer Bitte um Verzeihung, wären erniedrigend für sie. Der Baron hat erfahren, daß Sie zu meinem Haus gehören, und daraufhin im Kurhaus schon eine Erklärung von mir verlangt, und ich verrate Ihnen, es fehlte nicht viel, daß er Satisfaktion von mir gefordert hätte. Begreifen Sie, in was für eine Lage Sie mich gebracht haben; mich, verehrtester Herr? Ich, ich war gezwungen, den Baron um Verzeihung zu bitten, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß Sie vom heutigen Tag an nicht mehr zu meinem Haus gehören werden . . ."
„Erlauben Sie, erlauben Sie, General - verstehe ich es richtig: er hat selbst verlangt, daß ich nicht mehr zu Ihrem Haus gehören solle, wie Sie sich auszudrücken geruhen?"
„Nein; ich habe mich selbst für verpflichtet gehalten, ihm diese Genugtuung zu gewähren, und natürlich hat dies den Baron zufriedengestellt. Wir werden uns tren-nen, verehrtester Herr. Sie haben von mir noch diese vier Friedrichsdor und drei Gulden nach der hiesigen Berechnung zu bekommen. Hier ist das Geld, und hier ist die Berechnung; Sie können das prüfen. Leben Sie wohl. Von nun an sind wir einander fremd. Außer Mühe und Unannehmlichkeit habe ich von Ihnen nichts ge-habt. Ich werde sogleich den Kellner rufen und ihm erklären, daß ich von morgen an nicht mehr für Ihre Ausgaben im Hotel aufkomme. Ich habe die Ehre, Ihr Diener zu sein."
Ich nahm das Geld und den Zettel, auf dem mit Bleistift Zahlen geschrieben waren, verbeugte mich vor dem General und sprach höchst ernsthaft zu ihm: „General, damit kann die Sache nicht erledigt sein. Es tut mir sehr leid, daß Sie Unannehmlichkeiten mit dem Baron hatten; aber, verzeihen Sie, schuld daran sind Sie selbst. Wie kommen Sie dazu, vor dem Baron die Verantwortung für mich zu übernehmen? Was soll es bedeuten, wenn Sie sagen, ich gehöre zu Ihrem Haus? Ich bin einfach Lehrer in Ihrem Haus, das ist's. Ich bin nicht Ihr leiblicher Sohn, stehe nicht unter Ihrer Vormundschaft, und für meine Handlungen haben Sie nicht die Verantwortung zu tragen. Ich bin im rechtlichen Sinne kompetent. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, habe ein abgeschlossenes Universitätsstudium, bin adlig - für Sie ganz und gar ein Fremder. Einzig meine grenzenlose Hochachtung vor Ihren Verdiensten hält mich davon ab, von Ihnen auf der Stelle Genugtuung zu verlangen und weitere Re-chenschaft dafür, daß Sie sich erlaubt haben, etwas für mich zu verantworten."
Der General war so verblüfft, daß er die Arme ausbreitete; dann, mit einem Ruck, wandte er sich dem Franzosen zu und gab ihm eilig wieder, daß ich ihn beinahe zum Duell gefordert hätte. Der Franzose lachte laut auf.
„Aber es dem Baron nachzusehen, bin ich nicht gesonnen", fuhr ich ganz kalt fort, völlig unbeirrt von dem Gelächter des Monsieur Des Grieux. „Und da Sie, General, sich heute gleichsam selbst zum Beteiligten an der ganzen Sache gemacht haben, indem Sie sich bereit fanden, die Beschwerde des Barons anzuhören und ihm beizu-stehen, habe ich die Ehre, Sie davon zu unterrichten, daß ich spätestens morgen früh von mir aus von dem Baron in aller Form eine Erklärung darüber verlangen werde, welche Gründe ihn bewogen haben, sich, da er doch mit mir zu tun hatte, über meinen Kopf hinweg an eine andere Person zu wenden, so als könnte ich vor ihm nicht selbst die Verantwortung tragen oder als wäre ich dessen unwürdig."
Was ich geahnt hatte, geschah. Als der General diese neue Dummheit vernommen hatte, verfiel er in schreckliche Angst.
„Wie, Sie sind gewillt, diese verdammte Geschichte noch weiterzutreiben?!" schrie er. „Was machen Sie da mit mir, o mein Gott! Lassen Sie das bleiben, verehrtester Herr, oder. . . ich schwöre Ihnen! . .. Auch hier gibt's eine Obrigkeit, und ich . . . ich . . . kurz, ich habe meinen Rang und der Baron auch . . . kurz, man wird Sie verhaften, und die Polizei wird Sie fortschaffen, damit Sie nicht krakeelen! Nehmen Sie das zur Kenntnis, Herr!" Und obgleich ihm der Zorn den Atem nahm, hielt ihn die schreckliche Angst gepackt.
„General", erwiderte ich mit einer Ruhe, die ihm unerträglich sein mußte, „wegen Krakeels kann man mich erst verhaften, wenn ich krakeelt habe. Meine Aussprache mit dem Baron habe ich noch nicht begonnen; es ist Ihnen noch völlig unbekannt, unter welchem Gesichtspunkt und auf welcher Grundlage ich diese Sache zu un-ternehmen gedenke. Ich wünsche nur, die für mich kränkende Vermutung aus dem Weg zu räumen, daß ich mich unter der Vormundschaft eines Menschen befände, der Macht über meinen freien Willen zu haben meint. Ganz grundlos erregen und beunruhigen Sie sich."
„Um Gottes willen, um Gottes willen, Alexej Iwanowitsch, stehen Sie ab von diesem sinnlosen Vorhaben!" murmelte der General; vom zornigen Ton war er plötz-lich zum flehenden übergegangen, und er faßte mich sogar an den Händen. „Bedenken Sie, wohin das führt! Wieder zu einer Unannehmlichkeit! Sie müssen doch einsehen, ich muß mich hier nach besonderem Maß verhalten, zumal jetzt, zumal jetzt! . . . Oh, Sie kennen nicht, kennen nicht meine ganze Lage! . . . Wenn wir fort von hier sind, bin ich bereit, Sie wieder aufzunehmen. Das ist doch nur jetzt so, kurz, Sie verstehen die Gründe!" rief er verzweifelt. „Alexej Iwanowitsch, Alexej Iwanowitsch!"
Während ich mich zur Tür zurückzog, bat ich ihn weiter in aller Eindringlichkeit, sich nicht zu sorgen; ich versprach, daß alles gut und anständig verlaufen werde, und eilte davon.
Russen sind im Ausland manchmal allzu feige und haben schreckliche Angst davor, wie man über sie reden und auf sie blicken werde und ob dieses oder jenes auch der Form entspreche - kurz, sie benehmen sich, als trügen sie ein Korsett, und so halten es zumal die, die etwas darstellen möchten. Am nächsten liegt ihnen die vorgefaßte, ein für allemal bestimmte Regel; die befolgen sie dann sklavisch - in den Hotels, auf der Promenade, in Gesellschaft, auf Reisen .. . Doch dem General war entschlüpft, daß bei ihm zu alledem besondere Umstände hinzukamen und daß er sich irgendwie „besonders verhalten" müsse. Deshalb war er auch plötzlich so kleinmütig geworden, so ängstlich und hatte mir gegenüber den Ton gewechselt. Ich nahm das sehr wohl zur Kenntnis. Und natürlich konnte er sich anderntags aus Dummheit an eine Behörde wenden; darum mußte ich in der Tat vorsichtig sein.
Übrigens lag mir keineswegs daran, gerade den General zu ärgern; wohl aber hätte ich jetzt gern Polina geärgert. Polina hatte mich so grausam behandelt, sie selber hatte mich ja auf den dummen Weg gedrängt; darum wünschte ich sehr, sie dazu zu bringen, daß sie selber mich bäte innezuhalten. Mein Schuljungenstreich konnte schließlich auch sie kompromittieren. Außerdem regten sich in mir andere Empfindungen und Wünsche; wenn ich beispielsweise vor ihr freiwillig zu einem Nichts schrumpfe, so bedeutet das doch keineswegs, daß ich vor den Leuten als dummer Junge dastehen müßte, und es bedeutet schon gar nicht, daß der Baron mir Prügel verabreichen dürfte. Ich hätte mich gern über sie alle lustig gemacht, wäre gern als Held aus der Sache hervorgegangen. Die würden schon sehen! Ganz bestimmt würde sie den Skandal scheuen und mich wieder zu sich rufen. Und tut sie's nicht, so sieht sie trotzdem, daß ich kein dummer Junge bin.
(Eine verwunderliche Nachricht: Ich habe gerade unsere Kinderfrau auf der Treppe getroffen und von ihr erfahren, daß Marja Filippowna heute mutterseelenallein nach Karlsbad aufgebrochen ist, mit dem Abendzug, zu ihrer Cousine. Was hat das zu bedeuten? Die Kinderfrau sagte, Marja Filippowna habe das schon lange im Sinn gehabt. Wie kommt's, daß keiner davon wußte? Kann auch sein, einzig ich habe davon nichts gewußt. Die Kinderfrau verplapperte sich; sie verriet mir, daß Marja Fi-lippowna schon vorgestern dem General entschieden die Meinung gesagt habe. Ich begreife. Gewiß geht's um Mademoiselle Blanche. Hier bei uns steht Entscheidendes bevor.)
Kapitel VII
Am Morgen rief ich den Kellner und ließ ihn wissen, daß man für mich die Rechnung gesondert ausschreiben möge. Mein Zimmer war nicht gar zu teuer; ich brauchte nicht zu erschrecken und womöglich aus dem Hotel auszuziehen. Ich besaß sechzehn Friedrichsdor, und dort. . . dort lag vielleicht der Reichtum! Seltsam, ich habe noch nicht gewonnen, aber ich trete auf, fühle und denke wie ein reicher Mann und kann mir mich selber nicht anders vorstellen.
Ich gedachte trotz der frühen Stunde sogleich Mister Astley im Hotel d'Angleterre aufzusuchen, ganz in der Nähe; da trat plötzlich Des Grieux bei mir ein. Das war noch nicht vorgekommen, ja zu diesem Herrn stand ich während der ganzen letzten Zeit in dem wunderlichsten und gespanntesten Verhältnis. Er verhehlte nicht die Geringschätzung, die er gegen mich hegte, ja er legte es darauf an, daß sie nicht verborgen bleibe; ich wiederum, ich hatte eigene Gründe, ihn nicht zu lieben. Kurz, ich haßte ihn. Daß er zu mir kam, verwunderte mich sehr. Ich witterte sogleich einen Anschlag.
Er verhielt sich beim Eintritt sehr höflich und machte ein Kompliment über mein Zimmer. Da er mich mit dem Hut in der Hand stehen sah, erkundigte er sich, ob ich etwa so früh schon Spazierengehen wolle. Meine Antwort, daß ich in Geschäften Mister Astley aufzusuchen gedächte, machte ihn offenbar nachdenklich; seine Miene verriet außerordentliche Besorgnis.
Des Grieux ist wie alle Franzosen, das heißt heiter und freundlich, wenn es nötig ist und Nutzen verspricht, und unerträglich fad, sobald heiter und freundlich zu sein nicht mehr nötig ist. Der Franzose ist selten von Natur aus freundlich; freundlich ist er gleichsam auf Befehl, aus Berechnung. Sieht er beispielsweise die Notwendigkeit, sich phantasievoll, originell, unalltäglich zu geben, so nährt sich seine Phantasie, die schrecklich dumm und unnatürlich ist, von erstarrten und längst schon tief ins Gemeine hinabgezogenen Formen. So jedoch, wie er von Natur ist, besteht der Franzose aus plattester, kleinbürgerlicher, alltäglicher Nüchternheit -kurz, er ist das fadeste Geschöpf von der Welt. Ich meine, einzig Neulinge und zumal russische junge Damen lassen sich von Franzosen blenden. Jedem ordentlichen Menschen hingegen springt dieses Verwalten von ein für allemal festgesetzten Formen salonhafter Freundlichkeit, Gewandtheit und Heiterkeit ins Auge, und es stößt ihn ab.
„Ich möchte gern mit Ihnen etwas besprechen", begann er außerordentlich selbstsicher und doch recht höflich, „und ich verhehle nicht, daß ich als Botschafter vom General komme, besser gesagt, als Vermittler. Da ich das Russische sehr schlecht kenne, habe ich gestern fast nichts verstanden; doch der General hat mir ausführlich berichtet, und ich muß gestehen ..."
„Hören Sie, Monsieur Des Grieux", unterbrach ich ihn, „Sie haben also in dieser Sache die Vermittlerrolle übernommen. Ich bin natürlich 'un outchitel' und habe nie Anspruch auf die Ehre erhoben, ein naher Freund dieses Hauses zu sein, auch nie darauf, so oder so ein besonders vertrautes Verhältnis zu ihm zu haben, und darum kenne ich nicht alle Umstände; doch erklären Sie mir: Gehören Sie jetzt schon ganz zu den Mitgliedern dieser Familie? Ich sehe schließlich, wie Sie an allem solchen Anteil nehmen, wie Sie augenblicklich unbedingt zu vermitteln wünschen ..."
Meine Frage mißfiel ihm. Für ihn war sie zu eindeutig, und er wollte nicht zuviel verraten.
„Mich verbinden mit dem General teils Geschäfte, teils gewisse besondere Umstände", erwiderte er kühl. „Der General hat mich geschickt, Sie darum zu bitten, daß Sie von den Absichten, die Sie gestern geäußert haben, ablassen. Alles, was Sie sich ausgedacht haben, zeugt natürlich von großem Scharfsinn; doch ich möchte Ihnen - gerade darum hat er mich gebeten - vor Augen halten, daß Ihnen das Vorhaben gänzlich mißlingen wird; der Baron wird Sie nicht einmal empfangen, und schließlich hat er doch in jedem Falle alle Mittel, weitere Unannehmlichkeiten von Ihrer Seite auszuschließen. Das müssen Sie einsehen. Sagen Sie, wozu die Sache fortführen? Der General verspricht Ihnen, Sie bestimmt wieder in sein Haus aufzunehmen, sobald sich günstige Bedingungen bieten, und bis dahin Ihr Gehalt, vos appointements, weiterlaufen zu lassen. Das ist recht vorteilhaft, meinen Sie nicht?"
Ich entgegnete ihm ganz ruhig, daß er sich einigermaßen irre, daß der Baron mich vielleicht auch nicht wegschicken lasse, im Gegenteil, daß man mich anhören werde, und ich bat ihn, zuzugeben, daß er wahrscheinlich eben zu dem Zwecke gekommen sei, zu ergründen, wie ich nun eigentlich die ganze Sache zu unternehmen gedächte.
„Gewiß doch, wenn der General so daran interessiert ist, wüßte er verständlicherweise gern, was Sie unternehmen und wie Sie vorgehen werden. Das ist ganz natürlich!"
Ich machte mich ans Erklären, und er begann zuzuhören, sehr bequem sitzend, den Kopf seitlich ein wenig zu mir geneigt, mit einem gänzlich unverhohlenen Anflug von Ironie in der Miene. Er gab sich überhaupt äußerst hochmütig. Ich bemühte mich mit aller Kraft, so zu tun, als betrachtete ich die Sache unter einem denkbar ernsten Blickwinkel. Ich erklärte ihm: Da der Baron sich mit seiner Klage über mich an den General gewandt habe, so als wäre ich ein Diener im Generalshause, habe er mich erstens um meine Stelle gebracht und mich zweitens als eine Person behandelt, die nicht imstande ist, ihre Taten zu verantworten, und mit der man nicht einmal redet. Natürlich sei es mein Recht, mich gekränkt zu fühlen; da ich aber den Unterschied in den Jahren, in der gesellschaftlichen Stellung und so weiter, und so weiter (hier verbiß ich mir mit Mühe das Lachen) wohl bedächte, wolle ich nicht abermals etwas Leichtfertiges tun, also wolle ich vom Baron weder Genugtuung fordern noch ihm diesen Weg auch nur vorschlagen. Desungeachtet hielte ich mich für durchaus berechtigt, ihm und besonders der Frau Baronin meine Entschuldigung anzubieten, und ich hätte dazu um so mehr Grund, als ich in der letzten Zeit mich krank fühlte, zerrüttet, sozusagen von Phantasiegebilden bedrängt und so weiter, und so weiter. Da jedoch - was kränkend für mich gewesen sei - der Baron selbst sich gestern an den General gewandt und meine Entlassung verlangt habe, sähe ich mich in eine Lage gebracht, die es mir nun nicht mehr erlaube, ihm und der Baronin meine Entschuldigung auszusprechen; denn sowohl er als auch die Baronin als auch jedermann müsse dann wohl annehmen, daß ich den Entschuldigungsbesuch aus Angst gemacht hätte und in der Hoffnung, meine Stelle zurückzuerhalten. Aus alledem folge, daß ich mich jetzt genötigt fände, den Baron zu bitten, daß er sich zuerst bei mir entschuldige, in Worten, die sehr maßvoll sein könnten, dergestalt, daß er etwa sagte, er habe mich keineswegs kränken wollen. Und wenn der Baron dies ausgesprochen habe, seien mir die Hände nicht mehr gebunden, und ich könne ehrlich und aufrichtig ihm auch meine Entschuldigung vorbringen. Kurz, so schloß ich, nur dies sei meine Bitte: daß mir der Baron die Hände, frei mache.
„Ei, ei, welch äußerste Sorgfalt, welche Feinheit! Und warum sich entschuldigen? Geben Sie doch zu, Monsieur . . . Monsieur ... Sie haben alles darauf angelegt, dem General Verdruß zu bereiten . .. Kann auch sein, Sie verfolgen dabei noch besondere Ziele . . . mon cher monsieur, pardon, j'ai oublié votre nom, monsieur Alexis... n'est-ce pas?"
„Aber erlauben Sie, mon cher marquis, was geht Sie das an?"
„Mais le général. . ."
„Und was den General? Er hat gestern davon gesprochen, daß er sich auf besondere Weise verhalten müsse ... und war so aufgeregt. . . nichts habe ich begriffen."
„Da gibt es ... da obwaltet nämlich ein besonderer Umstand", äußerte sich Des Grieux in einem bittenden Ton, in dem auch der Ärger immer deutlicher hörbar wurde. „Sie kennen Mademoiselle de Cominges?"
„Also Mademoiselle Blanche?"
„Nun ja, Mademoiselle Blanche de Cominges ... et madame sa mère . . . Sie sehen ja, der General. . . kurz, der General ist verliebt, und es kommt vielleicht sogar . . . sogar hier zur Eheschließung. Und stellen Sie sich vor, wenn da nun Geschichten, Skandale . . ."
„Ich sehe da weder Skandale noch Geschichten, die mit der Eheschließung zu tun hätten."
„Aber le baron est si irascible, un caractère prussien, vous savez, enfin il fera une querelle d'Allemand."
„Das gilt aber dann mir, nicht Ihnen, da ich nicht mehr zum Haus gehöre." (Ich stellte mich recht dumm.) „Aber erlauben Sie, es ist also entschieden, daß Made-moiselle Blanche den General heiratet? Worauf warten sie? Ich will sagen, warum wird es verborgen, sogar vor uns, vor den Angehörigen des Hauses?"
„Das kann ich Ihnen nicht... im übrigen ist es noch nicht ganz. . . . jedoch. . . Sie wissen ja, man wartet auf Nachricht aus Rußland; der General muß seine Angelegenheiten ordnen."
„Ah, ja, la baboulinka!"
Des Grieux blickte mich haßerfüllt an.
Schnell fuhr er fort: „Kurz, ich setze volles Vertrauen in Ihre angeborene Liebenswürdigkeit, in Ihren Verstand, ihr Taktgefühl. .. Sie werden das natürlich für die Familie tun, von der Sie wie ein Verwandter aufgenommen worden sind, in der Sie Liebe und Wertschätzung erfahren haben."
„Ich bitte Sie, man hat mich herausgeworfen! Sie versichern mir nun, das sei des Anscheins wegen geschehen. Aber geben Sie zu, wenn man Ihnen sagt: ,Ich will dich natürlich gar nicht an den Ohren ziehen; aber erlaube mir, daß ich dich des Anscheins wegen an den Ohren ziehe!' - läuft das nicht fast auf dasselbe hinaus?"
„Wenn es so steht, wenn Sie sich von keinerlei Bitte bewegen lassen", fuhr er streng und hochmütig fort, „so erlauben Sie mir, Ihnen zu versichern, daß Maßnahmen ergriffen werden. Es gibt hier eine Obrigkeit, man wird Sie noch heute ausweisen - que diable, un blancbec comme vous will eine Persönlichkeit wie den Baron zum Duell fordern! Und Sie glauben, man werde Sie gewähren lassen? Seien Sie sicher, hier hat keiner Angst vor Ihnen. Wenn ich Sie gebeten habe, so mehr von mir aus, weil Sie dem General Unruhe bereitet haben. Glauben Sie denn wirklich und wahrhaftig, daß der Baron Sie nicht einfach von seinem Diener aus dem Haus werfen lassen wird?"
„Ich gehe ja nicht selbst", erwiderte ich mit größter Ruhe, „Sie irren sich, Monsieur Des Grieux, alles wird viel formgerechter geschehen, als Sie meinen. Ich bin im Begriffe, Mister Astley aufzusuchen und ihn zu bitten, mein Vermittler, kurz, mein second zu sein. Dieser Mensch liebt mich und wird sich wohl meiner Bitte nicht verschließen. Er wird zu dem Baron gehen, und der Baron wird ihn empfangen. Wenn auch ich selber un outchitel bin und als Subalterner dastehe, nun ja, auch ohne Schutz, so ist doch Mister Astley der Neffe eines Lords, eines echten Lords, das wissen alle, der Neffe des Lords Pibroch, und dieser Lord hält sich hier auf. Seien Sie gewiß, der Baron wird sich gegenüber Mister Astley sehr höflich verhalten und ihn anhören. Und hört er ihn nicht an, wird Mister Astley dies als eine Kränkung betrachten, die sich auf ihn selbst bezieht (Sie wissen, wie unnachgiebig da die Engländer sind), und er wiederum wird zu dem Baron einen Freund schicken, und Mister Astley hat gute Freunde. Sie sollten daraus schließen, daß es vielleicht gar nicht so kommt, wie Sie es sich vorstellen."
Dem Franzosen sank vollends der Mut; in der Tat hatte alles der Wahrheit sehr ähnlich geklungen, und er hatte schließen müssen, daß ich wirklich imstande sei, einen Skandal anzuzetteln.
„Aber ich bitte Sie", sprach er vollends flehend weiter, „geben Sie das auf! Es scheint Ihnen Freude zu machen, daß es zu einem Skandal kommt! Ihnen liegt nicht an der Genugtuung, sondern am Skandal! Ich sagte Ihnen schon, das alles hat etwas Vergnügliches und sogar Scharfsinniges, und danach mögen Sie wohl streben. Jedoch . . . nun ja", schloß er, da er mich aufstehen und den Hut nehmen sah. „Ich bin gekommen, Ihnen diese kurze Mitteilung zu geben, die Ihnen jemand schickt. Lesen Sie - mir ist aufgetragen, die Antwort abzuwarten."
Mit diesen Worten zog er einen kleinen, mehrfach gefalteten und mit einer Oblate gesiegelten Briefbogen aus der Tasche und gab ihn mir.
Von Polinas Hand war geschrieben:
„Ich habe den Eindruck, daß Sie gesonnen sind, die Geschichte weiterzutreiben. Sie haben sich geärgert und sind nun wie ein Schuljunge auf Streiche aus. Es gibt aber besondere Umstände - später erkläre ich sie Ihnen vielleicht. Bitte, hören Sie auf und beruhigen Sie sich. Was sind das doch für Dummheiten! Ich brauche Sie, und Sie haben versprochen zu gehorchen. Denken Sie an den Schlangenberg. Ich bitte Sie, gehorsam zu sein, und wenn nötig, befehle ich es Ihnen. Ihre P.
PS. Sind Sie mir wegen gestern böse, so verzeihen Sie mir."
Während ich diese Zeilen las, drehte sich alles vor meinen Augen. Die Lippen wurden mir blaß, ich begann zu zittern. Der verdammte Franzose blickte mit geheuchelter Zurückhaltung auf mich und senkte dann die Augen wie zum Zeichen dessen, daß er meine Verwirrung nicht sehen wolle. Besser wär's gewesen, er hätte laut über mich gelacht.
„Gut", antwortete ich, „melden Sie: Mademoiselle möge unbesorgt sein. Erlauben Sie mir dennoch, Sie zu fragen", fügte ich in schroffem Ton hinzu, „warum Sie so lange gezögert haben, mir das Briefchen zu geben. Statt daß wir über Unsinniges schwatzten, hätten Sie, scheint mir, mit dem Brief anfangen sollen .. . vorausgesetzt, daß wirklich dieser Auftrag Sie zu mir geführt hat."
„Oh, ich wollte . . . überhaupt ist alles so seltsam, daß Sie meine natürliche Ungeduld entschuldigen sollten. Mir lag daran, selber recht bald zu erfahren, von Ihnen selbst, was Sie vorhaben. Im übrigen weiß ich nicht, was in dem Brief steht, und ich meinte, ihn zu übergeben, sei immer noch Zeit."
„Ich verstehe. Kurz und gut, es ist Ihnen aufgetragen worden, ihn nur im äußersten Fall zu übergeben; kämen Sie mit Ihren Worten allein zum Ziel, so sollten Sie den Brief behalten. Stimmt das? Geradeheraus, Monsieur Des Grieux!"
„Peutêtre", sagte er, zeigte eine Miene besonderer Zurückhaltung und richtete auf mich einen eigentümlichen Blick.
Ich nahm den Hut; er nickte und ging. Ich glaubte ein spöttisches Lächeln um seine Lippen wahrzunehmen. Wie hätte es auch anders sein können?
„Ich rechne noch mit dir ab, Franzosenlümmel, wir messen noch unsere Kräfte!" murmelte ich, während ich die Treppe hinunterging. Ich konnte noch nicht klar denken, ich war wie vor den Kopf gestoßen. Die Luft erfrischte mich ein wenig.
Zwei Minuten später, kaum daß ich wieder recht zu überlegen vermochte, faßte ich deutlich zwei Gedanken: Erstens, wie aus lächerlichen Kleinigkeiten, aus den paar kindisch-trotzigen unsinnigen Drohungen, die ich gestern beiläufig ausgesprochen habe, eine solche allgemeine Unruhe hat hervorgehen können! Zweitens fragte ich mich, was es denn mit dem Einfluß des Franzosen auf Polina auf sich habe. Ein Wort von ihm - und sie tut alles, was er braucht, schreibt ein Briefchen und bittet mich sogar. Gewiß, ihre Beziehungen sind von Anfang an für mich ein Rätsel gewesen, seit der Zeit, da ich sie zur Kenntnis nahm. In diesen letzten Tagen jedoch bemerkte ich an ihr eine entschiedene Abneigung ihm gegenüber, ja sie schien ihn zu verachten, und er wiederum sah sie nicht einmal an, behandelte sie einfach unhöflich. Das fiel mir auf. Polina hat selber zu mir von ihrer Abneigung gesprochen; ihr entschlüpfen schon außerordentlich bedeutsame Bekenntnisse . . . Das heißt, er hat einfach Macht über sie - als hielte er sie gefesselt . . .
Kapitel VIII
Auf der Promenade, wie man das hier nennt, das heißt in einer Kastanienallee, traf ich meinen Engländer.
„Oh!" rief er, als er mich sah. „Ich bin unterwegs zu Ihnen, Sie zu mir. Also haben Sie sich von den Ihren schon getrennt?"
„Sagen Sie zuerst, woher Sie das alles wissen", fragte ich erstaunt. „Ist wirklich allen schon alles bekannt?"
„O nein, allen ist es unbekannt; es wäre auch nicht gut, wenn es alle wüßten. Niemand spricht davon."
„Und woher wissen Sie es?"
„Ich weiß es eben - hatte Gelegenheit, es zu erfahren. Wohin wollen Sie nun von hier abreisen? Ich mag Sie und wollte deshalb zu Ihnen."
„Sie sind ein prächtiger Mensch, Mister Astley", sagte ich (im übrigen war ich noch immer ganz verblüfft - woher wußte er es?), „und da ich noch keinen Kaffee getrunken habe und es Ihnen wahrscheinlich nicht viel besser geht, so setzen wir uns doch am Kurhaus ins Café. Rauchen wir ein wenig, und ich werde Ihnen alles erzählen, und ... Sie erzählen mir auch."
Wir hatten es nicht weit, nur hundert Schritt. Man brachte uns Kaffee, wir machten es uns bequem, ich zündete mir eine Zigarette an, Mister Astley rauchte nicht, er betrachtete mich aufmerksam und richtete sich aufs Zuhören ein.
„Ich reise nicht ab, ich bleibe hier", begann ich.
„Ich war überzeugt, daß Sie hierbleiben", bemerkte Mister Astley beifällig.
Auf dem Weg zu Mister Astley hatte ich keineswegs die Absicht, ihm etwas von meiner Liebe zu Polina zu erzählen, eher umgekehrt - ich wollte es gerade nicht. In all diesen Tagen hatte ich zu ihm fast kein Wort davon gesagt. Zudem war er sehr schüchtern. Schon zu Beginn ihrer Bekanntschaft hatte ich bemerkt, daß Polina auf ihn einen außerordentlichen Eindruck machte, aber er nannte niemals ihren Namen. Plötzlich aber, jetzt, kaum daß wir im Café saßen und ich seine beharrlich, ja starr blickenden Augen auf mich gerichtet sah, regte sich seltsamerweise in mir, ich weiß nicht, warum, der Drang, ihm alles zu erzählen, das heißt, die ganze Geschichte meiner Liebe in all ihren feinen Merkmalen und Stufen zu enthüllen. Ich erzählte nicht weniger als eine halbe Stunde lang, und es tat mir außerordentlich wohl - zum erstenmal erzählte ich davon! Da ich bemerkte, daß er an manchen besonders feurigen Stellen unruhig wurde, tat ich dem Feuer meines Berichts noch einiges hinzu. Eines bereue ich: Vielleicht sagte ich, was den Franzosen betraf, ein paar überflüssige Worte.
Mister Astley saß mir gegenüber und hörte zu; er rührte sich nicht, gab kein Wort, keinen Laut von sich und blickte mir in die Augen. Doch als ich auf den Fran-zosen zu sprechen kam, gebot er mir Einhalt und fragte streng, ob ich das Recht hätte, diesen nicht zur Sache gehörenden Umstand zu erwähnen. Mister Astley stellte seine Fragen immer sehr seltsam.
„Es stimmt - ich fürchte, ich habe kein Recht", antwortete ich.
„Was diesen Marquis und Miss Polina betrifft, so können Sie nichts Genaues sagen, Sie können einzig Vermutungen äußern?"
Ich wunderte mich abermals, daß ein so schüchterner Mensch wie Mister Astley so kategorisch fragte.
„Nein, nichts Genaues", antwortete ich. „Natürlich nichts."
„Wenn es sich so verhält, haben Sie übel gehandelt, nicht nur indem Sie mit mir davon gesprochen, sondern allein schon indem Sie bei sich dies erwogen haben."
„Gut, gut! Ich geb's zu. Aber jetzt geht es um anderes", fiel ich ihm ins Wort, und die Verwunderung wirkte weiter in mir. Ich gab ihm nun die ganze Geschichte von gestern wieder, in allen Einzelheiten, Polinas verrückten Einfall, mein Abenteuer mit dem Baron, meine Entlassung, die ungewöhnliche Feigheit des Generals, und schließlich beschrieb ich bis ins kleinste, mit allen Schattierungen, wie mich Des Grieux heute besucht hatte. Zum Schluß zeigte ich ihm das Briefchen.
„Was schließen Sie daraus?" fragte ich. „Mir liegt gerade daran, Ihre Gedanken zu erfahren. Was mich betrifft - am liebsten würde ich, scheint mir, den Franzo-senlümmel umbringen, und vielleicht tu ich's."
„Ich auch", sagte Mister Astley. „Was Miss Polina angeht, so ... Sie wissen, wir treten sogar, wenn uns eine Notwendigkeit dazu bestimmt, mit Menschen in Bezie-hung, die uns verhaßt sind. Es kann sich da um Beziehungen handeln, die Sie nicht kennen und die von Umständen ganz anderer Art abhängen. Ich meine, Sie können sich beruhigen - teilweise, versteht sich. Was nun Miss Polinas gestrigen Einfall betrifft, so ist er natürlich sonderbar - nicht weil ihr daran lag, Sie loszuwerden und Sie dem Prügelstock des Barons auszusetzen (den er, da er ihn doch in der Hand hatte, merkwürdigerweise nicht gebrauchte), sondern weil ein solcher verrückter Einfall für eine solche . . . für eine solche vortreffliche Miss ungehörig ist. Freilich, sie hat nicht ahnen können, daß Sie ihren zum Spaß geäußerten Wunsch wirklich erfüllen würden."
„Wissen Sie was?" rief ich plötzlich und starrte Mister Astley an. „Mir dämmert, daß Sie von alledem schon gehört haben, und zwar von wem? Von Miss Polina selbst!"
Mister Astley blickte mich erstaunt an.
„Ihre Augen blitzen, und ich lese in ihnen Argwohn", sprach er, seine Ruhe sofort wiedergewinnend, „aber Sie haben nicht das geringste Recht, Ihrem Argwohn nach-zugehen. Ich kann ein solches Recht nicht gelten lassen und weigere mich entschieden, auf Ihre Frage zu antworten."
„Schon gut! Ist auch nicht nötig!" rief ich, seltsam aufgeregt und nicht begreifend, woher mir dieser Gedanke gekommen war. Wann, wo, auf welche Weise hätte denn Mister Astley von Polina zum Vertrauten gewählt werden können? In der letzten Zeit freilich hatte ich Mister Astley ein wenig aus den Augen verloren, und Polina ist immer ein Rätsel für mich gewesen - so sehr ein Rätsel, daß ich beispielsweise jetzt, da ich mich darauf eingelassen hatte, Mister Astley die ganze Geschichte meiner Liebe zu erzählen, plötzlich, während ich sprach, bestürzt daran dachte, daß ich fast nichts Genaues, Greifbares über meine Beziehungen zu ihr hätte sagen können. Im Gegenteil, alles war von Phantasie genährt, seltsam, unbelegbar und überhaupt absonderlich.
„Gut, gut, ich bin aus dem Konzept gebracht und kann jetzt manches noch nicht recht beurteilen", antwortete ich beinahe atemlos. „Übrigens sind Sie ein guter Mensch. Jetzt etwas anderes; ich bitte um Ihren - nein, nicht um Ihren Rat, sondern um Ihr Urteil."
Ich hielt ein wenig inne und fuhr fort: „Was meinen Sie, warum hat der General so sehr den Mut verloren? Warum haben sie alle aus meiner Narretei eine so gewaltige Geschichte gemacht? Eine Geschichte von solchem Ausmaß, daß Des Grieux höchstselber es für nötig hielt, sich einzumischen (und er mischt sich nur in den wich-tigsten Fällen ein), daß er mich aufsuchte (bedenken Sie!), mich bat, mich anflehte - er, Des Grieux, mich! Und was schließlich Beachtung verdient: Er fand sich um neun Uhr ein, kurz vor neun Uhr, und Miss Polinas Briefchen war schon in seiner Hand. Wann also war es geschrieben? Vielleicht hatte man Miss Polina eigens dazu geweckt! Zum einen ersehe ich daraus, daß Miss Polina seine Sklavin ist (da sie doch sogar mich um Verzeihung bittet!); zum andern aber fragt sich, was das alles sie angeht, sie persönlich. Weswegen ist sie so interessiert? Warum haben sie solche Angst vor irgendeinem Baron? Und was hat es zu bedeuten, wenn der General Mademoiselle Blanche de Cominges heiratet? Da reden sie davon, daß sie dieses Umstands wegen zu besonderem Verhalten gezwungen seien - das ist wahrlich schon allzu besonders, das sehen Sie doch auch! Was meinen Sie dazu? Ihre Augen verraten mir zuverlässig, daß Sie auch hier mehr wissen als ich."
Mister Astley lächelte und nickte.
„Es scheint, ich weiß da in der Tat erheblich mehr als Sie", sagte er. „In dieser Sache weist alles, alles auf Mademoiselle Blanche; ich bin überzeugt, daß dies die volle Wahrheit ist."
„Und was ist mit Mademoiselle Blanche?" schrie ich ungeduldig (in mir regte sich die Hoffnung, daß sich mir jetzt etwas über Mademoiselle Polina enthüllen werde).
„Ich glaube, Mademoiselle Blanche hat augenblicklich ein besonderes Interesse daran, unter allen Umständen eine Begegnung mit dem Baron und der Baronin zu vermeiden; erst recht zu vermeiden hat sie eine unangenehme Begegnung, und am schlimmsten wäre ein Skandal."
„Soso!"
„Mademoiselle Blanche ist im vorvorigen Jahr während der Saison schon einmal hier in Roulettenburg gewesen. Ich hielt mich gleichfalls hier auf. Mademoiselle Blanche nannte sich damals nicht Mademoiselle de Cominges, gleichermaßen gab es damals auch keine Madame veuve Cominges, die ihre Mutter sein sollte. Zumindest wurde sie nicht erwähnt. Und Des Grieux -auch ein Des Grieux fehlte. Ich bin felsenfest davon überzeugt, daß sie nicht nur nicht miteinander verwandt sind, sondern sich überhaupt erst seit kurzem kennen. Zum Marquis wurde Des Grieux erst in allerjüngster Zeit - es gibt einen Umstand, der mich davon überzeugt. Wir können sogar vermuten, daß er sich noch gar nicht lange Des Grieux nennt. Ich kenne hier einen Menschen, dem er unter anderem Namen begegnet ist."
