Kants sexuelles Leben
Jean-Baptiste Botul: Immanuel Kants sexuelles Leben. In: Lettre international. Europas Kulturzeitung. Heft 50. Herbst 2000. S. 74-85.
Anekdotisches und Biographisches
Viele sehen in Kant einen père tranquille: Man kennt die Regelmässigkeit seines Zeitplans und die Banalität seines sesshaften Lebens. Während seine Zeitgenossen – Voltaire Rousseau, Diderot, Hume – grosse Reisende waren, hat Kant Königsberg nie verlassen. Er ist keinem Ruf an eine andere Universität gefolgt.
Kant wurde täglich um 4.55h von seinem Diener Lampe geweckt. Um 5.00h sass er an seinem Arbeitstisch, rauchte seine Pfeife, trank seinen Kaffee und bereitete seine Vorlesungen vor, die er während des Vormittags bis um ein Uhr hielt. Um 13.00h begab er sich zu Tisch. Nach dem Mittagessen machte er täglich einen Spaziergang bis zur Veste Friedrichsburg, wobei er immer denselben Weg nahm. Die Anwohner nannten ihn den „Philosophengang“. Nach der Lektüre der Zeitungen begab er sich um 18.00h in seine Studierstube, in der er immer für eine konstante Temperatur von 15 Grad sorgte. Gegen zehn Uhr, eine Viertelstunde, nachdem er zu denken aufgehört hatte, ging er in sein Schlafzimmer, dessen Fenster das ganze Jahr über geschlossen blieben.
Kant war nie verliebt, er blieb sein Leben lang Junggeselle, er hatte weder eine Maitresse noch eine Gattin. In seinem Haus arbeitete keine Dienstmagd, sondern der treue Lampe, den er – wie es heisst – entliess, als er von dessen Hochzeit erfuhr...
Kants Leben bietet nichts für Biographen oder Liebhaber von Abenteuer, wenn man davon absieht, dass diese Banalität des Lebens des grössten Philosophen des 18. Jahrhunderts selbst nicht ein gigantisches biographisches Ereignis ist. Vielleicht aber birgt die gewollte und kultivierte Banalität etwas in sich, das für Kants Philosophie und vielleicht für die Philosophie überhaupt wesentlich ist. Was wäre, wenn die Ehelosigkeit zum Wesen des Philosophen gehören würde, wenn der Philosoph – ähnlich einem Priester – ohne Frauen zu leben hätte...
Kant hat allerdings nicht als Eremit gelebt. Bevor er sechzig Jahre alt war, hat Kant gelebt: Er besuchte Wirtshäuser, spielte Billiard bis spät in die Nacht hinein. In seinem Haus empfing er zu ausgedehnten Mittagsmahlzeiten Gesellschaft. Kant liess sich auch einladen, er ging gerne aus. Kant konnte über alle Themen sprechen und galt als guter Ratgeber.
Es gibt, neben diversen anderen Gründen, einen trivialen Grund, weshalb Kant Königsberg nie verlassen hat, über den die Biographen wenig sprechen. Dass man sich Kant als einen fest und gut besoldeten Hochschullehrer vorstellt, ist ein grober Anachronismus. Nein, Kant besass in Königsberg gewissermassen sein Geschäft. Der Grossteil seiner Einkünfte bestand aus Honoraren, die ihm seine Schüler zahlten. Kant arbeitete als Professor auf seine eigene Rechnung. Er war noch dem alten mittelalterlichen System verpflichtet, bei dem die Hochschullehrer von ihrer Zuhörerschaft bezahlt wurden. Kant übte die Philosophie freiberuflich aus, wie ein Arzt oder Rechtsanwalt. Im Erdgeschoss seines Hauses hatte er ein Auditorium eingerichtet.
Oft macht man sich auch über die Nörgelei Kants wegen des Lärms der Nachbarn lustig, doch Kant arbeitete zu Hause und er brauchte Ruhe. Sein Haus war ein kleines Unternehmen mit zwei Angestellten: ihm und seinem Diener Lampe. Auf dem Programm standen verschiedene Fächer: Geographie, Poesie, Artillerie, Astronomie: Es wird oft vergessen, dass Kant noch ein Universalgelehrter war, der Philosophie nicht in erster Linie gelehrt hat. Lange Zeit, bis zum Durchbruch seines Ruhms, wurde Kant als Amateurphilosoph angesehen.