„Aber er hat doch wirklich einen soliden Bekanntenkreis?"
„Oh, das mag sein. Den kann sogar Mademoiselle Manche haben. Im vorvorigen Jahr jedoch wurde Mademoiselle Blanche infolge einer Beschwerde ebendieser Baronin von der hiesigen Polizei dringend gebeten, die Stadt zu verlassen, und sie verließ die Stadt." „Wie das?"
„Damals tauchte sie hier mit einem Italiener auf, einem Fürsten, der einen historischen Namen trug Barberini oder so ähnlich. Ein Mann, der eine Unmenge von Ringen und Brillanten trug, nicht einmal falschen. Sie fuhren in einer wunderbaren Equipage. Mademoiselle Blanche spielte trente et quarante, anfangs gewann sie, später hatte sie immer weniger Glück; so hab ich's im Gedächtnis. Ich weiß noch, eines Abends verlor sie eine außerordentlich hohe Summe. Was aber viel schlimmer war: un beau matin war ihr Fürst verschwunden, abgereist mit unbekanntem Ziel; verschwunden waren auch die Pferde und die Equipage - alles. Geblieben waren im Hotel riesige Schulden. Mademoiselle Selma (aus einer Barberini war auf einmal eine Mademoiselle Selma geworden) war abgrundtief verzweifelt. Sie heulte und kreischte durchs ganze Hotel und zerfetzte in der Raserei ihr Kleid. Im selben Hotel wohnte ein polnischer Graf (alle reisenden Polen sind Grafen), und Mademoiselle Selma, in ihrem zerrissenen Kleid, das Gesicht voller Kratzer, die von einer Katze hätten stammen können, die sie aber sich selber mit ihren wunderschönen, in Parfum gewaschenen Händen beigebracht hatte, machte auf ihn einen gewissen Eindruck. Sie besprachen sich, und zur Zeit des Mittagessens war sie getröstet. Am Abend erschien er im Kurhaus, Mademoiselle Selma am Arm. Nach ihrer Gewohnheit lachte sie aufdringlich laut, und ihre Manieren verrieten noch ein wenig mehr Ungeniertheit. Sie trat entschieden in den Kreis derjenigen roulettspielenden Damen ein, die, wenn sie zum Spieltisch wollen, mit sehr kräftigen Schulterstößen die vor ihnen stehenden Spieler zwingen, ihnen Platz zu machen. Das gilt bei diesen Damen hier als chic. Solche sind Ihnen natürlich auch aufgefallen?"
„O ja."
„Sie verdienen keine Aufmerksamkeit. Zum Ärger des anständigen Publikums werden sie hier nicht entfernt, wenigstens tut man's nicht mit denen, die tagtäglich am Spieltisch Tausendfrankennoten eintauschen. Übrigens, sobald sie mit den Tausendfrankennoten aufhören, bittet man sie, sich zu entfernen. Mademoiselle Selma tauschte noch eine Weile ein, doch das Spiel brachte ihr immer weniger Glück. Beachten Sie, daß diese Damen sehr oft im Spiel gewinnen; sie zeigen erstaunliche Selbstbeherrschung. Übrigens ist meine Geschichte schon fast zu Ende. Eines Tages verschwand der Graf genauso wie vordem der Fürst. Am Abend fand sich Ma-demoiselle Selma allein im Spielsaal ein; diesmal hatte ihr keiner den Arm geboten. Zwei Tage später hatte sie allen Besitz verspielt. Nachdem sie den letzten Louisdor gesetzt und verloren hatte, schaute sie sich um und erblickte neben sich den Baron Wurmerhelm, der sie höchst aufmerksam und mit äußerster Mißbilligung be-obachtete. Mademoiselle Selma jedoch bemerkte nicht die Mißbilligung; mit dem ihr eigenen Lächeln wandte sie sich dem Baron zu und bat ihn, für sie zehn Louisdor auf Rot zu setzen. Dies hatte zur Folge, daß sie auf Betreiben der Baronin am Abend die Aufforderung erhielt, sich nicht mehr im Kurhaus blicken zu lassen. Sie wundern sich vielleicht, daß mir all diese kleinlichen und arg widerwärtigen Einzelheiten bekannt sind; es erklärt sich daraus, daß ich sie zuverlässig von einem Verwandten, Mister Feeder, gehört habe; er hatte noch am Abend jenes Tages Mademoiselle Selma von Roulettenburg nach Spa in seinem Wagen mitgenommen. Jetzt überlegen Sie: Mademoiselle Blanche möchte Frau Generalin werden, wahrscheinlich zu dem Zwecke, künftig nicht mehr solche Aufforderungen zu erhalten wie von der Kurhauspolizei im vorvorigen Jahr. Jetzt spielt sie nicht mehr; aber sie läßt es deshalb bleiben, weil sie nach allen Anzeichen Geld besitzt, das sie hiesigen Spielern gegen Prozente ausleiht. Das ist weit klüger. Ich habe sogar den Verdacht, daß auch der unglückliche General bei ihr verschuldet ist. Vielleicht hat auch Des Grieux bei ihr Schulden. Kann sein, Des Grieux macht mit ihr gemeinsame Sache. Es wird Ihnen einleuchten, daß Mademoiselle Blanche wenigstens bis zur Hochzeit durch nichts die Aufmerksamkeit der Baronin und des Barons auf sich ziehen möchte. Kurz, in ihrer Lage braucht sie am allerwenigsten einen Skandal. Sie sind mit dem Haus der unmittelbar Beteiligten verbunden, und Ihre Handlungen könnten einen Skandal hervorrufen, um so mehr, als Mademoiselle Blanche sich Tag für Tag öffentlich am Arm des Generals oder mit Miss Polina zeigt. Begreifen Sie jetzt?"
„Nein, ich begreife nicht!" schrie ich und hieb mit aller Kraft auf den Tisch, so daß erschrocken der Kellner herbeieilte.
„Sagen Sie, Mister Astley", stieß ich, außer mir, hervor, „wenn Sie die ganze Geschichte schon kannten und folglich ganz genau wissen, was es mit dieser Mademoi-selle Blanche de Cominges auf sich hat, wie kommt es dann, daß Sie nicht wenigstens mich, den General selber und schließlich und vor allem Miss Polina aufgeklärt haben? Bedenken Sie, daß sich Miss Polina hier im Kurhaus, vor dem Publikum, mit Mademoiselle Blanche Arm in Arm gezeigt hat! Wie kann das sein?"
„Warum hätte ich Sie aufklären sollen? Sie hätten nichts tun können", antwortete Mister Astley ruhig. „Und worüber auch aufklären? Der General weiß über Mademoiselle Blanche vielleicht noch mehr als ich, und trotzdem geht er mit ihr und mit Miss Polina spazieren. Der General ist ein unglücklicher Mensch. Ich habe gestern gesehen, wie Mademoiselle Blanche auf einem prächtigen Pferd ausritt, zusammen mit Monsieur Des Grieux und diesem kleinen russischen Fürsten, und der General eilte auf einem Fuchs ihnen nach. Am Morgen hatte er erklärt, er habe Schmerzen in den Beinen, doch zu Pferde saß er gut. In diesem Augenblick schoß mir durch den Kopf, daß er ein ganz verlorener Mensch ist. Zudem geht mich das alles nichts an, und die Ehre, Miss Polina kennenzulernen, hatte ich erst vor kurzem. Übrigens", besann sich Mister Astley mit einem Male, „ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich Ihnen das Recht auf gewisse Fragen nicht zubilligen kann, obgleich ich Ihnen aufrichtig zugetan bin."
„Genug", sagte ich und stand auf, „jetzt ist mir sonnenklar, daß auch Miss Polina alles über Mademoiselle Blanche weiß, daß sie sich aber nicht von ihrem Franzosen trennen kann und sich deshalb bereit findet, mit Mademoiselle Blanche spazierenzugehen. Glauben Sie, nichts sonst könnte sie dazu bringen, sich so mit Mademoiselle Blanche zu zeigen und mich in einem Briefchen anzuflehen, daß ich nichts gegen den Baron unternähme. Hier eben muß der Einfluß zu suchen sein, der alles bewirkt! Andererseits - niemand sonst als sie hat mich doch auf den Baron gehetzt! Hol's der Teufel, es ist nicht zu begreifen."
„Sie vergessen erstens, daß diese Mademoiselle de Cominges die Braut des Generals ist, und zweitens, daß Miss Polina, die Stieftochter des Generals, einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester hat, die leiblichen Kinder des Generals, um die sich der verrückte Mensch überhaupt nicht mehr kümmert und denen er anscheinend das wegnimmt, was ihnen gehört."
„Jaja, das ist es! Von den kleinen Geschwistern weggehen, das hieße sie völlig im Stich lassen; bleiben, das bedeutet ihre Interessen verteidigen, vielleicht auch ein wenig von ihrem Eigentum zu retten. Jaja, das alles ist wahr! Und trotzdem, trotzdem! Oh, ich begreife, warum sich jetzt alle so sehr für Babuschka interessieren!"
„Für wen?" fragte Mister Astley.
„Für die alte Hexe in Moskau, die ewig nicht stirbt, während sie auf das Telegramm warten, das ihren Tod meldet."
„Nun ja, gewiß, das ganze Interesse richtet sich auf sie. Alles hängt vom Erbe ab! Wird das Erbe fällig, so heiratet der General; Miss Polina erhält gleichfalls freie Hand, und Des Grieux. . ."
„Nun, und Des Grieux?"
„An Des Grieux wird man sein Geld zahlen; nur darauf wartet er hier doch."
„Nur! Sie meinen, nur darauf wartet er?"
„Weiter weiß ich nichts", erwiderte Mister Astley, beharrlich gewillt, sich nicht weiter zu äußern.
„Ich aber weiß, ich weiß!" stieß ich wütend hervor. „Auch er wartet auf die Erbschaft, weil Polina dann ihren Anteil erhält, und hat sie das Geld, so wirft sie sich ihm sogleich an den Hals. Alle Frauen sind so! Die stolzesten von ihnen erweisen sich als die gewöhnlichsten Sklavinnen! Polina ist nur der leidenschaftlichen Liebe fähig, keiner anderen! Das ist meine Meinung. Werfen Sie einen Blick auf sie, besonders wenn sie allein sitzt, in Nachdenken versunken; da verrät sich etwas von Vor-herbestimmung, Verurteilung, Verdammung! Sie ist fähig aller Schrecknisse des Lebens und der Leidenschaft ... sie ... sie ... Aber wer ruft da nach mir?" unterbrach ich mich. „Wer schreit? Ich habe jemand russisch rufen hören: 'Alexe) Iwanowitsch!' Eine Frauenstimme, da wieder, hören Sie!"
Zu dieser Zeit waren wir nahe bei dem Hotel, in dem ich wohne. Das Café hatten wir längst verlassen - wir waren es gar nicht recht gewahr geworden.
„Ich habe laute Frauenstimmen gehört, aber ich weiß nicht, wen man ruft; es klingt russisch; jetzt sehe ich, von dort kommt es." Mister Astley zeigte auf den Ort.
„Es ist eine Frau, die in einem Sessel sitzt und gerade von vielen, vielen Dienern die Vortreppe hinaufgetragen wird. Außerdem bringt man Koffer; also ist gerade ein Zug angekommen."
„Doch warum ruft sie mich? Da, schon wieder. Sehen Sie, sie winkt zu uns her."
„Ich sehe, daß sie winkt", sagte Mister Astley.
„Alexej Iwanowitsch! Alexej Iwanowitsch! Du lieber Himmel, so ein täppischer Kerl!" tönte es sehr verärgert von der Vortreppe des Hotels herüber.
Fast rennend gelangten wir dorthin. Ich sprang die Stufen hinauf und . . . vor Verblüffung sanken mir die Arme kraftlos herab, ich stand wie angewurzelt.
Kapitel IX
Auf der oberen Plattform, vor dem breiten Hotelportal, saß in dem Sessel, den man hinaufgetragen hatte, umgeben von Dienern, Zofen und dem vielköpfigen diensteif-rigen Hotelpersonal, in Gegenwart des Empfangschefs, der herbeigeeilt war, da eine Ankunft mit so viel Getöse, mit eigener Dienerschaft, mit einer Unzahl von Taschen und Koffern auf einen hohen Gast wies . . . also, da saß, da thronte - Babuschka! Ja, sie war es, die gebieterische, reiche fünfundsiebzigjährige Antonida Wassiljewna Tarassewitschowa, die Dörfer besaß und ein Haus in Moskau, la baboulinka, derentwegen Telegramme hin- und hergeschickt wurden, die im Sterben lag und nicht gestorben war und die nun also selber, in eigner Person, sich eingestellt hatte wie Schnee vom heitern Himmel. Sie war erschienen, zwar nicht auf den eigenen Füßen, sondern getragen, so wie immer in den letzten fünf Jahren, im Sessel, doch nach ihrer Gewohnheit voller Tatkraft, hitzig, selbstbewußt, aufrecht sitzend, mit herrischer, schreiender Stimme, alle scheltend - jedenfalls aufs Tüpfelchen genau so, wie ich sie zwei-, dreimal zu sehen die Ehre hatte, nachdem ich als Lehrer in das Generalshaus gekommen war. Begreiflicherweise stand ich in meiner Verblüffung wie ein Götze vor ihr. Sie dagegen hatte mich mit ihren Luchsaugen auf hundert Schritt erspäht, während man sie im Sessel - das heißt, wie sich nun zeigte, im Rollstuhl - hinauftrug; sie hatte mich erkannt und mich bei Vor- und Vatersnamen gerufen; auch dies war ihre Gewohnheit: sich die Namen ein für allemal einzuprägen. Und die hatten erwartet, so eine im Sarg zu sehen, begraben, ihr Erbe hinterlassend, schoß mir durch den Kopf. Sie wird uns alle und das ganze Hotel überleben! Aber mein Gott, was wird jetzt aus unsern Leuten, was wird aus dem General! Sie wird doch das ganze Hotel auf den Kopf stellen.
„Was stehst du, mein Lieber, vor mir und reißt die Augen auf!" schrie Babuschka weiter mich an. „Dich zu verbeugen und guten Tag zu sagen, verstehst du wohl nicht? Oder bist du stolz, willst nicht? Hast du mich womöglich nicht erkannt? Sieh mal, Potapytsch" - hier wandte sie sich zu einem alten Männchen im Frack, mit weißer Krawatte und einem grauen Haarkranz um eine rosige Glatze, ihrem Hofmeister, der sie auf Reisen begleitete -, „sieh mal, er erkennt mich nicht! Sie haben mich begraben! Ein Telegramm nach dem andern haben sie geschickt - ist sie nun tot oder nicht? Ich weiß alles! Nun siehst du, ich leb noch."
„Aber ich bitte Sie, Antonida Wassiljewna, warum sollte ich Ihnen Schlechtes wünschen?" antwortete ich heiter, als ich die Fassung wiedererlangt hatte. „Ich war nur erstaunt... Und das ist wohl begreiflich, da Sie so unerwartet. .."
„Was gibt's da zu staunen? Bin einfach losgefahren. Die Eisenbahn fährt ruhig, sie wirft einen nicht hin und her. Warst wohl spazieren?"
„Ja, zum Kurhaus hin."
„Hier ist's schön", sagte Babuschka, während sie sich umblickte. „Warm, stattliche Dörfer. Das hab ich gern. Sind die Unsern zu Hause? Der General?"
„O ja, zu dieser Stunde sind wohl alle zu Hause."
„Haben sie auch hier die Stunden festgelegt und alle Zeremonien? Sie geben den Ton an. Ich hab's gehört, sie halten sich eine Equipage, les seigneurs russes! Ist zu
Haus das Geld verjubelt, geht's fort ins Ausland! Ist Praskowja bei ihnen?"
,Ja, Polina Alexandrowna ist auch da."
„Und das Kerlchen, der Franzose? Na, ich seh alle selber. Alexej Iwanowitsch, zeig den Weg, sofort zu ihm. Und dir, geht's dir gut?"
„Leidlich, Antonida Wassiljewna."
„Du, Potapytsch, sag dem täppischen Kerl, dem Kellner, sie sollen mir bequeme Zimmer geben, gute, nicht zu hoch, und sorg dafür, daß die Sachen gleich hinkom-men. Was drängeln sich die alle, meinen Rollstuhl zu tragen? So was Aufdringliches. Sklaven!" Und wieder zu mir gewandt: „Und wen hast du da bei dir?"
„Das ist Mister Astley", antwortete ich.
„Was für ein Mister Astley?"
„Ein guter Bekannter, auf Reisen. Er ist auch mit dem General bekannt."
„Ein Engländer. Darum also starrt er mich an und kriegt die Zähne nicht auseinander. Ich hab ja die Engländer gern. Also tragt mich hinauf, gleich zu ihren Zimmern. Wo sind die denn?"
Man hob den Rollstuhl mit Babuschka auf. Ich ging auf der breiten Hoteltreppe voran. Unser Zug tat große Wirkung. Alle, denen wir begegneten, hielten kurz inne und rissen die Augen auf. Unser Hotel gilt als das beste, das teuerste, das aristokratischste des Badeortes. Auf den Treppen und den Korridoren bekam man höchst elegante Damen und vornehme Engländer zu Gesicht. Manche erkundigten sich unten beim Empfangschef, der seinerseits tief beeindruckt war. Er gab natürlich allen Nachfragenden die Auskunft, es handle sich um eine vornehme Ausländerin, une russe, une comtesse, grande dame, sie werde dasselbe Appartement bewohnen, das eine Woche vorher la grande duchesse de N. gemietet hatte. Den Haupteffekt machte das gebieterische Äußere der Frau, die da im Rollstuhl gefahren oder getragen wurde. Sie maß jede neue Person, die uns begegnete, sofort mit einem neugierigen Blick, und mit lauter Stimme verlangte sie von mir Auskunft über alle. Babuschka war von großem, kräftigem Schlag, und obgleich sie von ihrem Rollstuhl nie aufstand, ahnte man, wenn man sie ansah, daß sie von hoher Gestalt war. Sie hielt den Rük-ken brettgerade und lehnte sich nicht an. Den großen grauen Kopf mit den derben, scharfen Zügen trug sie hoch gereckt; sie blickte geradezu hoffärtig und heraus-fordernd; dabei spürte man, daß ihr Blick und ihre Gesten völlig natürlich waren. Ihr Gesicht zeigte sich, ungeachtet der fünfundsiebzig Jahre, einigermaßen frisch, und nicht einmal die Zähne waren ganz verdorben. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid und ein weißes Häubchen.
„Sie interessiert mich außerordentlich", flüsterte mir Mister Astley zu, der neben mir die Treppe hinaufging-
Sie weiß von den Telegrammen, überlegte ich mir. Des Grieux ist ihr auch bekannt, Mademoiselle Blanche aber offenbar kaum. Ich teilte dies sogleich Mister Astley mit.
Ich sündiger Mensch! Kaum war mein erstes Staunen vorüber, so freute ich mich schrecklich über den Donnerschlag, den wir in wenigen Augenblicken in den Räumen des Generals auslösen würden. Es kitzelte mich geradezu, und ich schritt ganz frohgemut voran.
Die Unsern hatten im zweiten Obergeschoß Wohnung genommen; ich machte keine Anstalten, zu melden oder auch nur anzuklopfen, sondern öffnete mit einemmal weit die Tür, und Babuschka wurde im Triumph hineingefahren. Sie hatten sich, wie bestellt, alle im Kabinett des Generals versammelt. Es war zwölf Uhr, und man besprach offenbar gerade einen bevorstehenden Ausflug - alle wollten sich daran beteiligen, die einen in der Kutsche, die andern zu Pferde. Auch Be kannte waren dabei. Außer dem General, Polina und den Kindern und ihrer Wärterin befanden sich in dem Kabinett: Des Grieux, Mademoiselle Blanche, wieder im Reitkleid, ihre Mutter, Madame veuve Cominges, der kleine Fürst und noch ein gelehrter Reisender, ein Deutscher - ihn sah ich bei ihnen zum erstenmal. Den Rollstuhl mit Babuschka rückte man einfach mitten ins Zimmer, drei Schritt vor dem General. Mein Gott, nie werde ich diesen Eindruck vergessen! Vor unserm Eintritt war der General im Erzählen gewesen, und Des Grieux hatte ihn dann und wann korrigiert. Ich muß bemerken, daß Mademoiselle Blanche und Des Grieux schon seit zwei, drei Tagen sehr um den kleinen Fürsten scharwenzelten, à la barbe du pauvre général, und daß die Gesellschaft auf einen zwar vielleicht gekünstelten, doch durchaus heiteren, locker-familiären Ton gestimmt war. Bei Babuschkas Anblick erstarrte der General, er riß den Mund auf, und seine Rede stockte mitten im Wort. Er sah mit hervorquellenden Augen auf sie, wie behext von einem Basiliskenblick. Babuschka sah gleichfalls stumm und unbeweglich auf ihn - doch was war das für ein frohlockender, herausfordernder und spöttischer Blick! So hielten sie einander nicht weniger als zehn Sekunden im Auge, unter tiefem Schweigen aller anderen Anwesenden. Des Grieux war zuerst wie versteinert gewesen, nun aber spiegelte sich außerordentliche Unruhe in seinen Zügen. Mademoiselle Blanche hob die Brauen, machte den Mund auf und umfing Babuschka mit einem brennenden Blick. Der Fürst und der Gelehrte betrach-teten völlig ratlos das ganze Bild. In Polinas Augen drückte sich zuerst die größte Verwunderung und Verwirrung aus; doch plötzlich wurde sie kreidebleich; eine Minute später schoß ihr das Blut ins Gesicht, und ihre Wangen glühten. Ja, es war eine Katastrophe für alle! Ich hatte damit zu tun, meine Blicke zwischen Babuschka und den anderen wandern zu lassen. Mister Astley stand nach seiner Gewohnheit gesetzt und gelassen ein wenig abseits. „Da bin ich! Kein Telegramm, statt dessen ich selber!" ließ sich endlich, das Schweigen brechend, Babuschka vernehmen. „Habt ihr wohl nicht erwartet?"
„Antonida Wassiljewna . . . Tantchen . . . aber wie denn nur. . .", stammelte der unglückselige General. Ware Babuschka noch ein paar Sekunden länger stumm geblieben, so hätte ihn womöglich der Schlag gerührt.
„Was heißt: wie denn nur? Bin einfach losgefahren. Wozu gibt's die Eisenbahn? Und ihr dachtet alle, ich hätt schon kalte Fersen und ihr hättet die Erbschaft? Ich weiß doch, ihr habt hier Telegramm auf Telegramm losgeschickt. Ich kann mir vorstellen, was das gekostet hat. Von hier ist das nicht billig. Da haben wir die Bündel geschnürt, und fort ging's, hierher. Ist das der Franzose von damals, Monsieur Des Grieux, glaub ich?"
„Oui, madame", bestätigte Des Grieux, „et croyez, je suis si enchanté . . . votre santé . . . c'est un miracle .. . vous voir ici, une surprise charmante . . ."
„Na, na, charmante; ich kenne dich, alter Flunkerer, dir glaub ich nicht so viel!" Und wie wenig sie ihm glaubte, zeigte sie an ihrem kleinen Finger. Dann drehte sie sich ein wenig, wies auf Mademoiselle Blanche und fragte: „Was ist das für eine?" Die Französin, die sich in dem Reitkleid, die Peitsche in der Hand, sehr effektvoll ausnahm, machte wohl auf Babuschka großen Eindruck. „Eine von hier, wie?"
„Es ist Mademoiselle Blanche de Cominges, und hier ist auch ihre Frau Mutter, Madame de Cominges. Sie logieren hier im Hotel", berichtete ich.
„Verheiratet - die Tochter?" erkundigte sich Babuschka ohne Umstände weiter.
„Mademoiselle de Cominges ist ledig", antwortete ich möglichst ehrerbietig und mit Bedacht ziemlich leise.
„Lustig?"
Es fiel mir schwer, ihre Frage zu verstehen.
„Ob's kurzweilig mit ihr ist. Versteht sie Russisch? Des Grieux hier hat ja bei uns in Moskau ein paar Brocken aufgeschnappt."
Ich erklärte ihr, daß Mademoiselle de Cominges niemals in Rußland gewesen sei.
„Bonjour", sagte Babuschka, mit einem Ruck zu Mademoiselle Blanche gewandt.
„Bonjour, madame." Mademoiselle Blanche vollführte einen feierlichen, eleganten Knicks und versäumte nicht, unter dem Mantel außerordentlicher Bescheidenheit und Höflichkeit mit dem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung das große Erstaunen erkennen zu lassen, das Babuschkas seltsame Frage und ihr Gebaren hervorgerufen hatten.
„Sieh an, sie schlägt die Augen nieder, wie fein sie tut und wie sie's kann; gleich weiß ich, was das für ein Vogel ist; wohl eine Schauspielerin." Sie wandte sich zum General. „Ich hab mich hier im Hotel eingemietet, werde deine Hausgenossin sein. Freust du dich oder nicht?"
„Aber Tantchen! Glauben Sie dem aufrichtigen Gefühl . . . meiner Freude", erwiderte der General. Ein wenig hatte er sich wieder in der Gewalt, und da er gele-gentlich gut zu reden verstand, bedeutsam und mit dem Anspruch auf eine gewisse Wirkung, so gedachte er auch jetzt, sich länger zu äußern. „Wir waren so besorgt und betroffen wegen der Nachrichten von Ihrer Krankheit . . . Wir erhielten Telegramme, die fast keine Hoffnung ließen, und nun auf einmal. . ."
„Red keinen Unsinn!" hielt ihn Babuschka sofort auf.
„Doch wie kommt es", hinderte nun der General sie am Weiterreden, und er hob die Stimme, um das „Red keinen Unsinn!" vergessen zu machen, „wie kommt es, daß Sie zu einer solchen Reise aufgebrochen sind? Sagen Sie selbst: in Ihren Jahren, bei Ihrem Gesundheitszustand . . . zumindest war das so wenig zu erwarten, daß Sie unsere Verwunderung begreifen werden. Aber ich freue mich sehr . . . wir alle" (hier setzte er ein Lächeln der Rührung, des Entzückens auf) „werden uns mit aller Kraft bemühen, Ihnen die hiesige Saison zum angenehmsten Zeitvertreib zu machen . .."
Ich erklärte ihr, daß Mademoiselle de Cominges niemals in Rußland gewesen sei.
„Bonjour", sagte Babuschka, mit einem Ruck zu Mademoiselle Blanche gewandt.
„Bonjour, madame." Mademoiselle Blanche vollführte einen feierlichen, eleganten Knicks und versäumte nicht, unter dem Mantel außerordentlicher Bescheidenheit und Höflichkeit mit dem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung das große Erstaunen erkennen zu lassen, das Babuschkas seltsame Frage und ihr Gebaren hervorgerufen hatten.
„Sieh an, sie schlägt die Augen nieder, wie fein sie tut und wie sie's kann; gleich weiß ich, was das für ein Vogel ist; wohl eine Schauspielerin." Sie wandte sich zum General. „Ich hab mich hier im Hotel eingemietet, werde deine Hausgenossin sein. Freust du dich oder nicht?"
„Aber Tantchen! Glauben Sie dem aufrichtigen Gefühl . . . meiner Freude", erwiderte der General. Ein wenig hatte er sich wieder in der Gewalt, und da er gele-gentlich gut zu reden verstand, bedeutsam und mit dem Anspruch auf eine gewisse Wirkung, so gedachte er auch jetzt, sich länger zu äußern. „Wir waren so besorgt und betroffen wegen der Nachrichten von Ihrer Krankheit . . . Wir erhielten Telegramme, die fast keine Hoffnung ließen, und nun auf einmal. . ."
„Red keinen Unsinn!" hielt ihn Babuschka sofort auf.
„Doch wie kommt es", hinderte nun der General sie am Weiterreden, und er hob die Stimme, um das „Red keinen Unsinn!" vergessen zu machen, „wie kommt es, daß Sie zu einer solchen Reise aufgebrochen sind? Sagen Sie selbst: in Ihren Jahren, bei Ihrem Gesundheitszustand . . . zumindest war das so wenig zu erwarten, daß Sie unsere Verwunderung begreifen werden. Aber ich freue mich sehr . . . wir alle" (hier setzte er ein Lächeln der Rührung, des Entzückens auf) „werden uns mit aller Kraft bemühen, Ihnen die hiesige Saison zum angenehmsten Zeitvertreib zu machen . .."
„Hör auf! Leeres Geschwätz. Du redest und redest, das kenn ich. Wie ich am besten die Zeit verbringe, weiß ich selber. Übrigens hab ich nichts gegen euch; ich trag euch nichts nach. Wie's gekommen ist, fragst du. Da gibt's keinen Grund, sich zu wundern. Es ging auf die einfachste Weise. Warum sich bloß alle wundern! Guten Tag, Praskowja. Was machst du hier?"
„Guten Tag, Babuschka", sagte Polina und trat auf sie zu. „Waren Sie lange unterwegs?"
„Also, das Mädchen hat doch am gescheitesten gefragt, nicht bloß: ach und ach! Weißt du, ich lag und lag, und sie kurierten, kurierten an mir herum, da hab ich die Doktoren weggeschickt und den Küster von der Nikolaikirche holen lassen. Der hat mal mit Heustaub ein Bauernweib von derselben Krankheit geheilt. Und mir hat er auch geholfen; am übernächsten Tag brach mir der Schweiß aus, und dann könnt ich mich rühren. Darauf kamen meine Deutschen, die Ärzte, wieder zusammen, sie setzten die Brillen auf und erklärten: Jaaa, wenn Sie kräftig genug wären, zur Kur ins Ausland zu fahren, dann könnten Ihre Blutbahnen wohl ganz frei werden.' Warum nicht? dachte ich. Das gab bei den Naseweisen ein Gezeter: 'Undenkbar, daß Sie eine solche Reise überständen!' Denen hab ich's gezeigt. Von einem Tag zum andern traf ich meine Vorbereitungen, und vorige Woche am Freitag nahm ich das Mädchen, den Potapytsch und den Diener Fjodor und brach auf. Den Fjodor hab ich von Berlin aus zurückgeschickt - ich hab gemerkt, den brauch ich gar nicht, mutterseelenallein hätt ich reisen können . . . Ich nehm ein Abteil für mich, Träger gibt's auf allen Stationen, für ein paar Groschen tragen sie mich, wohin ich will. Was für schöne Zimmer ihr habt!" schloß sie und schaute sich um. „Von welchem Geld bezahlst du das, mein Lieber? Du hast doch alles verpfändet. Wieviel du allein diesem Franzosenkerl schuldest! Ich weiß alles, weiß alles!"
„Also, Tantchen . . .", begann der General, der nun ganz die Fassung verloren hatte. „Ich wundere mich, Tantchen . . . mir scheint, ich kann auch ohne irgendeines Menschen Kontrolle . . . Zudem übersteigen meine Ausgaben nicht meine Mittel, und wir halten uns hier..."
„Übersteigen nicht deine Mittel? Was du nicht sagst! Wahrscheinlich hast du die Kinder schon um das Letzte beraubt - schöner Vormund!"
„Also nun, nach solchen Worten . . .", begann der General entrüstet, „weiß ich wahrlich nicht. . ."
„Weißt du nicht? Na ja. Vom Roulett kommst du hier nicht los? Bist du blank?"
Der General war so verblüfft, daß ihn der Ansturm der Empfindungen fast erwürgte.
„Roulett! Ich? Bei meiner gesellschaftlichen Stellung ... Ich? Kommen Sie zur Besinnung, Tantchen, Ihnen ist vielleicht nicht wohl?"
„Red keinen Unsinn. Wahrlich, sie kriegen dich nicht weg; du schwindelst! Ich seh mir das mal an, das Roulett, noch heute. Du, Praskowja, sag mir, was man hier wo be-sichtigt, Alexej Iwanowitsch kann mir's ja auch zeigen, und du, Potapytsch, schreib alle Orte auf, zu denen man fahren soll." Sie wandte sich wieder an Polina: „Was wird hier besichtigt?"
„In der Nähe gibt es die Ruinen eines Schlosses. Dann den Schlangenberg."
„Was ist der Schlangenberg? Ein Wald?"
„Nein, kein Wald, ein Berg. Dort ist ein Point."
„Was für ein Point?"
„Die höchste Stelle auf dem Berg; die ist von einem Geländer umgeben. Von dort hat man einen unvergleichlichen Ausblick."
„Läßt sich der Rollstuhl auf den Berg bringen? Ist das zu schaffen oder nicht?"
„Oh, man kann Dienstleute finden", antwortete ich.
Indessen trat Fedossja, die Kinderfrau, zu Babuschka, um sie zu begrüßen; sie führte auch die Generalskinder zu ihr.
„Bloß kein Schmatzen! Ich küß mich nicht gern mit Kindern; alle haben sie Rotznasen. Wie geht's dir hier, Fedossja?"
„Hier ist es ganz sehr schön, Mütterchen Antonida Wassiljewna", antwortete Fedossja. „Aber wie ist es Ihnen ergangen, Mütterchen? Wir haben Sie so bedauert."
„Ich weiß, du bist eine ehrliche Seele. Die andern da, das sind wohl Gäste?" fragte sie, wieder zu Polina gewandt. „Wer ist denn der kleine widerliche Kerl mit der Brille?"
„Fürst Nilski, Babuschka", flüsterte Polina.
„Ein Russe? Und ich dachte, der versteht's nicht! Na, vielleicht hat er's nicht gehört! Den Mister Astley hab ich schon gesehen. Da ist er ja wieder", sagte Babuschka, zu ihm blickend, und sie bedachte ihn mit einem „Guten Tag!".
Mister Astley verbeugte sich stumm.
„Was werden Sie mir Gutes sagen? Sagen Sie mir etwas! Übersetz ihm das, Polina."
Polina übersetzte.
„Ich sage Ihnen, daß es mir große Freude macht, Sie zu sehen und Sie bei so guter Gesundheit zu wissen", antwortete Mister Astley ernsthaft und mit allergrößter Bereitschaft. Man übersetzte es, und offenbar gefiel es Babuschka.
„Wie schön die Engländer immer antworten", bemerkte sie. „Ich weiß nicht, warum, ich hab die Engländer immer gern gehabt, kein Vergleich mit dem Franzo-senvolk! Besuchen Sie mich!" fuhr sie, wieder zu Mister Astley gewandt, fort. „Ich gebe mir Mühe, Ihnen nicht lästig zu werden. Übersetz ihm das, und sag ihm, daß ich hier unten, hier unten wohne - hören Sie, unten, unten", wiederholte sie für Mister Astley und zeigte mit dem Finger hinunter.
Mister Astley freute sich außerordentlich über die Einladung.
Babuschka musterte mit einem aufmerksamen und zufriedenen Blick Polina vom Scheitel bis zur Sohle.
„Ich könnt dich liebhaben, Praskowja", sagte sie plötzlich, „du bist ein prächtiges Mädchen, besser als alle. Nur dein Charakter ist so ... uch! Na, ich hab ja auch meinen Charakter. Dreh dich mal um; hast du falsche Haare eingeflochten?"
„Nein, Babuschka, es sind alles die eignen."
„Na gut, die dumme Mode von heute hab ich nicht gern. Hübsch bist du sehr. Ich würd mich in dich verlieben, wenn ich ein Kavalier wäre. Warum heiratest du nicht? Aber jetzt Schluß. Ich will hinaus an die Luft -die ganze Zeit nur Eisenbahn, Eisenbahn. Und du, bist du immer noch böse?" fragte sie den General.
„Aber nicht doch, Tantchen, ich bitte Sie!" rief der General, Mut fassend und erfreut. „Ich verstehe ja, in Ihren Jahren . . ."
„Cette vieille est tombée en enfance", flüsterte mir Des Grieux zu.
„Ich will hier alles besichtigen. Trittst du mir Alexej Iwanowitsch ab?" fragte Babuschka den General.
„Herzlich gern, aber ich kann auch selbst. . . auch Polina und Monsieur Des Grieux . . . uns allen, allen wird es ein Vergnügen sein, Sie hier zu begleiten."
„Mais, madame, cela sera un plaisir", versicherte Des Grieux mit bezauberndem Lächeln.
„Soso, plaisir. Bist komisch, Freundchen." Und dem General sagte sie plötzlich: „Geld kriegst du übrigens nicht von mir. - Also, jetzt in meine Zimmer. Erst die Gemächer ansehn, dann überallhin, wo was zu besichtigen ist. Hebt mich auf."
Man hob den Rollstuhl an, wendete ihn, und so brach mit Babuschka ein ganzes Gefolge auf, die Treppe hinunter. Der General ging wie betäubt, als hätte ihn jemand mit dem Knüppel über den Kopf geschlagen. Des Grieux schien nachdenklich. Mademoiselle Blanche wollte eigentlich zurückbleiben, doch sie besann sich anders und ging mit. Ihr folgte sofort der Fürst, und oben im Appartement des Generals blieben nur der Deutsche und Madame veuve Cominges.
Kapitel X
In den Kurorten - und anscheinend überhaupt in Europa - lassen sich Hotelleiter und Empfangschefs, wenn sie den Gästen die Zimmer zuteilen, nicht so sehr von deren Forderungen und Wünschen als von ihrer eigenen, persönlichen Meinung in dieser Angelegenheit leiten, und es zeigt sich, daß sie selten irren. Der Ba-buschka aber hatte man aus irgendeinem Grund ein so großartiges Appartement zugedacht, daß man übers Ziel hinausgeschossen war: vier luxuriös eingerichtete Zimmer mit Bad und Kammern für die Dienerschaft, einem besonderen Zimmer für die Zofe und so weiter, und so weiter. In diesen Räumen hatte tatsächlich eine Woche vorher eine grande duchesse gewohnt, was natürlich den neuen Gästen sogleich kundgetan worden war und was Anlaß bot, einen noch höheren Preis zu verlangen. Man trug, besser gesagt, rollte Babuschka durch alle Räume, und sie nahm aufmerksam und streng alles in Augenschein. Der Empfangschef, ein schon älterer, glatzköpfiger Mann, begleitete sie ehrerbietig bei dieser ersten Musterung.
Ich weiß nicht, für wen sie alle Babuschka nahmen, anscheinend aber für eine außerordentlich vornehme und vor allem reiche Person. Ins Gästebuch trug man so-fort ein: „Madame la générale princesse de Tarassevitcheva", obgleich Babuschka niemals princesse - Fürstin - gewesen war. Die eigene Dienerschaft, die Kunde von dem besonderen Abteil im Eisenbahnzug, die riesige Zahl von unnötigen Kästen, Koffern und sogar Truhen, die mit Babuschka angelangt waren, verschafften ihr wahrscheinlich Achtung. Babuschkas Rollstuhl, ihre Stimme, ihr scharfer Ton, die exzentrischen Fragen, die sie völlig ungeniert und jeden denkbaren Einwand aus-schließend stellte, kurz, Babuschkas gesamte Erscheinung - die aufrecht sitzende, schroff sprechende, gebieterische Person - machte die Ehrfurcht, mit der man ihr begegnete, vollkommen. Während der Besichtigung befahl Babuschka dann und wann, den Rollstuhl anzuhalten, dann zeigte sie auf dieses oder jenes Stück der Aus-stattung und überrumpelte den ergeben lächelnden, doch allmählich schon verzagenden Empfangschef mit Fragen. Babuschka bediente sich dabei des Französi-schen, das sie übrigens ziemlich schlecht sprach, so daß ich gewöhnlich übersetzte. Die Antworten des Empfangschefs mißfielen ihr größtenteils; sie schienen ihr unbefriedigend. Ihre Fragen gingen auch gleichsam an den Dingen vorbei und zielten weiß Gott wohin. So hielt sie etwa mit einem Ruck vor einem Bild inne -einer ziemlich schwachen Kopie von einem bekannten Original mit mythologischem Sujet.
„Wer ist da porträtiert?"
Der Empfangschef erklärte, es handle sich wohl um eine Gräfin.
„Wieso weißt du das nicht? Lebst hier und weißt es nicht. Warum hängt das Bild hier, warum schielt die Gestalt?"
Auf all diese Fragen konnte der Empfangschef nicht befriedigend antworten, er geriet in große Verlegenheit.
„So ein Tölpel!" bemerkte Babuschka auf russisch.
Man rollte sie weiter. Das Spiel wiederholte sich mit einer kleinen Figur aus Meißner Porzellan; Babuschka betrachtete sie lange und befahl dann, daß man sie entferne - keiner wußte, warum. Schließlich setzte sie dem Empfangschef mit der Frage zu, wieviel die Teppiche im Schlafzimmer gekostet hätten und wo sie hergestellt würden. Der Empfangschef versprach, sich zu erkundigen.
„Schafsköpfe!" knurrte Babuschka und wandte ihre ganze Aufmerksamkeit dem Bett zu.
„Was für ein luxuriöser Baldachin! Schlagt ihn mal zurück!"
Man schlug die Bettvorhänge zurück.
„Weiter, weiter, ganz aufmachen. Nehmt die Kissen hoch, die Bezüge, das Federbett."
Man wendete alles um und um. Babuschka musterte die Dinge aufmerksam.
„Gut, daß es bei ihnen keine Wanzen gibt. Die Wäsche alle abziehen! Mit meiner Wäsche beziehen, meine Kissen hinlegen. Ist alles viel zu luxuriös, was soll ich alte Frau mit so einer Wohnung; allein macht's mir keine Freude. Alexej Iwanowitsch, besuch mich recht oft, wenn du mit dem Unterricht der Kinder fertig bist."
„Ich stehe seit gestern nicht mehr beim General im Dienst", antwortete ich, „und ich lebe im Hotel ganz für mich."
„Wieso denn das?"
„Kürzlich ist hier ein vornehmer deutscher Baron mit seiner Gemahlin, der Baronin, zugereist, aus Berlin. Gestern habe ich ihn auf der Promenade deutsch angesprochen, mich aber nicht an die Berliner Aussprache gehalten."
„Na und?"
„Er erachtete das für eine Frechheit und beschwerte sich beim General, und der General hat mich noch gestern entlassen."
„Hast ihn wohl beschimpft, wie, den Baron? (Und wenn schon - macht nichts!)"
„O nein. Im Gegenteil, der Baron hat den Spazierstock gegen mich erhoben."
„Und du, Schlappschwanz, hast es zugelassen, daß man so mit deinem Lehrer umgeht?" bemerkte sie, zum General gewandt. „Und hast ihn noch dazu entlassen! Schlafmützen - ich sehe schon, ihr seid alle Schlafmützen."
„Lassen Sie das meine Sorge sein, Tantchen", erwiderte der General einigermaßen hochmütig, familiär. „Ich verstehe meine Angelegenheiten selbst zu regeln. Außerdem hat Alexej Iwanowitsch nicht ganz zutreffend berichtet."
„Und du hast dir das gefallen lassen?" fragte sie wieder mich.
„Eigentlich wollte ich den Baron zum Duell fordern", antwortete ich so bescheiden und ruhig, wie ich nur konnte. „Aber der General hat sich dem widersetzt."
„Warum hast du dich widersetzt?" fragte Babuschka den General. (Und zugleich wandte sie sich an den Empfangschef und sagte: „Und du, Väterchen, geh, und komm wieder, wenn man dich ruft. Hast keinen Grund, Maulaffen feilzuhalten. - Ich kann diese Lebkuchenfratze nicht länger ansehn!" Der Mann verbeugte sich und ging, natürlich ohne Babuschkas Kompliment verstanden zu haben.)
„Ich bitte Sie, Tantchen! Als ob ein Duell möglich wäre!" entgegnete mit einem etwas spöttischen Lächeln der General.
„Warum nicht? Die Männer sind allesamt Hähne; sollen sie aufeinander losgehen. Ihr aber seid, wie ich sehe, Schlafmützen, macht dem Vaterland keine Ehre. Fahrt mich weiter! Potapytsch, sorg dafür, daß immer zwei Dienstmänner bereit sind, besprich das und mach's fest. Mehr als zwei brauch ich nicht. Tragen müssen sie mich nur, wenn's die Treppe hinauf- oder hinuntergeht; wo's eben ist, auf der Straße, da können sie mich schieben, sag ihnen das. Und bezahl sie im voraus, das schafft mehr Achtung. Du selber bleib immer in meiner Nähe, und du, Ale-xej Iwanowitsch, zeig mir auf der Promenade den Baron; möcht 'nen Blick auf ihn werfen: was das für einer ist, dieser von-Baron. Und dann, wo ist das Roulett?"
Ich erläuterte, die Roulett-Tische ständen im Kurhaus, in besonderen Sälen. Sie fragte weiter: ob's viele Tische seien, ob viele Leute da spielten, ob das den ganzen Tag gehe, wie das eingerichtet sei. Ich antwortete schließlich, am besten sehe man sich das mit eignen Augen an; es so richtig zu beschreiben, das falle schwer.
„Also bringt mich sofort hin! Geh du voran, Alexej Iwanowitsch!"
„Wie denn, Tantchen, wollen Sie nicht erst ein bißchen ruhen nach der Reise?" erkundigte sich der General fürsorglich. Er schien einigermaßen beunruhigt, und auch die anderen waren aufgeregt und tauschten Blicke.
Wahrscheinlich fanden sie es ziemlich heikel, sogar genierlich, Babuschka geradenwegs ins Kurhaus zu begleiten, wo sie, versteht sich, mancherlei Exzentrisches anstellen konnte, nun sogar öffentlich; indessen erboten sich alle, dorthin mitzugehen.
„Wozu erst ruhen? Ich bin nicht müde; fünf Tage hab ich bloß im Zug gesessen. Nachher werden wir sehen, was es hier für Quellen und Heilwässer gibt und wo sie sind. Und dann zu diesem . . . wie hast du das genannt, Praskowja: diesem Point?"
„Ja, Point, Babuschka."
„Also dem Point. Und was gibt's sonst?"
Polina wußte nicht recht zu antworten. „Hier gibt's noch mancherlei, Babuschka", sagte sie.
„Das heißt, du weißt es selber nicht! Marfa, du kommst mit!" sagte sie zu ihrer Zofe.
„Aber warum denn Marfa, Tantchen!" rief der General sehr besorgt. „Nein, wirklich, das geht nicht. Schon Potapytsch wird man schwerlich ins Kurhaus lassen."
„Unsinn. Bloß weil sie Dienerin ist, soll ich sie zurücklassen? Sie ist doch auch ein Mensch. Fast eine Woche sind wir auf der Eisenbahn gerollt; da hat sie jetzt auch Lust, hinauszugehn und sich umzuschaun. Mit wem, wenn nicht mit mir? Allein wagt sie nicht die Nase hinauszustecken."
„Aber Babuschka .. ."
„Du schämst dich wohl mit mir? Dann bleib zu Hause, man braucht dich nicht. Was bist du für ein General; ich selber bin Generalin. Was müßt ihr überhaupt wie ein Schweif hinter mir herziehn? Ich seh mir mit Alexej Iwanowitsch alles an."
Des Grieux jedoch bestand darauf, daß alle sie begleiten müßten, und erging sich in den schmeichlerischsten Phrasen, die das Vergnügen ausdrücken sollten, sie zu begleiten. Der Zug setzte sich in Bewegung.
„Elle est tombée en enfance", wiederholte Des Grieux, zum General gewandt, „seule elle fera des bêtises ..." Das Weitere verstand ich nicht, aber offenbar verfolgte er bestimmte Absichten, womöglich schöpfte er sogar wieder Hoffnung.
Zum Kurhaus war es eine halbe Werst. Unser Weg führte durch eine Kastanienallee zu einem Schmuckplatz, und unmittelbar hinter ihm betrat man das Kurhaus. Der General beruhigte sich einigermaßen, denn unser Zug nahm sich zwar ziemlich exzentrisch aus, dennoch war an ihm alles wohlanständig. Es konnte ja auch keinen in Erstaunen versetzen, daß in einem Kurort ein kranker, geschwächter Mensch auftaucht, der gefahren werden muß. Der General aber hatte offenbar Angst vor dem Kurhaus; denn was hat ein kranker Mensch, der nicht gehen kann, zumal eine alte Frau, beim Roulett zu suchen? Polina und Mademoiselle Blanche gingen zu beiden Seiten neben dem Rollstuhl her. Mademoiselle Blanche lachte, sie war auf bescheidene Weise fröhlich, und es geschah sogar, daß sie Babuschka mit sehr liebenswürdigen Scherzen erheiterte, wofür sie schließlich auch Lob erhielt. Polina, auf der anderen Seite, hatte die zahllosen Fragen zu beantworten, die Babuschka immerfort stellte, etwa: welcher Mann da vorbeigegangen, welche Dame vorbeigefahren sei, wie groß die Stadt, wie groß der Park sei, wie die Bäume da, wie die Berge dort hießen, ob es hier Adler gebe, was das für ein komisches Dach sei. Mister Astley ging neben mir und flüsterte mir zu, er erwarte viel von diesem Tag. Po-tapytsch und Marfa gingen dicht hinter dem Rollstuhl, Potapytsch in seinem Frack, mit weißer Krawatte, auf dem Kopf freilich eine Schirmmütze, und Marfa, eine vierzigjährige unverheiratete Frau mit frischer Gesichtsfarbe, doch schon ergrauendem Haar, in einem Baumwollkleid, ein Häubchen auf dem Kopf und knarrende Ziegeniederschuhe an den Füßen. Babuschka drehte sich sehr oft zu ihnen um und redete mit ihnen. Des Grieux und der General waren ein wenig zurückgeblieben und sprachen sehr erregt aufeinander ein. Der General war ganz niedergeschlagen; Des Grieux redete mit einer Miene, die Entschlossenheit verriet. Vielleicht wollte er den General ermutigen; offenbar gab er ihm Ratschläge. Babuschka aber hatte schon vorhin den fatalen Satz gesprochen: „Geld kriegst du nicht von mir." Vielleicht meinte Des Grieux, man müsse diese Ankündigung nicht unbedingt glauben; der General aber kannte seine liebe Tante. Ich bemerkte, daß Des Grieux und Mademoiselle Blanche sich ständig zuzwinkerten. Den Fürsten und den deutschen Reisenden sah ich ganz am Ende der Allee; sie waren zurückgeblieben und gingen dann woandershin.
Ins Kurhaus traten wir sehr feierlich. Der Portier und die Diener ließen dieselbe Ehrerbietung erkennen wie das Hotelpersonal. Indessen verrieten sie ihre Neugier. Babuschka befahl, daß man sie zuerst durch alle Räume trage. Manches lobte sie, gegenüber anderem blieb sie völlig gleichgültig; nach jeglichem erkundigte sie sich. Schließlich erreichten wir die Spielsäle. Ein Diener, der an der geschlossenen Tür als Posten stand, riß, offenbar tief beeindruckt, die Tür weit auf.
Babuschkas Erscheinen im Roulettsaal machte beim Publikum großen Effekt. An den Roulett-Spieltischen und am andern Ende des Saals, wo der Tisch für trente et quarante stand, mochten sich hundertfünfzig oder zweihundert Spieler drängen, in mehreren Reihen. Wer sich bis zum Tisch selbst durchgekämpft hat, der bleibt gewöhnlich unverrückbar dort und gibt seinen Platz erst dann auf, wenn er alles verspielt hat; denn bloß als Zuschauer dazustehen und nutzlos einen Spielerplatz ein-zunehmen ist nicht erlaubt. Obgleich rings um den Tisch Stühle gestellt sind, setzen sich von den Spielern nur wenige, zumal bei großem Andrang des Publikums; denn im Stehen kommt man dichter heran, kann man einen günstigeren Platz erreichen und leichter seinen Einsatz machen. Die zweite und die dritte Reihe drän-gen sich hinter der ersten und warten auf die Gelegenheit, nach vorn zu kommen; doch mancher Ungeduldige schafft es, den Arm durch die erste Reihe zu schieben und so seinen Einsatz auf das Feld zu bringen. Mit List und Mühe gelangt solcherart selbst aus der dritten Reihe manches Geld auf den Tisch; dies ist der Grund, wes-halb es alle zehn oder auch alle fünf Minuten an dem einen oder dem anderen Ende des Tisches zu einer „Geschichte" mit unklaren Einsätzen kommt. Die Kurhauspolizei ist übrigens ziemlich gut. Gegen das Gedränge kann man natürlich nichts tun; es ist eher umgekehrt: man freut sich über den Publikumsandrang, denn er bringt Gewinn. Aber die acht Croupiers, die rings um den Tisch sitzen, halten die Augen weit offen, sie beobachten die Einsätze, sie rechnen auch ab, und wenn sich Streit erhebt, so ist es wieder ihre Sache, zu entscheiden. Im äußersten Falle rufen sie die Polizei, dann ist die Angelegenheit in einer Minute beendet. Die Polizisten sind im Saal gleich verteilt, in Zivilkleidern, unter den Zuschauern, so daß man sie nicht erkennt. Sie achten besonders auf Diebe und Geschäftemacher, deren es beim Roulett mehr als anderswo gibt, weil es da ungewöhnlich bequem ist, das Gewerbe auszuüben. Allerorts sonst gilt es ja, aus Taschen zu stehlen oder einzubrechen, und das nimmt im Falle des Mißlingens ein sehr übles Ende. Hier aber braucht man bloß an den Roulett-Tisch zu treten, zu setzen und dann auf einmal offen und dreist fremden Gewinn zu nehmen und in die eigne Tasche zu stecken; erhebt sich Streit, so behauptet der Gauner steif und fest, der Einsatz sei der seine gewesen. Wenn die Sache geschickt eingefädelt ist und die Zuschauer schwanken, gelingt es dem Dieb sehr oft, das Geld zu behalten - allerdings nur in den Fällen, in denen die Summe nicht sehr bedeutend ist. Hohe Einsätze werden in der Regel von den Croupiers oder von den anderen Spielern von Anfang an verfolgt. Wenn die Summe nicht so bedeutend ist, verzichtet zuweilen ihr wirklicher Besitzer sogar darauf, den Streit fortzusetzen, weil er keinen Skandal haben möchte, und er geht davon. Gelingt es, einen Dieb zu überführen, wird er sofort mit Skandal weggebracht.
All das beobachtete Babuschka aus der Ferne mit un bändiger Neugier. Es gefiel ihr sehr, wenn Diebe abgeführt wurden. Trente et quarante erregte ihre Aufmerk-samkeit kaum; mehr Gefallen fand sie am Roulett, am Rollen der Kugel. Sie wünschte schließlich, das Spiel aus der Nähe zu beobachten. Ich weiß nicht, wie es zuging; jedenfalls wurden die Saaldiener und ein paar andere, die sich da zu schaffen machten, sogenannte Agenten (das sind größtenteils Polen, die alles verspielt haben und nun ihre Dienste glücklicheren Spielern und allen Ausländern aufdrängen) - sie also wurden sehr rührig und versorgten, ungeachtet des Gedränges, Babuschka einen Platz mitten am Tisch, neben dem Hauptcroupier; dorthin schoben sie ihren Rollstuhl. Viele der Besucher, die nicht spielten, sondern von der Seite das Spiel beobachteten (vorzugsweise Engländer und ihre Familien), drängten sich sogleich an den Tisch, um hinter den Spielern hervor einen Blick auf Babuschka zu werfen. In großer Zahl richteten sich Lorgnetten auf sie. Die Croupiers machten sich Hoffnung - ein so exzentrischer Spieler schien in der Tat etwas Ungewöhnliches zu versprechen. Eine siebzigjährige Frau, die ihre Beine nicht gebrauchen kann und nun zu spielen wünscht, gewiß, das war ein nicht alltäglicher Fall. Ich drängte mich gleichfalls zum Tisch vor und stellte mich neben Babuschka. Potapytsch und Marfa blieben weit zurück, unterm Volk. Der General, Polina, Des Grieux und Mademoiselle Blanche hatten auch ein wenig abseits, unter den Zuschauern, ihren Platz gefunden.
Anfangs beobachtete Babuschka die Spieler. Sie stellte mir, halb flüsternd, knappe, schroffe Fragen: Was ist das für einer? Was ist das für eine? Besonders gefiel ihr am Ende des Tisches ein sehr junger Mann, der ein sehr großes Spiel machte; er setzte Tausende und hatte, wie ringsum getuschelt wurde, schon fast vierzigtausend Franken gewonnen; die lagen vor ihm auf einem Haufen, in Goldmünzen und in Banknoten. Er war bleich, seine Augen funkelten, die Hände zitterten; er setzte schon ganz ohne Bedacht, soviel wie die Hand faßte, und dabei gewann er und gewann, und Summe auf Summe strich er ein. Die Saaldiener suchten ihm jeden Gefallen zu tun, rückten für ihn einen Lehnstuhl heran, drängten die Leute von ihm zurück, damit er mehr Raum hätte, damit sie ihn nicht beengten - all das in Er-wartung eines großzügigen Trinkgeldes. Manche Spieler geben ihnen vom Gewinn etwas ab, ohne hinzusehen; sie greifen vor Freude einfach in die Tasche und geben, was die Hand faßt. Neben dem jungen Mann hatte sich schon ein Pole den Platz gesichert; der bemühte sich nach Kräften um ihn und flüsterte ihm, ehrerbietig, doch unablässig, etwas zu, wahrscheinlich empfahl er, so oder so zu setzen, trachtete zu raten und das Spiel zu lenken - versteht sich, gleichfalls auf reiche Gabe hoffend. Der Spieler aber blickte kaum auf ihn, er setzte blindlings und strich Geld ein. Er wußte offenbar nicht mehr, was er tat.
Babuschka beobachtete ihn ein paar Minuten.
Plötzlich stieß sie mich ganz aufgeregt an. „Sag ihm, sag ihm, er soll aufhören, er soll ganz schnell sein Geld nehmen und fortgehen. Er wird verlieren, wird sofort alles verlieren!" Sie sorgte sich, war ganz außer sich, rang nach Luft. „Wo ist Potapytsch? Schick Potapytsch zu ihm! Sag's ihm doch, sag's ihm!" Sie stieß mich wieder an. „Wo steckt er nur, wo steckt Potapytsch? Sortez, sortez!" rief sie nun gar selber dem jungen Mann zu. Ich beugte mich zu ihr und flüsterte energisch, es sei unmöglich, hier so zu rufen, ja auch nur einigermaßen laut zu sprechen sei hier nicht erlaubt, weil dies die Abrechnung störe; man werde uns sogleich hinausweisen.
„Nicht zu fassen! Der Mensch ist verloren, er rennt in sein Unglück . . . ich kann es gar nicht mit ansehn, mir wird übel. So ein dummer Kerl!" Und Babuschka wandte den Blick schnell von ihm ab.
Wo sie nun hinsah, links, am andern Ende des Tisches, fiel unter den Spielern eine junge Dame auf und neben ihr ein Zwerg. Wer dieser Zwerg war, das weiß ich nicht: vielleicht ein Verwandter, vielleicht hatte sie ihn nur um der Wirkung willen mitgenommen. Das Fräulein hatte ich schon früher bemerkt; sie erschien jeden Tag am Spieltisch, um ein Uhr mittags, sie ging pünktlich um zwei; jeden Tag spielte sie eine Stunde. Man kannte sie schon und stellte für sie sofort einen Stuhl bereit. Sie holte ein paar Goldmünzen aus der Tasche, dazu ein paar Tausendfrankennoten, sie begann zu setzen, leise, kaltblütig, mit Bedacht, und sie schrieb mit dem Bleistift Ziffern auf einen Zettel, in dem Bestreben, das System zu finden, nach dem sich momentan die Chancen gruppierten. Sie machte bedeutende Einsätze. Jeden Tag gewann sie eintausend, zweitausend, wenn's hoch kam, dreitausend Franken, nicht mehr, und hatte sie gewonnen, so ging sie unverzüglich fort. Babuschka beobachtete sie lange.
„Na, die verspielt nichts! Die da nicht! Von welcher Sorte ist sie? Weißt du nicht? Was ist sie für eine?"
„Wohl eine Französin, so eine", flüsterte ich.
„Den Vogel erkennt man am Flug. Man sieht, daß sie scharfe Krallen hat. Jetzt erklär du mir mal, was jedes Drehen bedeutet und wie man setzen muß."
So gut es ging, erläuterte ich Babuschka, was die vielen Wahlmöglichkeiten beim Setzen bedeuten: rouge et noir, pair et impair, manque et passe; ich ging auf die Feinheiten im Zahlensystem ein. Babuschka hörte aufmerksam zu, gab sich Mühe, sich alles zu merken, fragte weiter, ließ sich unterrichten. Für jede Möglichkeit des Setzens konnte ich sofort auf Beispiele weisen, so daß sie viel lernte und die Regeln leicht und schnell behielt. Babuschka zeigte sich sehr zufrieden.
„Und was hat's mit dem zéro auf sich? Hat nicht der Croupier dort, der kraushaarige, wohl der oberste, gerade zéro gerufen? Und warum streicht er alles ein, was auf dem Tisch liegt? So einen Haufen, und alles nimmt er für sich? Warum denn?"
„Zéro, Babuschka, bedeutet, daß die Bank gewinnt. Wenn das Kügelchen auf zéro fällt, gehört alles, was auf dem Tisch liegt, der Bank; da wird nichts weiter gerechnet. Das heißt, es kann auch die Regel gelten, daß alles, was auf Schwarz gesetzt ist, stehenbleibt; aber die Bank zahlt nichts dafür."
„Sieh einer an! Ich würde also nichts kriegen?"
„So ist es auch wieder nicht, Babuschka. Haben Sie nämlich auf zéro gesetzt und kommt dann zéro heraus, so kriegen Sie das Fünfunddreißigfache als Gewinn."
„Was - das Fünfunddreißigfache? Und kommt zéro oft heraus? Warum setzen die Dummköpfe dann nicht auf zéro?"
„Sechsunddreißig Chancen stehen dagegen, Babuschka."
„Ach was! Potapytsch! Potapytsch! Wart mal, ich hab ja auch Geld bei mir - da!" Sie holte aus der Handtasche einen mit Geld vollgestopften Beutel und nahm einen Friedrichsdor heraus. „Hier, setz das gleich auf zéro."
„Babuschka, zéro ist gerade erst herausgekommen", sagte ich, „wahrscheinlich kommt's jetzt lange nicht mehr. Das kann viele vergebliche Einsätze bedeuten. Warten Sie ein bißchen."
„Red nicht, setz!"
„Bedenken Sie, es kann sein, daß zéro bis zum Abend nicht kommt, da können Sie Tausende verspielen, das hat es gegeben."
„Red nicht, red nicht! Wer sich vorm Wolf fürchtet, soll nicht in den Wald gehn. Wie? Verloren? Setz noch mal!"
Wir verloren auch den zweiten Friedrichsdor; wir setzten den dritten. Babuschka rutschte hin und her. Mit brennenden Augen verfolgte sie die Kugel, die auf der sich drehenden Scheibe an die Zacken stieß und sprang. Auch der dritte ging verloren. Babuschka geriet außer sich, es litt sie nicht auf ihrem Platz, sie schlug sogar mit der Faust auf den Tisch, als der Croupier „trente six" statt des erwarteten zéro verkündete.
„So ein Kerl!" erboste sich Babuschka. „Wird nun dieses verdammte zéro, dieses Biest, endlich herauskommen? Wenn's mich das Leben kostet - ich bleib sitzen bis zum zéro! Das macht der verdammte Krauskopf, dieser Krupierer; bei dem kommt nie das zéro! Alexej Iwanowitsch, setz zwei Goldne auf einmal! Wenn du so weitersetzt und es fällt zéro, kriegen wir gar nichts Ordentliches heraus."
„Babuschka!"
„Setz! Setz! Es ist nicht dein Geld."
Ich setzte zwei Friedrichsdor. Die Kugel schoß lange über die sich drehende Scheibe, endlich begann sie an den Zacken zu springen. Babuschka erstarrte, sie preßte meine Hand, und auf einmal - hopp!
„Zéro", verkündete der Croupier.
„Siehst du, siehst du!" rief Babuschka, mit einem Ruck zu mir gewandt, strahlend vor Zufriedenheit. „Ich hab's dir gesagt, hab's gesagt! Der liebe Gott selber hat mir eingegeben, zwei Goldne zu setzen. Na, wieviel krieg ich jetzt? Warum zahlen sie nicht aus? Potapytsch, Marfa, wo stecken sie, wo sind unsre Leute alle hingegangen? Potapytsch, Potapytsch!"
„Babuschka, später", flüsterte ich. „Potapytsch steht an der Tür, man läßt ihn nicht hierher. Sehen Sie, Babuschka, man zahlt Ihnen das Geld aus, nehmen Sie's entgegen!" Man warf für Babuschka eine schwere, versiegelte Geldrolle auf den Tisch, fünfzig Friedrichsdor, in blaues Papier gerollt, und zählte ihr zwanzig Friedrichsdor dazu, die nicht gerollt und nicht versiegelt waren. All das holte ich mit einer Harke heran.
„Faites le jeu, messieurs! Faites le jeu, messieurs! Rien ne va plus?" rief der Croupier, zum Setzen auffordernd, und machte sich bereit, die Scheibe zu drehen.
„Mein Gott, wir kommen zu spät! Gleich dreht er. Setz, setz!" drängte Babuschka aufgeregt. „Schnell doch, trödle nicht!" Sie geriet ganz außer sich, stieß mich mit aller Kraft an.
„Worauf denn, Babuschka?"
„Auf zéro, auf zéro! Wieder auf zéro! Setz soviel wie möglich! Wieviel haben wir im ganzen? Siebzig Friedrichsdor? Halt sie nicht zurück, setz immer zwanzig Friedrichsdor auf einmal."
„Um Himmels willen, Babuschka! An manchen Tagen fällt die Kugel zweihundertmal nacheinander nicht auf zéro! Ich versichere Ihnen, Sie verspielen Ihr ganzes Kapital."
„Unsinn, Unsinn! Setz! Was du bloß redest! Ich weiß, was ich tue." Babuschka zitterte wie im Fieber.
„Nach dem Reglement dürfen auf zéro nicht mehr als zwölf Friedrichsdor gesetzt werden, Babuschka, und die hab ich nun gesetzt."
„Was heißt: dürfen nicht? Stimmt das auch? Musjö, Musjö!" Sie stieß den Croupier an, der gleich links neben ihr saß und sich anschickte, die Scheibe zu drehen. „Combien zéro? Douze, douze?"
In aller Eile erläuterte ich die Frage auf französisch.
„Oui, madame", bestätigte der Croupier höflich, und zur Erklärung fügte er hinzu: „So wie im Fall einfacher Chance der Einsatz viertausend Gulden jeweils nicht übersteigen darf, nach dem Reglement."
„Na, nichts zu machen, setz zwölf."
„Le jeu est fait!" rief der Croupier. Die Scheibe drehte sich, die Dreizehn kam heraus. Wir hatten verloren.
„Noch mal, noch mal! Setz noch mal!" schrie Babuschka. Ich leistete keinen Widerstand mehr, zuckte mit den Schultern und setzte abermals zwölf Friedrichsdor. Die Scheibe drehte sich lange. Babuschka schlotterte, während ihr Blick der Kugel folgte. Glaubt sie denn wahrhaftig, wieder mit zéro zu gewinnen? dachte ich, während ich sie erstaunt anblickte. Die unerschütterliche Überzeugung, daß sie gewinnen werde, leuchtete auf ihrem Gesicht, die absolut sichere Erwartung, daß man sogleich rufen werde: Zéro! Die Kugel rollte in ein Fach.
„Zéro!" rief der Croupier.
„Also!!!" rief Babuschka und blickte mit rasendem Triumph auf mich.
Ich bin selber Spieler, das fühlte ich genau in dieser Minute. Meine Hände zitterten, ich stand unsicher auf den Beinen, im Kopf schwirrte es. Natürlich, so etwas geschieht sehr selten: daß bei kaum zehn Gelegenheiten die Kugel dreimal auf zéro rollt; doch übermäßig wundern muß man sich darüber auch nicht. Ich bin selbst Zeuge gewesen, wie vorgestern dreimal nacheinander zéro gewann, wobei einer der Spieler, der eifrig die Gewinnzahlen notierte, laut bemerkte, daß erst einen Tag vorher iieses selbe zéro die ganze Zeit ein einziges Mal herausgekommen war.
Als diejenige, die den bedeutendsten Gewinn gedacht hatte, wurde Babuschka beim Auszahlen mit besonderer Aufmerksamkeit und Achtung bedacht. Sie hatte genau vierhundertzwanzig Friedrichsdor zu bekommen, das heißt viertausend Gulden und zwanzig Friedrichsdor. Die zwanzig Friedrichsdor zahlte man ihr in Goldmünzen, die viertausend Gulden in Banknoten.
Diesmal rief Babuschka nicht mehr nach Potapytsch; sie war mit anderem beschäftigt. Äußerlich zitterte sie nicht einmal mehr und stieß keinen an. Sie zitterte, wenn man so sagen darf, innerlich. Sie konzentrierte sich ganz und gar auf etwas, faßte ein Ziel ins Auge.
„Alexej Iwanowitsch! Er hat gesagt, bei einfacher Chance kann man jedesmal nur viertausend Gulden setzen? Da, setz diese viertausend auf Rot", entschied Babuschka. Es ihr ausreden zu wollen hatte keinen Sinn. Die Scheibe drehte sich.
„Rouge!" verkündete der Croupier.
Wieder ein Gewinn von viertausend Gulden, im ganzen also acht.
„Vier her zu mir, die anderen vier setz* wieder auf Rot", befahl Babuschka.
Ich setzte abermals viertausend.
„Rouge!" verkündete wieder der Croupier.
„Zusammen zwölftausend! Gib alles her. Die Münzen hier in den Beutel, die Banknoten in die Tasche. - Genug! Nach Hause! Rollt mich hinaus!"
Kapitel XI
Man schob den Rollstuhl zur Tür, am andern Ende des Saales. Babuschka strahlte. Alle die Unsern drängten sich sofort um sie und gratulierten ihr. Mochte Babuschkas Be-nehmen auch exzentrisch sein, ihr Triumph deckte vieles zu, und der General fürchtete nicht mehr, sich bei dem Publikum mit den verwandtschaftlichen Beziehun-gen zu einer so wunderlichen Frau zu kompromittieren. Mit einem herablassenden und familiär-fröhlichen Lächeln, wie im schäkernden Umgang mit einem Kind, gratulierte er Babuschka. Übrigens war er sichtlich stark beeindruckt, so wie alle anderen Zuschauer. Ringsum redete man über Babuschka und wies auf sie. Manche gingen nur deshalb dicht an ihr vorbei, um sie von nahem zu sehen. Mister Astley plauderte ein wenig abseits mit zwei ihm bekannten Engländern über sie. Ein paar sehr vornehme Zuschauerinnen, Damen, betrachteten sie sehr vornehm verdutzt wie ein Wunder. Des Grieux erging sich gewaltig in Glückwünschen und freundlichen Mienen.
„Quelle victoire!" sagte er.
„Mais, madame, c'était du feu!" fügte mit kokettem Lächeln Mademoiselle Blanche hinzu.
„Na ja, ich hab mir ein Herz gefaßt und zwölftausend Gulden gewonnen! Was heißt zwölf - die Goldmünzen kommen ja dazu. Mit denen sind's fast dreizehntausend. Wieviel macht das in unserm Geld? Müßten an die sechstausend sein?"
Ich erklärte, die Summe müsse die Siebentausend übersteigen, ja nach dem gegenwärtigen Kurs an die Achttausend herankommen.
„Ein Spaß, achttausend! Und ihr sitzt hier, Schlafmützen, und tut nichts! Potapytsch, Marfa, habt ihr's gesehn?"
„Mütterchen, wie haben Sie das geschafft? Achttausend Rubel", rief Marfa und krümmte sich dabei.
„Na, da habt ihr jeder fünf Goldne - da!"
Potapytsch und Marfa küßten ihr aufs eifrigste die Hände.
„Und gebt den Dienstmännern jedem einen Friedrichsdor. Gib jedem einen Goldnen, Alexej Iwanowitsch. Warum verbeugt sich der Saaldiener, der andre auch? Sie gratulieren? Jeder kriegt einen Friedrichsdor. Gib sie ihnen."
„Madame la princesse ... un pauvre expatrié . . . malheur continuel... les princes russes sont si généreux", sprach, um den Rollstuhl scharwenzelnd, eine Person in abgetragenem Überrock und bunter Weste, mit Schnurrbart, die Schirmmütze in der unterwürfig weit weggestreckten Hand, mit kriecherischem Lächeln.
„Gib ihm auch einen Friedrichsdor. Nein, gib zwei. Jetzt genug, sonst nimmt's kein Ende mit ihnen. Rollt mich weiter, los! Praskowja", sie wandte sich zu Polina Alexandrowna, „ich kauf dir morgen Stoff für ein Kleid, und der dort, der Mademoiselle. . . wie heißt sie doch . . . der Mademoiselle Blanche, der kauf ich auch Stoff für ein Kleid. Übersetz es, Praskowja!"
„Merci, madame!" Mademoiselle Blanche vollführte einen anmutigen Knicks und verzog den Mund zu einem leicht ironischen Lächeln, das dem General und Des Grieux galt. Der General wurde ziemlich unsicher und war schrecklich froh, als wir die Allee erreicht hatten.
„Die Fedossja, na, die Fedossja, die wird sich wundern, mein ich", sprach Babuschka, da ihr die Kinderfrau des Generals, die sie ja kannte, ins Gedächtnis kam. „Auch sie soll Stoff für ein Kleid haben. He, Alexej Iwanowitsch, Alexej Iwanowitsch, gib dem Bettler dort was!"
Auf der Straße kam ein zerlumpter Mensch daher, mit gekrümmtem Rücken, und sah uns an.
„Vielleicht ist das gar kein Bettler, sondern ein Schwindler, ein Herumtreiber, Babuschka."
„Gib, gib! Gib ihm einen Gulden!"
Ich trat auf ihn zu und gab ihm das Geld. Er sah mich mit bohrender Verwunderung an, nahm jedoch stumm den Gulden. Er roch nach Schnaps.
„Und du, Alexej Iwanowitsch, hast dein Glück noch nicht versucht?"
„Nein, Babuschka."
„Aber wie's in deinen Augen flammte - ich hab's gesehn."
„Ich werd's versuchen, Babuschka, unbedingt, später."
„Und setz ohne weiteres auf zéro! Du wirst sehn! Wieviel Kapital hast du?"
„Nicht mehr als zwanzig Friedrichsdor, Babuschka."
„Das ist wenig. Fünfzig Friedrichsdor borg ich dir, wenn du willst. Nimm gleich die Rolle da. Und du, Väterchen", sagte sie zum General, „erwarte nichts, dir geb ich nichts!"
Es traf ihn wie ein Hieb, doch er blieb stumm. Des Grieux blickte finster.
„Que diable, c'est une terrible vieille!" zischte er dem General zu.
„Ein Bettler, ein Bettler, wieder ein Bettler!" schrie Babuschka auf. „Alexej Iwanowitsch, gib auch ihm einen Gulden."
Diesmal handelte es sich um einen grauhaarigen alten Mann mit einem Holzbein; er trug einen blauen langschößigen Überrock und hatte einen langen Stock in der Hand. Er sah aus wie ein alter Soldat. Doch als ich ihm den Gulden hinhielt, trat er einen Schritt zurück und musterte mich drohend.