Als Sohn eines Handwerkers war dieses intellektuelle Leben bereits ein grosser Erfolg. Wie ein Bauer blieb Kant seinem Hof treu.
Kants Sexualität erweckte auch die Neugier seiner Zeitgenossen. Gegen Ende seines Lebens gab ihm der Biograph Jachmann unter anderem auch folgende Frage zur Bewantwortung: „Hat nicht ein Frauenzimmer das Glück gehabt ausschliessliche Liebe und Achtung auf sich zu ziehen?“ Kant blieb die Antwort schuldig. Man weiss, dass Kant ehelos geblieben ist, aber man weiss nicht, ob Kant keusch geblieben ist. Kant hatte zwar nicht die Statur eines Verführers - er war einen Meter fünfzig gross, aber er liess die Frauen nicht gleichgültig, wovon mindestens ein Liebesbrief von Maria Charlotta Jacobi zeugt, den Kant 1762 erhielt:
„Werther Freund
Wunderen Sie sich nicht, dass ich mich unterfange an Ihnen als einen grossen Philosophen zu schreiben? Ich glaubte Sie gestern in meinem Garten zu finden, da aber meine Freundin mit mir alle Alleen durchgeschlichen, und wir unseren Freund unter diesem Zirkel des Himmels nicht fanden, so beschäftigte ich mich mit Verfertigung eines Degen Bandes, dieses ist ihnen gewidmet. Ich Mache ansprüche auf Ihre gesällschaft Morgen Nachmittag, Ja Ja ich werde kommen, höre ich sie sagen, nun gutt, wir erwarten sie, dann wird auch meine Uhr aufgezogen werden, Verzeihen Sie mir diese erinnerung Meine Freundin und Ich überschicken Ihnen einen Kuss per Simpathie die Luft wird doch wohl im Kneiphoff dieselbe sein, damit unser Kuss nicht die Simpathetische Krafft verlieret, Leben Sie Vergnügt und Wohl
Jakobin.“ (Brief vom 12. Juni 1762 an Kant)
Die Frau versucht Kant mit dem Spiel mit der Theorie der fernübertragenen „Sympathien“ zu verführen. Wie ist diese direkte Einladung einer verheirateten Frau – Jakobi ist Frau eines Bankiers – zu verstehen? Wie ist der Ausdruck „seine Uhr aufziehen“ zu verstehen, verweist er auf den Roman „Tristram Shandy“, in dem ein Hirte jedesmal, wenn er seine ehelichen Pflichten erfüllt, die Pendeluhr in seiner Hütte aufzieht? Oder ist diese Wendung eine Anspielung an die „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, in der es heisst: „Was die gelehrten Frauen betrifft: so brauchen sie ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, dass sie eine haben; ob sie zwar gemeiniglich still steht oder nicht nach der Sonne gestellt ist.“ In diesem zweiten Sinne hätte ihn Frau Maria Charlotta Jacobi zu einer wohlgesitteten Unterhaltung eingeladen. Eine weitere Möglichkeit diese Wendung zu verstehen, bestünde darin, sie auf Kants Strümpfe zu beziehen. Ende des 18. Jahrhunderts trugen alle Männer von Stand Strümpfe. Damit diese nicht herabrutschten oder damit die Strumpfhalter keine Arterie abschnürten, hatte Kant ein ausgeklügeltes System erfunden: Das Band, das um seine Strümpfe herumhing, wurde in zwei Taschenuhrgehäusen ähnlichen Kapseln geführt, die an jedem Schenkel befestigt und mit einer Feder versehen waren. „Seine Uhr gut aufgezogen haben“ könnte also soviel bedeuten wie „sich in Schale geworfen haben“. Frau Jakobi wusste offenbar über Kants Kleidungsgewohnheiten bescheid, in einer Körperregion, die normalerweise den Blicken verborgen ist... Eine sexuelle Einladung?
Der „elegante Magister“, wie er damals von einigen genannt wurde, war keine schlechte Partie für das schöne Geschlecht. Glaubt man dem Biographen Borowski, so hatten mindestens zweimal junge „ehrsame“ Mädchen ihr Interesse bekundet, Kant zu heiraten. Doch Kant habe abgelehnt, oder genauer: sein Entscheidung aufgeschoben.