„Was ist's der Teufel./"* schrie er und fügte noch ein Dutzend Schimpfworte hinzu.
„So ein Dummkopf!" bemerkte Babuschka und winkte ab. „Weiter! Ich hab großen Hunger gekriegt. Jetzt schnell Mittag essen, ein bißchen ruhen und dann wieder hin."
„Sie wollen wieder spielen, Babuschka?" rief ich. „Was hast du denn gedacht? Meinst du, weil ihr da hockt und versauert, soll ich's euch nachmachen?" Des Grieux trat heran. „Mais, madame", sagte er, „les chances peuvent tourner, une seule mauvaise chance et vous perdrez tout.. . surtout avec votre jeu . . . c'était terrible!"
„Vous perdrez absolument", flötete Mademoiselle Blanche.
„Was geht's euch an? Nicht euer Geld verspiel ich, sondern meins! Wo ist denn Mister Astley?" fragte sie mich.
„Im Kurhaus geblieben, Babuschka."
„Schade. Der ist so ein guter Mensch."
Wieder im Hotel, trafen wir auf der Treppe den Empfangschef; Babuschka rief ihn heran und rühmte sich ihres Gewinns beim Spiel. Dann ließ sie Fedossja kommen, schenkte ihr drei Friedrichsdor und befahl, das Mittagessen aufzutragen. Fedossja und Marfa brachten sich bei Tisch vor Diensteifer beinah um.
„Ich hab Sie so angeschaut, Mütterchen", schwatzte Marfa, „da sag ich zu Potapytsch: Was will da unser Mütterchen tun? Und das viele Geld auf dem Tisch, Geld, du lieber Himmel! Mein Leben lang hab ich nicht soviel Geld gesehn, und rundherum lauter Herrschaften, nichts als Herrschaften. Sag mir, Potapytsch, sag ich, wo kommen all die Herrschaften her? Und ich denk: Helf ihr die Muttergottes. Ich bet für Sie, Mütterchen, aber mein Herz ist so beklommen, so beklommen, ich zittre am ganzen Leib. Gott steh ihr bei, denk ich, und so hat Ihnen Gott auch geholfen. Mütterchen, ich zittre immer noch, zittre noch am ganzen Leib."
„Alexej Iwanowitsch, nach dem Essen, um vier, mach dich fertig, da gehn wir hin. Inzwischen auf Wiedersehn, und vergiß nicht, irgend so einen Doktor herzuholen, ich werd ja auch Heilwasser trinken müssen. Womöglich vergißt du's noch."
Wie betäubt ging ich von Babuschka fort. Ich versuchte mir vorzustellen, was jetzt mit allen den Unsern geschehen und wie alles weitergehen werde. Ich sah deutlich, daß sie (am allermeisten der General) nach dem ersten Schreck noch gar nicht hatten zu sich kommen können. Daß statt des allstündlich erwarteten Telegramms mit der Nachricht von ihrem Tod (folglich auch von der Erbschaft) nun Babuschka selber aufgetaucht war, das hatte das ganze System ihrer Absichten und der schon getroffenen Entscheidungen in solchem Grade zerschlagen, daß sie völlig fassungslos, ja wie von einer seltsamen Starre befallen, die sogleich folgenden Taten Babuschkas beim Roulett hinnahmen. Indessen wog ebendies, das zweite, Babuschkas Roulettspiel, beinahe schwerer als ihre Ankunft, für sich genommen; denn Babuschka hatte zwar gesagt und später wiederholt, sie werde dem General kein Geld geben, aber das mußte noch nicht unbedingt bedeuten, daß man jegliche Hoffnung fahrenzulassen hatte. Des Grieux jedenfalls, der in alle Angelegenheiten des Generals verwickelt war, hatte keineswegs die Hoffnung aufgegeben. Ich bin überzeugt, auch Mademoiselle Blanche, die gleichfalls in höchstem Maße in die Dinge verwickelt war (und ob: Generalin zu werden und viel, viel zu erben!), hätte die Hoffnung nicht verloren, sondern weiter gegenüber Babuschka alle Mittel der koketten Schmeichelei ange-wandt - im Gegensatz zu der stolzen Polina, die nicht bereit ist und nicht versteht, sich lieb Kind zu machen. Jetzt aber, jetzt, nach Babuschkas entschiedenen Taten am Roulett-Tisch, jetzt, da Babuschkas Persönlichkeit so scharf und typisch vor ihnen in Erscheinung getreten war (eine starrköpfige, herrschsüchtige alte Frau et tombée en enfance), jetzt war wohl alles verloren; sie freute sich ja wie ein Kind über das, was sie erobert hatte, und sie würde sich, wie das so geht, beim Spiel ruinieren. Mein Gott, dachte ich (und ich dachte es, der Herr verzeih's mir, mit dem boshaftesten Lachen), mein Gott, jeder Friedrichsdor, den Babuschka vorhin gesetzt hat, muß sich doch wie ein schwerer Stein auf das Herz des Generals gewälzt, muß Des Grieux wütend gemacht und Mademoiselle de Cominges in Raserei versetzt haben - der lecker gefüllte Löffel wurde an ihrem Mund vorbeigeführt. Und noch ein Faktum: Sogar in der Laune, in der Freude des Spielgewinns, da Babuschka Geld ausstreute und jeden Passanten für einen Bettler nahm, sogar da hat sie aus tiefstem Innern zu dem General so gesprochen: Dir, dir geb ich trotzdem nichts! Das hieß doch, sie hatte sich auf diesen Gedanken versteift, hatte sich selber das Wort darauf gegeben. Schlimm, schlimm! All dies ging mir im Kopf herum, während ich, von Babuschkas Appartement kommend, die Paradetreppe hinaufstieg, ins oberste Geschoß, zu meinem Kämmerchen. Es beschäftigte mich stark; zwar hatte ich natürlich auch bisher schon etwas von den wichtigsten und kräftigsten Fäden ahnen können, die vor meinen Augen die Akteure verbanden, dennoch hatte ich nicht bis zum letzten die Mittel und Geheimnisse dieses Spiels durchschaut. Polina war mir gegenüber niemals rückhaltlos offen. Es geschah freilich, daß sie mir ein wenig, unwillkürlich, ihr Herz öffnete, doch ich hatte bemerkt, daß sie nach solchen Enthüllungen oft, ja fast immer alles Gesagte entweder ins Scherzhafte zog oder es nachträglich verwirrte und ihm absichtlich ein falsches Aussehen gab. Oh, sie verbarg vieles vor mir! Jedenfalls fühlte ich voraus, daß wir uns dem Finale dieses ganzen geheimnisvollen und gespannten Zustands näherten. Noch ein einziger Schlag, und alles wird zu Ende sein und zutage liegen. Über mein eigenes Geschick machte ich, dessen Interessen mit alledem doch verknüpft waren, mir fast keine Sorgen. Ich war seltsam gelaunt: In der Tasche hatte ich nicht mehr als zwanzig Friedrichsdor, ich befand mich in einem fernen, fremden Land, war ohne Anstellung, ohne Existenzmittel, ohne Hoffnung, ohne Pläne und - machte mir keine Sorgen! Wäre nicht der Gedanke an Polina gewesen, so hätte ich mich einfach ganz und gar der gespannten Erwartung hingegeben, die bevorstehende Lösung als etwas Komisches zu erleben, und hätte aus vollem Halse gelacht. Polina aber verwirrte mich; ihr Schicksal mußte sich entscheiden, das fühlte ich voraus, aber - ich bekenne es reuig - keineswegs beunruhigte mich ihr Schicksal. Ich wollte in ihre Geheim nisse eindringen, ich wünschte mir, daß sie zu mir käme und sagte: Ich liebe dich doch. Und wenn nicht, wenn dieser Irrsinn undenkbar war, dann ... ja, was sollte ich dann wünschen? Weiß ich denn, was ich wünsche? Ich bin selber wie ein Verlorener - nur nahe bei ihr sein, in ihrem Lichtkreis, in ihrem Strahlenkranz, ewig, immer, mein Leben lang. Weiter weiß ich nichts! Kann ich denn von ihr fort?
Im zweiten Obergeschoß, auf dem Flur, an dem die Unsern wohnen, spürte ich gleichsam einen Stoß. Ich wandte mich um, und auf zwanzig Schritt oder noch mehr sah ich Polina aus einer Tür treten. Sie schien Ausschau nach mir gehalten, auf mich gewartet zu haben und winkte mich sofort heran.
„Polina Alexandrowna ..."
„Leise!" warnte sie.
„Stellen Sie sich vor", flüsterte ich, „mir war eben, als hätte mich jemand in die Seite gestoßen. Ich sehe mich um - Sie! Als ob eine elektrische Kraft von Ihnen ausginge!"
„Nehmen Sie diesen Brief", stieß Polina besorgt und mit düsterer Miene hervor - wahrscheinlich ohne gehört zu haben, was ich gesagt hatte -, „und übergeben Sie ihn sofort persönlich Mister Astley. Schnell, ich bitte Sie. Antwort ist nicht nötig. Er wird selber . . ."
Sie sprach nicht zu Ende.
„Mister Astley?" fragte ich erstaunt.
Aber Polina war schon hinter der Tür verschwunden.
Soso, sie wechselten Briefe! Es versteht sich, daß ich sofort davoneilte, um Mister Astley zu suchen; ich tat es zuerst in seinem Hotel, dort fand ich ihn nicht, dann im Kurhaus, wo ich durch alle Säle lief, und schließlich, verärgert, beinahe verzweifelt, machte ich mich auf den Rückweg und begegnete ihm zufällig - er ritt mit anderen Engländern und Engländerinnen spazieren. Ich winkte ihn heran und übergab ihm den Brief. Wir kamen nicht dazu, einander auch nur anzusehen. Ich vermute, daß Mister Astley absichtlich sehr schnell weiterritt.
Quälte mich Eifersucht? Aber ich war so ganz und gar niedergeschlagen. Ich mochte nicht einmal herausbekommen, worüber sie Briefe wechselten. Er war also ihr Vertrauter! Ein Freund, gut, ein Freund, dachte ich, das ist klar (wann hat er es geschafft, es zu werden?), doch ist hier auch Liebe im Spiel? - Natürlich nicht, flüsterte mir der Verstand zu. Der Verstand jedoch reicht bei so etwas nicht aus. Jedenfalls stand mir bevor, auch dies zu erhellen. Die Sache verwickelte sich in unangenehmer Weise.
Kaum hatte ich das Hotel erreicht, so teilten mir der Portier und der aus seinem Zimmer herauseilende Empfangschef mit, daß man mich suche, mich zu sprechen wünsche; dreimal schon habe man jemand geschickt, sich zu erkundigen, wo ich sei. Man bat mich, so schnell wie möglich ins Appartement des Generals zu kommen. Mir war gräßlich zumute. Im Kabinett des Generals fand ich außer dem General selbst Des Grieux und Mademoiselle Blanche vor, allein, ohne ihre Mutter. Kein Zweifel, die Mutter war eine untergeschobene Person; sie wurde nur gespielt, zur Repräsentation; wenn ernsthaft zu verhandeln oder zu handeln war, besorgte das Mademoiselle Blanche allein. Die vorgebliche Mutter wird überhaupt schwerlich etwas von den Angelegenheiten ihrer vorgeblichen Tochter gewußt haben.
Sie waren zu dritt in hitziger Beratung begriffen und hatten sogar die Tür des Kabinetts abgeschlossen, was sonst niemals geschah. Als ich mich dieser Tür näherte, hörte ich laute Stimmen: die dreiste, hochmütige, gehässige von Des Grieux, die frech schimpfende und zornig kreischende Blanches und die klägliche des Generals, der sich offenbar zu rechtfertigen trachtete. Bei meinem Erscheinen suchten sie ein wenig Gesetztheit und Ordnung in ihr Verhalten zu bringen. Des Grieux strich sich übers Haar und setzte statt der bösen eine lächelnde Miene auf - es war genau das widerliche, förmlich-höfliche französische Lächeln, das ich so hasse. Der niederge-schlagene, ratlose General reckte sich, tat es aber wie mechanisch. Einzig Mademoiselle Blanche änderte fast nichts in ihrer zornblitzenden Physiognomie; sie verstummte nur und richtete auf mich einen Blick voll ungeduldiger Erwartung. Ich füge hier ein, daß sie bisher unglaublich hochmütig mit mir umgegangen war; sie hatte nicht einmal auf meine Verbeugungen reagiert, hatte mich einfach nicht bemerken wollen.
„Alexej Iwanowitsch", begann der General im Ton freundlich-milder Schelte, „erlauben Sie, Ihnen zu erklären, daß es sonderbar, im höchsten Grade sonderbar ist... kurz, wie Sie gegenüber mir und meiner Familie handeln. . . kurz, es ist im höchsten Grade sonderbar . . ."
„Eh, ce n'est pas ça", unterbrach ihn ärgerlich und geringschätzig Des Grieux. (Wirklich, er gebot über alle!) „Mon cher monsieur, notre cher général se trompe, in-dem er in einen solchen Ton verfällt" (ich gebe seine Worte von nun an auf russisch wieder), „aber er wollte Ihnen sagen . . . das heißt Sie warnen oder, besser, Sie bitten, Sie eindringlich bitten, ihn nicht ins Verderben zu stürzen - ja, nicht ins Verderben zu stürzen! Ich gebrauche gerade diesen Ausdruck . . ."
„Aber womit denn, womit?" unterbrach ich ihn.
„Ich bitte Sie, Sie haben es übernommen, Ratgeber, Anleiter (oder wie soll ich sagen?) dieser alten Frau zu sein, de cette pauvre terrible vieille" - hier kam sogar Des Grieux ein wenig aus dem Konzept -, „sie wird doch alles verspielen; bis aufs letzte verspielt sie alles! Sie haben selber gesehen, sind Zeuge gewesen, wie sie spielt! Wenn sie zu verlieren anfängt, wird sie vom Tisch nicht mehr weggehen, aus Starrsinn, aus Bosheit, sie wird spielen, spielen, immer weiter, und auf solche Weise holt man Spielverluste niemals herein, und dann . . . dann . . ."
„Und dann", fiel der General ein, „dann werden Sie die ganze Familie zugrunde gerichtet haben! Ich und meine Familie, wir sind ihre Erben, sie hat keine näheren Verwandten. Ich sage Ihnen offen, meine Vermögensverhältnisse sind zerrüttet, äußerst zerrüttet. Zum Teil wissen Sie es ja. Wenn sie eine bedeutende Summe verspielt oder sogar womöglich ihr ganzes Vermögen (o Gott!), was wird dann aus ihnen, aus meinen Kindern!" Der General schaute sich zu Des Grieux um. „Was wird aus mir!" Er blickte auf Mademoiselle Blanche, die sich verächtlich von ihm abwandte. „Alexej Iwanowitsch, retten Sie, retten Sie uns!"
„Aber womit, sagen Sie, General, womit denn? Was bedeute ich hier?"
„Weigern Sie sich, weigern Sie sich, gehen Sie weg von ihr!"
„So wird sich ein anderer finden!" rief ich.
„Ce n'est pas ça, ce n'est pas ça", unterbrach ihn abermals Des Grieux. „Que diable! Nein, gehen Sie nicht weg von ihr, aber reden Sie ihr wenigstens ins Gewissen, sprechen Sie zu ihr von anderen Dingen, lenken Sie sie ab ... nun gut, sorgen Sie dafür, daß sie nicht zuviel verspielt, bringen Sie sie irgendwie davon ab."
„Wie soll ich das erreichen? Wenn Sie selbst sich der Sache annähmen, Monsieur Des Grieux . . .?" fügte ich so naiv wie möglich hinzu.
Hier bemerkte ich, wie Mademoiselle Blanche einen schnellen, brennenden, fragenden Blick auf Des Grieux richtete. Bei Des Grieux selbst huschte ein ungewohnter Ausdruck übers Gesicht, etwas von Offenheit - er konnte etwas nicht unterdrücken.
„Das ist es ja, ich komme jetzt nicht an sie heran!" rief er und winkte ab. „Ja, wenn . . . dann . . ."
Des Grieux blickte rasch und bedeutsam auf Mademoiselle Blanche.
Mademoiselle Blanche, ja wirklich, sie selber trat mit einem bezaubernden Lächeln auf mich zu, faßte meine beiden Hände und drückte sie fest. „O mon cher monsieur Alexis, soyez si bon . . ." Hol's der Henker! Dieses teuflische Gesicht brachte es fertig, sich in einer Sekunde zu verwandeln. In diesem Augenblick war da vor mir ein so bittendes, so liebes, kindlich lächelndes und sogar schelmisches Gesicht; am Ende des Satzes zwinkerte sie mir spitzbübisch zu, so daß die beiden anderen es nicht bemerkten - wollte sie mich mit einem Male gefangennehmen? Es kam nicht übel heraus, nur eben sehr durchschaubar, schrecklich gut durchschaubar.
Der General sprang ihr bei - wirklich, er sprang auf mich zu.
„Alexej Iwanowitsch, verzeihen Sie, daß ich vorhin so mit Ihnen angefangen habe. Ich habe keineswegs sagen wollen . . . Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, auf russische Art verbeuge ich mich tief, tief vor Ihnen - einzig Sie, nur Sie können uns retten! Mademoiselle de Cominges und ich, wir flehen Sie an - Sie verstehen, Sie verstehen doch?" bettelte er und wies mich mit den Augen auf Mademoiselle Blanche. Er bot ein klägliches Bild.
In diesem Augenblick wurde dreimal sacht und achtungsvoll an die Tür geklopft. Man öffnete; geklopft hatte der Etagenkellner, und ein paar Schritt hinter ihm stand Potapytsch. Sie waren Boten von Babuschka. Der Auftrag hatte gelautet, mich zu finden und unverzüglich zu ihr zu bringen. „Mütterchen werden schon böse", ließ Potapytsch wissen.
„Es ist aber doch erst halb vier!"
„Sie haben nicht einschlafen können, sich nur im Bett gewälzt, sind dann plötzlich aufgestanden, haben den Rollstuhl verlangt und nach Ihnen geschickt. Sie warten schon vor dem Portal."
„Quelle mégère!" rief Des Grieux.
In der Tat, ich fand Babuschka schon vor dem Hotel, am Ende ihrer Geduld, weil ich nicht da war. Bis vier Uhr hielt sie's nicht aus.
„Auf denn!" rief sie, und wir begaben uns wieder zum Roulett.
Kapitel XII
Babuschka befand sich in einer Stimmung von Ungeduld und Gereiztheit; man sah, ihre Gedanken waren gefangen vom Roulett. Zu allem andern verhielt sie sich un-aufmerksam; sie war überhaupt sehr zerstreut. Am Vormittag hatte sie sich unterwegs nach allem möglichen erkundigt, jetzt tat sie es nicht mehr. Beim Anblick einer sehr teuren Kutsche, die an uns vorüberflog, hob sie die Hand und fragte: „Was ist das? Wem gehört die?" Aber auf meine Antwort achtete sie offenbar schon nicht mehr. Ihre Entrücktheit wurde ständig unterbrochen von jähen und ungeduldigen Bewegungen und Ausrufen. Als wir uns schon dem Kurhaus näherten und ich ihr den Baron und die Baronin Wurmerhelm aus der Ferne zeigte, sah sie zerstreut hin und sagte völlig gleichgültig: „Ah." Und sich schnell zu Potapytsch und Marfa umwendend, die hinter uns gingen, rief sie barsch: „Was hängt ihr euch an? Ich muß euch doch nicht jedesmal mitnehmen. Geht nach Hause! Mir genügt's, wenn du dabei bist." Damit meinte sie mich. Die beiden hatten sich unterdessen rasch verbeugt und waren umgekehrt.
Im Kurhaus wartete man schon auf Babuschka. Man machte sofort den alten Platz für sie frei, neben dem Croupier. Diese Croupiers sehen immer so gesetzt aus, sie tun so, als wären sie einfache Beamte, denen es nahezu völlig gleichgültig sei, ob die Bank gewinnt oder verliert; doch ich habe das Gefühl, daß sie sich keineswegs gleichgültig zu den Verlusten der Bank verhalten und daß sie natürlich mit Instruktionen versehen sind, die besagen, wie man Spieler anlockt und wie man am besten die Interessen der Staatskasse vertritt; gewiß erhalten sie dafür auch Preise und Prämien. Wenigstens betrachteten sie Babuschka schon als ein Opfer. Was man bei uns erwartet hatte, das sollte denn auch geschehen.
Das trug sich so zu:
Babuschka stürzte sich auf zéro und befahl sofort, jedesmal zwölf Friedrichsdor darauf zu setzen. Wir setzten einmal, zweimal, dreimal - zéro kam nicht heraus. Immer von neuem stieß mich Babuschka ungeduldig an. „Setz, setz!" Ich gehorchte.
„Wie oft haben wir umsonst gesetzt?" fragte sie schließlich, zähneknirschend vor Ungeduld.
„Es war eben das zwölfte Mal, Babuschka. Hundert-vierundvierzig Friedrichsdor haben wir verloren. Ich sage Ihnen, Babuschka, kann sein, bis zum Abend . . ."
„Schweig!" unterbrach mich Babuschka. „Setz auf zéro, und setz zugleich auf Rot tausend Gulden. Hier ist der Schein."
Rot kam heraus, zéro wieder nicht. Man zahlte uns tausend Gulden.
„Siehst du, siehst du!" flüsterte Babuschka. „Fast alles, was verspielt war, haben wir zurück. Setz wieder auf zéro; an die zehnmal setzen wir noch, dann geben wir's auf."
Doch beim fünftenmal verlor Babuschka die Lust.
„Soll das hundsgemeine zéro zum Teufel gehn. Also, setz die viertausend Gulden auf Rot!" befahl sie.
„Babuschka, das ist zuviel! Wenn nun Rot nicht kommt?" flehte ich; Babuschka aber hätte mich am liebsten geschlagen. (Übrigens stieß sie mich immer so heftig, daß man beinahe von Schlägen sprechen konnte.) Nichts zu machen, ich setzte auf Rot die viertausend Gulden, die wir gewonnen hatten. Die Scheibe drehte sich. Babuschka saß ruhig, stolz aufgerichtet, nicht im mindesten am Gewinn zweifelnd.
„Zéro", verkündete der Croupier.
Zuerst begriff Babuschka gar nicht, doch als sie sah, daß der Croupier ihre viertausend Gulden einstrich zusammen mit allem, was auf dem Tisch lag, und als ihr klar wurde, daß dieses zéro, das so lange nicht gekommen war und um dessentwillen wir fast zweihundert Friedrichsdor verspielt hatten, jetzt gewann, und zwar, wie zum Trotz, eben da Babuschka es beschimpft und aufgegeben hatte - dies also erkennend, stöhnte sie laut und klatschte in die Hände, daß es durch den Saal hallte. In der Nähe wurde sogar gelacht.
„Du liebe Zeit! Jetzt kommt's raus, das verdammte Ding!" jammerte Babuschka. „So ein verfluchtes Biest! Du bist schuld, nur deinetwegen!" fuhr sie grimmig auf mich los und stieß mich wieder in die Seite. „Du hast mich vom zéro abgebracht."
„Babuschka, ich habe vernünftig gesprochen; wie kann ich für alle Chancen einstehen?"
„Du und deine Chancen!" zischte sie wütend. „Scher dich fort!"
„Auf Wiedersehn, Babuschka", sagte ich und wandte mich zum Gehen.
„Alexej Iwanowitsch, Alexej Iwanowitsch, bleib! Wohin rennst du? Was soll das, hör auf. Wer wird gleich böse sein! Dummkopf! Bleib doch, bleib, sei nicht böse -ich bin der Dummkopf! Sag doch, sag, was tu ich jetzt?"
„Ich denk nicht dran, Babuschka, Ihnen etwas zu raten; Sie werden mich bloß wieder beschuldigen. Spielen Sie allein; geben Sie Anweisung, und ich setze."
„Na gut. Setz noch mal viertausend Gulden auf Rot! Hier ist die Brieftasche, nimm." Sie hatte aus dem Beutel die Brieftasche geholt und reichte sie mir. „Nimm schnell. Was da drin ist, macht bare zwanzigtausend Rubel aus."
„Babuschka", flüsterte ich, „so große Einsätze . . ."
„Ich will nicht am Leben bleiben, wenn ich's nicht wieder reinhole. Setz!" Wir setzten und verloren.
„Setz, setz, noch mal achttausend!"
„Unmöglich, Babuschka, nicht mehr als vier sind erlaubt."
„Dann setz vier!"
Diesmal gewannen wir. Babuschka faßte Mut.
„Siehst du, siehst du!" Sie stieß mich. „Setz wieder vier!"
Wir setzten - wir verloren. So ging's weiter, wir verloren und verloren.
„Babuschka, alle zwölftausend sind dahin", meldete ich.
„Das seh ich, daß sie dahin sind", sprach sie in einer Art Ruhe der Raserei, wenn man sich so ausdrücken darf. „Das seh ich, mein Lieber, das seh ich", murmelte sie. Sie blickte starr vor sich hin, schien angestrengt nachzudenken. „Und wenn's mich das Leben kostet -setz noch mal viertausend Gulden!"
„Bares Geld ist nicht mehr da, Babuschka. In der Brieftasche sind nur noch russische Fünfprozentpapiere und ein paar Geldanweisungen, aber nichts Bares."
„Und im Portemonnaie?"
„Nur noch Kleingeld, Babuschka."
„Gibt es hier Wechselstuben?" fragte Babuschka entschlossen. „Man hat mir gesagt, alle unsere Papiere könnte man hier einlösen."
„Oh, soviel Sie wollen! Aber was Sie beim Einlösen verlieren, das . . . würde sogar einen Juden erschrecken."
„Unsinn! Ich hol's wieder rein! Fort! Ruf die Tölpel her."
Ich zog den Rollstuhl vom Tisch zurück, die Dienstmänner erschienen, und wir verließen das Kurhaus.
„Schnell, schnell, schnell!" befahl Babuschka. „Zeig den Weg, Alexej Iwanowitsch, nimm den kürzesten. Ist es weit?"
„Ganz nahe, Babuschka."
Aber wo wir vom Schmuckplatz in die Allee abbiegen mußten, begegnete uns unsere ganze Gesellschaft: der General, Des Grieux und Mademoiselle Blanche mit Frau Mama. Polina Alexandrowna war nicht bei ihnen, auch Mister Astley nicht.
„Weiter, weiter! Haltet uns nicht auf!" schrie Babuschka. „Was wollt ihr denn? Hab keine Zeit für euch."
Ich ging hinter ihr; Des Grieux rückte mit einem Sprung an mich heran.
„Ihren ganzen Gewinn hat sie verspielt und zwölftausend Gulden von ihrem Geld dazu. Jetzt gehen wir fünfprozentige Anleihe einlösen", flüsterte ich ihm rasch zu.
Des Grieux stampfte auf und lief zum General, ihm das mitzuteilen. Wir schoben Babuschkas Rollstuhl weiter.
Der General war außer sich. „Halten Sie sie zurück, zurück!" zischte er mir ins Ohr.
„Versuchen Sie's mal, sie zurückzuhalten", flüsterte ich.
Der General näherte sich ihr. „Tantchen! Tantchen . . . wir wollen jetzt. . . wir werden jetzt. . ." Seine Stimme zitterte, wurde leise, mutlos. „Wir nehmen uns Pferde und Wagen, machen einen Ausflug . . . Eine hinreißende Aussicht. . . von dem Point. . . wir laden Sie ein."
„Bleib mir vom Hals mit deinem Point!" Babuschka schwenkte gereizt den Arm, um ihn zu verscheuchen.
„Dort ist ein Dorf. .. wir werden Tee trinken", fuhr der General fort, nun schon ganz verzweifelt.
„Nous boirons du lait, sur l'herbe fraîche", fügte Des Grieux voll Bosheit, ja Haß hinzu.
Du lait, de l'herbe fraîche - darin erschöpft sich für einen Pariser Bourgeois die ideale Idylle; bekanntlich macht dies seine Ansicht von „nature et la vérité" aus.
„Du mit deiner Milch! Schlabbre sie selber, ich krieg Bauchschmerzen davon. Was setzt ihr mir zu?!" schrie Babuschka. „Ich sag doch, ich hab keine Zeit!"
„Wir sind da, Babuschka", sagte ich.
Wir rollten sie zu dem Haus, in dem sich ein Bankbüro befand. Ich ging hinein zum Wechseln; Babuschka wartete draußen; Des Grieux, der General und Blanche standen abseits, ratlos. Babuschka blickte zornig auf sie; da gingen sie auf dem Weg zum Kurhaus davon.
Man machte mir für die Wertpapiere ein Angebot, das so fürchterlich war, daß ich mich nicht entschließen konnte, sondern zu Babuschka hinausging und sie um Anweisung bat.
„Diese Räuber!" schrie sie und schlug die Hände zusammen. „Na, hilft nichts. Verkauf sie!" sagte sie dann entschlossen. „Nein, warte, hol den Bankier her!"
„Vielleicht einen der Angestellten, Babuschka?" „Einen Angestellten, ganz egal. Ach, diese Räuber!" Der Angestellte war bereit hinauszugehen, als er gehört hatte, daß man ihn zu einer alten, kranken Gräfin bat, die nicht gehen kann. Babuschka warf ihm lange zornig und laut Gaunerei vor und versuchte in einem Gemisch von Russisch, Französisch und Deutsch, mit ihm zu feilschen, wobei ich durch Übersetzung zu hel-fen trachtete. Der seriöse Angestellte musterte uns beide und schüttelte stumm den Kopf. Auf Babuschka blickte er sogar mit allzu beharrlicher, schon unhöflicher Neu-gier; endlich setzte er ein Lächeln auf.
„Na, scher dich fort!" rief Babuschka. „Erstick an meinem Geld! Lös die Scheine bei ihm ein, Alexej Iwanowitsch, wir haben keine Zeit, sonst gingen wir zu einem andern."
„Der Angestellte sagt, andere zahlen noch weniger." Ich erinnere mich nicht genau an die Berechnung, doch sie war furchtbar. Ich erhielt ungefähr zwölftau-send Gulden in Goldmünzen und Scheinen, nahm den Beleg und brachte das alles zu Babuschka.
„Gut, gut, gut! Zähl mir's nicht vor!" Sie winkte ab. „Schnell, schnell, schnell!"
Später, als wir das Kurhaus erreicht hatten, sagte sie vor sich hin: „Nie mehr setz ich auf das verdammte zéro und auf Rot auch nicht."
Diesmal bemühte ich mich mit allen Kräften, sie dahin zu bringen, daß sie möglichst kleine Einsätze mache; ich gab ihr zu bedenken, daß es, wenn sich die Chancen wendeten, immer noch Zeit für einen großen Einsatz sei. Aber sie war so ungeduldig, daß sie zwar anfangs mir zuzustimmen bereit war, sich aber während des Spiels einfach nicht mehr zurückhalten ließ. Kaum hatte sie einmal mit Einsätzen von zehn, zwölf Friedrichsdor gewonnen, so stieß sie mich in die Seite. „Da, siehst du! Gewonnen! Hätten wir viertausend statt der zehn gesetzt, so hätten wir jetzt viertausend gewonnen. Und so? Bloß deinetwegen, deinetwegen!"
Und wie verdrossen es mich auch machte, ihr Spiel zu beobachten, so entschloß ich mich doch, stumm zu bleiben und ihr nicht weiter zu raten.
Auf einmal sprang Des Grieux herbei. Sie hatten sich alle drei in der Nähe gehalten; mir fiel auf, daß Mademoiselle Blanche mit ihrer Mama abseits stand und mit dem kleinen Fürsten kokettierte. Der General war sichtlich in Ungnade gefallen, beinahe vertrieben. Blanche mochte nicht einmal auf ihn blicken, obgleich er sich mit allen Kräften bei ihr einzuschmeicheln trachtete. Der arme General! Er wurde bleich und wurde rot und zitterte und verfolgte nicht einmal mehr Babuschkas Spiel. Blanche und der kleine Fürst gingen schließlich hinaus; der General lief ihnen nach.
„Madame, madame", flüsterte Des Grieux mit Honigstimme und versuchte, so nahe wie möglich an Babuschkas Ohr zu kommen. „Madame, geht nicht, so ein Einsatz . . . nein, nein, nicht möglich", stammelte er auf russisch. „Nein."
„Wie denn? Bring mir's mal bei", sagte Babuschka zu ihm.
Des Grieux plapperte schnell auf französisch weiter, er gab Ratschläge, ereiferte sich, redete, daß man auf die Chance warten müsse, begann mit irgendwelchen Ziffern zu rechnen. . . Babuschka begriff nichts. Alle Augenblicke wandte er sich an mich, verlangte, daß ich übersetzte; er stieß mit dem Finger auf den Tisch, zeigte auf dies und das; schließlich griff er nach einem Bleistift und wollte etwas auf einen Zettel schreiben.
Babuschka verlor die Geduld. „Scher dich fort, geh! Redst bloß Unsinn! .Madame, madame', aber von der Sache verstehst du selber nichts. Fort!"
„Mais, madame", plapperte Des Grieux weiter und fuhr abermals mit dem Finger auf dem Tisch herum. Er war einfach nicht zu halten.
„Also dann setz mal so, wie er sagt", hieß mich Babuschka. „Mal sehn, vielleicht kommt wirklich etwas raus."
Des Grieux wollte sie bloß an großen Einsätzen hindern. Er schlug vor, auf Zahlen zu setzen, auf einzelne und auf Zahlengruppen. Ich setzte auf sein Geheiß je einen Friedrichsdor auf die Reihe der ungeraden Zahlen im ersten Dutzend und je fünf Friedrichsdor auf die Zahlengruppe von zwölf bis achtzehn und von achtzehn bis vierundzwanzig; im ganzen setzten wir sechzehn Friedrichsdor.
Die Scheibe drehte sich. „Zéro", rief der Croupier. Wir hatten alles verspielt.
„So ein Tölpel!" rief Babuschka, zu Des Grieux sich wendend. „Ein erbärmlicher Franzosenkerl bist du! Gibt noch Ratschläge, die Mißgeburt! Fort, fort! Versteht nichts und will hier bestimmen!"
Der schrecklich gekränkte Des Grieux zuckte mit den Schultern, blickte verächtlich auf Babuschka und ging fort. Es war ihm wohl selber peinlich, daß er sich aufgedrängt hatte; er hatte sich eben nicht länger beherrschen können.
Wie sehr wir auch kämpften - nach einer Stunde hatten wir alles verloren.
„Nach Hause!" rief Babuschka.
Bis zum Beginn der Allee sprach sie kein Wort. In der Allee, schon nahe dem Hotel, entrangen sich ihr die Ausrufe: „So ein dummes Weib! So eine Närrin! Alte, alte Närrin!"
Kaum hatten wir ihr Appartement erreicht, rief sie laut: „Tee! Und sofort packen! Wir fahren!"
„Wohin, Mütterchen, wohin geruhen Sie zu fahren?" fragte Marfa erstaunt.
„Was geht's dich an? Zuviel wissen tut nicht gut! Potapytsch, hol alles zusammen, das ganze Gepäck. Wir fahren zurück, nach Moskau! Ich hab fünfzehntausend Rubel verspielt - futsch, perdu!"
„Fünfzehntausend, Mütterchen! Du mein Gott!" fing Potapytsch an zu jammern, er verdrehte die Augen und schlug die Hände zusammen, wohl in der Meinung, seiner Herrin einen Gefallen zu tun.
„Hör auf, Esel! Heul nicht noch! Schweig! Packen! Die Rechnung, schnell, schnell!"
„Der nächste Zug fährt halb zehn, Babuschka", erklärte ich, um ihr Toben zu beschwichtigen.
„Und wie spät ist es jetzt?"
„Halb acht."
„Ärgerlich! Na, ganz gleich! Alexej Iwanowitsch, Geld hab ich keine Kopeke mehr. Hier hast du zwei Schuldscheine, lauf dorthin, lös auch die ein. Sonst hab ich kein Fahrgeld."
Ich eilte davon. Als ich eine halbe Stunde später wieder im Hotel war, fand ich bei Babuschka alle die Unsern. Von der Nachricht, daß Babuschka ganz nach Moskau zurückzureisen gedachte, waren sie offenbar noch mehr betroffen als von ihrem Spielverlust. Man konnte sich zwar sagen, mit der Abreise werde Babuschkas Ver-mögen am ehesten geschont; was aber sollte nun aus dem General werden? Wer würde das bezahlen, was er Des Grieux schuldete? Mademoiselle Blanche würde zweifellos nicht mehr warten, bis Babuschka stürbe, sondern jetzt wahrscheinlich mit dem kleinen Fürsten oder einem anderen verschwinden. Sie standen vor ihr, suchten sie zu trösten und redeten auf sie ein. Polina fehlte wieder. Babuschka schrie die Gesellschaft wütend an.
„Laßt mich in Ruhe, ihr Teufel! Was geht's euch an? Der Ziegenbart, was drängt er sich auf?" rief sie, auf Des Grieux weisend. „Und du, Vogel mit dem spitzen Schnabel, was brauchst du?" Das galt Mademoiselle Blanche. „Was flatterst du um mich rum?"
„Diantre!" flüsterte Mademoiselle Blanche, blitzte wütend mit den Augen, lachte aber plötzlich auf und ging hinaus.
„Elle vivra cent ans!" rief sie noch von draußen dem General zu.
„Also rechnest du mit meinem Tod?" fuhr Babuschka den General an. „Raus! Wirf sie alle hinaus, Alexej Iwanowitsch! Was geht's euch an? Ich hab meins verpulvert, nicht euers."
Achselzuckend, den Kopf einziehend, verließ der General das Zimmer. Des Grieux folgte ihm.