Die Frauen interessierten Kant, und Kant interessierte die Frauen. Und dennoch...
Kants Philosophie und die Keuschheit
Denkt man an einige Prinzipien von Kants Ethik, so wird es mindestens problematisch, ein keusches Leben zu führen. Traut man es Kant zu, wider seine eigenen Gesetze zu leben? Erstens widerspricht die Keuschheit dem Kategorischen Imperativ: Die menschliche Gattung würde schnell aussterben, würde die Maxime der Keuschheit als allgemeines Gesetz verstanden. Ein weiteres Problem eröffnet sich, wenn man eine Stelle aus der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" beizieht. Dort heisst es: "In den Naturanlagen eines zweckmässig zum Leben eingerichteten Wesens nehmen wir es als Grundsatz an, dass kein Werkzeug zu irgend einem Zwecke in demselben angetroffen werde, als was auch zu demselben das schicklichste und ihm am meisten angemessen ist." Auch die Geschlechtsorgane ... die des Philosophen eingeschlossen... Es sei denn, Kant sei ein mit ganz unnützen Attributen ausgestattetes Monster. Kants sexuelles Leben ist nicht nur für lüsterne Voyeure interessant, es betrifft auch die Philosophie, sobald sie sich zum Beispiel in einem ethischen Kontext mit sexuellen Themen beschäftigt.
Kants Ethik unterminiert mit seinem formalen Grundgesetz die inhaltlich bestimmte Ideologie. Sie ist eine Ethik für die Menschen, für die Menschheit. Kant hat sich nicht nur auf transzendentalphilosophischer Ebene für den Menschen als Abstraktum interssiert, er hat sich auch für die Menschen in ihrer Pluralität interessiert. Der Stimme der Pflicht muss bei allen vernunftbegabten Wesen zum Durchbruch verholfen werden. Hat sich Kant philosophisch auch für die Frauen interessiert? Einige zweifelhafte Stellen aus der "Anthropolgie" und den "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" sind den meisten bekannt:
"Ein Frauenzimmer das den Kopf voll Griechisch hat, wie die Frau Dacier oder über die Mechanik gründliche Streitigkeiten führt, wie die Marquisin von Chastelet mag nur immerhin noch einen Bart dazu haben."
"Ich glaube schwerlich, dass das schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sey."
"Manche Frau missbraucht die Erlaubnis, die die Weiber haben, unwissend zu sein."
"Der Mann ist leicht zu erforschen, die Frau verrät ihr Geheimnis nicht, obgleich anderer ihres (wegen ihrer Redseligkeit) schlecht bei ihr verwahrt ist."
"Lachen ist männlich, Weinen dagegen weiblich."
Kant hätte als bahnbrechender Philosoph wohl kaum Weltruhm erlangt, hätte sich seine Philosophie auf Aussagen zum anderen Geschlecht beschränkt. Die Sätze bestechen geradezu durch ihre Unreflektiertheit.
Die meisten Philosophen des 17. Jahrhunderts sind ehelos geblieben: Descartes, Pascal, Spinoza, Leibniz. Erst im 18. Jahrhundert haben einige das Eheabenteuer gewagt, Diderot zum Beispiel. Hume, Voltaire und Kant blieben aber ehelos. Im 19. Jahrhundert haben Hegel, Fichte, Schelling, Comte und Marx geheiratet, nicht aber Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard. Im 20. Jahrhundert haben immer mehr Philosophen geheiratet: Bergson, Bachelard, Sartre und andere. Das 20. Jahrhundert endet mit dem Sieg der Ehe.
Kant hat sich geweigert zu heiraten, weil er die Ehe lange beobachtet und studiert hatte. Einmal hat er lapidar notiert: "Auch dass sehr alt Gewordene mehrenteils verehelichte Personen gewesen wären, möchte schwerlich zu beweisen sein." Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Alt werden oder verheiratet sein. Die Ehe ist ein langsamer Selbstmord. Der Geschlechtsverkehr ist Verbrauch von Lebenskraft, das gesamte Eheleben ist ein immenser Verbrauch von Lebenskraft.
Kants Psychopathologie
Kant hat nicht viel von sich geschrieben und erzählt. Im "Streit der Fakultäten" findet sich eine der weniger Stellen, in der Kant über sich selber schreibt: "Ich habe wegen meiner flachen und engen Brust, die für die Bewegung des Herzens und der Lunge wenig Spielraum lässt, eine natürliche Anlage zur Hypochondrie, welche in früheren Jahren bis an den Überdruss des Lebens grenzte." Kant war selbstmordgefährdet und ein Hypochonder. Kant hat die Hypochondrie in der "Anthopologie in pragmatischer Hinsicht" auch als "Grillenkrankheit" bezeichnet. Kant hat geglaubt, dass seine Unterleibsprobleme, die Ursache für die Hypochondrie seien. 1764 hat er im "Versuch über die Krankheiten des Kopfes" eine klinische Beschreibung der Hypchondrie versucht: "[Dieses Übel] ziehet aber vornehmlich einen melancholischen Dunst um den Sitz der Seele, dermassen, dass der Patient das Blendwerk fast aler Krankheiten, von denen er nur höret, an sich selbst fühlt. Er redet daher von nichts lieber als von seier Unpässlichkeit, er lieset gerne medizinische Bücher, findet allenthalben seine eigenen Zufälle, in Gesellschaft wandelt ihm auch wohl unvermerkt seine gute Laune an, alsdann lacht er viel, speiset gut und hat gemeiniglich das Ansehen eines gesunden Menschen." Das sind allerdings nicht die einzigen Beschwerden, die Kant verspürte, er war, wenn man ihm glauben schenken will, immerfort krank.
Das ist das Portrait, das Kant selbst von sich gibt. Melancholisch und halluzinierend, immerfort leidend und doch seinbar stets gesund. Einen derartigen Einfallsreichtum zu entfalten, um gesund zu bleiben, das ist schon ein Zeichen von Krankheit. Man kann aber auch umgekehrt sagen, dass Kant gesund bleibt, weil er sich ständig krank glaubt: "Ein jeder Mensch hat seine besondere Art, gesund zu sein, an der er ohne Gefahr nichts ändern darf." (Brief an Moses Mendelssohn vom 8. April 1766)
Kants Pathologie ist aber noch nicht zu Ende, sie betrifft nicht nur den Magen, den Unterleib, die Hypochrondrium genannte Körperregion und physischen Organe. Kant litt auch an "Imagination": Er hat laufend Szenarien produziert. Die "Imagination" - und das ist das Schockierende für die Philosophie - affiziert auch die nobelsten Regionen der Psyche: die Vernunft, das Zentrum aller Transzendentalphilosophie. Sobald sich die Vernunft von der Sinnlichkeit einmal befreit hat, beginnt sie selbst verrückt zu spielen: Sie behauptet die Unsterblichkeit und die Existenz Gottes. Diese Verrücktheit wird Metaphysik genannt. Nun ist aber auch und gerade Kant ein versessener Metaphysiker. Der Trieb zu ihr ist wie ein Liebestrieb: "Man werde jederzeit zu ihr [der Metaphysik], wie zu einer mit uns entzweiten Geliebten zurückkehren." Diese Liebe führt zu "metaphysischen Orgien", die Kant "Dialektik", "Paralogismen" oder "Antinomien" nennt. Es gilt, sich von diesem Liebestrieb zu reinigen: Askese ist angesagt, wenn die Vernunft gerettet werden soll. Reinigung vor der Schwärmerei.
Kant ist zwar Rationalist, aber er ist ein konvertierter Rationalist. Er hat mit den okkulten Wissenschaften begonnen und ist ein rationaler Wissenschaftler geworden. Zeignis von diesen asketischen Kämpfen geben die "Träume eines Geistersehers", in denen Kant mit dem Schwärmer Swedenborg abrechnet. Kants Geschichte ist sonderbar, ausgerechnet Swedenborg hätte Kant einmal in Stockholm treffen wollen, welche sonderbar starke Affinität zu diesem Mann. Es scheint als hätte Kant als Konvertierter eine Sehnsucht zu seinem alten Glauben behalten.
Die Krankheit "Imagination" ist an zwei Zeitpunkten jeweils besonders gefährlich: Nach dem Mittagessen, daher der tägliche streng geführte (Kant war kein Flaneur) Spaziergang, und vor dem Einschlafen bzw. Aufstehen. Kant ist 15 Minuten nach der Beendigung seiner Denkarbeit ins Bett gegangen, nur gerade 5 Minuten hat er sich gegeben, um aus dem Tiefschlaf an seinen Arbeitstisch zu gelangen.