„Praskowja holen!" befahl Babuschka.
Marfa eilte davon und kehrte fünf Minuten später mit Polina zurück. Die ganze Zeit hatte Polina mit den Kindern in ihrem Zimmer gesessen, wahrscheinlich entschlossen, es an diesem Tag nicht mehr zu verlassen. Sie kam mit ernster, trauriger, besorgter Miene.
„Praskowja", begann Babuschka, „ist es wahr, was ich vorhin so nebenbei erfahren habe: daß dieser Dummkopf, dein Stiefvater, das dumme, flatterhafte Weib, die Französin, heiraten will? Sie ist wohl Schauspielerin oder noch was Schlimmeres? Sag, ist es wahr?"
„Genaues weiß ich darüber nicht, Babuschka", antwortete Polina, „aber aus dem, was ich von Mademoiselle Blanche gehört habe und was sie gar nicht verheimlichen zu müssen glaubt, schließe ich . . ."
„Genug!" fuhr Babuschka energisch dazwischen. „Ich verstehe alles. Ich habe immer geahnt, daß es so mit ihm kommt, habe ihn immer für den hohlsten, leichtsinnigsten Menschen gehalten. Er bläst sich auf, tut wichtig als General - eigentlich war er Oberst, den Generalsrang hat er beim Abschied gekriegt. Ich weiß alles, meine Beste, ich weiß, daß ihr Telegramm auf Telegramm nach Moskau geschickt habt: ,Hat die Alte noch nicht ins Gras gebissen?' Die Erbschaft wurde gebraucht. Ohne Geld würde ihn das Hurenstück - wie heißt sie: de Cominges oder wie? — nicht mal als Lakaien zu sich nehmen, ihn mit seinen falschen Zähnen. Sie selber hat, heißt es, einen Haufen Geld und verleiht es auf Zinsen, macht ordentlichen Profit. Dir, Praskowja, geb ich keine Schuld; nicht du hast die Telegramme geschickt, und an alte Sachen will ich nicht erinnern. Ich weiß, du hast einen ganz schlimmen Charakter, du bist eine Wespe, du stichst, und es schwillt an; aber du tust mir leid, denn die verstorbene Katerina, deine Mutter, hab ich liebgehabt. Also willst du? Laß hier alles stehn und liegen, und fahr mit mir. Wo kannst du sonst bleiben? Weiter bei de nen zu sein, das schickt sich doch nicht. Warte!" rief Babuschka, da Polina sich etwas zu erwidern anschickte. „Ich bin noch nicht fertig. Von dir verlange ich nichts. Mein Haus in Moskau, du weißt es selbst, ist wie ein Schloß, eine ganze Etage kannst du beziehen, und wochenlang brauchst du nicht zu mir zu kommen, wenn du etwas gegen meinen Charakter hast. Also, ja oder nein?" „Erlauben Sie mir vorher, Sie zu fragen: Wollen Sie wirklich jetzt sofort abreisen?"
„Mach ich etwa Witze, meine Beste? Ich hab's gesagt, also reise ich. Ich hab heute fünfzehntausend Rubel bei euerm dreimal verfluchten Roulett verspielt. In der Nähe von Moskau hab ich vor fünf Jahren gelobt, Geld dafür zu geben, daß eine Holzkirche zu einer steinernen umgebaut wird, und hier hab ich das Geld zum Fenster hinausgeworfen. Jetzt, meine Liebe, fahr ich hin und laß die Kirche bauen."
„Und das Heilwasser, Babuschka? Sie wollten doch Heilwasser trinken?"
„Hör mir auf mit dem Wasser! Reiz mich nicht, Praskowja. Tust du das mit Absicht? Sag, fährst du mit, ja oder nein?"
„Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar, Babuschka", begann Polina mit bewegter Stimme, „für die Zuflucht, die Sie mir bieten. Meine Lage haben Sie zum Teil erraten. Ich bin Ihnen so sehr verbunden, daß ich vielleicht -glauben Sie's mir - bald auch wirklich komme; jetzt aber gibt es Gründe . . . wichtige . . ., und in diesem Augenblick kann ich mich einfach nicht entschließen. Wenn Sie noch wenigstens zwei Wochen blieben . . ." „Das heißt, du willst nicht?"
„Das heißt, ich kann nicht. Zudem kann ich auch keinesfalls meinen Bruder und meine Schwester im Stich lassen, und da doch ... da doch ... da es doch wirklich geschehen kann, daß sie, wie verlassen, zurückbleiben, so ... Wenn Sie mich mit den Kleinen aufnehmen, Babuschka, so komme ich natürlich zu Ihnen, und Sie können es glauben, ich werde es Ihnen lohnen!" fügte sie herzlich hinzu. „Doch ohne die Kinder kann ich nicht, Babuschka."
„Na, heul nicht!" (Polina dachte nicht daran, zu heulen, sie weinte niemals.) „Auch für die Küken findet sich Platz - der Hühnerstall ist groß. Außerdem wird's Zeit, daß sie in die Schule gehen. Also du fährst jetzt nicht mit? Ich sag dir, Praskowja, sei vorsichtig! Ich möcht dir Gutes wünschen, ich weiß ja, warum du nicht mitfährst. Alles weiß ich, Praskowja! Dieser Kerl, der Franzose, bringt dich zu nichts Gutem."
Polina flammte auf. Und mich durchfuhr es. (Alle wissen etwas! Nun zeigt sich, ich allein weiß nichts!)
„Na, mach kein finsteres Gesicht. Ich tret's ja nicht breit. Nur sieh zu, daß nichts Schlimmes geschieht, verstehst du? Du bist ein gescheites Mädchen; du wirst mir leid tun. Genug jetzt. Hätt ich euch alle gar nicht wiedergesehn! Geh! Leb wohl!"
„Ich begleite Sie noch zum Bahnhof", sagte Polina.
„Nicht nötig. Steht mir nicht im Weg. Ich hab ohnehin genug von euch allen."
Polina küßte Babuschka die Hand, doch die alte Frau zog die Hand zurück und küßte Polina auf die Wange.
Während Polina an mir vorbeiging, warf sie mir einen raschen Blick zu und senkte schnell die Augen.
„Leb auch du wohl, Alexej Iwanowitsch! Es bleibt nur noch eine Stunde bis zum Zug. Du wirst auch müde von mir sein, denk ich. Da, nimm die fünfzig Goldnen."
„Ergebensten Dank, Babuschka, aber es wäre mir peinlich . . ."
„Ach was!" schrie Babuschka, und zwar so energisch und drohend, daß ich mich nicht zu widersetzen wagte und das Geld annahm.
„Wenn du in Moskau bist und keine Stellung hast, komm zu mir - ich werd dich irgendwohin empfehlen. Jetzt fort mit dir!"
Ich ging in mein Zimmer und legte mich aufs Bett. Ich lag ungefähr eine halbe Stunde auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf. Die Katastrophe bahnte sich an, ich hatte über manches nachzudenken. Ich nahm mir vor, am nächsten Tag eindringlich mit Polina zu sprechen. Nein! Der widerliche Franzose? Es stimmte also! Aber was konnte wirklich daran sein? Polina und Des Grieux! Du lieber Himmel, wie paßt das zusammen!
Das alles war einfach unwahrscheinlich. Ganz außer mir sprang ich auf, um sofort Mister Astley zu finden und ihn um jeden Preis zum Sprechen zu bringen. Er wußte natürlich viel mehr als ich. Mister Astley? Auch so ein Rätsel für mich!
Plötzlich wurde an meine Tür geklopft. Ich sah nach; es war Potapytsch.
„Väterchen Alexej Iwanowitsch, die gnädige Frau möchten Sie sprechen."
„Wieso? Sie reist ab? Sie hat noch zwanzig Minuten, bis der Zug fährt."
„So voll Unruhe sind sie, Väterchen, können kaum sitzen. 'Schnell her mit ihm!' sagen sie - mit Ihnen also, Väterchen. Um Christi willen, kommen Sie gleich."
Ich lief sofort die Treppe hinunter. Man rollte Babuschka schon auf den Korridor. In den Händen hielt sie die Brieftasche. '
„Alexej Iwanowitsch, geh voran, dorthin!"
„Wohin, Babuschka?"
„Und wenn's mich das Leben kostet, ich spiel weiter, ich mach's wett. Marsch, ohne weitere Fragen! Gespielt wird doch bis Mitternacht?"
Ich erstarrte, überlegte ein wenig und entschloß mich schnell.
„Wie Sie wollen, Antonida Wassiljewna. Ich geh nicht mit."
„Warum nicht? Was soll das wieder? Habt ihr alle Tollkraut gegessen?"
„Wie Sie wollen; aber ich würde mir selber Vorwürfe machen, ich will nicht! Ich will weder Zeuge noch Beteiligter sein, lassen Sie mich aus, Antonida Wassiljewna. Hier haben Sie Ihre fünfzig Friedrichsdor zurück; leben Sie wohl!" Ich legte die Rolle mit den Münzen auf den kleinen Tisch, an dem Babuschkas Rollstuhl gerade vor-beigeschoben wurde, verbeugte mich und ging.
„So ein Unsinn!" rief mir Babuschka nach. „Dann laß es bleiben, ich find den Weg wohl auch allein! Potapytsch, geh mit mir! Los, weiter."
Mister Astley fand ich nicht, und so kehrte ich ins Hotel zurück. Spät, in der ersten Stunde nach Mitternacht, erfuhr ich von Potapytsch, wie für Babuschka der Tag zu Ende gegangen war. Sie hatte alles verspielt, was ich kurz zuvor eingewechselt hatte, das heißt nach unserem Geld noch zehntausend Rubel. An sie hatte sich der-selbe Pole geheftet, dem sie an diesem Tag zwei Friedrichsdor gegeben hatte, und der Mann hatte die ganze Zeit ihr Spiel gelenkt. Vorher noch, ehe der Pole auftauchte, hatte sie Potapytsch zwingen wollen, für sie zu setzen, aber sie hatte ihn bald weggeschickt, und da eben war der Pole eingesprungen. Zu ihrem Unglück verstand er Russisch, er äußerte sich schlecht und recht in einem Gemisch aus drei Sprachen, so daß sie sich letztlich verständigten. Babuschka bedachte ihn die ganze Zeit erbarmungslos mit Schimpfworten; obgleich er unaufhörlich versicherte, „der gnädigen Frau zu Füßen zu liegen", behandelte sie ihn schlecht, „überhaupt kein Vergleich mit Ihnen, Alexej Iwanowitsch", berichtete Potapytsch. „Mit Ihnen geht sie um richtig wie mit einem Herrn. Na, der dort - ich habe es mit eigenen Augen gesehn, straf mich Gott, wenn es nicht stimmt -, der hat ihr das Geld vom Tisch gestohlen. Zweimal hat sie ihn dabei ertappt. Wie sie ihn da heruntergeputzt hat, mit was für Worten, lieber Herr, sogar an den Haaren hat sie ihn gezogen, wahrhaftig, ich lüge nicht, die Leute ringsum haben schon gelacht. Alles, lieber Herr, hat sie verspielt, alles, was sie hatte, alles, was Sie für sie eingetauscht haben. Wir haben sie hierhergebracht, das Mütterchen, nur ein bißchen Wasser hat sie trinken wollen, hat sich bekreuzigt und ist zu Bett gegangen. Sie war ganz erschöpft, ist gleich eingeschlafen. Schenk Gott ihr Engelsträume! Ach, dieses Ausland!" schloß Pota pytsch. „Ich hab's gesagt, es bringt nichts Gutes. Kehrten wir doch schnell in unser Moskau zurück! Was haben wir alles Schönes zu Hause, in Moskau! Den Garten, die Blumen, solche, wie's hier gar keine gibt; wie das duftet, und was für Äpfel da wachsen, und wie weit sich alles streckt - nein, wir mußten ins Ausland! Oh, oh, oh!"
Kapitel XIII
Nun ist fast ein ganzer Monat vergangen, seit ich diese Aufzeichnungen, die unter dem Eindruck wirrer, doch starker Erlebnisse begonnen wurden, nicht mehr ange-rührt habe. Die Katastrophe, deren Nahen ich damals fühlte, trat wirklich ein, doch hundertmal härter und überraschender, als ich gemeint hatte. Es war im ganzen eine sonderbare, widerwärtige und sogar tragische Sache, wenigstens für mich. Mit mir geschahen manche Dinge, die an Wunder grenzten, zumindest betrachte ich sie bis heute so, wenngleich sie, sah man sie von einem anderen Blickpunkt und bedachte man zumal, in welchen Strudel ich gerissen war, nur eben als nicht ganz gewöhnlich zu gelten hatten. Das Wunderlichste für mich an allem war mein eigenes Verhältnis zu den Begebenheiten. Bis heute kann ich mich selber nicht verstehen! Und all das flog vorbei wie ein Traum, sogar meine Leidenschaft, und die war doch stark und wahrhaftig, doch . . . wohin ist sie jetzt geraten? Freilich, manchmal blitzt heute in mir der Gedanke auf, ob ich nicht damals den Verstand verloren und die ganze Zeit seither irgendwo im Irrenhaus verbracht habe, ob ich womöglich jetzt noch da sitze - so daß mir alles nur so schien und bis heute nur so scheint. . .
Ich habe meine Blätter zusammengenommen und wieder gelesen. (Wer weiß, vielleicht um mich zu überzeugen, daß ich sie nicht im Irrenhaus geschrieben habe?) Jetzt bin ich mutterseelenallein. Der Herbst steht vor der Tür, das Laub vergilbt. Ich sitze in diesem öden Städtchen (oh, wie öde sind die deutschen Städtchen!), und statt den bevorstehenden Schritt zu bedenken, lebe ich im Banne der Empfindungen, die eben noch über mich gekommen sind, im Banne der frischen Erinnerungen, im Banne der wilden Strömung, die mich damals in diesen Strudel gerissen und wieder irgendwo ans Ufer geworfen hat. Manchmal scheint mir, als drehte ich mich noch immer in dem Wirbel und als werde sich sogleich ein neuer Sturm erheben, mich im Vorbeijagen mit seinen Flügeln ergreifen, so daß ich abermals aus aller Ordnung geriete, das Gefühl des Maßes verlöre und mich im Kreis zu drehen begänne, zu drehen, zu drehen . . .
Vielleicht fasse ich auch wieder Fuß und höre auf, mich zu drehen, sofern ich mir selber möglichst genau Rechenschaft ablege über alles, was in diesem Monat geschehen ist. Es zieht mich wieder zu Papier und Feder; manchmal habe ich ja auch abends gar nichts weiter zu tun. Seltsam, um mich wenigstens irgendwie zu beschäftigen, hole ich mir aus der hiesigen kläglichen Bibliothek Romane von Paul de Kock (in deutscher Übersetzung!), obwohl ich die eigentlich nicht ausstehen kann. Doch ich lese sie - und wundere mich über mich selber: Es ist, als fürchtete ich, den Zauber der letzten Wochen zu zerstören, wenn ich mich mit einem ernsthaften Buch oder einer ernsthaften Tätigkeit beschäftigte. Dieser schlimme Traum und alle Eindrücke, die er hinterlassen hat, müssen mir doch so lieb und teuer sein, daß ich davor bange, sie mit etwas Neuem zu berühren, worauf sie womöglich wie Rauch verfliegen könnten! Ist mir's wirklich so lieb und teuer? Ja, natürlich, vielleicht noch in vierzig Jahren werde ich mich daran erinnern . . .
So mache ich mich denn wieder ans Schreiben. Übrigens kann ich nun teilweise auch kürzer berichten - die Eindrücke sind ganz anders . ..
Zuerst, was noch von Babuschka zu berichten ist. Am nächsten Tag verspielte sie endgültig alles. So hat es auch kommen müssen: wenn ein Mensch von solchem Schlag einmal auf diesen Weg gerät, so ist's, als säße er auf einem Schlitten und glitte einen schneebedeckten Berg hinab - schneller, immer schneller. Sie spielte den ganzen Tag, bis abends acht Uhr; ich war nicht dabei, ich weiß davon nur aus Berichten.
Potapytsch tat im Kurhaus den ganzen Tag bei ihr Dienst. Die Polen, die Babuschkas Spiel leiteten, wechselten einander im Laufe des Tages ein paarmal ab. Sie begann damit, daß sie den Polen vom Vortag, den sie an den Haaren gerissen hatte, fortjagte und einen anderen nahm; der aber erwies sich beinahe als noch schlimmer. Sie jagte ihn fort und nahm wieder den ersten; der war nicht weggegangen, sondern hatte in der ganzen Zeit der Vertreibung den Platz hinter ihrem Rollstuhl mit Hilfe der Ellenbogen behauptet und alle Augenblicke den Kopf zu ihr vorgestreckt; nach diesem abermaligen Wechsel geriet sie ganz und gar in Verzweiflung. Der verjagte zweite Pole wollte sich auch um keinen Preis entfernen; der eine postierte sich rechts, der andere links von ihr. Die ganze Zeit stritten sie und beschimpften einander wegen der Einsätze und der Taktik; einer hieß den andern „lajdak", und sie bedachten einander auch mit weiteren polnischen Liebenswürdigkeiten; danach vertrugen sie sich wieder, warfen das Geld wild hierhin und dorthin und schufen ein sinnloses Durcheinander. Hatten sie sich gerade entzweit, so setzte jeder für sich, der eine beispielsweise auf Rot, der andere sofort auf Schwarz. Mit alledem machten sie Babuschka ganz wirr und unfähig, einen Gedanken zu fassen, so daß sie sich schließlich, beinahe mit Tränen in den Augen, an den Croupier, einen älteren Mann, wandte und ihn bat, sie zu beschützen, sie von den beiden zu befreien. Sie wurden sofort hinausgewiesen, ungeachtet ihrer Proteste, ihres Geschreis; sie schrien beide zugleich und suchten darzulegen, daß Babuschka ihnen Geld schulde, daß sie ihre Helfer betrogen habe und ehrlos und gemein mit ihnen umgegangen sei. Der unglückliche Potapytsch er zählte mir das alles weinend noch am Abend nach dem großen Verlust, und er beklagte sich darüber, daß die beiden ihre Taschen voll Geld gestopft hätten, wie er mit eigenen Augen gesehen habe; sie hätten, sagte er, schamlos gestohlen, sich alle Augenblicke etwas in die Tasche gesteckt. Zum Beispiel hätte der eine für seine Mühe Babuschka um fünf Friedrichsdor gebeten und sie sogleich im Roulett gesetzt, neben Babuschkas Einsatz. Babuschka habe gewonnen, er aber habe geschrien, sein Einsatz habe gewonnen und der, der nicht gewonnen hatte, sei Babuschkas Einsatz gewesen. Während sie weggeführt wurden, trat Potapytsch vor und meldete, daß ihre Taschen voll Goldmünzen seien. Babuschka bat sogleich den Croupier, seine Verfügungen zu treffen, und mochten nun die beiden Polen noch so schreien (wie zwei Hähne, die man mit den Händen gegriffen hat), es half nichts, die Polizei erschien, und die Taschen der beiden Betrüger wurden schnell zu Babuschkas Gunsten geleert. An diesem ganzen Tag genoß Babuschka, solange noch nicht alles verspielt war, bei den Croupiers und bei der Leitung des Kurhauses sichtlich hohes Ansehen. Ihre Berühmtheit verbreitete sich allmählich in der Stadt. Alle Badegäste, Menschen aus vielen Nationen, einfache und sehr vornehme, fanden sich ein, um einen Blick auf „une vieille comtesse russe, tombée en enfance" zu werfen, die schon „mehrere Millionen" verspielt hatte.
Babuschka jedoch hatte sehr, sehr geringen Vorteil davon, daß man sie von den beiden üblen Polen befreite. Statt ihrer stellte sich sehr bald, ihr zu dienen, ein dritter Pole ein, einer, der nun fließend Russisch sprach, als Gentleman gekleidet war und dennoch etwas Lakaienhaftes hatte; er trug einen gewaltigen Schnurrbart und strich seinen „honor", sein Ehrgefühl, heraus. Auch er gab an, „der gnädigen Frau die Fußspuren zu küssen", „sich zu ihren Füßen auszustrecken"; gegenüber den Leuten jedoch, die herumstanden, benahm er sich anmaßend, er traf despotisch Verfügungen, kurz, er trat sofort nicht als Babuschkas Diener, sondern als Herr über sie auf. Immerfort, bei jedem Spiel, wandte er sich zu ihr und tat die schrecklichsten Schwüre, denen zufolge er ein „honorowy" Pan sei und nicht eine einzige Kopeke von Babuschkas Geld nehmen werde. Er wiederholte diese Schwüre so lange, bis Babuschka ganz kleinmütig wurde. Da nun dieser Pan anfangs wirklich gewissermaßen Ordnung in ihr Spiel brachte und auch schon zu gewinnen begann, mochte sich Babuschka auch nicht von ihm losmachen. Eine Stunde später waren die beiden üblen Polen, die man aus dem Kurhaus gewiesen hatte, wieder da, hinter Babuschkas Rollstuhl, und sie boten abermals ihre Dienste an, auch wenn es sich nur um Be-sorgungen handeln sollte. Potapytsch schwor, daß der „honorige" Pan ihnen zuzwinkerte und sogar dann und wann etwas in die Hände spielte. Da Babuschka nicht Mittag gegessen hatte und fast nicht von ihrem Rollstuhl aufgestanden war, kam ihr das Angebot zupaß, sie schickte einen der Polen in den Speisesaal des Kurhauses, der sich gleich nebenan befand, und ließ sich eine Tasse Bouillon und später auch Tee bringen. Sie liefen übrigens beide hin. Zum Ende des Tages jedoch, als alle schon deutlich sahen, daß sie noch ihre letzte Banknote verspielen werde, standen hinter ihrem Rollstuhl bis zu sechs Polen, von denen man vorher nichts gesehen und nichts gehört hatte. Während nun Babuschka schon die letzten Münzen zu verspielen im Begriffe war, folgten sie alle überhaupt nicht mehr ihren Geboten, ja sie hörten überhaupt nicht mehr hin, sie beugten sich einfach an ihr vorbei über den Tisch, griffen selber nach dem Geld, verfügten darüber, setzten, stritten sich, schrien, gingen mit dem „honorigen" Pan wie mit ihresgleichen um, und der „honorige" Pan schien Babuschkas Existenz beinahe vergessen zu haben. Auch dann noch, als Ba-buschka nun wirklich alles verspielt hatte und sich um acht Uhr abends auf den Weg ins Hotel machte, auch dann noch ließen drei oder vier Polen nicht von ihr ab; sie rannten um den Rollstuhl herum, hielten sich links und rechts von ihr, schrien aus Leibeskräften und erklärten in einem Schwall von Worten, Babuschka habe sie hinters Licht geführt, sie müsse ihnen etwas abgeben. So gelangten sie zum Hotel, wo man sie endlich mit kräftigen Stößen fortjagte.
Nach Potapytschs Berechnungen hatte Babuschka an diesem Tag alles in allem fast neunzigtausend Rubel verspielt; hinzu kamen die Verluste vom Tag vorher. Alle Wertpapiere, die sie bei sich hatte, wurden eingelöst, eins nach dem andern: die fünfprozentigen von der Staatsanleihe, dazu sämtliche Aktien. Ich äußerte mich verwundert darüber, daß sie alle diese sieben oder acht Stunden im Rollstuhl ausgehalten hatte und fast nie vom Tisch weggegangen war; doch Potapytsch erzählte, daß sie zwei-, dreimal tatsächlich gut zu gewinnen begonnen hatte; von neuer Hoffnung hingerissen, hatte sie einfach nicht weggehen können. Spieler wissen ohnehin, wie man beinahe Tag und Nacht überm Kartenspiel sitzen kann, ohne nach links und rechts zu blicken.
Unterdessen begaben sich an diesem Tag bei uns im Hotel auch höchst entscheidende Dinge. Gleich am Morgen, vor elf Uhr, während Babuschka noch zu Hause war, erwogen die Unseren, das heißt der General und Des Grieux, einen letzten, entscheidenden Schritt zu tun. Da sie erfahren hatten, daß Babuschka an Abreise gar nicht dachte, sondern, im Gegenteil, abermals das Kurhaus aufzusuchen sich anschickte, rückten sie in breiter Front (ohne Polina) in ihr Appartement, um endgültig und sogar offen mit ihr zu sprechen. Der General, der angesichts der für ihn schrecklichen Folgen zitterte und dem das Herz fast stehenblieb, übertrieb sogar: Nachdem er eine halbe Stunde lang gebettelt und gefleht, sogar alles, was ihn bedrängte, offen gestanden hatte, das heißt alle Schulden und auch seine Leidenschaft für Mademoiselle Blanche (zu diesem Punkt redete er ganz konfus), fiel er in einen drohenden Ton und fing sogar an, mit den Füßen aufzustampfen und Babuschka anzuschreien; er schrie, sie bringe Schande über ihren Namen, sei zum Skandal der ganzen Stadt geworden, und schließlich . . . schließlich brach es aus ihm hervor: „Dem russischen Vaterland bereiten Sie Schmach und Schande, gnädige Frau! Immerhin gibt es für solche Fälle die Polizei." Babuschka vertrieb ihn endlich mit dem Stock (wirklich mit dem Stock). Der General und Des Grieux berieten sich noch ein-, zweimal an diesem Vormittag, und dies eben beschäftigte sie: ob es nicht in der Tat möglich sei, sich irgendwie der Polizei zu bedienen. Man könne ja sagen, da habe eine unglückliche, doch ehrenwerte alte Dame den Verstand verloren, sie sei dabei, das letzte Geld zu verspielen, und so weiter. Kurz, wäre es nicht möglich, eine Art Kuratel oder Hausverbot zu erwirken? Des Grieux jedoch zuckte nur mit den Schultern und lachte dem unaufhörlich redenden und im Zimmer auf und ab hastenden General einfach ins Gesicht. Schließlich winkte Des Grieux ab und verschwand. Am Abend erfuhr man, daß er aus dem Hotel ausgezogen sei, nachdem er ein höchst wichtiges und geheimnisvolles Gespräch mit Mademoiselle Blanche geführt habe. Was Ma-demoiselle Blanche betrifft, so hatte sie schon am Vormittag entscheidende Maßnahmen ergriffen: Sie hatte den General völlig von sich gestoßen, mochte ihn nicht einmal mehr sehen. Als er ihr ins Kurhaus nachgeeilt war und sie dort Arm in Arm mit dem kleinen Fürsten angetroffen hatte, tat sie, als kennte sie den General gar nicht, und Madame veuve Cominges hielt es genauso. Der kleine Fürst nickte ihm nicht einmal zu. An diesem ganzen Tag stellte Mademoiselle Blanche den kleinen Fürsten auf die Probe, und mit Mühe brachte sie es endlich dahin, daß er sich erklärte. Aber o weh! Sie sah sich in den Berechnungen, die dem Fürsten galten, grausam getäuscht! Als diese kleine Katastrophe geschah, war es schon Abend. Es stellte sich heraus, daß der Fürst arm war wie eine Kirchenmaus und gar darauf gebaut hatte, daß sie ihm auf Wechsel Geld leihe, worauf er Roulett zu spielen gedachte. Blanche jagte ihn entrüstet davon und schloß sich in ihrem Zimmer ein.
Am Morgen dieses selben Tages hatte ich mich zu Mister Astley aufgemacht, das heißt, ich suchte ihn den ganzen Vormittag, konnte ihn aber nirgends finden. Er war weder in seinem Hotel noch im Kurhaus, noch im Park. Im Hotel aß er diesmal auch nicht zu Mittag. Gegen fünf Uhr nachmittags sah ich ihn; er kam vom Bahnhof und ging auf dem kürzesten Weg zum Hotel d'Angleterre. Er ging schnell und war gewiß sehr besorgt, wenngleich es schwerfiel, in seinen Zügen Sorge oder eine andere Art von Unruhe sicher zu erkennen. Er streckte mir herzlich die Hand entgegen, stieß sein ge-wohntes „Ah!" hervor, blieb aber nicht stehen, setzte vielmehr ziemlich eilenden Schrittes seinen Weg fort. Ich schloß mich ihm an; er brachte es jedoch fertig, auf meine Fragen so zu antworten, daß ich eigentlich nichts herausbekam. Zudem war es mir, ich weiß nicht warum, furchtbar peinlich, ein Gespräch über Polina anzufangen; selber fragte er mit keinem Wort nach ihr. Ich berichtete ihm über Babuschka; er hörte aufmerksam und ernsthaft zu und zuckte mit den Schultern.
„Sie wird alles verspielen", bemerkte ich.
„O ja", antwortete er, „schon als ich wegfuhr, hatte sie sich hinbringen lassen zum Spielen, und darum wußte ich auch sicher, daß sie alles verspielen wird. Wenn ich Zeit habe, werfe ich noch einen Blick ins Kurhaus; denn so etwas ist sehenswert."
„Wohin sind Sie gefahren?" rief ich aus und wunderte mich über mich selber, daß ich ihn noch nicht gefragt hatte.
„Ich war in Frankfurt."
„Geschäftlich?"
„Ja, geschäftlich."
Was hätte ich weiter fragen sollen? Übrigens ging ich immer noch neben ihm; er aber wandte sich plötzlich zum Eingang des Hotels „De quatre saisons", an dem wir vorbeikamen. Er nickte mir zu und verschwand. Während ich nach Hause ging, begriff ich allmählich, daß ich sogar in einem zweistündigen Gespräch von ihm nichts, gar nichts erfahren hätte, weil. . . weil ich gar nichts zu fragen wußte! Ja, natürlich! Auf keine Weise hätte ich jetzt meine Frage in Worte fassen können.
Diesen ganzen Tag war Polina entweder mit den Kindern und der Kinderfrau im Park spazierengegangen, oder sie hatte zu Hause gesessen. Den General mied sie schon seit langem, sie sprach fast nicht mehr mit ihm, wenigstens nicht über etwas Ernsthaftes. Das hatte ich längst bemerkt. Da ich aber wußte, in welcher Lage sich der General heute befand, sagte ich mir, er könne sie ja nicht einfach übersehen haben, das heißt, es war ausgeschlossen, daß die folgenschweren Familiendinge zwischen ihnen ganz unberührt geblieben wären. Als ich jedoch nach dem Gespräch mit Mister Astley, auf dem Rückweg ins Hotel, Polina mit den Kindern traf, malte sich in ihren Zügen vollkommene Ruhe und Gelassenheit, so als wären die Familienstürme an ihr allein vorübergezogen. Auf meine Verbeugung nickte sie mir zu. Wütend suchte ich mein Zimmer auf.
Freilich, nach der Begebenheit mit den Eheleuten Wurmerhelm hatte ich Gespräche und überhaupt Beisammensein mit ihr vermieden. Zum Teil war das Schauspielerei von mir gewesen; doch mit der Zeit wallte in mir echter Zorn auf. Gesetzt sogar den Fall, daß sie mich kein bißchen liebte, so durfte sie dennoch, schien mir, meine Gefühle nicht derartig mit Füßen treten und meine Bekenntnisse so geringschätzig aufnehmen. Sie wußte doch, daß ich sie wahrhaft liebte; sie hatte es ja hingenommen, ja mir erlaubt, daß ich so zu ihr sprach! Nun, merkwürdig genug hatte es zwischen uns begonnen. Vor längerem schon, vor ungefähr zwei Monaten, hatte sie mich fühlen lassen, daß sie mich zu ihrem Freund, ihrem Vertrauten machen wollte, und mich dann und wann als solchen auch behandelt. Doch das war, ich weiß nicht warum, nicht recht in Gang gekommen; gekommen war es vielmehr zu den jetzigen son-derbaren Beziehungen; darum hatte ich auch angefangen, so mit ihr zu sprechen. Wenn ihr aber meine Liebe zuwider war, warum verbot sie mir dann nicht geraden-wegs, von ihr zu sprechen?
Nicht nur, daß sie es nicht verboten hatte, sie hatte mich zuweilen sogar herausgefordert. . . und dann natürlich darüber gelacht. Ich weiß genau - ich hatte es ja deutlich bemerkt -, daß es ihr Freude machte, mich erst anzuhören und bis zum Schmerz zu reizen, mich dann aber mit einem Wort oder einer Gebärde von größter Geringschätzung und Verachtung wie mit einem Peitschenhieb zu treffen. Sie weiß, daß ich ohne sie nicht leben kann. Drei Tage sind seit der Geschichte mit dem Baron vergangen, und ich ertrage schon nicht mehr unsere Trennung. Als sie mir jetzt am Kurhaus begegnete, schlug mir das Herz so sehr, daß ich wohl erblaßte. Auch sie kann ja ohne mich nicht bestehen! Sie braucht mich - braucht sie mich wirklich nur als ihren Hanswurst?
Sie hat ein Geheimnis, das ist klar! Ihr Gespräch mit Babuschka ist wie ein Stich gewesen, der mein Herz traf. Tausendmal hatte ich sie gedrängt, offen mit mir zu sprechen; sie wußte doch, daß ich wahrhaftig bereit bin, das Leben für sie hinzugeben. Doch immer tat sie das beinahe mit Verachtung ab, oder statt des Opfers, das ich ihr bot, statt meines Lebens, verlangte sie solchen Unfug wie mit dem Baron. Ist das nicht empörend? Gibt's auf der Welt für sie nur den Franzosen? Und Mister Astley? Hier aber wurde die Sache für mich vollends unbegreiflich, und mein Gott, wie mich das quälte!
In meinem Zimmer angelangt, packte ich voller Wut den Federhalter und warf ihr diese Zeilen hin:
„Polina Alexandrowna, ich sehe deutlich, daß die Sache zu einem Ende drängt, das natürlich auch Sie hineinzieht. Zum letztenmal frage ich Sie: Brauchen Sie das Opfer meines Lebens oder nicht? Wenn Sie es brauchen, ganz gleich wozu, so verfügen Sie. Ich bleibe einstweilen in meinem Zimmer, wenigstens den größten Teil der Zeit; ich fahre nicht weg. Bedürfen Sie meiner, so schreiben Sie, oder lassen Sie mich rufen."
Ich versiegelte die Botschaft und gab sie dem Etagenkellner mit der Weisung, sie unbedingt ihr selber auszuhändigen. Mit einer Antwort rechnete ich nicht, doch nach drei Minuten kehrte der Kellner zurück „mit Empfehlung" von ihr.
Zwischen sechs und sieben rief man mich zum General.
Er befand sich, angekleidet wie zum Ausgehen, in seinem Zimmer. Hut und Stock lagen auf dem Sofa. Beim Eintreten schien es mir, als spreche er, gesenkten Hauptes breitbeinig mitten im Zimmer stehend, laut mit sich selbst. Doch kaum hatte er mich erblickt, stürzte er beinahe mit einem Aufschrei zu mir, so daß ich unwillkürlich zurückwich und schon an Flucht dachte. Er aber faßte mich an beiden Händen und zog mich zum Sofa hin. Selber setzte er sich aufs Sofa, und mich drückte er, ihm dicht gegenüber, in einen Sessel. Bei alledem ließ er meine Hände nicht los.
Dann begann er mit zitternden Lippen, mit flehender Stimme, unter Tränen, die auf einmal an seinen Wimpern blinkten, zu sprechen: „Alexej Iwanowitsch, helfen Sie, helfen Sie, erbarmen Sie sich meiner!"
Lange begriff ich überhaupt nichts. Er redete, redete, redete und wiederholte immerzu: „Erbarmen Sie sich!" Endlich kam ich dahinter, daß er von mir etwas wie einen guten Rat erwartete, oder besser gesagt: Von allen allein gelassen, in Leid und Bangen, hatte er sich meiner erinnert und mich holen lassen, nur um zu reden, zu re-den, zu reden.
Er hatte den Verstand oder wenigstens in höchstem Grade die Fassung verloren. Er faltete die Hände und war drauf und dran, vor mir niederzuknien, damit ich (schwer zu fassen) auf der Stelle zu Mademoiselle Blanche ginge und sie mit Bitten und Ermahnung dahin brächte, zu ihm zurückzukehren und ihn zu heiraten.
„Aber General, ich bitte Sie", rief ich aus, „Mademoiselle Blanche hat mich womöglich bis jetzt überhaupt nicht bemerkt! Was kann ich da ausrichten?"
Doch es hatte gar keinen Sinn, etwas einzuwenden, er verstand ja nicht, was man ihm sagte. Auch auf Ba-buschka brachte er die Rede, nur eben furchtbar zusam-menhanglos. Er beharrte noch immer darauf, daß man die Polizei holen müsse.
„Bei uns, bei uns", fuhr er fort und schäumte auf einmal vor Wut, „bei uns jedenfalls, in einem geordneten Staatswesen, wo's eine Obrigkeit gibt, stellte man solche alten Weiber sofort unter Kuratel! Jawohl, verehrter Herr, jawohl!" Er sprang auf, wanderte im Zimmer hin und her und redete plötzlich in keifendem Ton weiter. „Das haben Sie wohl noch nicht gewußt, verehrter Herr?" Damit wandte er sich an den verehrten Herrn, den es nicht gab und den er sich in der Ecke vorstellte. „Also nehmen Sie's zur Kenntnis, solchen alten Weibern treibt man bei uns die Flausen aus, aus, aus, jawohl, mein Herr - oh, hol's der Teufel!"
Er warf sich wieder auf das Sofa, in der nächsten Minute schon begann er mir hastig, keuchend, beinahe schluchzend zu berichten, Mademoiselle Blanche werde ihn ja deshalb nicht heiraten, weil statt des Telegramms Babuschka gekommen war und weil sich nun deutlich zeige, daß er keine Erbschaft antreten werde. Er meinte wohl, ich wisse noch nichts davon.
Ich wollte die Rede auf Des Grieux bringen, doch er winkte ab: „Er ist fort! Alles ist ihm verpfändet, ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Das Geld, das Sie mir geholt haben . . . dieses Geld, ich weiß nicht, was davon übrig ist, vielleicht siebenhundert Franken und . . . ach was, das ist alles, und was weiter wird, das weiß ich nicht, weiß ich nicht!"
„Wovon werden Sie die Hotelrechnung bezahlen?" rief ich erschrocken. „Und dann, und dann?"
Er schien zu grübeln, doch offenbar hatte er mich nicht verstanden, womöglich gar nicht gehört.
Ich versuchte, die Rede auf Polina Alexandrowna zu bringen, auf die Kinder; er erwiderte hastig: „Ja, ja!" Und sogleich fing er von dem Fürsten an zu sprechen, davon,
daß Blanche nun mit dem Fürsten wegfahren werde, und dann . . . und dann .. . „Was tu ich dann, Alexej Iwanowitsch?" jammerte er, wieder zu mir gewandt. „Mein Gott, was tu ich dann! Sagen Sie, es ist doch Undank! Was für ein Undank!"
Schließlich brach er in Tränen aus; in Bächen liefen sie ihm über die Wangen.
Nichts war anzufangen mit einem solchen Menschen; doch es war auch gefährlich, ihn alleinzulassen - was mochte mit ihm geschehen? Ich machte mich schlecht und recht von ihm los, gab aber der Kinderfrau einen Wink, daß sie öfter nach ihm sehe, und redete zudem mit dem Etagenkellner, einem sehr vernünftigen Burschen; auch der versprach, ein Auge auf den General zu haben.
Kaum hatte ich den General verlassen, da erschien Potapytsch bei mir - ich möge zu Babuschka kommen. Das geschah gegen acht Uhr, sie war eben vom Kurhaus zu-rückgekehrt, wo sie nun wirklich alles verspielt hatte. Ich ging zu ihr; die alte Frau saß im Sessel, ganz erschöpft und offenbar krank. Marfa flößte ihr geradezu mit Gewalt eine Tasse Tee ein. Auch Babuschkas Stimme und Ton hatten sich schroff verändert.
„Guten Abend, Alexej Iwanowitsch, mein Lieber", sagte sie und neigte gemessen das Haupt. „Entschuldigen Sie, daß ich Sie noch einmal bemüht habe, verzeihen Sie einem alten Menschen. Ich habe alles dort gelassen, mein Lieber, fast hunderttausend Rubel. Du hast recht getan, daß du gestern nicht mitgekommen bist. Jetzt habe ich keinen Groschen mehr. Keine Minute will ich zaudern, halb zehn fährt mein Zug. Ich habe zu deinem Engländer geschickt, dem Astley, na ja, ich will ihn bitten, mir auf eine Woche dreitausend Franken zu borgen. Erklär ihm alles, daß er nicht sonstwas denkt und mir's vielleicht abschlägt. Ich bin noch ziemlich reich, mein Lieber. Drei Dörfer besitz ich und zwei Stadthäuser. Auch Geld wird sich noch finden, ich habe nicht alles mitgenommen. Das sag ich dir, damit es keine Zweifel gibt. .. Da ist er ja! Ein guter Mensch, ich seh's."
Mister Astley war auf Babuschkas Bitte sofort herbeigeeilt. Ohne Zögern und ohne viel Worte legte er auf den Tisch dreitausend Franken gegen einen Wechsel, den Babuschka unterschrieb. Sofort danach empfahl er sich und eilte davon.
„Jetzt geh auch du, Alexej Iwanowitsch. Mir bleibt noch wenig mehr als eine Stunde, ich will mich hinlegen - die Glieder tun weh. Geh nicht zu streng mit mir alten Närrin ins Gericht. Den Jungen werd ich nun keinen Leichtsinn mehr vorwerfen, und auch dem Unglücksmenschen, euerm General, darf ich jetzt keine Schuld mehr geben. Geld kriegt er trotzdem nicht von mir, so wie er sich das denkt; denn er ist doch, meine ich, ganz und gar ein Tölpel, bloß daß ich alte Närrin nicht schlauer bin. Wahrhaftig, Gott geht auch mit dem Alter streng ins Gericht und bestraft den Hochmut. Also, leb wohl. Marfuscha, stütz mich."
Ich sagte aber Babuschka, daß ich nachher zum Bahnhof käme. Ohnehin plagte mich eine innere Spannung, ich meinte immer, es müsse sogleich etwas geschehen. Im Zimmer zu sitzen, brachte ich nicht fertig. Ich trat auf den Korridor, ging sogar ein paar Minuten in der Allee auf und ab. Mein Brief an Polina hatte alles deutlich und entschieden ausgedrückt; ja, die jetzige Katastrophe war gewiß endgültig. Im Hotel hörte ich von Des Grieux' Abreise. Schließlich, mochte sie mich als ihren Freund zurückweisen, so vielleicht doch nicht als ihren Diener. Wenigstens für Besorgungen brauchte sie mich; dazu taugte ich ohne Zweifel!
Zur Abfahrt des Zuges eilte ich auf den Bahnhof, ich half Babuschka beim Einsteigen. Sie richteten sich alle in einem besonderen Familienwagen ein. „Ich danke dir, mein Lieber, für deinen selbstlosen Beistand", sagte sie zum Abschied. „Und erinnere Praskowja an das, was ich ihr gestern gesagt habe - ich warte auf sie."
Ich ging ins Hotel. Als ich an den Zimmern des Gene rals vorbeikam, begegnete mir die Kinderfrau, und ich erkundigte mich, wie es dem General gehe. „Nun ja, so . . .", antwortete sie bekümmert. Ich schaute nun doch hinein, blieb aber auf der Schwelle in größter Verblüffung stehen. Mademoiselle Blanche und der General lachten über etwas um die Wette. Veuve Cominges saß auf dem Sofa. Der General war sichtlich außer sich vor Freude, er redete sinnloses Zeug und brach immerfort in nervöses, langes Lachen aus; das ganze Gesicht legte sich dabei in unzählige Fältchen, in denen die Augen verschwanden. Später erfuhr ich von Blanche selbst, daß es ihr, nachdem sie den Fürsten verstoßen und von dem Gejammer des Generals gehört hatte, in den Sinn gekommen war, ihn zu trösten und darum für ein paar Minuten zu ihm hineinzuschauen. Der General wußte nicht, daß in diesem Augenblick sein Schicksal schon besiegelt war und daß Blanche schon ihre Sachen zu packen begonnen hatte, um am nächsten Morgen, mit dem frühesten Zug, nach Paris zu entflattern.
Eine Weile also stand ich auf der Schwelle, dann entschloß ich mich, nicht einzutreten, und ging unbemerkt davon. Ich stieg zu mir hinauf, öffnete die Tür und bemerkte plötzlich im Halbdunkel eine Gestalt, die in der Ecke, am Fenster, auf einem Stuhl saß. Sie stand bei meinem Erscheinen nicht auf. Schnell trat ich näher, sah genau hin und . .. mir stockte der Atem - es war Polina!
Kapitel XIV
Ich schrie auf - ich konnte nicht anders.
„Was ist? Was ist?" fragte sie seltsamerweise. Sie war bleich und blickte düster.
„Was heißt: was ist? Sind Sie's? Hier bei mir?" .
„Wenn ich komme, dann ganz. Das ist meine Gewohnheit. Sie werden es sogleich begreifen. Zünden Sie eine Kerze an."
Ich tat es. Sie stand auf, trat an den Tisch und legte mir einen geöffneten Brief hin.
„Lesen Sie!" befahl sie.
„Das ist... das ist Des Grieux' Handschrift!" rief ich nach dem ersten Blick auf den Brief. Meine Hände zitterten, die Zeilen tanzten mir vor den Augen. Den Wortlaut habe ich vergessen; doch hier ist sinngetreu, wenn auch nicht wortgetreu sein Inhalt:
„Mademoiselle", schrieb Des Grieux, „widrige Umstände zwingen mich, unverzüglich abzureisen. Sie haben natürlich selbst bemerkt, daß ich es absichtlich vermied, mich Ihnen endgültig zu erklären, solange nicht alle Umstände erhellt wären. Die Ankunft Ihrer alten Verwandten (de la vieille dame) und ihre ungehörigen Handlungen haben meine Zweifel beendet. Meine eigenen zerrütteten Verhältnisse verbieten mir entschieden, weiterhin die süßen Hoffnungen zu nähren, an denen ich mich eine Zeitlang berauschte. Ich bedaure das Vorgefallene, aber ich hoffe, daß Sie in meinem Benehmen nichts finden, was eines Mannes von Adel und Ehre (gentilhomme et honnête homme) unwürdig wäre. Ich habe fast mein ganzes Geld verloren, indem ich es Ihrem Stiefvater lieh, und sehe mich darum aufs dringendste genötigt, von dem Gebrauch zu machen, was mir nun noch bleibt: Ich habe meine Freunde in Petersburg wissen lassen, daß man unverzüglich den Verkauf des mir verpfändeten Besitzes erwirken möge. Da ich jedoch weiß, daß Ihr leichtsinniger Stiefvater auch das Geld verschwendet hat, das Ihnen gehört, habe ich mich entschieden, ihm fünfzigtausend Franken zu erlassen; über diese Summe gebe ich ihm Schuldverschreibungen zurück, so daß Sie in die Lage versetzt sind, alles, was Sie verloren haben, wiederzuerlangen, indem Sie das Besitztum einklagen. Ich hoffe, Mademoiselle, daß beim gegenwärtigen Stand der Dinge meine Schritte für Sie höchst vorteilhaft sein werden. Ich hoffe ferner, daß ich mit diesen Schritten in vollem Maße die Pflichten eines Mannes von Ehre und Adel erfülle. Seien Sie überzeugt, daß ich die Erinnerung an Sie immer und ewig im Herzen tragen werde."
„Nun, das läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen", sagte ich, zu Polina gewandt. Und mit Abscheu fügte ich hinzu: „Haben Sie etwas anderes erwarten können?"
„Ich habe nichts erwartet", erwiderte sie anscheinend ruhig, doch etwas zitterte gleichsam in ihrer Stimme. „Ich bin mir seit langem im klaren; ich las seine Gedan-ken, ich erfuhr, was er denkt. Er dachte, ich strebte nach . . . ich bestünde auf..." Sie unterbrach sich, biß sich auf die Lippen und blieb eine Weile stumm. „Ich legte es darauf an, daß er meine Verachtung in doppeltem Maße erfuhr", begann sie von neuem. „Ich fragte mich, was von ihm noch zu gewärtigen sei. Wenn das Telegramm über die Erbschaft gekommen wäre, hätte ich ihm das Geld, das ihm der Idiot" - ihr Stiefvater -„schuldete, vor die Füße geworfen und ihn weggejagt. Längst, längst war er mir verhaßt. Oh, früher ist er ein ganz anderer Mensch gewesen, tausendfach anders, aber jetzt, jetzt. ..! Oh, mit welcher Wonne würde ich jetzt ihm diese fünfzigtausend in sein widerliches Gesicht schleudern, vor ihm ausspucken und den Speichel noch zertreten!"
„Aber der Schuldschein über die fünfzigtausend, dieses Papier, das er zurückgegeben hat - das hat doch jetzt der General? Nehmen Sie's und schicken Sie es ihm!"
„Oh, das geht nicht!"
„Sie haben recht, es geht nicht! Was ist mit dem General jetzt anzufangen?" Plötzlich kam mir ein Gedanke. „Und Babuschka?"
Polina sah mich zerstreut und ungeduldig an.
„Was soll da Babuschka?" erwiderte sie ärgerlich. „Ich kann nicht zu ihr . . ." Und gereizt fügte sie hinzu: „Ich will auch niemand um Verzeihung bitten."
„Was tun!" schrie ich. „Wie konnten Sie nur einen Des Grieux lieben! Oh, der Schuft, der Schuft! Ich töte ihn im Duell - wollen Sie? Wo ist er jetzt?"
„In Frankfurt. Er bleibt dort drei Tage."
„Ein Wort von Ihnen, und ich fahre hin, gleich morgen, mit dem ersten Zug!" stammelte ich in einfältiger Begeisterung.
Sie lachte.
„Na, dann sagt er womöglich noch: Zuvor die fünfzigtausend Franken her! Und warum sollte er sich duellieren? Was für ein Unsinn!"
„Wo aber, wo aber finden wir die fünfzigtausend? Wo finden wir sie?" wiederholte ich zähneknirschend, gerade als könnten wir sie wirklich irgendwo vom Boden aufheben. Dann kam mir ein wunderlicher Gedanke, und ohne ihn recht zu prüfen, vertraute ich ihn ihr an: „Und - Mister Astley?"
Ihre Augen blitzten.
„Wie? Du selber willst, daß ich von dir zu diesem Engländer gehe?" sagte sie, während sie mir mit durchdringendem Blick in die Augen sah und bitter lächelte. Zum erstenmal im Leben hatte sie du zu mir gesagt.
Offenbar wurde ihr zugleich vor Aufregung schwindelig. Sie ließ sich, wie erschöpft, aufs Sofa sinken.
Es traf mich wie ein Blitz; ich stand da und traute nicht den Augen, nicht den Ohren! Wie denn - also liebte sie mich! Sie war zu mir gekommen, nicht zu Mister Astley! Sie, allein, ein junges Mädchen, zu mir ins Zimmer, im Hotel - kompromittierte sich vor allen Leuten - und ich, ich stand vor ihr und hatte es noch immer nicht begriffen!
Ein wahnwitziger Gedanke zuckte in mir auf.
„Polina! Laß mir nur eine Stunde! Warte hier nur eine Stunde, und . . . ich komme zurück! Es ist... es ist nötig! Du wirst sehen! Bleib hier, bleib hier!"
Ich rannte aus dem Zimmer, ohne auf ihren erstaunten, fragenden Blick zu achten; sie rief mir etwas nach, doch ich kehrte nicht um.
Ja, manchmal setzt sich der wahnwitzigste, offenkundig unsinnigste Gedanke so unabweislich im Gehirn fest, daß du ihn schließlich für verwirklichbar hältst...
Mehr noch: wenn sich der Gedanke mit einem starken, leidenschaftlichen Wunsch verbindet, so geschieht es wohl, daß du ihn schließlich als etwas Schicksalhaftes, Unumgängliches, als Vorherbestimmung nimmst, und dann wird es undenkbar, daß es nicht geschehen könnte. Vielleicht tritt noch etwas hinzu, eine Kombination von Ahnungen, eine außergewöhnliche Willensanspannung, eine Selbstvergiftung durch die eigene Phantasie oder noch etwas anders - ich weiß es nicht; aber mit mir geschah an diesem Abend (den ich nie im Leben vergessen werde) etwas ganz Sonderbares. Es mag ja sein, daß es sich völlig erklären läßt mit der Arithmetik, dennoch bleibt es für mich bis heute etwas Sonderbares. Und warum, warum hatte diese Gewißheit so tiefe, so starke Wurzeln in mir geschlagen, und das schon vor so langer Zeit? Wahrhaftig, ich bewegte das in meinen Gedanken nicht als eine Sache des Zufalls, als Möglichkeit, die eintreten kann so gut wie andere Möglichkeiten (also auch ausbleiben kann), sondern als etwas ganz und gar Gewisses - unmöglich, daß es nicht geschähe!
Es war Viertel elf; ich trat ins Kurhaus mit so fester Hoffnung und zugleich so aufgeregt wie noch nie in meinem Leben. In den Spielsälen waren noch ziemlich, viel Leute, wenngleich nur halb soviel wie am Vormittag.
In der elften Stunde bleiben an den Spieltischen die echten Spieler, die Spieler aus unbeherrschbarer Leidenschaft, diejenigen, für die es in dem Badeort einzig das Roulett gibt, die einzig seinetwegen gekommen sind, die kaum wahrnehmen, was sich um sie herum begibt, die sich in der ganzen Saison für nichts interessieren, sondern nur spielen, vom Morgen bis in die Nacht, und die sich wohl bereit fänden, auch die ganze Nacht bis zum Morgengrauen zu spielen, wenn es möglich wäre. Und immer gehen sie verdrossen auseinander, wenn das Roulett um Mitternacht geschlossen wird. Hat der Obercroupier kurz vor zwölf Uhr das Ende des Spiels mit dem Ruf: „Les trois derniers coups, messieurs!" angekündigt, so sind sie manchmal bereit, bei diesen letzten drei Spielen alles zu setzen, was sie noch in der Tasche haben, und tatsächlich wird in diesen Minuten das meiste Geld verloren. Ich ging zu demselben Tisch, an dem zuvor Babuschka gesessen hatte. Man drängte sich nicht sehr, und so fand ich rasch einen Platz am Tisch. Unmittelbar vor mir hatte ich auf dem grünen Tuch das „passe"-Feld. Passe, das sind die Zahlen von neunzehn (einschließlich) bis sechsunddreißig. Die erste Zahlengruppe, von eins bis einschließlich achtzehn, heißt manque. Doch was kümmerte mich das! Ich berechnete nicht, ich wußte nicht einmal, welche Zahl zuletzt herausgekommen war, ich erkundigte mich nicht danach, als ich das Spiel be-gann - jeder auch nur ein wenig überlegende Spieler hätte es getan. Ich holte meine sämtlichen zwanzig Friedrichsdor hervor und setzte sie auf das passe vor mir.
„Vingt-deux!" rief der Croupier.
Ich hatte gewonnen - und setzte wieder alles, das Gesetzte und den Gewinn.
„Trente et un", rief der Croupier. Wieder gewonnen! Ich hatte nun also achtzig Friedrichsdor. Die schob ich allesamt auf das Feld für das mittlere Dutzend (das Drei-fache bei Gewinn, aber zwei Chancen gegen mich). Die Kugel rollte und fiel auf Vierundzwanzig. Man händigte mir drei Rollen mit je fünfzig Friedrichsdor aus, dazu zehn einzelne Goldmünzen. Mit dem, was ich gesetzt hatte, besaß ich nun über zweihundert Friedrichsdor.
Ich handelte wie im Fieber und schob den ganzen Haufen Geld auf das Feld für Rot - und kam plötzlich zur Besinnung! Und dieses einzige Mal an dem ganzen Abend, während des ganzen Spiels, überfiel mich eisige Angst, meine Hände zitterten, und ich wankte in den Knien. Entsetzt fühlte und begriff ich augenblicklich, was es für mich hieße, jetzt zu verlieren. Es ging um mein ganzes Leben!
„Rouge!" rief der Croupier - und ich atmete auf, ein feuriges Prickeln überlief meinen Körper. Man zahlte mir in Banknoten: Einsatz und Gewinn machten viertau-send Gulden und achtzig Friedrichsdor aus. (In diesen Minuten kam ich mit dem Rechnen noch nach.)
Dann - ich erinnere mich - setzte ich zweitausend Gulden wieder auf das mittlere Dutzend und verlor. Ich setzte meine Goldmünzen, achtzig Friedrichsdor, und verlor. Mich packte die Wut; ich nahm den Rest, die mir noch verbliebenen zweitausend Gulden, und setzte sie auf das erste Dutzend - einfach so, gedankenlos, blindlings. Das verschaffte mir übrigens einen Augenblick der Erwartung, in dem mein Gefühl vielleicht dem Gefühl glich, das Madame Blanchard wohl hatte, als sie in Paris von dem Luftballon auf die Erde fiel.
„Quatre!" rief der Croupier. Zusammen mit dem Einsatz hatte ich nun wieder sechstausend Gulden in der Hand. Als Sieger schon fühlte ich mich, nichts fürchtete ich mehr, und ich setzte viertausend Gulden auf Schwarz. Acht, neun folgten eilends meinem Beispiel und setzten auf Schwarz. Die Croupiers tauschten Blicke und besprachen sich. Ringsum wurde erwartungsvoll geredet.
Schwarz gewann. Hier setzt mein Gedächtnis aus, nichts ist da von Berechnung und Ordnung meiner Einsätze. Nur wie im Traum erinnere ich mich, daß ich schon an die sechzehntausend Gulden gewonnen hatte; plötzlich, in drei unglücklichen Einsätzen, büßte ich davon zwölftausend ein; da schob ich die letzten viertausend auf passe (aber ich empfand nichts mehr dabei, ich wartete nur - gedankenlos, mechanisch) - und gewann von neuem; danach gewann ich noch viermal nacheinander. Ich weiß nur noch, daß ich das Geld zu Tausenden einstrich; ich entsinne mich auch, daß meistens das mittlere Dutzend herauskam, an das ich mich vorzugsweise hielt. Die Zahlen des mittleren Dutzends erschienen seltsam regelmäßig - unbedingt drei-, viermal nacheinander; zweimal fielen sie aus, und dann kehrten sie für drei-, viermal in ununterbrochener Folge zurück. Diese merkwürdige Regelmäßigkeit stellt sich manchmal strichweise ein, und dies eben bringt die leidenschaftlichen Spieler, die mit dem Bleistift in der Hand berechnen, ganz durcheinander. Wie schrecklich spottet ihrer da zuweilen das Schicksal!
Ich glaube, seit meiner Ankunft war nicht mehr als eine halbe Stunde vergangen, da ließ mich der Croupier wissen, daß ich dreißigtausend Gulden gewonnen hätte und daß sein Roulett bis zum nächsten Morgen geschlossen werde, da die Bank für ein weiteres Spiel in solcher Höhe nicht einstehe. Ich strich all meine goldenen Münzen ein, stopfte sie in die Taschen, ergriff alle Scheine und wechselte sofort zu einem anderen Tisch, der in einem anderen Raum stand und an dem das Spiel noch im Gange war. Die ganze Menge strömte mir nach, im Handumdrehen räumte man mir einen Platz, und ich setzte weiter, blindlings und ohne zu rechnen. Ich weiß nicht, was mich gerettet hat!
Übrigens regte sich denn doch zuweilen in meinem Kopf der Gedanke, ich müsse berechnen. Ich hielt mich mühsam an bestimmte Zahlen und Chancen, aber bald gab ich das auf und setzte von neuem fast bewußtlos. Ich war wohl sehr zerstreut; mir blieb in Erinnerung, daß die Croupiers ein paarmal mein Spiel korrigierten. Ich machte grobe Fehler. Meine Schläfen waren naß von Schweiß, und die Hände zitterten. Dienstbeflissen drängten sich auch die Polen heran, doch ich hörte auf keinen. Die Glückssträhne riß nicht ab! Mit einemmal erhob sich um mich herum lautes Reden und Lachen. „Bravo, bravo!" riefen alle, manche klatschten sogar in die Hände. Auch hier hatte ich dreißigtausend Gulden an mich gerissen, und abermals wurde die Bank bis zum nächsten Morgen geschlossen!
„Gehen Sie fort, gehen Sie fort", flüsterte mir eine Stimme von rechts zu. Das war ein Frankfurter Jude; er hatte die ganze Zeit neben mir gestanden und mir, glaube ich, dann und wann im Spiel geholfen.
„Um Gottes willen, gehen Sie fort", flüsterte eine andere Stimme, diesmal an meinem linken Ohr. Ich blickte rasch auf. Es war eine außerordentlich bescheiden und wohlanständig gekleidete Dame von ungefähr dreißig Jahren, mit krankhaft blassem, müdem Gesicht, das gleichwohl noch frühere wundervolle Schönheit verriet. In diesem Augenblick stopfte ich die Taschen mit den Geldscheinen voll, zerknüllte sie dabei und strich die auf dem Tisch verbliebenen Goldmünzen zusammen. Als ich die letzte Rolle mit fünfzig Friedrichsdor in der Hand hielt, gelang es mir, sie ganz unbemerkt der blassen Dame zuzustecken; ich hatte einfach schreckliche Lust, das zu tun, und ihre schmalen, mageren Finger drückten - dessen erinnere ich mich - heftig meine Hand zum Zeichen lebhaftester Dankbarkeit. All das geschah in einem einzigen Augenblick.
Da ich nun alles bei mir hatte, ging ich rasch zum trente et quarante hinüber.
Beim trente et quarante sitzt aristokratisches Publikum. Das ist kein Roulett, sondern ein Kartenspiel. Hier steht die Bank im einzelnen Falle für hunderttausend Taler ein. Der höchste Einsatz beträgt ebenfalls viertausend Gulden. Ich verstand von dem Spiel überhaupt nichts und kannte kaum eine Art des Einsatzes außer Rot und Schwarz, die es hier auch gab. An sie hielt ich mich. Alle Kurhausgäste umstanden mich. Ich weiß nicht, ob mir Polina auch nur ein einziges Mal in den Sinn kam. Ich fand unwiderstehlichen Genuß darin, nach den Banknoten, die vor mir zu Haufen wuchsen, die Hand auszustrecken, das Geld einzustreichen.
Wahrhaftig, das Schicksal stieß mich gleichsam vorwärts. Diesmal, wie mit Absicht, ergab sich ein Umstand, dem wir gleichwohl in dem Spiel nicht selten begegnen: Das Glück heftet sich beispielsweise an Rot und läßt zehn-, ja fünfzehnmal nacheinander nicht von der Farbe ab. Ich hatte zwei Tage vorher gehört, daß in der vergangenen Woche Rot zweiundzwanzigmal nacheinander herausgekommen war. Beim Roulett kann sich niemand an derlei erinnern; man sagt es mit Staunen. Versteht sich, daß man, wenn sich Rot so oft wiederholt hat, diese Farbe meidet und schon beispielsweise nach zehn Malen keinesfalls mehr auf sie setzt. Aber auch auf Schwarz, die Gegenfarbe, setzt dann kein erfahrener Spieler. Der erfahrene Spieler weiß, was es mit dem „Eigensinn des Zufalls" auf sich hat. Man könnte zum Beispiel meinen, nach sechzehnmal Rot komme unbedingt Schwarz. Die Neulinge stürzen sich scharenweise darauf, verdoppeln und verdreifachen ihre Einsätze und verlieren schrecklich.
Ich aber, in merkwürdigem Starrsinn, hielt mich gerade an Rot, da ich doch sah, daß es siebenmal nacheinander gewonnen hatte. Ich bin überzeugt, zur Hälfte geschah das aus Eitelkeit; ich wollte die Zuschauer mit wahnwitzig riskantem Spiel in Erstaunen versetzen, und - o seltsames Gefühl - ich erinnere mich deutlich, daß sich meiner auf einmal wirklich ohne jede Herausforderung durch Eitelkeit eine schreckliche Begier nach Gefahr bemächtigte. Vielleicht läßt sich die Seele, wenn sie durch so viel Empfindungen geht, von ihnen nicht sättigen, sondern nur aufreizen und verlangt nach weiteren und immer stärkeren bis zum endgültigen Erschlaffen. Und man glaube mir, ich lüge nicht: Wenn das Spielreglement es erlaubte, daß man fünfzigtausend Gulden auf einmal setzt, so hätte ich sie wohl gesetzt. Ringsum schrie man, es sei Wahnwitz: Rot komme nun schon das vierzehnte Mal.
„Monsieur a gagné déjà cent mille florins", hörte ich neben mir jemand sagen.
Ich fuhr auf. Wie? Ich hatte an diesem Abend hunderttausend Gulden gewonnen! Wozu brauchte ich mehr? Ich stürzte mich auf die Banknoten, stopfte sie in die Tasche, ohne zu zählen, ich raffte alle meine Münzen, alle Rollen zusammen und ging davon, eilends das Kurhaus zu verlassen. Als ich die Säle durchquerte, lachten ringsum alle, da sie sahen, wie sich meine Taschen bauschten und wie ich unter der Last des Goldes ein wenig taumelte. Es mögen fast zwanzig Pfund gewesen sein. Hände streckten sich mir entgegen; ich griff in die Taschen, holte hervor und gab, was ich gerade faßte. Am Ausgang hielten mich zwei Juden auf.
„Sie sind kühn! Sie sind sehr kühn!" sagten sie zu mir. „Aber reisen Sie unbedingt morgen früh ab, so früh wie möglich, sonst werden Sie alles, alles verlieren."
Ich beachtete sie nicht weiter. In der Allee war es so finster, daß man die Hand vor den Augen nicht sah. Bis zum Hotel hatte ich eine halbe Werst zu gehen. Nie hatte ich mich vor Dieben und Räubern gefürchtet, nicht einmal als Kind; auch jetzt dachte ich nicht an sie. Übrigens weiß ich gar nicht, woran ich unterwegs dachte; da waren keine Gedanken. Ich spürte nur die gewaltige Freude, daß ich gewonnen, gesiegt, Macht erworben hatte - oder wie ich's sonst nennen sollte. Auch Polinas Antlitz tauchte flüchtig vor mir auf; mir fiel ein, ich begriff, daß ich zu ihr ging, sogleich mit ihr zusammen sein, ihr erzählen, ihr zeigen würde . . . doch fast gar nicht mehr erinnerte ich mich an das, was mir Polina gesagt hatte und weshalb ich aufgebrochen war, und all die Empfindungen, die ich erst vor anderthalb Stunden durchlebt hatte, erschienen mir jetzt schon als etwas längst Vergangenes, Überwundenes, Veraltetes - wir würden es nicht mehr erwähnen, denn nun begänne etwas ganz Neues. Ich war schon fast am Ende der Allee angelangt, da erst überfiel mich die Angst: Wenn man mich nun erschlüge und beraubte? Mit jedem Schritt verdoppelte sich die Furcht. Ich rannte beinah. Am Ausgang der Allee blitzte auf einmal unser Hotel mit seinen zahllosen Lichtern auf - Gott sei Dank, zu Hause!
Ich rannte die Treppen hinauf und öffnete schnell die Tür. Polina war da, sie saß auf meinem Sofa, vor der brennenden Kerze, mit gekreuzten Armen. Sie sah mich verblüfft an, und ich muß in dieser Minute auch einen recht seltsamen Anblick geboten haben. Ich stellte mich vor sie und warf meinen ganzen Haufen Geld auf den Tisch.
Kapitel XV
Ich weiß noch, sie sah mir schrecklich starr ins Gesicht, rührte sich nicht von der Stelle, änderte nicht einmal ihre Haltung.
„Ich habe zweihunderttausend Franken gewonnen", rief ich, während ich die letzte Rolle auf den Tisch warf. Der riesige Haufen von Banknoten und Geldrollen nahm den ganzen Tisch ein; ich konnte die Augen nicht von ihm wenden; hin und wieder vergaß ich Polina gänzlich. Bald ging ich daran, die Banknotenhaufen zu ordnen, die Scheine aufeinanderzulegen, bald schob ich sämtliches Gold auf einen einzigen Haufen; dann wieder ließ ich das bleiben und lief nachdenklich mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab; darauf trat ich plötzlich wieder an den Tisch und begann von neuem, das Geld zu zählen. Mit einemmal, als käme ich erst zur Besinnung, stürzte ich zur Tür und schloß sie eilends ab, drehte den Schlüssel zweimal im Schloß. Danach verharrte ich eine Weile nachdenkend vor meinem kleinen Koffer.
„Ob ich's bis morgen in den Koffer packe?" fragte ich, nun doch zu Polina gewandt und plötzlich mich ihrer erinnernd. Sie saß auf ihrem Platz, hatte sich nicht gerührt, beobachtete mich jedoch aufmerksam. Sonderbar war der Ausdruck ihres Gesichts; er gefiel mir nicht, dieser Ausdruck! Ich gehe nicht fehl, wenn ich sage, daß Haß darin lag.
Ich trat schnell zu ihr.
„Polina, hier sind fünfundzwanzigtausend Gulden, das sind fünfzigtausend Franken, sogar mehr. Nehmen Sie, werfen Sie ihm das Geld morgen ins Gesicht."
Sie antwortete nicht.
„Wenn Sie wollen, bring ich's ihm selber, früh am Morgen. Soll ich?"
Sie lachte plötzlich auf, lachte lange.
Mit Staunen und Gram sah ich sie an. Dieses Lachen glich sehr dem, das ich wohl kannte, dem Lachen, mit dem sie so oft über mich gespottet hatte und das sich immer dann einstellte, wenn ich mich am leidenschaftlichsten erklärte. Endlich hörte sie auf, und ihre Miene verdüsterte sich; sie musterte mich streng.
„Ich nehme Ihr Geld nicht", sagte sie verächtlich.
„Wie? Was soll das?" schrie ich auf. „Polina, warum?"
„Ich nehme kein Geld geschenkt."
„Ich biete es Ihnen als Freund, ich biete Ihnen mein Leben."
Sie sah mich mit einem langen, bohrenden Blick an, als wollte sie mein Inneres erforschen.
„Sie zahlen zuviel", erklärte sie mit einem bösen Lächeln. „Die Geliebte eines Des Grieux ist keine fünfzigtausend Franken wert."
„Polina, wie können Sie so mit mir sprechen!" rief ich vorwurfsvoll. „Bin ich ein Des Grieux?"
„Ich hasse Sie! Ja... ja! Ich liebe Sie genausowenig wie Des Grieux!" schrie sie, und ihre Augen blitzten.
Da schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in hysterisches Schluchzen aus. Ich stürzte zu ihr.
Ich begriff, daß in meiner Abwesenheit etwas mit ihr geschehen war. Sie war wie von Sinnen.
„Kauf mich! Willst du? Willst du? Für fünfzigtausend Franken, wie Des Grieux?" stieß sie unter krampfhaftem Weinen hervor. Ich umfaßte sie, küßte ihr die Hände, die Füße, fiel vor ihr auf die Knie.
Ihr Anfall ging vorüber. Sie legte beide Hände auf meine Schultern und sah mich unverwandt an; es war, als wollte sie etwas von meinem Gesicht ablesen. Sie hörte mir zu, doch was ich sagte, schien sie nicht zu vernehmen. Sorge und Nachdenklichkeit malten sich in ihren Zügen. Ich fürchtete um sie; entschieden hatte ich den Eindruck, daß sich ihr Geist verwirre. Es geschah, daß sie mich sanft an sich zog, wobei schon ein Lächeln voll Vertrauen über ihr Gesicht huschte, doch dann stieß sie mich zurück und fing wieder an, mich mit verdüstertem Blick zu beobachten.
Plötzlich schlang sie die Arme um mich.
„Du liebst mich doch, liebst mich?" sagte sie. „Du hast doch .. . hast dich doch meinetwegen mit dem Baron duellieren wollen!" Und sie brach auf einmal in lautes Lachen aus, als wäre etwas Lustiges, Liebes in ihrem Gedächtnis aufgeblitzt. Sie weinte, und sie lachte, alles zugleich. Was sollte ich tun? Selber war ich wie im Fieber. Ich erinnere mich, sie begann mir etwas zu erklären, aber ich verstand fast nichts. Sie schien irrezureden, stammelte, als wollte sie mir ganz schnell etwas erzählen, und der Wahn wurde dann und wann vom fröhlichsten Lachen unterbrochen, das mir allmählich Angst machte. „Nein, nein, du bist lieb", wiederholte sie. „Du bist mein Treuer!" Und abermals legte sie mir die Hände auf die Schultern, sah gleichsam in mich hinein und wiederholte: „Du liebst mich . . . liebst mich . . . wirst du mich lieben?" Ich wandte die Augen nicht von ihr; noch nie hatte ich sie in solcher Aufwallung von Zärtlichkeit und Liebe gesehen; freilich, es war Fieberwahn, aber . . . da sie meinen leidenschaftlichen Blick bemerkt hatte, lächelte sie auf einmal schelmisch und fing mir nichts, dir nichts an, von Mister Astley zu reden.
Übrigens hatte sie die ganze Zeit schon immerfort angesetzt, von Mister Astley zu sprechen (besonders als sie sich, ein paar Minuten vorher, bemüht hatte, mir etwas zu erzählen). Worum es ging, konnte ich freilich nicht ganz begreifen; anscheinend machte sie sich sogar ein wenig über ihn lustig; sie wiederholte ständig, daß er warte ... ob ich nicht wüßte, daß er jetzt wahrscheinlich unterm Fenster stehe? „Ja, ja, unterm Fenster. Mach doch auf, sieh nach, er ist da, ist da!" Sie stieß mich an, daß ich zum Fenster ginge, doch sobald ich einen Schritt tat, lachte sie hell auf, und ich blieb bei ihr, und sie umarmte mich noch und noch.
Dann kam ihr der Gedanke abzureisen. „Wir fahren doch fort?" fragte sie unruhig. „Morgen fahren wir doch fort? Gewiß . . .", sie dachte ein wenig nach, „gewiß holen wir Babuschka ein, was meinst du? In Berlin, denk ich. Was meinst du, was wird sie sagen, wenn wir sie ein holen und sie uns sieht? Und Mister Astley? Na, vom Schlangenberg wird der nicht herunterspringen, was meinst du?" Sie lachte auf. „Hör zu: Weißt du, wohin er nächsten Sommer fährt? Er will zum Nordpol, um wis-senschaftlich zu forschen, und er hat mich eingeladen mitzukommen, hahaha! Er sagt, wir Russen wüßten ohne die Europäer nichts und taugten zu nichts . . . Was ihm aber auch so einfällt! Weißt du, den 'General' entschuldigt er; er sagt, daß Blanche . . . daß die Leidenschaft ... na, ich weiß nicht, weiß nicht", wiederholte sie, als hätte sie sich verplaudert, und wußte nicht weiter. „Die Armen, sie tun mir leid - auch Babuschka . . . Also hör mal, hör mal, wie dachtest du dir das: Des Grieux töten? Hast du wirklich geglaubt, du brächtest ihn um? O du Dummer! Wie hast du dir einbilden können, ich ließe es zu, daß du dich mit ihm duellierst? Den Baron bringst du doch auch nicht um", fügte sie hinzu und lachte hell auf. „Ach, wie lustig das anzusehen war, wie du mit dem Baron . . . ich hab euch beide von meiner Bank beobachtet. Du hattest ja gar keine Lust zu gehen, als ich dich hinschickte. Wie hab ich nachher gelacht, wie hab ich gelacht", sagte sie und lachte wieder.