Schweiss, Speichel, Sperma
Man muss seine Körperflüssigkeiten bei sich behalten. Jeder Tropfe unserer wertvollen Säfte ist ein Teil unserer Lebenskraft. Der Verlust an Körperflüssigkeit bedeutet Verlust an Lebenskraft. Kant wollte nicht schwitzen, berichtet Jachmann: "Im Sommer ging er sehr langsam, um nicht in Schweiss zu geraten." Wasianski bestätigt: "Weder in der Nacht noch am Tag transpirierte er..." Ebenso muss man seinen Speichel bei sich behalten: Im "Streit der Fakultäten" spricht Kant davon, dass der Speichel über die Tugenden eines Medikaments verfüge. Der Speichel dient der Verdauung, besonders wenn man ihn schluckt, er ist aber auch gut gegen das Kitzeln im Kehlkopf. Die unnötige Verausgabung von Speichel ist daher eher gesundheitsschädigend, vielleicht sollte man daher auch das Küssen unterlassen.
Das Sperma zu verausgaben bedeutet für Kant ebenfalls, seine Lebenskraft zu verschwenden. Jede Ejakulation verkürzt unser Leben. Kant war besessen davon, alt zu werden. Er konnte es sich nicht leisten, mit sexuellen Abenteuern seine für die Philosophie so wertvolle Zeit zu verkürzen. Kant schreibt im Alter von 74 Jahren, dass "unverehelichte (oder jung verwitwete) alte Männer mehrenteils länger ein jugentliches Ansehen erhalten, als verehelichte, welches wohl auf eine längere Lebensdauer zu deuten scheint." (Streit der Fakultäten) Die Wittwer können sich glücklich schätzen!
Wie steht es aber mit den Junggesellen? Wie steht es mit der Masturbation? Masturbation betrifft nicht mehr einfach die Frage nach der Gesundheit, sondern die Frage nach dem Heil. Sie ist schändlich! Kant hält die Masturbation für schlimmer als den Selbstmord. Sie ist mehr als nur die Verschwendung von Lebenskraft.
Kant warnt die Jugend: "Man muss sie ihm in ihrer ganzen Abscheulichkeit darstellen, ihm sagen, dass er sich dadurch für die Fortpflanzung des Geschlechts unnütz mache, dass die Leibeskräfte dadurch am allermeisten zu Grunde gerichtet werden, dass er sich dadurch ein frühes Alter zuziehe und sein Geist sehr darunter leide usw. Man kan den Anreizen dazu entgehen durch anhaltende Beschäftigung, dadurch, dass man dem Bette und Schlafe nicht mehr Zeit widme als nötig ist. Die Gedanken daran muss man sich durch jene Beschäftigung aus dem Sinne schlagen, denn wenn der Gegenstand auch nur bloss in der Imagination bleibt, so nagt er doch an der Lebenskraft." (Über Pädagogik) Welche Gefahr!
Kants Tabu der Masturbation steht in einer pneumatischen Tradition. Jeder Verlust von Samen ist ein Verlust an Pneuma: Hauch, Atem, Leben, Geist, Gehirn. Diogenes Laertius hat Sperma als "Hirntropfen" bezeichnet. Mit dem Samen verliert man sein Hirn und sein Mark, seine Wirbelsäule, man verliert an Stand: Der Rücken schmerzt. Kant hat geglaubt, dass es kein Zuviel an Körpersäften geben könne. Er dachte, die Körpersäfte würden wiederverwendet.
In Rom empfahl man den Rednern, sich am Vorabend eines Redewettstreites des Geschlechtverkehrs zu enthalten. Um so fataler ist die Verausgabung von Samen für die Philosophie! Wieviel Kraft braucht man, um die "Kritik der reinen Verunft" zu schreiben?!
Quellen:
Dem Text "Kants sexuelles Leben" liegt folgender Aufsatz zu Grunde:
Jean-Baptiste Botul: Immanuel Kants sexuelles Leben. In: Lettre international. Europas Kulturzeitung. Heft 50. Herbst 2000. S. 74-85.
Botuls raffinierter und amüsanter Text wurde teils zusammengefasst teils ergänzt.