Und plötzlich küßte sie mich von neuem, umarmte mich, drückte wieder leidenschaftlich und zärtlich ihr Gesicht an das meine. Ich dachte an nichts mehr und hörte nichts mehr. Mir schwindelte . . .
Ich glaube, es war gegen sieben Uhr des Morgens, als ich zu mir kam; die Sonne schien ins Zimmer. Polina saß neben mir. Auch sie war eben erst erwacht. Sie sah sich seltsam um, so als tauchte sie aus der Finsternis auf und als suchte sie sich zu erinnern. Dann blickte sie starr auf den Tisch und das Geld. Mein Kopf war schwer und tat weh. Ich wollte Polinas Hand fassen; sie stieß mich jäh zurück und sprang vom Sofa auf. Der anbrechende Tag war trüb. In der Morgendämmerung hatte es geregnet. Sie trat ans Fenster, öffnete es, lehnte sich mit Kopf und Brust hinaus, und mit den Händen sich aufstützend, die Ellbogen an den Fensterrahmen drückend, verharrte sie zwei, drei Minuten; sie wandte sich nicht zu mir um und achtete nicht auf das, was ich ihr sagte. Voll Angst fragte ich mich: Was wird jetzt geschehen, womit wird das enden?
Plötzlich richtete sie sich auf, trat an den Tisch, und während sie mich mit dem Ausdruck unendlichen Hasses anblickte und ihre Lippen vor Bosheit zuckten, sagte sie: „Also gib mir jetzt meine fünfzigtausend Franken!"
„Polina, wie redest du wieder!" begann ich.
„Hast dir's wohl anders überlegt? Hahaha! Ist's dir leid darum?"
Die fünfundzwanzigtausend Gulden hatte ich schon am Abend abgezählt, sie lagen auf dem Tisch. Ich nahm sie und reichte sie ihr.
„Sie gehören doch nun mir? Ja? Ja?" fragte sie boshaft, das Geld in der Hand.
„Sie sind immer dein gewesen", sagte ich.
„Also, hier hast du deine fünfzigtausend Franken!" Sie holte aus und schleuderte sie auf mich. Das Päckchen traf schmerzhaft mein Gesicht, dann flatterten die Scheine auf den Fußboden. Da Polina das vollbracht hatte, rannte sie aus dem Zimmer.
Ich weiß, sie war natürlich in dieser Minute nicht recht bei Sinnen, obschon ich mir die augenblickliche Verwirrtheit nicht erklären kann. Freilich, sie ist noch heute, einen Monat danach, krank. Was jedoch war die Ursache dieses Zustands und vor allem dieses Ausfalls? Gekränkter Stolz? Verzweiflung darüber, daß sie sich entschlossen hatte, sogar zu mir zu kommen? Habe ich mich vielleicht so verhalten, daß sie meinte, ich brüstete mich mit meinem Glück und wollte sie in Wirklichkeit genauso loswerden wie Des Grieux, indem ich ihr fünfzigtausend Franken schenkte? So war es aber gar nicht, ich weiß es, auf Ehre und Gewissen. Ich glaube, schuld war zum Teil auch ihr Hochmut. Der Hochmut gebot ihr, mir zu mißtrauen und mich zu kränken, obgleich das alles vielleicht auch ihr selber nicht klar vor Augen stand. In diesem Falle mußte ich natürlich für Des Grieux büßen und stand vielleicht ohne große Schuld als Schuldiger da. Es trifft zu, daß alles nur Fieberwahn war; doch es trifft auch zu, daß ich wußte, daß sie im Fieberwahn war, und ... daß ich darauf keine Rücksicht nahm. Vielleicht konnte sie mir das jetzt nicht verzeihen? Gut, so verhielt sich's jetzt, wie aber gestern, gestern? So stark konnten ihr Fieberwahn und ihre Krankheit nicht sein, daß sie schon ganz vergessen hätte, was sie tat, als sie mit Des Grieux' Brief zu mir ging? Nein, sie wußte, was sie tat.
Schlecht und recht stopfte ich all meine Banknoten und meinen ganzen Haufen Goldmünzen ins Bett, deckte es zu und verließ zehn Minuten nach Polina den Raum. Ich war überzeugt, daß sie in ihr Zimmer gelaufen war, und ich wollte sacht ins Appartement des Generals schauen und mich im Vorzimmer bei der Kinderfrau nach dem Befinden des Fräuleins erkundigen. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich eben von der Kinderfrau, die mir auf der Treppe begegnete, erfuhr, daß Polina nicht in ihr Zimmer zurückgekehrt sei und daß die Kinderfrau selber zu mir unterwegs war, nach ihr zu fragen.
„Vor wenigen Minuten erst", sagte ich ihr, „ist sie von mir weggegangen, vor zehn Minuten. Wo mag sie geblieben sein?"
Die Kinderfrau sah mich vorwurfsvoll an.
Inzwischen hatte man eine ganze Geschichte gedichtet, und die lief schon im Hotel um. Beim Portier und beim Empfangschef wurde geflüstert, das Fräulein sei am Morgen um sechs Uhr aus dem Hotel gerannt, im Regen, und habe sich in der Richtung des Hotels d'Angleterre entfernt. Sie wußten schon - das schloß ich aus ihren Worten und Andeutungen -, daß sie die ganze Nacht in meinem Zimmer verbracht hatte. Übrigens bezog die Geschichte die ganze Generalsfamilie ein; es wurde bekannt, daß der General am Vortag den Verstand verloren hatte und nun das ganze Hotel mit seinem Weinen erfüllte. Dabei wurde erwähnt, daß die her beigereiste Babuschka seine Mutter war, die sich eigens aus dem fernen Rußland hierherbegeben hatte, um ihrem Sohn die Ehe mit Mademoiselle de Cominges zu verbieten und ihn im Falle des Ungehorsams zu enterben; da er sich tatsächlich nicht fügen wollte, hatte die Gräfin absichtlich und vor seinen Augen all ihr Geld beim Roulett verspielt, so daß ihm nichts mehr blieb. „Diese Russen!" wiederholte der Empfangschef immer wieder und wiegte das Haupt. Die andern lachten. Der Empfangschef schrieb Rechnungen aus. Von meinem Spielgewinn wußte man schon; Karl, mein Etagenkellner, gratulierte mir als erster. Mir lag nichts daran. Ich stürzte davon, zum Hotel d'Angleterre.
Es war noch zu früh; Mister Astley empfing niemand. Als er erfahren hatte, daß ich es sei, kam er auf den Korridor heraus und stellte sich vor mich hin, stumm seinen zinnernen Blick auf mich richtend und darauf wartend, was ich sagen würde. Ich fragte ohne Umschweife nach Polina.
„Sie ist krank", antwortete Mister Astley und sah mich weiter bohrend und unverwandt an.
„Sie ist also wirklich bei Ihnen?"
„Jawohl."
„Und wie ... Und Sie sind gesonnen, sie bei sich zu behalten?"
„Das bin ich."
„Mister Astley, das schafft einen Skandal, das ist unmöglich. Außerdem ist sie ernsthaft krank; das haben Sie vielleicht nicht bemerkt?"
„Doch, ich habe es bemerkt und es Ihnen gesagt, daß sie krank ist. Wäre sie nicht krank, hätte sie die Nacht nicht bei Ihnen verbracht."
„Das wissen Sie auch?"
„Jawohl. Sie ist gestern hierhergekommen, und ich hätte sie zu einer Verwandten gebracht; doch da sie krank war, beging sie den Fehler, zu Ihnen zu gehen."
„Na, so etwas! Da gratulier ich Ihnen, Mister Astley. Übrigens bringen Sie mich auf einen Gedanken: Haben Sie nicht die ganze Nacht bei uns unterm Fenster gestanden? Miss Polina wollte mich in der Nacht immerfort dazu bringen, das Fenster zu öffnen und nachzusehen, ob Sie nicht unten stünden. Und sie hat schrecklich gelacht."
„Wirklich? Nein, ich habe nicht dort gestanden; aber ich habe auf dem Korridor gewartet und bin um das Haus herumgegangen."
„Sie muß aber in ärztliche Obhut, Mister Astley."
„Oh, ich habe schon nach dem Doktor geschickt, und wenn sie stirbt, werden Sie mir für ihren Tod büßen."
Das verblüffte mich.
„Ich bitte Sie, Mister Astley, worauf soll das hinaus?"
„Trifft es zu, daß Sie gestern zweihunderttausend Taler gewonnen haben?"
„Im ganzen nur hunderttausend Gulden."
„Na, sehen Sie! Also reisen Sie heute morgen ab nach Paris."
„Wozu?"
„Alle Russen, die Geld haben, fahren nach Paris", erklärte Mister Astley mit Stimme und Ton eines Menschen, der aus einem Buch vorliest.
„Was soll ich jetzt, im Sommer, in Paris tun? Ich liebe sie, Mister Astley! Sie wissen es selbst."
„Wirklich? Ich bin überzeugt, Sie lieben sie nicht. Überdies werden Sie, wenn Sie hierbleiben, wohl alles verspielen, und dann haben Sie nicht die Mittel, nach Paris zu fahren. Doch leben Sie wohl, ich bin völlig überzeugt, daß Sie heute nach Paris aufbrechen."
„Gut, leben Sie wohl, nur - nach Paris fahre ich nicht. Bedenken Sie, Mister Astley, was jetzt bei uns los sein wird. Kurz, der General. . . und jetzt die Sache mit Miss Polina - das wird in der ganzen Stadt herumgetragen."
„Ja, in der ganzen Stadt. Den General indessen, denke ich, wird es nicht kümmern; er hat andere Sorgen. Zudem hat Miss Polina das Recht, zu leben, wie es ihr gefällt. Was nun diese Familie anbelangt, so kann man zutreffend sagen, daß sie nicht mehr vorhanden ist."
Ich ging und amüsierte mich über die sonderbare Gewißheit dieses Engländers, daß ich nach Paris führe. Er will mich aber im Duell erschießen, dachte ich, wenn Mademoiselle Polina stirbt - na, eine schöne Neuigkeit! Ich schwöre, Polina tat mir leid, doch seltsam, von der Minute an, da ich gestern abend den Spieltisch berührt und die Geldhaufen einzustreichen begonnen hatte, war meine Liebe gleichsam in den Hintergrund gerückt. Das sage ich jetzt; auf dem Rückweg von Mister Astley aber durchschaute ich das noch nicht. Bin ich wirklich ein Spieler, habe ich Polina wirklich ... so sonderbar geliebt? Nein, ich liebe sie bis heute, Gott weiß es! Doch als ich von Mister Astley in mein Hotel ging, litt ich aufrichtig und gab mir Schuld. Aber . .. aber da geschah mit mir etwas ganz Seltsames, eine dumme Geschichte.
Ich eilte zum General, da öffnete sich plötzlich nicht weit vor seinem Logis eine Tür, und jemand rief mich. Es war Madame veuve Cominges, und sie rief mich auf Geheiß von Mademoiselle Blanche. Ich trat in Mademoiselle Blanches Appartement.
Es war nicht groß, bestand aus zwei Zimmern. Ich hörte Mademoiselle Blanche im Schlafzimmer lachen und etwas rufen. Sie war dabei aufzustehen.
„A, c'est lui!! Viens donc, bêta! Stimmt es, que tu as gagné une montagne d'or et d'argent? J'aimerais mieux l'or."
„Es stimmt", erwiderte ich lachend.
„Wieviel?"
„Hunderttausend Gulden."
„Bibi, comme tu es bête. Komm doch herüber, ich verstehe nichts. Nous ferons bombance, n'est-ce pas?"
Ich ging zu ihr. Sie rekelte sich unter einer rosafarbenen Atlasdecke, und hervor blickten bräunliche, gesunde, wunderbare Schultern - Schultern, von denen man sonst nur träumt -, kaum verhüllt von einem batistenen Nachthemd, dessen Saum von schneeweißer Spitze aufs vorzüglichste zu ihrem bräunlichen Teint paßte.
„Mon fils, as-tu du cœur?" rief sie, da sie mich er blickte, und brach in Lachen aus. Sie lachte immer sehr fröhlich und manchmal sogar ehrlich.
„Tout autre . . .", begann ich, Corneille paraphrasierend.
„Siehst du, vois-tu", plapperte sie los, „erstens, hol mir die Strümpfe her, hilf mir, sie anzuziehn, und zweitens, si tu n'es pas trop bête, je te prends à Paris. Du weißt, ich fahre sogleich."
„Sogleich?"
„In einer halben Stunde."
Es war tatsächlich alles gepackt. Alle Koffer und ihre übrigen Sachen standen bereit. Der Kaffee war schon serviert.
„Eh bien! Willst du, tu verras Paris. Dis donc qu'est-ce que c'est qu'un outchitel? Tu étais bien bête, quand tu étais outchitel. Wo sind nun meine Strümpfe? Zieh sie mir an, na los!"
Sie schob in der Tat das reizendste Füßchen hervor, bräunlich, klein, nicht verunstaltet wie fast alle Füßchen, die in Stiefelchen so hübsch aussehen. Ich lachte und begann ihr den seidenen Strumpf anzuziehen. Mademoiselle Blanche saß unterdessen aufgerichtet im Bett und plapperte.
„Eh bien, que feras-tu, si je te prends avec? Erstens, je veux cinquante mille francs. Du wirst sie mir in Frankfurt geben. Nous allons à Paris; dort leben wir miteinander, et je te ferai voir des étoiles en plein jour. Du wirst Frauen zu sehen kriegen, wie du sie nie vor Augen hattest. Höre . . ."
„Halt, also ich geb dir fünfzigtausend Franken, und was bleibt dann mir?"
„Et cent cinquante mille francs, die hast du vergessen; überdies bin ich bereit, ein, zwei Monate, que sais-je, in deiner Wohnung zu leben! Natürlich verbrauchen wir in den beiden Monaten diese hundertfünfzigtausend Franken. Siehst du, je suis bonne enfant, ich sag's dir im voraus, mais tu verras des étoiles."
„Wie, alles in zwei Monaten?"
„Na ja! Das erschreckt dich? Ah, vil esclave! Weißt du denn, daß ein Monat dieses Lebens mehr wert ist als deine ganze Existenz? Ein Monat - et après le déluge! Mais tu ne peux comprendre, va! Fort, fort, du bist das nicht wert! He, que fais-tu?"
Ich hatte mich, während ich ihr den zweiten Strumpf anzog, nicht enthalten können, ihr das Füßchen zu küssen. Sie riß es zurück und stieß mich ein paarmal mit den Zehen ins Gesicht. Schließlich schickte sie mich ganz fort. „Eh bien, mon outchitel, je t'attends, si tu veux; in einer Viertelstunde fahre ich!" rief sie mir nach.
Während ich zu meinem Zimmer ging, war mir ganz taumelig. Schließlich war ich nicht schuld daran, daß Mademoiselle Polina mir ein ganzes Geldpaket ins Gesicht geschleudert und mir schon am Abend den Mister Astley vorgezogen hatte. Ein paar der Geldscheine, die auseinandergeflattert waren, lagen noch auf dem Bußboden herum; ich hob sie auf. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und es erschien der Empfangschef selbst (der mich vorher einfach übersehen hatte); er fragte mich, ob es mir nicht genehm sei, umzuziehen, in eine tiefere Etage, in das vorzügliche Appartement, das eben noch Graf W. bewohnt hatte.
Ich stand und überlegte kurz.
„Die Rechnung!" rief ich. „Ich reise sogleich ab, in zehn Minuten." Also doch nach Paris, sagte ich mir. Es ist mir wohl so bestimmt.
Eine Viertelstunde später saßen wir tatsächlich zu dritt in einem Familienabteil: ich, Mademoiselle Blanche und Madame veuve Cominges. Mademoiselle Blanche lachte lauthals, während sie auf mich blickte; es war wie Tollheit. Veuve Cominges stimmte ein. Daß mir fröhlich zumute gewesen wäre, kann ich nicht sagen. Mein Leben brach hier in zwei Stücke, doch seit dem gestrigen Tag war ich gewohnt, alles auf eine Karte zu setzen. Es mag ja wirklich stimmen, daß ich mit dem Besitz des Geldes nicht fertig wurde und daß mir deshalb schwindelte. Peutêtre, je ne demandais pas mieux. Mir schien es, als würden für einige Zeit - nur für einige Zeit - die Dekorationen gewechselt. In einem Monat aber werde ich hier sein, und dann . . . und dann treten wir gegeneinander an, Mister Astley! Nein, wie ich mich jetzt erinnere, war mir auch auf dieser Fahrt furchtbar traurig zumute, obgleich ich mit Blanche, dieser Närrin, um die Wette lachte.
„Na, du bist mir einer! Wie dumm du bist! Wie dumm!" rief Blanche immer wieder, ihr Gelächter unterbrechend, und sie ging daran, mich ernsthaft zu schelten. „Nun ja, nun ja, ja, wir bringen deine zweihunderttausend Franken durch, doch dafür. . . mais tu seras heureux, comme un petit roi. Ich werde dir selber die Krawatte binden und dich mit Hortense bekannt machen. Und wenn wir all unser Geld aufgebraucht haben, fährst du hierher und sprengst wieder die Bank. Was haben die Juden zu dir gesagt: Auf die Kühnheit kommt's an. Und die hast du, und du wirst mir noch mehr als einmal Geld nach Paris bringen. Quant à moi, je veux cinquante mille francs de rente et alors ..."
„Und der General?"
„Der General, du weißt es selber, geht jeden Tag um diese Zeit einen Blumenstrauß für mich kaufen. Diesmal habe ich ihn mit Bedacht geheißen, besonders seltene Blumen zu finden. Der Ärmste - er kommt zurück, und das Vögelchen ist ausgeflogen. Er wird uns nachfliegen, du wirst sehen. Hahaha! Ich werde mich sehr freuen. In Paris kommt er mir ganz zupaß; hier wird Mister Astley für ihn zahlen."
So geschah es, daß ich denn doch nach Paris fuhr.
Kapitel XVI
Was soll ich von Paris sagen? Alles war natürlich sowohl Fieberwahn als auch Narrheit. Ich lebte in Paris nur wenig mehr als drei Wochen, und in dieser Zeit wurden
meine hunderttausend Franken bis zum letzten aufgezehrt. Ich spreche nur von hunderttausend; die übrigen hunderttausend hatte ich Mademoiselle Blanche in ba-rem Geld gegeben - fünfzigtausend waren es in Frankfurt; drei Tage später, in Paris, unterschrieb ich ihr einen Wechsel über fünfzigtausend, und für den ließ sie sich schon nach einer Woche das bare Geld von mir geben, „et les cent mille francs, qui nous restent, tu les mangeras avec moi, mon outchitel". Sie nannte mich ständig den outchitel, den Lehrer. Schwerlich kann man sich auf der Erde etwas Berechnenderes, Geizigeres, Knausrigeres vorstellen als die Sorte Menschen, zu der Mademoiselle Blanche gehörte. Das bezog sich auf ihr eigenes Geld. Was dagegen meine hunderttausend Franken betraf, so erklärte sie mir später freimütig, sie habe sie von Anfang an ins Auge gefaßt für ihre erste Einrichtung in Paris. „Damit habe ich mich ein für allemal auf großen Fuß gestellt, und jetzt kriegt mich so bald keiner herunter; jedenfalls habe ich meine Vorkehrungen getroffen", fügte sie hinzu. Diese hunderttausend kriegte ich kaum zu sehen; das Geld wurde die ganze Zeit von ihr verwahrt; in meinem Beutel, den sie selber Tag für Tag inspizierte, fanden sich nie mehr als hundert Franken, fast immer aber weniger.
„Wozu brauchst du Geld?" sagte sie zuweilen mit dem treuherzigsten Ausdruck, und ich widersprach ihr nicht. Dafür richtete sie für dieses Geld ihre Wohnung keineswegs übel ein, und als sie mir am Einzugstag die Räume zeigte, sagte sie: „Da siehst du, was man mit den armseligsten Mitteln anfangen kann, wenn man Geschmack hat und zu rechnen versteht." Diese Armseligkeit hatte freilich genau fünfzigtausend Franken gekostet. Für die übrigen fünfzigtausend schaffte sie Wagen und Pferde an; außerdem gaben wir zwei Bälle, das heißt zwei Abendgesellschaften, zu denen sich auch Hortense und Lisette und Cléopâtre einfanden - Frauen, die in mancherlei Hinsicht bemerkenswert waren und ganz und gar nicht häßlich. Auf den beiden Abendgesellschaften war meine hunderttausend Franken bis zum letzten aufgezehrt. Ich spreche nur von hunderttausend; die übrigen hunderttausend hatte ich Mademoiselle Blanche in barem Geld gegeben - fünfzigtausend waren es in Frankfurt; drei Tage später, in Paris, unterschrieb ich ihr einen Wechsel über fünfzigtausend, und für den ließ sie sich schon nach einer Woche das bare Geld von mir geben, „et les cent mille francs, qui nous restent, tu les mangeras avec moi, mon outchitel". Sie nannte mich ständig den outchitel, den Lehrer. Schwerlich kann man sich auf der Erde etwas Berechnenderes, Geizigeres, Knausrigeres vorstellen als die Sorte Menschen, zu der Mademoiselle Blanche gehörte. Das bezog sich auf ihr eigenes Geld. Was dagegen meine hunderttausend Franken betraf, so erklärte sie mir später freimütig, sie habe sie von Anfang an ins Auge gefaßt für ihre erste Einrichtung in Paris. „Damit habe ich mich ein für allemal auf großen Fuß gestellt, und jetzt kriegt mich so bald keiner herunter; jedenfalls habe ich meine Vorkehrungen getroffen", fügte sie hinzu. Diese hunderttausend kriegte ich kaum zu sehen; das Geld wurde die ganze Zeit von ihr verwahrt; in meinem Beutel, den sie selber Tag für Tag inspizierte, fanden sich nie mehr als hundert Franken, fast immer aber weniger.
„Wozu brauchst du Geld?" sagte sie zuweilen mit dem treuherzigsten Ausdruck, und ich widersprach ihr nicht. Dafür richtete sie für dieses Geld ihre Wohnung keineswegs übel ein, und als sie mir am Einzugstag die Räume zeigte, sagte sie: „Da siehst du, was man mit den armseligsten Mitteln anfangen kann, wenn man Geschmack hat und zu rechnen versteht." Diese Armseligkeit hatte freilich genau fünfzigtausend Franken gekostet. Für die übrigen fünfzigtausend schaffte sie Wagen und Pferde an; außerdem gaben wir zwei Bälle, das heißt zwei Abendgesellschaften, zu denen sich auch Hortense und Lisette und Cléopâtre einfanden - Frauen, die in mancherlei Hinsicht bemerkenswert waren und ganz und gar nicht häßlich. Auf den beiden Abendgesellschaften war ich gezwungen, die widerliche Rolle des Hausherrn zu spielen, die Gäste zu begrüßen und zu unterhalten: stumpfsinnige und reich gewordene Kaufleute, Krämerseelen, schwer zu ertragen in ihrer Dummheit und Schamlosigkeit, mancherlei Leutnantsvolk und erbärmliche Dichterlinge und Journalfinken, die im modischen Frack erschienen, in strohfarbenen Handschuhen und deren Eitelkeit und Dünkel ein Maß erreichten, wie es nicht einmal bei uns in Petersburg vorstellbar wäre -und das will etwas heißen. Sie ließen es sich sogar einfal-len, über mich zu lachen, aber ich trank gehörig Champagner und streckte mich im hintersten Zimmer aus. All das war mir im höchsten Grad zuwider. „C'est un out-chitel", sagte Blanche immer wieder erklärend über mich, „il a gagné deux cent mille francs, und ohne mich wüßte er nichts mit ihnen anzufangen. Später wird er wieder eine Lehrerstelle annehmen. Weiß jemand eine für ihn? Man muß doch etwas für ihn tun." Dem Champagner sprach ich immer öfter zu, weil mir ohne Unterlaß sehr traurig zumute war und ich mich unendlich langweilte. Ich lebte in einem Kreis, wo man sich bis ins letzte krämerhaft, bis ins letzte als Bourgeois verhielt; jeder Sou wurde dreimal umgedreht, ehe man ihn ausgab. In den ersten beiden Wochen mochte mich Blanche gar nicht, das bemerkte ich wohl. Nun ja, sie kleidete mich stutzerhaft und band mir selber jeden Tag die Krawatte, doch tief in der Seele verachtete sie mich. Es kümmerte mich überhaupt nicht. Gelangweilt und trübsinnig, fing ich an, das Château des Fleurs aufzusuchen; dort betrank ich mich regelmäßig, Abend für Abend, und ich erlernte den Cancan (den man dort widerlich tanzte; später wurde ich auf diesem Gebiet sogar berühmt). Endlich sah mich Blanche doch im rechten Licht - sie hatte sich anfangs vorgestellt, ich würde in der ganzen Zeit unseres Zusammenlebens mit Bleistift und Papier hinter ihr hergehen und alles zusammenzählen: wieviel sie ausge-geben und mir gestohlen hätte und wieviel sie noch auszugeben und mir zu stehlen gedächte. Und natürlich war sie davon überzeugt, daß wir uns wegen jeder zehn Franken Schlachten liefern würden. Auf jeden Angriff, den sie von meiner Seite vorher sicher gewärtigte, hatte sie die Erwiderung gut vorbereitet. Da sie mich nun überhaupt nicht angreifen sah, setzte sie zunächst auch ohne dies die Erwiderung in Gang. Es geschah, daß sie hitzig, hitzig auf mich losredete, aber da sie mich schweigen sah - meist lag ich faul auf dem Sofa und blickte unbewegt zur Decke -, wunderte sie sich endlich doch. Anfangs meinte sie, ich sei einfach dumm, „un outchitel", und brach kurzerhand ihre Erklärungen ab; sie dachte dann wohl: Er ist ja dumm; wozu ihn erst drauf bringen, da er von sich aus nicht dran denkt. Darauf ging sie wohl weg, kehrte jedoch nach zehn Minuten zurück (das ereignete sich in den Tagen ihrer verrücktesten Ausgaben, die unseren Mitteln überhaupt nicht angemessen waren - sie hatte zum Beispiel die Pferde weggegeben und für sechzehntausend Franken ein neues Paar gekauft).
Sie trat dann zu mir. „Also, Bibi, du bist mir nicht böse?"
„Aber nein! Laß mich damit in Ruhe!" sagte ich, sie mit der Hand abwehrend.
Dies aber erregte ihre Neugier so sehr, daß sie sich sogleich neben mich setzte. „Wenn ich mich entschlossen habe, so viel zu bezahlen, dann deshalb, weil es eine günstige Gelegenheit war. Man kann sie für zwanzigtausend wieder verkaufen."
„Das glaub ich ja; es sind wundervolle Pferde; du fährst nun prächtig aus; das ist gut für dich; genug."
„Also bist du mir nicht böse?"
„Warum? Du handelst klug, daß du dir einiges zulegst, was du brauchst. All das wird dir später nützen. Ich sehe, du mußt dich tatsächlich auf großen Fuß bringen, sonst kommst du nie zu der Million. Da sind unsere hunderttausend nur der Anfang, ein Tropfen im Meer."
Blanche, die von mir alles andere (jedenfalls Geschrei und Vorwürfe) erwartet hatte, nur nicht solche Gedanken, fiel aus allen Wolken.
„Also nein ... so einer bist du! Mais tu as de l'esprit pour comprendre! Saistu, mon garçon, du bist zwar ein Lehrer, aber du hättest als Prinz auf die Welt kommen sollen! Es tut dir also nicht leid, daß unser Geld so schnell davongeht?"
„Mag es doch, so schnell, wie's will!"
„Mais . . . sais-tu . . . mais dis donc, bist du denn reich? Mais sais-tu, du verachtest das Geld schon allzusehr. Qu'est-ce que tu feras après, dis donc?"
„Après fahre ich nach Homburg und gewinne wieder hunderttausend Franken."
„Oui, oui, c'est ça, c'est magnifique! Und ich weiß, du wirst unbedingt gewinnen und das Geld herbringen. Dis donc, du schaffst es noch, daß ich dich wirklich liebgewinne! Eh bien, dafür, daß du so bist, werde ich dich diese ganze Zeit lieben und dir kein einziges Mal untreu sein. Siehst du, ich habe dich zwar jetzt nicht geliebt, parce que je croyais, que tu n'es qu'un outchitel (quelque chose comme un laquais, n'est-ce pas?), und trotzdem war ich dir treu, parce que je suis bonne fille."
„Na, da schwindelst du! Hab ich dich nicht voriges Mal mit dem Albert gesehen, dem brünetten Kerl, dem Offizier?"
„Oh, oh, mais tu es . . ."
„Also Schwindel, Schwindel. Aber du meinst wohl, ich war dir böse? Ich pfeif drauf; il faut que jeunesse se passe. Du kannst ihn ja nicht fortjagen, wo er doch vor mir da war und du ihn liebst. Nur - gib ihm kein Geld, hörst du?"
„Also auch das nimmst du mir nicht übel? Mais tu es un vrai philosophe, sais-tu? Un vrai philosophe!" rief sie entzückt. „Eh bien, je t'aimerai, je t'aimerai - tu verras, tu seras content!"
Und tatsächlich, von da an war sie mir anscheinend wirklich zugetan, hing sogar freundschaftlich an mir, und so vergingen unsere letzten zehn Tage. Die versprodienen „Sterne" bekam ich nicht zu sehen; aber in gewisser Beziehung hielt sie wirklich ihr Wort. Überdies machte sie mich mit Hortense bekannt, einer in ihrer Art überaus bemerkenswerten Frau; in unserem Kreis wurde sie Thérèse-philosophe genannt. . .
Übrigens mag ich mich jetzt nicht darüber verbreiten; all das könnte eine Geschichte für sich abgeben, mit einem eigenen Kolorit, das ich in diese hier nicht hineinbringen möchte. Jedenfalls wünschte ich mir sehnlich, daß dies recht schnell zu Ende gehe. Doch unsere hunderttausend Franken reichten, wie ich schon gesagt habe, fast einen Monat, worüber ich mich aufrichtig wunderte; denn für wenigstens achtzigtausend kaufte Blanche Sachen für sich, und zum Leben verbrauchten wir bestimmt nicht mehr als zwanzigtausend Franken -das reichte also wirklich. Blanche, die sich am Ende fast offen zu mir verhielt (wenigstens in manchen Dingen mich nicht belog), bekannte, daß ich immerhin nicht für Schulden einzustehen hätte, die sie zu machen genötigt war. „Ich habe dich keine Rechnungen und keine Wechsel unterschreiben lassen", sagte sie zu mir, „weil ich dich verschonen will. Eine andere hätte das unbedingt getan und dich ins Schuldgefängnis gebracht. Siehst du, siehst du, wie ich dich liebe und wie gut ich bin! Was mich allein diese verteufelte Hochzeit kosten wird!"
Uns stand tatsächlich eine Hochzeit bevor. Sie fiel schon auf einen der letzten Tage unseres Monats, und es ist zu vermuten, daß auf sie der Bodensatz meiner hun-derttausend Franken verwendet werden sollte. Damit würde die Sache dann zu Ende sein, das heißt, unser Monat wäre vorbei, und ich erhielte in aller Form den Abschied.
Es kam so: Eine Woche nachdem wir uns in Paris eingerichtet hatten, fand sich der General ein. Er fuhr geradenwegs zu Blanche, und von seinem ersten Besuch an verließ er uns kaum noch. Dabei hatte er irgendwo eine eigene kleine Wohnung. Blanche empfing ihn mit Freudenschreien und lautem Lachen; sie lief ihm sogar ent gegen, ihn zu umarmen. Es kam so weit, daß sie selber ihn drängte zu bleiben, und überallhin mußte er sie begleiten: auf den Boulevard, auf Spazierfahrten, ins Theater, bei Besuchen. Dazu war der General noch zu gebrauchen; er wirkte stattlich und vornehm, war von Gestalt beinahe groß, trug Backenbart und gewaltigen Schnurrbart, beide gefärbt (er hatte bei den Kürassieren gedient), und sein Gesicht war ansehnlich, wenn auch ein wenig gedunsen. Er war ein Mann von vorzüglichen Manieren, und im Frack nahm er sich sehr gut aus. In Paris fing er auch an, seine Orden zu tragen. Mit so einem auf dem Boulevard zu promenieren war nicht nur möglich, sondern, wenn man so sagen darf, geradezu eine Empfehlung. Der gutmütige und närrische General zeigte sich mit alledem höchst zufrieden; er hatte mit ganz anderem gerechnet, als er sich nach seiner Ankunft in Paris bei uns einstellte. Da zitterte er beinahe vor Angst; er meinte, Blanche werde ein Geschrei erheben und ihn fortjagen lassen; deshalb geriet er angesichts solcher Wendung der Dinge in helles Entzücken und verbrachte diesen ganzen Monat in einem Zustand närrischer Seligkeit; in ihm befand er sich noch, als ich abreiste. Erst an dem hiesigen Ort erfuhr ich im einzelnen, daß er damals nach unserem plötzlichen Weggang von Roulettenburg, noch an jenem Vormittag, eine Art Anfall erlitten hatte. Er war bewußtlos niedergestürzt und dann eine ganze Woche wie von Sinnen gewesen und hatte verrücktes Zeug geredet. Man behandelte ihn, doch mit einemmal ließ er alles liegen, stieg in die Eisenbahn und fuhr nach Paris. Es versteht sich, daß der Empfang, den ihm Blanche bereitete, für ihn die beste Arznei war; Anzeichen von Krankheit blieben indessen noch lange, ungeachtet all der Wonne, die ihn erfüllte. Klar nachzudenken oder auch nur ein einigermaßen ernsthaftes Gespräch zu führen, war er ganz außerstande; ergab sich der Fall, daß er es hätte tun müssen, so murmelte er nur zu jedem Wort ein „Hm!" und nickte; so bestritt er seinen Anteil. Oft lachte er, doch es war ein nervöses, krankhaftes Lachen; es schüttelte ihn gleichsam von innen. Dann wieder saß er stundenlang finster wie die Nacht, die dichten Brauen runzelnd. Etliches verschwand einfach aus seinem Gedächtnis; seine Zerstreutheit wurde ganz schlimm, und er gewöhnte sich an, mit sich selber zu reden. Einzig Blanche konnte ihn aufmuntern, und wenn die mürrische, düstere Stimmung über ihn kam und er sich in eine Ecke verkroch, so hatte das seinen Grund eben nur darin, daß er Blanche lange nicht gesehen hatte oder daß Blanche weggefahren war und ihn nicht mitgenommen hatte oder daß sie ihm vorm Wegfahren keine Liebkosung geschenkt hatte. Dabei hätte er selber nicht sagen können, was er eigentlich wünschte, und er wußte selber nicht, daß er traurig und verdüstert war. Hatte er eine oder zwei Stunden in der Ecke gesessen (das beobachtete ich zweimal, als Blanche jeweils für einen ganzen Tag weggefahren war, wohl zu Albert), so wendete er plötzlich den Kopf hierhin und dahin, geriet in Aufregung, schaute um sich, er schien sich auf etwas besinnen, nach etwas fragen zu wollen, jemand zu suchen; da er aber keinen sah und da ihm nicht einfiel, was er zu fragen hätte, versank er wieder in sein Dahinbrüten, bis endlich Blanche erschien, heiter, mutwillig, herausgeputzt, mit ihrem tönenden Lachen; sie lief auf ihn zu, neckte ihn und küßte ihn wohl gar, womit sie ihn freilich recht selten bedachte. Einmal freute sich der General so sehr über sie, daß er in Tränen ausbrach - ich sah es mit Verwunderung.
Sofort nachdem er bei uns erschienen war, machte sich Blanche vor mir zu seinem Anwalt. Sie verstieg sich sogar zur schönen Beredsamkeit; sie erinnerte mich daran, daß sie dem General meinetwegen untreu geworden sei; sie sei ja beinahe schon seine Braut gewesen, habe ihm ihr Wort gegeben; ihretwegen sei es zum Bruch mit der Familie gekommen, ich hätte schließlich in seinem Dienst gestanden, das solle ich im Gefühl behalten, und ich solle mich schämen . . . Ich blieb stumm, und sie plapperte und plapperte. Schließlich lachte ich laut, und damit war es dann abgetan; das heißt, in der ersten Zeit dachte sie ja, ich sei ein Dummkopf, doch später blieb sie bei dem Gedanken, daß ich ein sehr guter, ein rechter Mensch sei. Kurz, ich hatte das Glück, zum Ende hin entschieden das volle Wohlwollen dieser würdigen Jungfrau zu verdienen. (Blanche war übrigens wirklich ein durch und durch gutes Mädchen - in ihrer Art, versteht sich; ich hatte sie anfangs falsch eingeschätzt.) „Du bist ein gescheiter und guter Mensch", sagte sie manchmal zu mir, gegen das Ende hin. „Und . .. und ... es ist nur schade, daß du so ein dummer Kerl bist! Nie, nie wirst du zu etwas kommen!"
„Un vrai russe, un calmouk!" Etliche Male schickte sie mich aus, den General spazierenzuführen, haargenau wie den Lakaien mit ihrem Windspiel. Ich führte ihn übrigens auch ins Theater, ins Bal-Mabille, in Restaurants. Dafür rückte Blanche sogar Geld heraus, obgleich der General eigenes hatte und sehr gern öffentlich die Brieftasche zog. Einmal mußte ich beinahe Gewalt anwenden, um ihn daran zu hindern, daß er für siebenhundert Franken eine Brosche kaufte; er hatte im Palais-Royal großes Gefallen an ihr gefunden und wollte sie unbedingt Blanche schenken. Was sollte sie mit einer Brosche für siebenhundert Franken? Der General wiederum besaß im ganzen nicht mehr als tausend. Ich habe nie erfahren können, woher er das Geld hatte. Ich vermute, von Mister Astley, zumal da dieser auch die ganze Hotelrechnung bezahlt hatte. Was nun die Ansicht des Generals von der Rolle betrifft, die ich spielte, so scheint mir, daß er von meiner Beziehung zu Blanche nichts ahnte. Er hatte wohl dunkel davon gehört, daß ich ein Kapital gewonnen hätte, vermutete aber am ehesten, daß ich bei Blanche etwas wie Privatsekretär oder vielleicht auch Diener sei. Wenigstens redete er mit mir so wie früher, immerfort von oben herab, wie ein Vorgesetzter, und unterfing sich manchmal sogar, mich herunterzuputzen. Einmal brachte er mich und Blanche schrecklich zum Lachen, bei uns, zum Morgenkaffee. An sich nahm er nicht so leicht etwas übel; hier aber fühlte er sich plötzlich von mir gekränkt - weshalb, das weiß ich bis heute nicht. Er wußte es natürlich selber nicht. Kurz, er redete ohne Anfang, ohne Ende, à bâtons-rompus, er schrie, ich sei ein unverschämter Kerl, er werde mich lehren . . . ich sollte es schon noch zu spüren kriegen . . . und so weiter, und so fort. Keiner konnte etwas davon begreifen. Blanche wollte sich ausschütten vor Lachen; schlecht und recht beruhigten wir ihn und führten ihn spazieren. Ich bemerkte übrigens viele Male, daß ihn Trauer überkam, daß ihm leid war um jemand und etwas, daß ihm jemand fehlte, selbst wenn Blanche zugegen war. In solchen Minuten suchte er selber das Gespräch mit mir, was im ganzen zweimal geschah, doch niemals erklärte er sich verständlich; er redete von seiner Dienstzeit, von der verstorbenen Frau, von seinen Gütern, von der Landwirtschaft. Zuweilen stieß er auf ein bestimmtes Wort, und dann freute er sich und wiederholte es hundertmal an diesem Tag, obgleich es überhaupt nicht seine Gefühle oder seine Gedanken ausdrückte. Ich lenkte das Gespräch auf seine Kinder; doch er wich, wie gewohnt, mit belanglosen Worten aus, um rasch zu einem anderen Gegenstand zu gelangen. „Jaja, die Kinder, Sie haben recht, die Kinder!" Ein einziges Mal ließ er erkennen, wie ihn ihr Geschick quälte - ich war mit ihm unterwegs ins Theater. „Die unglücklichen Kinder", sagte er da plötzlich. „Ja, mein Herr, es sind un-glück-li-che Kinder!" Und dann wiederholte er es an diesem Abend noch öfter: die unglücklichen Kinder! Als ich einmal die Rede auf Polina brachte, geriet er in Zorn. „Das ist ein undankbares Weib!" rief er. „Sie ist boshaft und undankbar! Sie hat Schande über die Familie gebracht! Gäbe es hier Gesetze, so würde ich ihren Starrsinn brechen! Jawohl!" Was Des Grieux betraf, so ertrug er nicht einmal die Nennung seines Namens. „Er hat mich ins Unglück gestürzt", sagte er, „er hat mich bestohlen, mir das Messer an die Kehle gesetzt. Zwei Jahre war er mein Quälgeist. Monatelang habe ich Nacht für Nacht von ihm geträumt! Das ... das, das . . . Oh, sprechen Sie mir nie von ihm!"
Ich sah, daß zwischen dem General und Blanche etwas in Gang kam, doch nach meiner Gewohnheit fragte ich nicht. Blanche erklärte es mir dann von selbst; das ge-schah genau eine Woche vor unserem Auseinandergehen.
„Il a de la chance", plapperte sie, „babouchka ist jetzt wirklich sehr krank, sie wird bestimmt sterben. Mister Astley hat ein Telegramm geschickt; trotz allem ist er ihr Erbe, meinst du nicht auch? Und selbst wenn er nicht erbt, ist es nicht weiter schlimm. Erstens hat er seine Pension, und zweitens wird er bei mir im Hinterzim-mer wohnen und vollkommen glücklich sein. Ich bin dann .madame la générale', ich steig in bessere Kreise auf" (davon träumte Blanche unaufhörlich). „Später werde ich russische Gutsbesitzerin sein, j'aurai un château, des moujiks, et puis j'aurai toujours mon million."
„Wenn er aber nun eifersüchtig wird und verlangt. . . daß Gott weiß was ... du verstehst schon?"
„O nein, non, non, non! Wie könnte er das wagen! Ich habe vorgesorgt. Ich habe ihn schon veranlaßt, ein paar Wechsel mit Alberts Namen zu unterschreiben. Sobald er aufmuckt, wird er sofort bestraft. Aber er wird's nicht wagen."
„Also heirate."
Die Hochzeit richtete man ohne besondere Feier aus, still im Familienkreis. Eingeladen wurden Albert und noch ein paar der guten Bekannten. Hortense, Cléopâtre und andere ihrer Art blieben entschieden ausgeschlossen. Der Bräutigam nahm seinen neuen Stand ungemein wichtig. Blanche band ihm selber die Krawatte, pomadisierte ihn selbst, und in seinem Frack mit weißer Weste sah er très comme il faut aus.
„Il est pourtant très comme il faut", erklärte mir Blanche, als sie aus dem Zimmer des Generals trat, gerade als hätte der Umstand, daß der General très comme il faut ist, sie selber überrascht. Ich kümmerte mich so wenig um die Einzelheiten, nahm an allem so ausgesprochen als müßiger Zuschauer teil, daß ich vieles von dem, was geschah, vergessen habe. Ich erinnere mich nur, daß sich Blanche keineswegs als ein Fräulein de Cominges erwies, wie auch ihre Mutter ganz und gar nicht veuve Cominges war, sondern daß sie du-Placet hießen. Warum sie beide sich bisher de Cominges genannt hatten, weiß ich nicht. Den General befriedigte auch dies sehr; du-Placet gefiel ihm sogar besser als de Cominges. Am Vormittag des Hochzeitstages spazierte er, schon im vollen Staat, lange im Salon auf und ab und wiederholte immerfort für sich, mit außerordentlich ernster und bedeutungsvoller Miene: „Mademoiselle Blanche du-Placet! Blanche du-Placet! Du-Placet! Jungfrau Blanka du-Placet!" Und große Zufriedenheit mit sich selber leuchtete auf seinem Gesicht. In der Kirche, beim Maire und zu Hause beim Imbiß war er nicht nur froh und zufrieden, sondern sogar stolz. Mit den beiden war etwas geschehen. Blanche begann geradezu den Ausdruck von Würde zu zeigen.
„Ich muß mich jetzt ganz anders benehmen", sagte sie mir völlig ernst. „Mais vois-tu, ich hatte eine äußerst mißliche Sache nicht bedacht: Stell dir vor, ich habe noch immer nicht meinen jetzigen Familiennamen gelernt: Sagorjanski, Sagosianski, madame la générale de Sago-Sago, ces diables des noms russes, enfin madame la générale à quatorze consonnes! Comme c'est agréable, n'est-ce pas?"
Schließlich gingen wir auseinander, und Blanche, diese dumme Blanche, weinte wahrhaftig ein wenig beim Abschied. „Tu étais bon enfant", sagte sie unter Tränen. „Je te croyais bête et tu en avais l'air, aber das steht dir." Und als sie mir schon zum letztenmal die Hand gedrückt hatte, rief sie plötzlich: „Attends!", rannte in ihr Boudoir und brachte mir eine Minute später zwei Tausendfrankennoten. Nie hätte ich so etwas geglaubt! „Du wirst es brauchen. Du bist vielleicht ein sehr gescheiter outchitel, aber du bist ein schrecklich dummer Mensch. Mehr als zweitausend geb ich dir um keinen Preis, weil du das Geld ja doch verspielst. Also, leb wohl! Nous serons toujours bons amis, und wenn du wieder gewonnen hast, komm unbedingt zu mir, et tu seras heureux!"
Ohnehin waren mir noch fünfhundert Franken verblieben; zudem besitze ich eine prächtige Uhr, die tausend Franken wert ist, Manschettenknöpfe mit Brillanten und einiges mehr, so daß ich noch lange auskomme, ohne mir Sorgen machen zu müssen. Ich habe mich absichtlich in diesem Städtchen niedergelassen, um mich zu sammeln und vor allem um auf Mister Astley zu warten. Ich habe aufs bestimmteste erfahren, daß er hier durchkommen und aus geschäftlichen Gründen einen Tag verweilen wird. Habe ich dann alles erfahren, so ... so geht's geradenwegs nach Homburg. Nach Roulettenburg gehe ich nicht, höchstens im nächsten Jahr. Wirklich, die Leute sagen, es verheiße nichts Gutes, wenn man sein Glück zweimal an ein und demselben Spieltisch versuchen will, und in Homburg gibt es ja das wahre Spiel.
Kapitel XVII
Ein Jahr und acht Monate lang habe ich nun nicht mehr in diese Aufzeichnungen geblickt; erst jetzt, aus Kummer und Wehmut auf Zerstreuung bedacht, bin ich darauf gekommen, sie noch einmal zu lesen. Damals schloß ich also mit dem Vorsatz, nach Homburg zu fahren. Mein Gott, mit welch vergleichsweise leichtem Herzen schrieb ich damals die letzten Zeilen! Das heißt nicht eigentlich mit leichtem Herzen, sondern mit welcher Selbstsicherheit, mit welchen unerschütterlichen Hoffnungen! Zweifelte ich auch nur im geringsten an mir? Und nun sind anderthalb Jahre und ein bißchen mehr vergangen, und ich bin, meine ich, schlimmer dran als ein Bettler! Ach, wär's nur das! Die Bettelarmut ließe sich ertragen. Ich habe mich einfach zugrunde gerichtet! Übrigens, Vergleiche hätten ja fast keinen Sinn, und sinnlos wär's auch, mir selber Moral zu predigen. Nichts wäre so abgeschmackt in solcher Zeit, als sich an der Elle der Moral zu messen! O die Selbstgefälligen, mit welchem Stolz der Selbstgefälligkeit warten diese Schwätzer mit ihren Sentenzen auf. Wüßten sie, in welchem Grade ich selber die ganze Widerlichkeit meines jetzigen Zu-stands begreife, so hielten sie die Zunge still, so stünden sie davon ab, mich zu belehren. Was können sie mir denn sagen, was ich nicht schon wüßte? Geht es denn darum? Nein, darum geht es: daß eine Drehung eines Rades alles verändern kann; diese selben Moralisten kommen dann (davon bin ich überzeugt) als erste, mir mit freundlichen Scherzen zu gratulieren. Keineswegs werden sie sich dann so von mir abwenden wie jetzt. Ich pfeif auf sie alle! Was bin ich jetzt? Zéro. Was kann ich morgen sein? Ich kann morgen von den Toten auferstehen und neu zu leben beginnen. Den Menschen kann ich in mir auffinden, solange er nicht zugrunde gegangen ist.
Ich fuhr damals tatsächlich nach Homburg, doch ... dann war ich auch wieder in Roulettenburg, ich war in Spa, sogar in Baden; dorthin geriet ich als Kammerdiener des Rats Hinze - ein widerlicher Kerl war das, mein Dienstherr an diesem Ort. Ja, auch als Lakai diente ich, volle fünf Monate. Das geschah gleich nach der Schuldhaft. (Ich saß nämlich auch im Gefängnis, in Roulettenburg, weil ich dort einmal Schulden gemacht hatte. Ein Unbekannter hat mich freigekauft. Wer war es? Mister Astley? Polina? Ich weiß nicht, jedenfalls wurden die Schulden bezahlt, im ganzen zweihundert Taler, und ich kam frei.) Wohin sollte ich? Ich trat bei dem Hinze in Dienst. Er war ein windiger junger Mensch, ein Faulenzer, ich aber kann in drei Sprachen sprechen und schreiben. Angefangen habe ich bei ihm als eine Art Sekretär, für dreißig Gulden im Monat; aber es endete in der bloßen Dienerei, denn einen Sekretär zu halten, reichten seine Mittel nicht, und er kürzte mir Taler für Taler die Bezüge. Wo hätte ich hingehen sollen? Ich blieb und verwandelte mich also ganz von selber in einen Lakaien. Ich schränkte mich in Essen und Trinken sehr ein; dafür sparte ich in den fünf Monaten siebzig Gulden. Eines Abends, in Baden, eröffnete ich ihm, daß ich mich von ihm zu trennen wünschte. Und am selben Abend ging ich zum Roulett. Oh, wie schlug mein Herz! Nein, nicht am Geld war mir gelegen! Damals wollte ich nur, daß am Tag darauf alle diese Hinze, alle diese Empfangschefs in den Hotels, alle diese feinen Badener Damen von mir redeten, einander meine Geschichte erzählten, mich bewunderten, mich lobten und vor meinem neuen Gewinn Kotau machten. All das waren kindische Träume und Ziele, aber . . . wer mochte es wissen, vielleicht träfe ich auch Polina, ich würde ihr erzählen, und sie würde einsehen, daß ich über all den dummen Schicksalsschlägen stehe . . . Oh, nicht am Geld war mir gelegen! Ich bin sicher, ich hätte es wieder so einer Blanche zugeworfen und wäre wieder drei Wochen lang in Paris spazierengefahren, in einer Kutsche, die von einem Paar eigener Pferde für sechzehntausend Franken gezogen wird. Ich weiß doch gewiß, daß ich nicht geizig bin; ich denke sogar, ich bin ein Verschwender. Bei alledem freilich: Mit welchem Beben, mit welch stockendem Herzschlag vernehme ich den Ruf des Croupiers: „Trente et un, rouge, impair et passe" oder „quatre, noir, pair et manque"! Mit welcher Gier blicke ich auf den Spieltisch, wo die Louisdore, die Friedrichsdore, die Taler umherliegen, wie blicke ich auf die Stapel goldner Münzen, wenn sie unter der Krücke des Croupiers auseinanderfallen zu Häufchen von brennender Glut, oder auf die ellenlangen Rollen von Silbermünzen, die rund um das Rad liegen. Schon wenn ich mich dem Spielsaal nähere und, noch zwei Zimmer von ihm entfernt, das Klirren des Geldes höre, das hingeschüttet wird, packt es mich wie Krämpfe.
Oh, dieser Abend, als ich meine siebzig Gulden zum Spieltisch trug, war auch bemerkenswert. Ich begann mit zehn Gulden, wieder mit passe. Für passe habe ich eine Vorliebe. Ich verlor. Mir blieben sechzig Gulden in Silbermünzen. Ich dachte nach und wählte zéro. Ich setzte jedesmal fünf Gulden auf zéro. Beim drittenmal kam plötzlich zéro heraus - die Freude hätte mich fast umgebracht, als ich hundertfünfundsiebzig Gulden erhielt. Die Freude war jetzt größer als damals, beim Gewinn der hunderttausend Gulden. Sofort setzte ich hundert Gulden auf rouge - es glückte; alle zweihundert auf rouge - es glückte; alle vierhundert auf noir -es glückte; alle achthundert auf manque - es glückte; zusammen mit dem Früheren waren es jetzt gut eintausendsiebenhundert Gulden, und das in weniger als fünf Minuten! Ja, in solchen Augenblicken vergißt du alles frühere Mißgeschick! Ich hatte es ja erreicht, indem ich mehr als mein Leben wagte, ich hatte mich zum Wagnis aufgerafft und . . . gehörte wieder zu den Menschen.
Ich nahm ein Hotelzimmer, schloß mich ein und saß bis drei Uhr nachts und zählte mein Geld. Als ich am Morgen erwachte, war ich kein Lakai mehr. Am selben Tag beschloß ich, nach Homburg zu fahren: dort hatte ich nicht als Lakai gedient und nicht in Schuldhaft gesessen. In der halben Stunde, die mir bis zur Abfahrt des Zuges blieb, ging ich hin, um nur zwei Einsätze zu machen, und ich verlor anderthalbtausend Gulden. Ich fuhr trotzdem nach Homburg, und nun halte ich mich schon einen Monat hier auf.
Ich lebe natürlich in ständigem Bangen, spiele nur mit kleinstem Einsatz und warte auf etwas; ich stelle Berechnungen an, stehe tagelang am Spieltisch und beobachte das Spiel, träume sogar vom Spiel, doch bei alledem scheint mir, als sei ich ganz stumpf geworden, wie versunken in zähem Schlamm. Ich schließe das aus dem Empfinden bei der Begegnung mit Mister Astley. Wir hatten uns seit jenen Ereignissen nicht gesehen und trafen uns zufällig. Das begab sich so: Ich ging im Kurgarten auf und ab und bedachte, daß ich jetzt fast ohne Geld sei, doch immerhin noch fünfzig Gulden besaß und zudem im Hotel die Rechnung für mein Zimmerchen schon vorgestern bezahlt hatte. Mir blieb also die Möglichkeit, noch ein einziges Mal zum Roulett zu gehen -gewänne ich auch nur ein bißchen, so könnte ich weiterspielen; verlöre ich, so müßte ich wieder Lakai werden, wenn ich nicht in allernächster Zeit Russen fände, die einen Hauslehrer brauchten. Beschäftigt mit diesen Gedanken, brach ich auf zu meinem täglichen Spaziergang durch den Park und den Wald ins benachbarte Fürsten-tum. Zuweilen wanderte ich auf solche Weise vier Stunden und kehrte müde und hungrig nach Homburg zurück. Doch kaum hatte ich vom Kurgarten her den Park erreicht, so erblickte ich auf einer Bank Mister Astley. Er hatte mich schon vorher bemerkt und rief mich. Ich setzte mich zu ihm. Er schien mir sehr ernst und zurück-haltend; deshalb dämpfte ich meine Freude. An sich freute ich mich über die Maßen, ihn zu sehen.
„Also hier sind Sie! Dachte ich mir doch, daß ich Sie hier treffe", sagte er. „Sparen Sie sich die Mühe, mir zu erzählen; ich weiß, ich weiß alles; Ihr ganzes Leben in diesen zwanzig Monaten ist mir bekannt."
„Ah, so verfolgen Sie die Wege der alten Freunde!" antwortete ich. „Sie vergessen sie nicht - das macht Ihnen Ehre. Warten Sie, das bringt mich auf einen Gedanken: Haben etwa Sie mich aus dem Roulettenburger Gefängnis freigekauft, wo ich wegen einer Schuld von zweihundert Gulden saß? Ein Unbekannter hat mich freigekauft."
„Nein, o nein, ich habe Sie nicht aus dem Roulettenburger Gefängnis freigekauft, wo Sie wegen einer Schuld von zweihundert Gulden saßen; aber ich habe gewußt, daß Sie dort wegen einer Schuld von zweihundert Gulden saßen."
„Das heißt, Sie wissen immerhin, wer mich freigekauft hat?"
„O nein, ich kann nicht sagen, daß ich wisse, wer Sie freigekauft hat."
„Seltsam. Von meinen Landsleuten kennt mich keiner, und Russen kaufen hier wohl auch keinen frei; bei uns in Rußland, ja, da kaufen Rechtgläubige wohl Rechtgläubige frei. Deshalb dachte ich, es müsse ein wunderlicher Engländer getan haben, aus Lust am Sonderbaren."
Mister Astley hörte mir mit einem gewissen Staunen zu. Anscheinend hatte er gemeint, mich bedrückt und schwermütig zu finden.
„Jedenfalls freue ich mich sehr, zu sehen, daß Sie die ganze Freiheit Ihres Geistes und sogar die Heiterkeit völlig bewahrt haben", erwiderte er mit ziemlich unange-nehmer Miene.
„Das heißt, im Innern knirschen Sie vor Ärger darüber, daß ich nicht zu Boden gedrückt bin", sagte ich lachend.
Er begriff nicht sofort, doch als er begriffen hatte, lächelte er.
„Mir gefallen Ihre Bemerkungen. Ich erkenne in diesen Worten meinen alten Freund von damals wieder, den gescheiten Menschen, der sich begeistern kann und zugleich zynisch ist. Einzig die Russen können so viele Gegensätze zur gleichen Zeit in sich bergen. In der Tat, der Mensch sieht gern seinen besten Freund zu Boden gedrückt vor sich; darauf, daß einer tief niedergedrückt ist, beruht zum größeren Teil die Freundschaft; das ist auch eine alte, allen klugen Menschen bekannte Wahrheit. Doch im vorliegenden Falle - seien Sie dessen sicher -bin ich aufrichtig froh, daß Sie nicht Trübsal blasen. Sagen Sie, sind Sie nicht gewillt, das Spiel aufzugeben?"
„Oh, der Teufel soll es holen! Ich gebe es sofort auf, wenn nur..."
„Wenn Sie nur erst das Verlorene wiedergewonnen haben? Das hab ich mir gedacht; Sie brauchen nichts weiter zu sagen, ich weiß es; es ist Ihnen entschlüpft, folglich ist es die Wahrheit. Sagen Sie, außer dem Spiel beschäftigen Sie sich mit nichts?"
„So ist es, mit nichts."
Er begann mich zu examinieren. Ich wußte nichts, ich hatte fast nie in eine Zeitung geschaut und in dieser -ganzen Zeit buchstäblich kein einziges Buch aufgeschla- gen.
„Sie sind abgestumpft", bemerkte er, „Sie haben sich nicht nur vom Leben losgesagt, von Ihren Interessen und denen der Gesellschaft, von der Pflicht des Bürgers und Menschen, von Ihren Freunden (und Sie hatten ja Freunde), Sie haben sich nicht nur von jedwedem Ziel losgesagt außer dem Gewinn beim Roulett, Sie haben sich sogar von Ihren Erinnerungen losgesagt. Ich sehe Sie in Gedanken vor mir in einer glutvollen und starken Minute Ihres Lebens; doch ich bin überzeugt, Sie haben all das wunderbar Gute, das Sie damals bewegte, vergessen; Ihre Träume, Ihre heutigen Wünsche, die nächsten, dringendsten, reichen nicht weiter als bis zu pair und impair, rouge, noir, dem mittleren Dutzend und so weiter, und so weiter - davon bin ich überzeugt!"
„Genug, Mister Astley, bitte, bitte, erinnern Sie mich nicht daran!" schrie ich verärgert, ja beinahe wütend auf. „Hören Sie: nichts, nichts habe ich vergessen; ich habe nur für eine gewisse Zeit alles aus dem Kopf gedrängt, sogar die Erinnerungen - so lange, bis ich radikal meine Lebensumstände verbessert habe; dann . . . dann werden Sie sehen, ich werde von den Toten auferstehen!"
„Sie werden noch in zehn Jahren hier sein", sagte er. „Wetten wir, daß ich Sie dann, wenn ich am Leben bleibe, hier auf dieser Bank daran erinnern werde."
„Genug", unterbrach ich ihn ungeduldig, „und um Ihnen zu beweisen, daß ich das Vergangene gar nicht so leicht vergesse, frage ich Sie: Wo ist jetzt Miss Polina? Wenn nicht Sie mich freigekauft haben, so war es wohl Miss Polina. Seit damals habe ich von ihr nichts, nichts gehört."
„Nein, o nein! Ich glaube nicht, daß sie es war, die Sie freigekauft hat. Sie hält sich jetzt in der Schweiz auf, und Sie tun mir einen großen Gefallen, wenn Sie aufhören, mich nach Miss Polina zu fragen", erklärte er entschieden und sogar zornig.
„Also hat sie auch Ihnen eine tiefe Wunde zugefügt!" erwiderte ich und lachte unwillkürlich.
„Miss Polina ist das beste Wesen von allen höchst verehrenswürdigen Wesen; aber ich wiederhole Ihnen, Sie erweisen mir einen großen Dienst, wenn Sie aufhören, mich nach Miss Polina zu fragen. Sie haben sie niemals gekannt, und wenn Ihr Mund ihren Namen nennt, so erachte ich dies als Kränkung meines sittlichen Empfindens."
„Ah so! Übrigens haben Sie unrecht; worüber soll ich denn mit Ihnen sprechen, wenn nicht darüber? Bedenken Sie doch. Darin bestehen ja alle unsere Erinnerungen. Seien Sie jedoch unbesorgt, ich frage keineswegs nach Ihren inneren, vertrauten Angelegenheiten . . . Ich wüßte nur gern sozusagen etwas über Miss Polinas äußere Lebensumstände, über die Verhältnisse, in denen sie jetzt lebt. Das läßt sich in zwei Worten sagen."
„Bitte sehr, ich tu's, und mit den zwei Worten soll es dann genug sein. Miss Polina war lange krank; sie ist auch jetzt krank. Eine Zeitlang lebte sie bei meiner Mutter und meiner Schwester im nördlichen England. Vor einem halben Jahr ist ihre alte Verwandte - Sie erinnern sich, jene verrückte Frau - gestorben und hat ihr persönlich siebentausend Pfund vermacht. Jetzt ist Miss Polina mit der Familie meiner Schwester, die sich verheiratet hat, auf Reisen. Ihre beiden kleinen Geschwister, der Bruder und die Schwester, sind gleichfalls versorgt, das Testament der alten Verwandten hat sie bedacht; sie gehen in London zur Schule. Der General, ihr Stiefvater, ist vor einem Monat in Paris gestorben, an einem Schlaganfall. Mademoiselle Blanche ist gut mit ihm umgegangen, aber sie hat alles, was er von der alten Dame geerbt hat, auf sich überschreiben lassen . . . Ich glaube, das ist alles."
„Und Des Grieux? Reist er vielleicht auch in der Schweiz?"
„Nein, Des Grieux reist nicht in der Schweiz, und ich weiß nicht, wo Des Grieux sich aufhält; außerdem warne ich Sie ein für allemal vor solcherart Anspielungen; stel-len Sie nicht so ungehörig Zusammenhänge her, sonst kriegen Sie es unweigerlich mit mir zu tun."
„Wie? Ungeachtet unserer alten freundschaftlichen Beziehungen?"
„Ja, ungeachtet unserer alten freundschaftlichen Beziehungen."
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Mister Astley. Aber erlauben Sie trotzdem - darin liegt nichts Kränkendes und Ungehöriges. Ich beschuldige ja Miss Polina in keiner Weise. Außerdem: Ein Franzose und ein russisches Fräulein, allgemein gesprochen - da besteht nun einmal ein Zusammenhang, Mister Astley, den wir beide nicht lösen und auch nicht bis zum Grunde begreifen können."
„Wenn Sie nicht den Namen Des Grieux zusammen mit dem anderen Namen nennen werden, so möchte ich Sie bitten, mir zu erklären, was Sie mit dem Ausdruck ,ein Franzose und ein russisches Fräulein' meinen. Was besteht da für ein 'Zusammenhang'? Warum gerade ein Franzose und unbedingt ein russisches Fräulein?"
„Sehen Sie, nun möchten Sie es doch gern wissen. Aber das ist eine Sache, die sich nicht schnell abhandeln läßt, Mister Astley. Da müßte man viel als Voraussetzung wissen. Übrigens ist es eine wichtige Frage, wie komisch auch alles auf den ersten Blick sein mag. Der Franzose, Mister Astley, das ist die vollendete, schöne Form. Sie als Brite können etwas dagegen haben; ich als Russe habe etwas dagegen, sei's auch nur aus Neid. Aber unsere Fräulein können anderer Meinung sein. Den Racine können Sie gestelzt, verrenkt und parfümiert finden; vermutlich lesen Sie ihn nicht einmal. Ich finde ihn auch gestelzt, verrenkt und parfümiert, unter einem gewissen Blickwinkel sogar lächerlich; aber er ist vortrefflich, Mister Astley, und vor allem: er ist ein großer Dichter, ob wir beide das wollen oder nicht. Die nationale Form des Franzosen, das heißt des Parisers, hat sich zur Form der Eleganz gebildet, als wir noch Bären waren. Die Revolution hat den Adel beerbt. Jetzt kann der schäbigste kleine Franzosenkerl Manieren, Gebärden, Ausdrücke und sogar Gedanken von vollkommen eleganter Form haben, ohne daß er an dieser Form teilhätte mit eigener Initiative, mit seiner Seele, mit seinem Herzen; alles ist ihm als Erbe zugefallen. Versteht sich, daß sich das bei ihnen mit der letzten Hohlköpfigkeit und der letzten Gemeinheit verträgt. Nun also sage ich Ihnen, verehrter Mister Astley, daß es auf der Welt kein Wesen gibt, das zutraulicher wäre und offenherziger als ein gutes, einigermaßen gescheites und nicht zu sehr verbogenes russisches Fräulein. Ein Des Grieux, der in einer Rolle auftritt, der maskiert erscheint, kann ihr Herz unglaublich leicht erobern; er hat die elegante Form, Mister Astley, und das Fräulein nimmt diese Form für seine eigene Seele, für die natürliche Form seiner Seele und seines Herzens, es nimmt sie nicht für das Kleid, das ihm durch Erbschaft zugefallen ist. Es wird Sie aufs äußerste treffen, doch ich muß es Ihnen offen bekennen: Die Engländer sind größtenteils eckig und unelegant, und die Russen haben ein feines Gespür für die Schönheit und sind auf sie versessen. Damit man aber die Schönheit der Seele und die Originalität der Persönlichkeit wahr-nehme, braucht man unvergleichlich viel mehr Selbständigkeit und Freiheit, als unsere Frauen und erst recht unsere Fräulein sie haben, und jedenfalls braucht man mehr Erfahrung. Miss Polina - verzeihen Sie, man kann, was ausgesprochen ist, nicht zurückholen -, Miss Polina wird sehr, sehr viel Zeit zu dem Entschluß brauchen, Sie dem Halunken Des Grieux vorzuziehen. Sie mag Sie schätzen, mag Ihnen freundschaftlich zugetan sein, Ihnen ihr ganzes Herz aufschließen; dennoch wird in diesem Herzen der hassenswerte Schuft herrschen, der widerliche, kleinliche Wucherer Des Grieux. So wird es sozusagen schon aus Trotz und Eitelkeit bleiben, weil ebendieser Des Grieux ihr einst in der Aureole eines eleganten Marquis erschienen ist, eines enttäuschten Liberalen, eines Menschen, der sich ruiniert (ausgerechnet das), indem er ihrer Familie und dem leichtsinnigen General hilft. All die Falschheit trat später zutage. Aber daß sie zutage trat, ändert nichts an der Sache: Verschaffen Sie ihr jetzt den Des Grieux von einst - der ist es, den sie braucht! Und je mehr sie den jetzigen Des Grieux haßt, desto mehr sehnt sie sich nach dem früheren, mag es den früheren auch nur in ihrer Vorstellung gegeben haben. Sie sind Zuckerhersteller, Mister Astley?"
,Ja, ich bin Teilhaber der bekannten Zuckerfabrik Lowell & Co."
„Na, sehen Sie, Mister Astley. Auf der einen Seite Zuckerhersteller, auf der andern Apoll von Belvédère; das will sich nicht zueinander fügen. Und ich bin nicht einmal Zuckerhersteller; ich bin nichts als ein kleiner Roulettspieler, bin sogar Lakai gewesen, wovon wahrscheinlich Miss Polina schon unterrichtet ist, da sie doch anscheinend eine gute Geheimpolizei hat."
„Sie sind verbittert, und deshalb sprechen Sie all diesen Unsinn", erwiderte Mister Astley kalt nach kurzem Nachdenken. „Außerdem ist an Ihren Worten nichts Originelles."
„Zugegeben! Das ist ja das Schreckliche, mein edelmütiger Freund, daß alle diese meine Beschuldigungen, wie abgenutzt und gemein, und possenhaft sie sein mögen, jedenfalls wahr sind! Jedenfalls haben wir, Sie und ich, nichts erreicht!"
„Das ist widerlicher Unsinn . . . weil, weil... so erfahren Sie es denn!" stieß Mister Astley mit bebender Stimme hervor, und seine Augen funkelten. „Hören Sie, Sie undankbarer und unwürdiger, Sie kleiner und unglücklicher Mensch, daß ich hierher nach Homburg gereist bin, weil sie es mich geheißen hat; ich sollte Sie wiedersehen, sollte lange und herzlich mit Ihnen sprechen und ihr dann von allem berichten - von Ihren Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen und . . . Erinnerungen!"
„Wirklich? Wirklich?" schrie ich auf, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich konnte sie nicht zurückhalten; ich glaube, das geschah mit mir zum erstenmal im Leben.
„Ja, Sie unglücklicher Mensch, sie hat Sie geliebt, und ich kann Ihnen das enthüllen, weil Sie ein verlorener Mensch sind! Mehr noch - sogar wenn ich Ihnen nun sage: sie liebt Sie noch heute, so ... bleiben Sie ja doch hier! Ja, Sie haben sich zugrunde gerichtet. Sie hatten einige Fähigkeiten, einen lebhaften Charakter und waren kein übler Mensch; sie hätten sogar Ihrem Vaterland nützlich sein können, das Menschen so sehr braucht. Aber Sie werden hierbleiben, und Ihr Leben ist abgeschlossen. Ich gebe Ihnen keine Schuld. Nach meiner Ansicht sind alle Russen von solcher Art, oder sie neigen wenigstens dazu, so zu sein. Ist's nicht das Roulett, so etwas anderes, Vergleichbares. Ausnahmen sind allzu selten. Sie sind nicht der erste, der nicht weiß, was Arbeit heißt (ich spreche nicht von Ihrem Volk). Das Roulett ist vorzugsweise ein russisches Spiel. Bisher sind Sie ehrlich geblieben, Sie haben es vorgezogen, Lakai zu werden, statt zu stehlen. Aber mit Entsetzen denke ich daran, was die Zukunft bringen mag. Genug, leben Sie wohl! Sie brauchen natürlich Geld? Ich gebe Ihnen hier zehn Louisdor, mehr nicht, denn Sie verspielen es sowieso. Nehmen Sie, und leben Sie wohl! Nehmen Sie!"
„Nein, Mister Astley, nach allem, was hier gesagt worden ist . . ."
„Nehmen Sie!!" schrie er. „Ich bin überzeugt, Sie sind noch anständig, und ich gebe Ihnen, wie ein Freund dem wahren Freund geben kann. Könnte ich überzeugt sein, daß Sie sofort auf das Spiel verzichten und Homburg verlassen und in Ihr Vaterland zurückkehren, so wäre ich bereit, Ihnen unverzüglich tausend Pfund für den Beginn einer neuen Laufbahn zu geben. Aber ich gebe Ihnen nicht tausend Pfund, sondern nur zehn Louisdor, eben weil tausend Pfund und zehn Louisdor gegenwärtig für Sie ein und dasselbe bedeuten, weil da wirklich kein Unterschied ist - Sie werden das Geld verspielen. Nehmen Sie, und leben Sie wohl" „Ich nehme es, wenn Sie mir erlauben, Sie zum Abschied zu umarmen."
„Oh, dies sehr gern."
Wir umarmten uns herzlich, und Mister Astley ging davon.
Nein, er hat nicht recht! Wenn ich schroff und dumm gesprochen habe, was Polina und Des Grieux angeht, so hat er schroff und voreilig gesprochen, was die Russen angeht. Von mir will ich nicht reden. Übrigens . . . übrigens kommt es darauf erst einmal nicht an Das sind Worte, Worte, Worte, und nötig sind Taten! Die Haupt-sache ist jetzt die Schweiz! Gleich morgen - oh, war s mir doch möglich, gleich morgen zu reisen! Neu geboren werden, auferstehen. Ich muß es ihnen zeigen ... Polina soll wissen, daß ich noch ein Mensch sein kann. Ich brauche nur... für heute ist es natürlich zu spät, aber morgen... Oh, ich habe das Vorgefühl und es kann nicht anders sein! Ich blitze jetzt fünfzehn Lomsdor, und es ist vorgekommen, daß ich mit fünfzehn Gulden begann! Wenn man vorsichtig anfängt . . . und bin ich denn wirklich, wirklich ein solcher Kindskopf! Begreife ich wirklich nicht, daß ich selber verloren bin, ein verlorener Mensch? Jedoch - warum sollte ich nicht auferstehen? Ja, nur gut rechnen und geduldig sein wenigstens einmal im Leben - und alles ist bewirkt. Nur einmal charakterfest bleiben, und in einer Stunde, kann ich das ganze Schicksal verändert Die Hauptsache ist: cha-rakterfest bleiben. Ich brauche nur an das zu denken, was mir in dieser Hinsicht vor sieben Monaten in Roulettenburg geschehen ist, vor meinem endgültigen Ver-lust. Oh, das war ein bemerkenswerterFall von Entschlossenheit: Ich hatte damals alles verloren, alles . Ich trete aus dem Kurhaus, taste meine Kleider ab, und in der Westentasche rührt sich noch ein einziger Gulden. Also kann ich noch zu Mittag essen, denke ich; aber ich habe kaum hundert Schritte getan, da überlege ich es
mir anders und kehre um. Ich setze diesen Gulden auf manque (diesmal hielt ich es mit manque), und wahrhaftig, es ist schon ein eigentümliches Gefühl, wenn man allein ist, in einem fremden Land, fern der Heimat, fern den Freunden, nicht wissend, was man an diesem Tage essen wird - wenn man da den letzten Gulden setzt, den aller-, allerletzten! Ich habe gewonnen und zwanzig Minuten später das Kurhaus mit hundertsiebzig Gulden in der Tasche verlassen. Tatsache! Da sieht man, was der letzte Gulden bedeuten kann! Was, wenn ich damals den Mut verloren, wenn ich nicht den Entschluß gewagt hätte?
Morgen, morgen nimmt alles ein Ende.
Ein dickes Dankeschön an Volker für das Erstellen der Text - Dateien....:-)))...
Wie ist denn dieser "allseits beliebte" Zeitgenosse zur Welt gekommen ??? |